Als mein Gewissen nichts wert war (1)

„Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.“ (Art. 4 Abs. 3 des Grundgesetzes)

Gestern Nacht um 00:05 Uhr versteckt zeigte die ARD in ihrer Reihe Geschichte im Ersten die Dokumentation: „Als das Gewissen geprüft wurde“, einen sehenswerten Beitrag über Kriegsdienstverweigerung in Deutschland. Diese Gewissensprüfung hatte ich auch durchmachen müssen. Hatte zuvor einen Antrag eingereicht, mir Bücher gekauft, um mich vorzubereiten, hatte gelesen, dass die Chancen auf Anerkennung für Nichtabiturienten gering waren, und war erwartungsgemäß vor der Prüfungskommission beim Kreiswehrersatzamt Mönchengladbach in erster Instanz nicht erkannt worden.

Bislang hatte ich nicht wirklich darüber nachgedacht, warum ich bei dieser „Gewissensprüfung“ durchgefallen war und später als nicht anerkannter Kriegsdienstverweigerer zur Bundeswehr gemusst hatte. Doch im Beitrag wurde deutlich, dass und warum diese Prüfungen reine Willkür waren. Da diese Willkür und die Entscheidungen zu meinen Ungunsten meinen Lebensweg geprägt haben, beschloss ich, diesen Teil meiner Biographie aufzuschreiben, quasi als Geschichtsschreibung von unten. Die erste Folge habe ich eben geschrieben und veröffentliche sie jetzt:

Ho, Ho, Ho Chi Minh

Als ich 16 Jahre alt war, erwachte mein politisches Bewusstsein, und zwar in einer Jugendherberge im Schwarzwald, wo ich mit Freunden während einer Radtour übernachtete. Wir waren gemeinsam mit zwei niederländischen Studenten in einer Dachstube untergebracht. Ich erinnere mich gut, dass ich von den beiden erstmals etwas Kritisches über den Vietnamkrieg hörte. Die Jugendherberge war sehr spartanisch, und wir lagen auf Pritschen unterm Gebälk. Derweil ein ergiebiger Landregen aufs Dach prasselte, der uns den ganzen Tag auf dem Fahrrad schon durchnässt hatte, und wir fröstelnd in unsere Nesselschlafsäcke gekrochen waren, redeten die beiden Holländer auf uns ein, öffneten uns quasi die Augen.

Bis dahin hatte ich nicht über den Vietnamkrieg nachgedacht und war nie auf die Idee gekommen, dass er etwa Unrecht sein könnte. Im Dorf meiner Kindheit und Jugend war man nicht nur streng katholisch, sondern unterstützte durchweg die CDU. Kritik an den USA kam nicht vor. Bei uns zu Hause wurde wie in fast allen Haushalten die CDU-nahe Neuß-Grevenbroicher-Zeitung gelesen, ein Ableger der rechtskonservativen Rheinischen Post. In der Nazizeit war man im Dorf hitlertreu gewesen, und diese besinnungslose Gefolgschaft war ungebrochen auf die CDU übergegangen. Vor Wahlen warb der Pastor von der Kanzel unverhohlen für die CDU, so dass ich als Kind gedacht hatte, wer SPD wählt, kommt nicht in den Himmel. Es war mir aber als gerechte Strafe erschienen, denn die beiden erklärten SPD-Anhänger im Dorf waren gemessen an den rotwangigen, wohlgenährten Bauern in unserer Nachbarschaft freudlose Gestalten, die in der nahen Kleinstadt in der Fabrik arbeiteten.

Dass man gegen den Vietnamkrieg sein konnte, und dass es falsch war, mit einem Schulterzucken über Berichte aus diesem Krieg hinwegzugehen, hörte ich also aus dem Mund zweier Studenten aus Den Haag: Sie sagten, dass die Amerikaner in Vietnam nichts zu suchen hätten, dass deren Krieg himmelschreiendes Unrecht sei. Diese fremdartigen Gedanken gingen mir leicht ein, weil ich fasziniert war vom Akzent der beiden und weil sie so selbstverständlich von Dingen sprachen, über die ich noch nie nachgedacht hatte.

Es war tatsächlich nicht meine erste Konfrontation mit dem Vietnamkrieg gewesen. Zu Rosenmontag war ich das erste Mal im Kölner Karneval gewesen. Nach dem Rosenmontagszug streiften unzählige Jugendliche durch die Stadt, bildeten solche Ketten, von denen man eingefangen und mitgerissen wurde. Von mancher dieser Ketten wurde „Ho, Ho, Ho Chi Minh“ skandiert, was ein Jahr später der Schlachtruf der Studentenbewegung werden sollte.

Ich ließ mich gerne einfangen von einer Kette, in der „Jo,Jo, Johnson!“ gerufen wurde. Das klang nicht so gut, aber ich geriet zwischen zwei hübsche Mädchen, die ich im Verlauf abwechselnd küsste. Für derlei Luxus, zwei hübsche Mädchen im Arm zu haben und nach links und rechts beliebig heiße Küsse auszutauschen, hätte ich sowieso jede politische Überzeugung verraten. Vor den Holländern schämte ich mich aber plötzlich, „Jo, Jo, Johnson!“ gerufen zu haben. Eigentlich schäme ich mich heute noch.

Folge 2

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14 Kommentare zu “Als mein Gewissen nichts wert war (1)

  1. Welche Parallelen: Ich bin auch beim Kreiswehrersatzamt Mönchengladbach in erster Instanz bei der von mir als extrem demütigend empfundenen „Gewissensprüfung“ durchgefallen und musste später als nicht anerkannter Kriegsdienstverweigerer für 15 Monate zur Bundeswehr. Den Film schau ich mir auf jeden Fall in der Mediathek an, danke für den Hinweis!

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    • Erstaunlich. Bei mir wars allerdings früher, denn ich musste noch 18 Monate ableisten. „Extrem demütigend“ war diese „Gewissensprüfung“ tatsächlich. Wie überhaupt noch ein abstoßender Ungeist regierte, der die Studentenrevolte erst nötig gemacht hat. Das geht auch aus dem Film hervor.

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  2. Bei mir war es das Kreiswehrersatzamt in Aurich, bei dem ich meine erste Gewissensprüfung nicht bestand. Aber da ich mir vorgenommen hatte, nicht zum Bund zu gehen, habe ich mir zur Vorbereitung auf den zweiten Akt Unterstützung geholt und damit hat es dann funktioniert. Mein politisches Erweckungserlebnis kann ich nicht so genau bestimmen, aber es hat wohl mit einem mindestens rechtsgerichteten Politiklehrer zu tun, gegen den man nur rebellieren konnte. Eine Demonstration gegen den Vietnamkrieg habe ich dann sogar im beschaulichen Leer noch mitbekommen und bin brav am Rande des kleinen Zuges mitgelaufen.

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  3. Meine „Gewissensprüfung“ war 1972 in Mönchengladbach. Ich wurde nicht anerkannt und musste zu den Panzergrenadieren nach Lüneburg. Nach 2 Monaten Grundausbildung hatte ich die 2. Verhandlung in Düsseldorf, für die ich einen Rechtsanwalt genommen hatte. Als ich auf Befragen erklärte, dass ich zum Zivildienst nicht nur bereit sei sondern mich auch schon um eine Stelle bemüht hätte (schriftliche Zusage einer Einrichtung für spastisch gelähmte Kinder hatte ich dabei), gab das wohl den Ausschlag. Ich konnte am nächsten Tag nach Lüneburg fahren und meine Sachen holen.

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  4. Liebe Männer. Tut zwar nichts zur Sache, aber das ist doch einer der seltenen Fälle in der Geschichte, bei dem die Frauen es einfacher hatten. Ich fand Politik schon immer interessant, fühlte mich aber erst gegängelt, als mein Sowi-Lehrer meinte, wir sollten erst mal was lernen, bevor wir mit roten Fahnen durch Münster marschieren.

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    • Liebe Frau Heming, das ist so, aber viele Frauen sind Mütter oder Ehefrauen von Soldaten und indirekt mit betroffen. Der Sowi-Lehrer hatte ja seltsame Ansichten. Das Führungspersonal der Nationalsozialisten hatte gewiss einiges zuvor gelernt. Bildung schützt vor Verblendung und Fanatismus nicht. Und wenn die Jugend nicht mit heißem Herzen rote Fahnen schwenkt, wer dann?

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