Als mein Gewissen nichts wert war (2)

Ich bin mit der Zeitfolge ein bisschen durcheinander gekommen. Das gestern genannte Datum meiner politischen Erweckung im Schwarzwald musste ich nach unten korrigieren, weil ich sonst die Ereignisse nicht unterbringen kann. Es ist soviel passiert in dieser Zeit und in meinem Leben, Ich war also 16, als meine dörfliche Filterblase zerstört wurde. Plötzlich konnte ich überall das Verlogene, das Falsche und Fadenscheinige im konservativen Weltbild ringsum sehen. Mit 18 wurde ich gemustert und für wehrtauglich befunden.

Hallo wach!

Mit 19 brach ich mir bei der Arbeit in einer Kölner Druckerei den Fuß. Eine hüfthohe, schmale Rolle Rotationspapier wurde auf mich zugerollt; ich sollte sie in Richtung Rotationsmaschine umlenken, gab ihr zuviel Schwung, so dass sie kippte, ich sprang zurück, aber nicht weit genug, die Rolle klatschte zu Boden, erwischte mit ihrer Kante meinen linken Mittelfuß und brach ihn glatt durch. Obwohl ich nur sechs Wochen mit Gipsbein lahmgelegt war, wurde meine Einberufung für zwei Jahre zurückgestellt. Irgendwie hoffte ich, man würde mich vergessen, aber als nach zwei Jahren die Einberufung drohte, reichte ich den Antrag auf Kriegsdienstverweigerung ein und wurde zur mündlichen Prüfung meines Gewissens zum Kreiswehrersatzamt Mönchengladbach vorgeladen.

Inzwischen hatte ich mich aus der dörflichen Enge befreit, las Pardon, Konkret und die Frankfurter Rundschau, manchmal auch die deutschsprachige Ausgabe der Peking-Rundschau. Mit 20 war ich mit meiner Freundin, der späteren Mutter meiner Kinder, nach Köln in eine Wohnung gezogen. Obwohl sie nur ein Zimmer hatte und möbliert war, wähnte ich mich im Paradies und wollte das keinesfalls aufgeben und zur Bundeswehr.

Der Prüfungsausschuss bestand aus drei Personen. Die beiden Beisitzer waren interessierte Laien und hatten nichts zu sagen, der Ausschussvorsitzende wurde von der Bundeswehr gestellt. Aufgeführt wurde absurdes Theater, denn wie lässt sich das Gewissen junger Menschen erforschen? Ich hatte mich aus der Literatur vorbereitet, wusste, was ablaufen würde und rechnete mir nur geringe Chancen aus. Auf Rat meiner Freundin hatte ich mir in der Apotheke Captagon besorgt, ein Weckamin, das in studentischen Kreisen als „Hallo wach!“ bekannt war und in Prüfungssituationen bei der Konzentration helfen sollte.

Vor mir betrat einer von den Zeugen Jehovas den Prüfungsraum. Der brauchte natürlich kein „Hallo wach“; es hätte seinem Glauben nur geschadet. Jedenfalls war er nach fünf Minuten wieder draußen und anerkannt. Religiöse Gründe wurden einfach akzeptiert. Aber ich hatte nach Auffassung der Kommission einen politischen Grund angegeben, was ziemlich ungeschickt war. Ich weiß nicht, ob es am Captagon lag, jedenfalls sagte ich, es wäre nicht auszuschließen, dass die Bundeswehr einmal in einen Angriffskrieg verwickelt werden würde. Das wies der Ausschussvorsitzende entrüstet von sich und stellte mich als Spinner dar. In Anspielung auf das gewaltsame Ende des Prager Frühlings fragte er listig: „Was würden Sie denn machen, wenn Sie Tscheche wären, russische Panzer würden ihre Freundin bedrohen, und Sie hätten ein Gewehr? Würden Sie Ihre Freundin im Stich lassen?“
„Das weiß ich nicht. Ich bin ja kein Tscheche.“
Da diktierte er ins Protokoll: „Der Antragsteller wüsste nicht, was er machen würde, wenn er Tscheche wäre.“ Insgesamt war das Protokoll ein Dokument des Irrsinns. Ich junger Mensch wollte niemanden totschießen müssen, der mir nichts getan hat, und man konfrontierte mich mit Fangfragen und einer hypothetischen Situation bar jeder Realität, denn was hätte ich denn ausrichten können mit einem Gewehr gegen einen Panzer? Die Absurdität solcher Prüfungsfragen hat die Kölschrockgruppe BAP in ihrem Lied „Stell dir vüür“ verpackt;

Hier der Originaltext mit verfügbarer Übersetzung.

Leider habe ich das Protokoll nicht mehr, sonst könnte ich die Bundesrepublik verklagen, dass man mir 18 Monate kostbarer Lebenszeit gestohlen hat. Denn inzwischen ist die Bundeswehr in unzählige Angriffskriege verwickelt gewesen oder noch verwickelt.

Natürlich wurde ich vorerst nicht als Kriegsdienstverweigerer anerkannt und bekam wenige Monate später meine Einberufung nach Delmenhorst. Mein Versuch, mir zwischen zwei schweren Setzkästen den Finger zu brechen, misslang. Eines Abends, als Freunde zu Besuch waren und wir einiges getrunken hatten, habe ich Einberufung und Wehrpass im Waschbecken verbrannt. Besonders der Wehrpass brannte nicht gut, und seine Reste haben das Waschbecken tagelang verstopft. Ich erinnere mich noch an den Besuch des Hausbesitzers, einem großspurigen Bauern aus der Voreifel und seinem Hausmeister, der das verstopfte Waschbecken richten sollte. Da sagte der Hausbesitzer noch gönnerhaft: „Die sollen sich ja waschen, die sollen ja sauber sein!“, aber kriegte fast einen Anfall, als die Reste des Wehrpasses zu Tage kamen.

Folge 3

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5 Kommentare zu “Als mein Gewissen nichts wert war (2)

  1. Politische Gründe… ja, ich habe mich in meinem ersten Verhör auch auf eine Diskussion über Alternativen zu militärischer Verteidigung eingelassen. Aber es ging ja nicht um Vernunft, sondern ausschließlich um das Gewissen. Militär scheint eher unvernünftig zu sein, jedenfalls ist ihm mit Vernunftsgründen nicht beizukommen.

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  3. BAP?
    „Stell dir vüür, do leef op eimohl einer Amok ballet en de Lück, met enem Jewehr. Jo, wat däätste dann? Däätste maache Mann? Saach mer, wehrste dich? Oder leetzte dann die Lück em Stech?“
    „Et sching ze stimme: Ne Vater, dä Ausschwitz zolöht, hätt nit verdeent, dat e Kind ihm zohöt.“
    „Klar, die Unschuld ess verloore, Illusione liej`n em Dreck, övver dä mer stolz jefloore, johrzehntelang, ohne Jepäck. Kamikaze, die nie stirve, op jed`Drohtseil ohne Netz, schwindelfrei un ohne Nerve, em Zweifelsfall op „Zero“ jesetz un wenn et dann eng woot wie jetz, simmer“ … BAP …

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