Theorie und Praxis der Handschrift (5.1) – Zum Verständnis einzelner Formelemente – das kleine T

Verschiedentlich ist die Frage aufgekommen, warum das kleine T in der Vorlage von Alfred Fairbank keine echte Oberlänge hat. Unsere Kleinbuchstaben stammen von der Karolingischen Minuskel ab. Sie war eine Reformschrift, die Mitte des 9. Jahrhunderts im Reich Karls des Großen verbreitet wurde und schon fast alle wesentlichen Elemente unserer heutigen Kleinbuchstaben enthielt. Entwickelt hatte sie sich materialbedingt über mehrere Stufen aus den römischen Großbuchstaben. Ihr fehlte noch der diakritische I-Punkt. Das kleine T war eigentlich nur ein klein geschriebenes großes T (im Schriftbeispiel von mir eingekreist).

Erst in der Renaissance stieß der senkrechte Strich zaghaft nach oben durch den Querstrich. Wir erkennen das in allen Druckschriften (vergl. Teestübchen–Header). Die unvollständige Oberlänge des kleinen T hat nicht nur schriftgeschichtliche, sondern auch schreib- bzw. satztechnische Gründe. Gewisse Kombinationen mit dem kleinen F, fi, fl und ft wurden in der Bleizeit als sogenannte Ligaturen auf einen Schriftkegel gegossen (vergl. Abbildung) Da fügt sich das kleine T mit nur halber Oberlänge besser an. Bei der im Bild gezeigten Ligatur fi verschmilzt der I-Punkt mit der tropfenförmig ausgebildeten Oberlänge des F. Hier die Kombination ft und als Ligatur:
Wie unproportioniert und hölzern wirkt dagegen das kleine T in der Grundschrift, hier in der Kombination ft. Als mich der Grundschulverband im Jahr 2010 kontaktierte und mir Proben der Grundschrift zusandte, habe ich sogleich per Mail auf die falsche Oberlänge des kleinen T hingewiesen, erhielt darauf aber keine Reaktion. Entweder ist man im Verband beratungsresistent oder hatte schon Unterrichtsmaterial gedruckt und konnte/wollte nichts mehr ändern. Für mich ist aber das T das Indiz, dass bei der Gestaltung der Grundschrift schriftästhetische Laien am Werk waren. Warum hat man keinen Kalligrafen befragt, bevor man Generationen von Kindern nach der misslungenen VA erneut eine schlecht gestaltete Handschrift-Vorlage unterschiebt?

Theorie und Praxis der Handschrift (4) – Vorschlag zur Übungserleichterung

Man muss ja nicht das Rad neu erfinden, sollte aber auch das bereits Bekannte nicht einfach verwerfen, dachte ich mir gestern, als ich diverse Klagen über das schwierige Üben der Fairbank-Handschrift las. Darum will ich zurückgreifen auf eine Methode, nach der unsere Urgroßeltern Schreiben gelernt haben und die durch Rudolf von Larisch in Verruf gekommen war. Die Lehrbücher der Schreibmeister waren im Kupferstichverfahren gedruckt, und zwar in Rot. Man lernte, die Buchstaben der Vorlage genau nachzuziehen.

Kupferstichalphabet

Wer das am Ende konnte, der schrieb, wie der Kupferstecher die Vorlage gestochen hat, also schrieb wie gestochen, ein schreibmeisterliches Ideal, dass es als geflügeltes Wort und Idealvorstellung sogar in die heutige Zeit geschafft hat. Dabei ist zu bedenken, dass der Grabstichel des Kupferstechers ein langsames Werkzeug ist. Mit ihm sind die barocken Zierelemente einfach zu erzeugen. Das nachschreiben zu können, und zwar mit der damals üblichen Spitzfeder, war nur durch Drill zu erreichen.

Heute haben wir bessere Schreibgeräte, bessere Vorlagen und vor allem eine andere Situation der Handschrift als von Larisch sie vorfand. Aber das Verfahren kann vielleicht beim Erlernen einer neuen Handschrift helfen. Ich habe das Beispielblatt von Fairbank in Rot ausgedruckt und einige Buchstaben nachgeschrieben. Hier ist kein Kalligrafie-Pen nötig, sondern ein Feinliner oder weicher Bleistift tuts auch. Eine weitere Möglichkeit ist das Abpausen. Wir benötige dazu echtes Transparentpapier, wie der Schreibhandel es als Entwurfblock bereithält. Beide Verfahren, Nachschreiben oder Abpausen helfen, den Charakter einer Vorlage zu erfassen und zu verinnerlichen, so dass nachher das freie Schreiben leichter fällt, weil die Formgebung schon bekannt und eingeübt ist.

Abb. 1 Fairbank als Rotvorlage, Abb. 2 Nachschrift, Abb. 3 Abgepaust mit Transparentpapier


Schriftcharaktere handschriftlich nachempfinden, Beispiel: JvdL


Das Abpausen mit Transparentpapier eignet sich auch, den Charakter einer Druckschrift zu erfassen. Was frühere Grafiker mühsam mit der Hand gescribbelt haben, hier abgepaust in drei Versionen und animiert zeigt sich das Menschliche, die leisen Unwägbarkeiten der Hand. Wir wollen sie nicht unterdrücken, denn das Unperfekte zeichnet uns aus. Beim kleinen L habe ich einmal niesen müssen, wodurch meine zeichnende Hand verrutschte. Das steckt jetzt als Ausdruckshandlung im Buchstaben. Also: Immer schön locker bleiben!

Theorie und Praxis der Handschrift – Erste Ergebnisse der praktischen Übung

Da mir schon Blätter in Fairbank-Handschrift zugegangen sind, möchte ich sie hier zeigen. Bitte fühlt euch aber nicht gedrängt. Der Tag ist noch lang. Feldlilie hat nicht den Text kopiert, sondern die Vorlage reflektiert und kommentiert (größer: Klicken). Mein Kommentar:

Feldlilie schreibt fairbank

Liebe Feldlilie,
vielen Dank für deine Einsendung. Anders als du selber glaubst, schreibst du schon ziemlich gut für die kurze Zeit der Übung. Dass die Großbuchstaben etwas kleiner sein sollen als die mit Oberlänge hat schriftgeschichtliche Ursprünge. Die Kleinbuchstaben sind quasi die Enkel der Großbuchstaben, und ist es nicht normal, dass nachfolgende Generationen den vorangehenden über den Kopf wachsen? Wenn du Druckschriften vergleichst, da ist es genauso: Illinois. Das große I ist einen Hauch dicker und kleiner, was uns auch hilft zu unterscheiden. Ich rate dir, dich beim Schreiben nicht darauf zu konzentrieren. Das Gefühl für die richtige Höhe kommt von selbst. Auch das Tanzen der Buchstaben ist ja menschlich. Absolutes Gleichmaß ist Sache von Maschinen. Ich habe mir übrigens einen Trick überlegt, wie es vielleicht leichter für euch wird. Den hoffe ich heute noch vorstellen zu können.

Dorothea („Text & Sinn) sandte mir dieses Blatt und diese Mail:

Lieber Jules,
meine Schriftprobe liegt bei. Nicht sehr gelungen, aber es ist ja auch ein erster Versuch. Am gewöhnungsbedürftigsten fand ich das kleine t, besonders im Vergleich mit dem viel größeren h. Mein Papier ist sehr schlecht; es ist Recyclingpapier, und die Tinte verschwimmt. Ich habe den Füller auf verschiedene Weisen gehalten, aber mir gab es trotzdem keine dünnen und dickeren Linien. Woran kann das liegen? Mir fehlt leider die Zeit für das Abschreiben des ganzen Textes, aber ich werde dranbleiben und auch weiter mitmachen. Und ab sofort wieder meinen Füller benutzen und etwas mehr auf die Schönheit meiner Schreibsel achten.
Danke für die Anregung und herzliche Grüße
Dorothea

Liebe Dorothea,
dankeschön für deine Einsendung. Für einen ersten Versuch schon prima. Bekanntlich stammen unsere Kleinbuchstaben von der Karolingischen Minuskel ab. Dort hat das kleine T noch keine Oberlänge. In der Renaissance bekam es dann eine ganz leichte, stößt nur mal eben durch den Querstrich oben. Dass es keine echte Oberlänge ist, ermöglicht mit f und t schöne Ligaturen (Zusammenziehungen), ft. Ich habe das Foto so gut es ging bearbeitet, um maximalen Kontrast zu erzeugen. Das war hoffentlich in deinem Sinne. Wenn du zukünftig gutes Schreibpapier benutzt, wirst du sehen, dass deine Übungen viel besser gelingen. Der Kontrast ist dann auch höher. Wenn du eine abgeschrägte Feder benutzt, darfst du sie nicht beim Schreiben drehen, sondern musst sie stur im 45-Grad-Winkel halten. Das ergibt Haarstriche und Schwellzüge, auf weniger saugfähigem Papier deutlich zu unterscheiden.

Lieben Gruß,
Jules

In der Nacht zum Montag veröffentlichte Kollegin Karfunkelfee ihre Blätter in ihrem Blog mitsamt einer lesenswerten Reflexion. Das Ergebnis ihres beharrlichen Übens mit der linken Hand hier, von mir so gut es ging bearbeitet. Das Original ist in ihrem Blog zu sehen:

Schon vorgestern sandte Kollege Lo diese beiden ästhetischen Fotos, wobei der Leporellofalz der Vorlage eine gute Idee ist, Zeile für Zeile vor Augen zu haben:

Lo schreibt seine Handschrift und Fairbank

Leporellofalz

Theorie und Praxis der Handschrift – Motivationshilfe Kalligraphie, Malerei und Musik

Liebe Kolleginnen und Kollegen. Das nachfolgende Musikvideo zeigt Handschrift in Verbindung mit malerischen Prozessen. Die Schrift erinnert an Fairbanks Schulausgangsschrift, ist nicht sonderlich schön, aber aufgehübscht mit ein bisschen Wasser, farbiger Tusche und Farbe. Ich hoffe, ihr findet es motivierend. (Für evtl. eigene Versuche bitte auf festen Karton schreiben, weil sich Papier wellt, wenn es nass wird.)

NOW I’M ALL MESSED UP – Tegan & Sara from Travis Hopkins on Vimeo.

Theorie und Praxis der Handschrift (3) Wo sind meine Seminarteilnehmer?

Grafik: JvdL

Seit einiger Zeit halten sich die anfänglich begeisterten Seminarteilnehmer zurück. Von drei Kolleginnen bekomme ich gelegentlich Wasserstandsmeldungen, die anderen sind untergetaucht, offenbar, das hoffe ich, sehr beschäftigt mit dem Üben der Fairbank-Handschrift. Ich bin gespannt, ob wir am 18. einige Ergebnisse zu sehen bekommen. Als kleine Erinnerung ans Thema habe ich einen handschriftlichen Text des niederländischer Kabarettisten und Autors Wim de Bie übersetzt, der irgendwann in den 1980-er Jahren diesen visionären Text als Zeitungskolumne in der Tageszeitung de Volkskrant veröffentlicht hat. Darin wird deutlich, wie abhängig man von der Computertechnologie ist und wie es sich auf das Schreiben mit der Hand auswirkt. Ich habe den Text so gut es ging übersetzt, bis auf die unübersetzbare Überschrift. Sie ist ein Wortspiel, den Stuk ist im Niederländischen ein Homonym und bedeutet Schriftstück und entzwei. Für Verbesserungsvorschläge der Übersetzung bin ich offen.

Stuk

Wer per Computer schreibt, der schreibt über das Schreiben mit Computer. Jeder Publizist, Kolumnist und Journalist, der/die seine/ihre Beiträge mit Hilfe von Tastatur, Bildschirm, Drucker und Diskettenlaufwerk gestaltet, hat sich schon einmal öffentlich poetisch ausgelassen über das Wunder der neuen Textverarbeitung. Überzeugende Beiträge waren das, die den meisten das letzte bisschen Computerangst genommen haben. Über einen Aspekt wurde noch nicht geschrieben, darüber was geschieht, wenn eines der Geräte den Geist aufgibt. Kaputt! Der Computer, auf dem ich zwei Jahre geschrieben habe und der mich abhängig gemacht hat, ist defekt. Ich war mitten in einem Beitrag, hatte schon 873 Wörter und plötzlich: Tilt! Der Bildschirm fiel aus! Die Wut, die dann in dir hochkocht, ist unbeschreiblich. Leider konnte ich so schnell keinen Hammer finden. Bei derlei Defekt zeigt sich, wie abhängig von der Technik man ist. Die achtziger Jahre? Du gehörtest ganz dazu. Nun stehen die toten Apparate da und starren dich an. Meine Glückseligkeit habe ich ausgeliefert an eine Handvoll Speicherdisketten, die ich nicht mehr zum Leben erwecken kann. Doch da ist noch etwas Schlimmeres. Ich hatte nichts mehr zu Schreiben im Haus. Meine Schreibmaschine habe ich schon vor Jahren entsorgt. Ich musste mir einen Stift beim Nachbarn leihen. Und was zeigte sich? Meine schöne, regelmäßige, flüssige, männliche Handschrift (mit der ich früher manchem Mädchen den Kopf verdrehen konnte), ist verschwunden!

Aufgabe: Notiere handschriftlich deine Erfahrungen, jetzt 30 Jahre später.

Der rasende Schlampertoni

Wenn meine Mutter etwas verloren oder verlegt hatte, betete sie zum Hl. Antonius. Er galt bei uns als Schutzpatron, der beim Finden hilft. Im Volksmund wird der Heilige auch Schlampertoni genannt. Ich habe schon als Kind nicht geglaubt, dass der Schlampertoni bei irgendwas hilft. Die Zuweisung ist, wie ich heute weiß, sowieso falsch. Wie kommt der Schlampertoni zu seinem Ruf? Ein mittelalterliches Lobgebet auf Antonius beginnt mit den Worten „Wenn du suchst …“ Das wurde im gläubigen Volk ganz konkret verstanden, obwohl die spirituelle Suche gemeint war. Solche Irrtümer aufzuklären, ist nicht gut.

Das wusste schon der Schlampertoni und schrieb: „Unsere Zeit ist durch das hohle Wissen ihrer Leser und Zuhörer so weit gekommen, dass sie des Lesens überdrüssig wird (…)“. Hohles Wissen und Aufklärung nimmt den Menschen den Glauben, hier einen Nothelfer zu haben bei der Suche. Vor allem erfährt der Mensch, dass er jahrelang mit einem falschen Weltbild herumgelaufen ist. Aber was heißt schon „falsch?“ Ein Großteil unserer Kultur geht auf Irrtümer und falsch Verstandenes zurück, ja das Irrige ist ein wesentliches Gestaltungselement unserer Sprachen. „Postfaktisch“ war der Mensch schon immer.

Ein aktuelles Beispiel: Das kölsche Wort „rosen“ bedeutet „rasen“, „herumtollen“, „toben“. Es wird mit langem O gesprochen wie in Toast. Dieses „Rosen“ gab dem Rosenmontag den Namen. Das Homonym (Teekesselchen) „rosen“ mit den „Rosen“ gleichzusetzen und in Analogie vom Veilchendienstag zu sprechen, ist demnach, was die Sprachwissenschaft Volksetymologie nennt. Volksetymologie beruht auf falschen Zuweisungen, Irrtümern und erfundenen Analogien. Auf diese Weise treibt sie den Sprachwandel voran und nährt eine lebendige Sprache. Sprachwandel vollzieht sich als Strömung und ist vom einzelnen Besserwisser nicht aufzuhalten, wie am Beispiel halbschwarz zu sehen.

In der Welt des Digitalen ist der Schlampertoni eine Suchmaske, und das Gebet ist die Suchphrase. Bald wird es diese Suchfunktion auch für Dinge geben. Einige von uns werden eine Dingwelt erleben, die sich mit einer Suchfunktion durchstöbern lässt. (Meine Horrorgeschichte „Das Verzeichnis“ handelt davon.) Schon heute haben moderne Produkte einen RFID-Chip. Er sitzt versteckt in Etiketten von Kleidungsstücken, unter Parfum- und Rasierwasserflaschen, Haustiere tragen ihn unter der Haut. Ein paar Dumme auch. Ab 2010 steckt ein RFID-Chip im Personalausweis. RFID-Chips dienten ursprünglich der Warenverfolgung im Handel, und sie werden bald in so vielen Dingen verborgen sein, dass man sie über den privaten Computer suchen und auffinden kann. Du gibst in die Suchmaske: „Schnubbel“ ein, und schon sagt dir der Rechner, wo der „Schnubbel“ liegt. Da braucht man sich keine Gedanken mehr zu machen, wo man die ungeöffneten Mahnungen hingelegt hat. Sie rufen plötzlich aus mehreren Schubladen, hier bin ich!

Die Sache wird kein Segen sein. Denn der von der Erinnerung an sein Weglegen entlastete Mensch verliert eine weitere Notwendigkeit zu denken. Ja, Denken wird überhaupt bald gänzlich aus der Mode kommen. Wozu ist es eigentlich gut? Es strengt nur an. Wir werden die Maschinen zunehmend für uns denken lassen. Dieser Prozess hat längst begonnen. Was tritt an die Stelle des Denkens? Verzweifeln. Verzweiflung über das Unwägbare der digitalen Vorgänge. Wir sitzen verzweifelt vor dem Rechner, weil ein Programm nicht funktioniert, verzweifelt versuchen wir die Hot-Line einer Telefongesellschaft zu erreichen, gänzlich verzweifelt schauen wir auf die Smartphone-Anzeige „Kein Netz“, lesen am Geldautomaten: Falscher PIN. Das GPS-System im Auto versagt. Der Fahrer verzweifelt. Und mühsam ächzend greift er nach der Karte, die so unhandlich aufzuschlagen ist, wo ein Weg mit den Augen herausgepiddelt werden muss, ach, man kann es schon gar nicht mehr, das ist ja wie zu Fuß gehen auf der Autobahn.

Die Dauerverzweiflung wird sich mit den Generationen in den Physiognomien niederschlagen. Die Augen rücken zusammen und die Augenbrauen hängen – es tritt auf: der DAM, das ist: der Dämlichste Anzunehmende Mensch, dem es noch nicht mal vergönnt ist, einen Schnubbel zu verlegen. Er hat jederzeit alles an der Backe. Bald schon werden die Dinge den entmündigten Menschen herbeizitieren und ihn zu Handhabungen und Aktionen auffordern, weil es gut für ihn ist.

Teestübchen Humorkritik – Tata, tata, tataaa! Karneval

Morgens werde ich wach, ist mein Humor weg, die heitere Gelassenheit zog gerade als letzte die Tür hinter sich zu. Es war wie der Auszug der Israeliten aus Ägypten. Ich habe das Pack aber nicht verfolgt. Man weiß ja, wie das endet. Mittwochs wird bei uns im Haus die Treppe geputzt. Ich habe keine Lust mit einem Eimer Putzwasser kaltgestellt zu werden, während die Ironie, der Nonsens, die Albernheit und die heitere Gelassenheit quasi trockenen Fußes in den Keller talpen. Der heiteren Gelassenheit habe ich noch hinterher gerufen: „Was soll der Quatsch? Warum schließt du dich diesen Weicheiern an?!“

Ich gebe zu, es gibt in dieser Welt nicht mehr viel zu lachen. Aber das war Fahnenflucht. Ach, wie schön die Zeit, als ich an jedem Abend bekifft war und mich köstlich amüsieren konnte über alles im TV, wenn ich einfach den Ton weggeschaltet habe. Nun trinke ich seit Neujahr nicht mal mehr Alkohol und kann seit Wochen das abendliche TV-Programm kaum noch ertragen. Dabei meide ich die Privatsender grundsätzlich. Es geht um das öffentlich-rechtliche Angebot. Sehenswertes wird immer seltener, wenn man nicht auf Tierfilme, Quiz und Talk, Kochsendungen, Produktvergleiche oder die Flut der Krimiserien steht. In den letzten Wochen war den Karnevals-Sitzungen nicht zu entkommen, die, wenn man wie ich im protestantischen Hannover lebt, Berichte aus einer Parallelwelt sind. Ich beschloss, dem mit ethnologischem Interesse zu folgen, denn Karneval ist durchaus ein kultureller Faktor in unserer Gesellschaft, das müssen auch die Bewohner karnevalsbefreiter Zonen zugeben.

Ich habe mich durch die dritten Programme die Rheinschiene rauf und runter gezappt, nichts notiert, sondern schildere nur meine Eindrücke. Auf der Südschiene SWR, HR und Saarländischer Rundfunk sind die Witze flach, die tänzerischen Darbietungen dagegen dominant, was der plausiblen Logik folgt: Wenn wir schon zu bräsig sind, gute Witze zu machen, sollen die Mädels wenigstens gut tanzen. Fette Karnvalisten stecken ihre Töchter in hübsche Gardeunifomen und lassen sie in Formation über die Bühne hüpfen, wie dressierte Ponys marschieren, herumwirbeln, in den Spagat springen, dass es einen in der Leiste zerrt allein beim Zuschauen. Die Perfektion des Formationstanzes lässt harte, zeitaufwändige Übung vermuten, dass den Mädels kaum Zeit bleibt sich zu fragen, in welche wahnwitzige Mühle sie da geraten sind und wozu überhaupt.

Eine gestandene Frau erzählte in ihrer Büttenrede, wie ihr nackter Mann vor dem Badspiegel posiert und sie fragt: „Sehe ich nicht aus wie ein griechischer Gott?“ Achtung der Gag: „Was glauben Sie, wie lange ich gebraucht habe, ihm klarzumachen, dass Buddha kein griechischer Gott war?“ Tataaa! Das kam aus der Gegend von Mainz. Woanders stand eine etwa 14-jährige Nachwuchsrednerin auf der Bühne und erzählte denselben Witz, nur dass der fette, nackte Mann im Bad ihr Vater war. Dass niemandem in der Redaktion aufgefallen war, wie verfänglich aus dem Mund einer 14-jährigen ist, wenn ihr nackter Vater im Bad vor ihr posiert, lässt ahnen, wer diese Sitzung übertrug: der Saarländische Rundfunk.

Das Widerlichste aber kam aus einer anderen Randzone, dem Grenzort Aachen. Niemand wanzt sich derart schamlos an die herrschenden Eliten ran wie die Lackschuhkarnevalisten vom Aachener Karnevalsverein (AKV) bei der „Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst“, wo Aachens High Society fade Witze vornehmlich über Schwächere bejubelt wie den einen, vermutlich aus einer Vorjahrssendung, den ich beim Vorbeizappen auffing. Der Möchtegernkabarettist Ingo Appelt machte sich über Flüchtlinge lustig. Gegen deren Treck über die Balkanroute solle man an der Grenze ein Schild aufstellen:“Wir sind umgezogen“, und dann stimmte er das Karnevalslied der Kölner Gruppe „Die Höhner“ an: „Die Karawane zieht weiter…“ Herrgott, hatten die besseren Herrschaften einen Spass.

Derlei Töne hört man in Düsseldorf nicht, allenfalls die Bestätigung dessen, was Ambrose Bierce in Des Teufels Wörterbuch schreibt:

„Eozän, das: Erste der drei großen Perioden, in die Geologen das Alter der Welt unterteilt haben. Aus dem Eozän stammen die meisten bekannten Witze“,

wie auch der von der schwerhörigen Fee, die im Keller einer Kneipe hockt und Wünsche erfüllt, aber immer falsch versteht, so dass der Wirt in seiner Kneipe einen 20 Zentimeter langen Schimmel hat. Früher wurde der Gag erzählt mit einem 20 Zentimeter langen Mario Simmel, der über die Theke lief, aber der professionelle Witzerzähler ging wohl davon aus, dass man sich in Düsseldorf nichts mehr unter Simmel vorstellen kann.

Was auch immer gut kommt, sind Veganerwitze, wie ich einen vom blond gewordenen Dauergrinsen Guido Cantz hörte: Ab und zu gönne er sich einen Gyros-Teller, und wie ihm vorher das Wasser im Munde zusammenläuft, wenn das krosse Fleisch mit dem Motormesser vom Spieß abgesäbelt würde, frage er sich, ob Veganer das auch hätten, wenn sie mit der Motorschere die Hecke stutzen. Cantz kann man im Kölner Karneval nicht entgehen, wo er wie ein Conferencier mit dem Publikum interagiert, gerne mit anwesenden Politikern wie dem NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU). Laschet durfte sich königlich amüsieren, als Cantz von jungen Politikern schwärmte wie dem österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz, der so jung sei, dass, als er auf Staatsbesuch bei Angela Merkel war, ihr die Milch eingeschossen sei. Da hielt sich Laschet kichernd den Bauch, verlor die gute Laune aber, als ein politischer Redner namens Rumpelstilzchen heftig über Alexander Gauland von der AfD herzog. Schließlich war der mal CDU-Mitglied. Als Rumpelstilzchen dann auch noch die Kölner Spitzenpolitiker schalt, von Problemen nie was zu wissen, aber bei der Prinzenproklamation in der ersten Reihe sitzen zu wollen, hat der brave Regisseur die Reaktion der anwesenden Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker lieber erst gar nicht gezeigt.

Es gibt noch das Anarcho-Element im traditionellen Karneval, aber man braucht ein dickes Fell, um es zu entdecken. Selbst der Alternative Karneval hat seine Ekelnote, so die Duftmarke der Caroline Kebekus. In ihrer Karnevalssitzung „Deine Sitzung“ wird hemmungslos das Mett verehrt mit dem ritualisierten Ruf: „Backeen! … Hackeen! … Mett!“ Hier fehlte unbedingt der Sicherheitshinweis: Nach dem Toilettengang bekennender Rohfleischesserinnen wie Kebekus und Sangesschwestern sollte man in der Nähe kein offenes Feuer entzünden. Helau!

Wo bleibt das Positive? Nahezu verliebt habe ich mich in die reizende Präsidentin der Kölner Mädchensitzung (ZDF), Martina Kratz, im Zivilberuf Dr. der Rechtswissenschaft an der Uni Köln.