Meine alltägliche Reise mit der Zeitmaschine

Ich habe eine Zeitmaschine. Sie funktioniert leider nur in eine Richtung, nämlich in die Zukunft. Angenommen, ich steige Samstagabend hinein, und wenn ich wieder aussteige, ist zuverlässig Sonntagmorgen. So gings heute. Obwohl meine Zeitmaschine über keinerlei technische Finessen verfügt, arbeitet sie sehr zuverlässig, lässt mich immerzu von einem Tag auf den anderen reisen. Früher habe ich mir schon mal vorgestellt, sie würde mich versehentlich zu einem Tag zwischen den Tagen bringen, etwa zu einem, der zwischen Mittwoch und Donnerstag liegt. Das aber ist nie geschehen.

Vermutlich liegt es daran, dass ich keinen Namen für einen solchen Tag habe, denn die Welt wie wir sie kennen, konstituiert sich wesentlich über die Namen für die Erscheinungen. Ein Ding, ein Sachverhalt oder eine Idee existieren nicht, wenn wir keine Bezeichnung dafür haben.

Drei Gedanken noch – a, b, c, c, d und e:

a) Obwohl die Zeitmaschine nur in Richtung Zukunft funktioniert, versucht sie auch immer wieder, mich in die Vergangenheit zu bringen, aber präsentiert mir nur ein furchtbares Durcheinander, so dass ich meine Vergangenheit kaum wiedererkenne. Ich glaube jedenfalls nicht, dass meine Tage so chaotisch verlaufen sind. Vielleicht ist die Idee meiner nach gängigen Ordnungsprinzipien strukturierten Vergangenheit aber nur eine nachträgliche Interpretation.

c) Bevor ich morgens die Zeitmaschine verlasse, durchziehen meinen Kopf seltsame Ereignisse. So habe ich heute morgen beispielsweise mit einem Pferdemädchen Fleißkärtchen und Glanzbildchen fürs Striegeln getauscht, aber sobald ich die Füße auf den Boden stellte, wusste ich, dass es nicht sein konnte, dass ich einer bin, zu dem ein Pferdemädchen Sie sagen würde. Kurz darauf war es auch ganz weg, hatte die Zigarrenschachtel mit Glanzbildchen mitgenommen, und hätte ich es nicht aufgeschrieben, wüsste ich nicht mal, dass es da gewesen ist. Wo „da“ überhaupt, etwa in meinem Kopf? Ich hätte nicht gedacht, dass ein Pferdestall mit unzähligen Pferden in ihren Boxen und einem Pferdemädchen mitsamt einer Zigarrenschachtel voller Glanzbildchen und Fleißkärtchen in meinen Kopf hineinpassen würde. Höchstens der Haufen Mist beim offenen Eingang, der in der Kühle des Frühlingsmorgens in der Sonne dampft.

c) Die Welt, in die ich von Tag zu Tag reise, ist enorm fest, scheint ununterbrochen nach den gleichen Gesetzen zu funktionieren. Nur wenn ich nicht bei der Sache bin, wackelt meine Welt. Gestern trug ich beispielsweise in der linken Hand einen Teller, in der rechten eine halbvolle Tasse mit abgestandenem Kaffee in die Küche, kippte den Teller in die Spüle und goss den Kaffee auf den Tisch. Derweil es auf den Boden tropfte, fiel mir erst auf, dass es in dieser Welt nicht üblich ist, abgestandenen Kaffee auf den Tisch zu gießen.

d) Gemeinhin wird angenommen, dass Kleinkinder eine magische Vorstellung von der Welt haben. Die legen sie im Alter von fünf bis sechs Jahren ab. In dieser Zeit ist auch die sprachliche Entwicklung abgeschlossen, haben sie ihre innere Grammatik entwickelt, die sich kennzeichnet durch die Fähigkeit, theoretisch endlos viele grammatisch richtige Sätze hervorzubringen.

e) Wenn sich unsere Idee von der Wirklichkeit wesentlich durch Sprache konstituiert, hängt die Festigkeit der Wirklichkeitsvorstellung vermutlich davon ab, wie tief sich die innere Grammatik auf unsere Wahrnehmung auswirkt. Dann käme es nicht allein auf die Namen und Bezeichnungen an, wie sie ein Wörterbuch bereitstellt, sondern auf die Kenntnis der Verhältnisbeziehungen, wie sie in der Grammatik verankert ist.

Mach was draus.

PS: Das aus der Traumwelt hinüber gerettete Fleißkärtchen weist eine hübsche Besonderheit auf. Wir sehen im Wort „Fleiße“ ein lange S und dahinter ein rundes S und erkennen die Vorform unseres ß „Eszett“, dessen Name ein Versehen ist.

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19 Kommentare zu “Meine alltägliche Reise mit der Zeitmaschine

  1. Ein Fleißkärtchen mit altem ß aus Deinem Zwischentag gerettet. – Ich muss unwillkürlich schmunzeln, weil Du mit einem Häkchen immer am Thema hängst – auch an den Zwischentagen, die wirklich einen Namen haben sollten. Hätten sie ihn, könnte man sich vielleicht auch besser erinnern, was an diesen Zwischentagen passiert ist. Vielleicht könnte man sogar Termine machen, für diese Zwischentage.

    Das mit der kindlichen Sprachentwicklung und dem Wirklichkeitsverständnis beobachte ich gerade bei unserer Clara. Sie bildet nun die ersten Sätze unter Verwendung der Konjunktion „weil“ (begründend – nicht zeitlich, wie sie früher zu verstehen war). Gleichzeitig wird ihr Verhalten immer verständiger. Ganz, ganz leise holt sie ihr Rutschauto aus dem Wohnzimmer, bringt es ins Kinderzimmer, muss dabei das Schlafzimmer durchqueren und öffnet und schließt die Türen fast lautlos, flüstert: „Leise, weil Elina schläft.“ Und diesmal bedeutet „weil“ beides, nämlich Grund und Dauer, und das versteht sie vollkommen. Nur die Tage haben noch keine Namen, sondern sind gestern, heute und morgen.

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    • Ich konnte mir diesen Aspekt leider nicht entgehen lassen 😉 Immerhin habe ich unterlassen, dass bei „Fleiße“ noch das inzwischen fast versunkene Dativ-e vorkommt. Das verschwindet nämlich wirklich, anders als der Genitiv, wie ein prominenter Sprachphilister behauptet.

      Dankeschön für den Kurzbericht über die Sprach- und Verhaltensentwicklung deiner Enkelin (?) Clara. Ist immer interessant, das zu erleben.

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  2. Ich habe auch so eine Zeitmaschine. Meine ist manchmal etwas durcheinander. Dann spuckt sie mich beispielsweise während ich gerade im Begriff bin, eine Zukunftsvisionen zu formulieren , jahrzehnteweit in die Vergangenheit und führt mir Tim-und Struppi-Comics vor während ich mich in der Gegenwart händeringend darum bemühe, seriös rüberzukommen. Außerdem blockiert sie manchmal als hinge da ein Schiffschaukelbremser dran und katapultiert mich auf mein Sterbebett irgendwann in einer hoffentlich noch fernen Zukunft. Außerdem hat sie Entmaterialisierungs- und Materialisierungsprobleme und setzt mich manchmal von einem Tag zum anderen anders wieder zusammen…das ist besonders furchtbar, finde ich. Diese Stirnfalten zum Beispiel: klarer Materialisierungsfehler. Sie müsste dringend mal gewartet werden. Na ja. So Zeitmaschinenprobleme eben, kennt ja jeder irgendwie, wie ich sehr beruhigt bei Dir lese. Und Du schreibst über ein Pferdemädchen mit Striegeln und Fleißkärtchen. Da leuchten die Feenaugen! Wenn Du das Pferdemädchen nicht willst, schicke sie bitte samt Gestüt zu mir. In meinem Kopf sei noch Platz, könntest Du ausrichten und mein Phantasien ist zum Ausreiten herrlich. Liebe Sonntagsgrüße

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    • Wusstest du übrigens, dass der Schiffschaukelbremser in Österreich „Hutschenschleuderer“ heißt? In Deutschland besteht seine Aufgabe im Bremsen, in Österreich im Schleudern, was ich irgendwie kafkaesk finde. Ein irrer Hutschenschleuderer katapultiert uns durch die Zeit und niemand kann mehr bremsen. Das Pferdemädchen ist ja, indem ich es aus meinem Kopf entlassen habe, mit allem drum und dran Allgemeingut geworden. Also bediene dich, liebe Fee.
      Beste Grüße zum Wochenstart

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      • Ich kenne natürlich wieder nur ‚Hutschenreuther‘ Porzellan. Hutsche – interessantes Wort…
        Der irre Hutschenschleuderer – das passt, ja, ein sehr gutes Bild.
        Das Pferdemädchen tobt schon mit den anderen über die Hügel. Sie gab mir Montagsgrüße für Dich mit. Danke für Deine

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  3. Zwischentage – das würde vieles erklären. Manchmal fühle ich mich nach dem Aufwachen wie gerädert, als hätte ich den ganzen vorherigen Tag körperliche Schwerstarbeit geleistet, obwohl ich doch in meiner Erinnerung den vorherigen Abend in feuchtfröhlicher Gesellschaft verbracht habe und in bester Stimmung ins Bett gegangen bin. Wahrscheinlich arbeite ich in den Zwischentagen auf dem Bau und muß schwere Steine schleppen – und erhalte dafür noch nichtmal den Mindestlohn, an meinen Einkünften kann ich jedenffalls keine Veränderungen feststellen. Oder mein Zwischentags-Ich hat ein eigenes Konto.

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    • Das wirkt auf mich ungemein plausibel, wobei auch naheliegend ist, dass du dort ein eigenes Konto für eine Art Schattenwährung hast. Deine Arbeit der Zwischentage auf dem Bau wäre eine hübsche Romanidee. Mach was draus. 😉

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      • Vielleicht sind meine Normaltage die Zwischentage meines Zwischentags-Alter-Egos – nicht, auszudenken, was das an Verwirrung gibt, wenn da was durcheinander gerät, z.B. wenn man sich mal trifft.
        Danke für die Anregung!:-)

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  4. Zwischentage… ja, die erklären auch das Problem mit der Uhrzeit. 24:00 Uhr ist es und gerade noch heute und zack, scheinbar ohne das Zeit vergeht, ja, tatsächlich gleichzeitig ist es auch schon Null-Uhr. Ha, eine ganz verdächtige Nahtstelle!

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