Theorie und Praxis der Handschrift – Motivationshilfe Kalligraphie, Malerei und Musik

Liebe Kolleginnen und Kollegen. Das nachfolgende Musikvideo zeigt Handschrift in Verbindung mit malerischen Prozessen. Die Schrift erinnert an Fairbanks Schulausgangsschrift, ist nicht sonderlich schön, aber aufgehübscht mit ein bisschen Wasser, farbiger Tusche und Farbe. Ich hoffe, ihr findet es motivierend. (Für evtl. eigene Versuche bitte auf festen Karton schreiben, weil sich Papier wellt, wenn es nass wird.)

NOW I’M ALL MESSED UP – Tegan & Sara from Travis Hopkins on Vimeo.

Theorie und Praxis der Handschrift (3) Wo sind meine Seminarteilnehmer?

Grafik: JvdL

Seit einiger Zeit halten sich die anfänglich begeisterten Seminarteilnehmer zurück. Von drei Kolleginnen bekomme ich gelegentlich Wasserstandsmeldungen, die anderen sind untergetaucht, offenbar, das hoffe ich, sehr beschäftigt mit dem Üben der Fairbank-Handschrift. Ich bin gespannt, ob wir am 18. einige Ergebnisse zu sehen bekommen. Als kleine Erinnerung ans Thema habe ich einen handschriftlichen Text des niederländischer Kabarettisten und Autors Wim de Bie übersetzt, der irgendwann in den 1980-er Jahren diesen visionären Text als Zeitungskolumne in der Tageszeitung de Volkskrant veröffentlicht hat. Darin wird deutlich, wie abhängig man von der Computertechnologie ist und wie es sich auf das Schreiben mit der Hand auswirkt. Ich habe den Text so gut es ging übersetzt, bis auf die unübersetzbare Überschrift. Sie ist ein Wortspiel, den Stuk ist im Niederländischen ein Homonym und bedeutet Schriftstück und entzwei. Für Verbesserungsvorschläge der Übersetzung bin ich offen.

Stuk

Wer per Computer schreibt, der schreibt über das Schreiben mit Computer. Jeder Publizist, Kolumnist und Journalist, der/die seine/ihre Beiträge mit Hilfe von Tastatur, Bildschirm, Drucker und Diskettenlaufwerk gestaltet, hat sich schon einmal öffentlich poetisch ausgelassen über das Wunder der neuen Textverarbeitung. Überzeugende Beiträge waren das, die den meisten das letzte bisschen Computerangst genommen haben. Über einen Aspekt wurde noch nicht geschrieben, darüber was geschieht, wenn eines der Geräte den Geist aufgibt. Kaputt! Der Computer, auf dem ich zwei Jahre geschrieben habe und der mich abhängig gemacht hat, ist defekt. Ich war mitten in einem Beitrag, hatte schon 873 Wörter und plötzlich: Tilt! Der Bildschirm fiel aus! Die Wut, die dann in dir hochkocht, ist unbeschreiblich. Leider konnte ich so schnell keinen Hammer finden. Bei derlei Defekt zeigt sich, wie abhängig von der Technik man ist. Die achtziger Jahre? Du gehörtest ganz dazu. Nun stehen die toten Apparate da und starren dich an. Meine Glückseligkeit habe ich ausgeliefert an eine Handvoll Speicherdisketten, die ich nicht mehr zum Leben erwecken kann. Doch da ist noch etwas Schlimmeres. Ich hatte nichts mehr zu Schreiben im Haus. Meine Schreibmaschine habe ich schon vor Jahren entsorgt. Ich musste mir einen Stift beim Nachbarn leihen. Und was zeigte sich? Meine schöne, regelmäßige, flüssige, männliche Handschrift (mit der ich früher manchem Mädchen den Kopf verdrehen konnte), ist verschwunden!

Aufgabe: Notiere handschriftlich deine Erfahrungen, jetzt 30 Jahre später.

Der rasende Schlampertoni

Wenn meine Mutter etwas verloren oder verlegt hatte, betete sie zum Hl. Antonius. Er galt bei uns als Schutzpatron, der beim Finden hilft. Im Volksmund wird der Heilige auch Schlampertoni genannt. Ich habe schon als Kind nicht geglaubt, dass der Schlampertoni bei irgendwas hilft. Die Zuweisung ist, wie ich heute weiß, sowieso falsch. Wie kommt der Schlampertoni zu seinem Ruf? Ein mittelalterliches Lobgebet auf Antonius beginnt mit den Worten „Wenn du suchst …“ Das wurde im gläubigen Volk ganz konkret verstanden, obwohl die spirituelle Suche gemeint war. Solche Irrtümer aufzuklären, ist nicht gut.

Das wusste schon der Schlampertoni und schrieb: „Unsere Zeit ist durch das hohle Wissen ihrer Leser und Zuhörer so weit gekommen, dass sie des Lesens überdrüssig wird (…)“. Hohles Wissen und Aufklärung nimmt den Menschen den Glauben, hier einen Nothelfer zu haben bei der Suche. Vor allem erfährt der Mensch, dass er jahrelang mit einem falschen Weltbild herumgelaufen ist. Aber was heißt schon „falsch?“ Ein Großteil unserer Kultur geht auf Irrtümer und falsch Verstandenes zurück, ja das Irrige ist ein wesentliches Gestaltungselement unserer Sprachen. „Postfaktisch“ war der Mensch schon immer.

Ein aktuelles Beispiel: Das kölsche Wort „rosen“ bedeutet „rasen“, „herumtollen“, „toben“. Es wird mit langem O gesprochen wie in Toast. Dieses „Rosen“ gab dem Rosenmontag den Namen. Das Homonym (Teekesselchen) „rosen“ mit den „Rosen“ gleichzusetzen und in Analogie vom Veilchendienstag zu sprechen, ist demnach, was die Sprachwissenschaft Volksetymologie nennt. Volksetymologie beruht auf falschen Zuweisungen, Irrtümern und erfundenen Analogien. Auf diese Weise treibt sie den Sprachwandel voran und nährt eine lebendige Sprache. Sprachwandel vollzieht sich als Strömung und ist vom einzelnen Besserwisser nicht aufzuhalten, wie am Beispiel halbschwarz zu sehen.

In der Welt des Digitalen ist der Schlampertoni eine Suchmaske, und das Gebet ist die Suchphrase. Bald wird es diese Suchfunktion auch für Dinge geben. Einige von uns werden eine Dingwelt erleben, die sich mit einer Suchfunktion durchstöbern lässt. (Meine Horrorgeschichte „Das Verzeichnis“ handelt davon.) Schon heute haben moderne Produkte einen RFID-Chip. Er sitzt versteckt in Etiketten von Kleidungsstücken, unter Parfum- und Rasierwasserflaschen, Haustiere tragen ihn unter der Haut. Ein paar Dumme auch. Ab 2010 steckt ein RFID-Chip im Personalausweis. RFID-Chips dienten ursprünglich der Warenverfolgung im Handel, und sie werden bald in so vielen Dingen verborgen sein, dass man sie über den privaten Computer suchen und auffinden kann. Du gibst in die Suchmaske: „Schnubbel“ ein, und schon sagt dir der Rechner, wo der „Schnubbel“ liegt. Da braucht man sich keine Gedanken mehr zu machen, wo man die ungeöffneten Mahnungen hingelegt hat. Sie rufen plötzlich aus mehreren Schubladen, hier bin ich!

Die Sache wird kein Segen sein. Denn der von der Erinnerung an sein Weglegen entlastete Mensch verliert eine weitere Notwendigkeit zu denken. Ja, Denken wird überhaupt bald gänzlich aus der Mode kommen. Wozu ist es eigentlich gut? Es strengt nur an. Wir werden die Maschinen zunehmend für uns denken lassen. Dieser Prozess hat längst begonnen. Was tritt an die Stelle des Denkens? Verzweifeln. Verzweiflung über das Unwägbare der digitalen Vorgänge. Wir sitzen verzweifelt vor dem Rechner, weil ein Programm nicht funktioniert, verzweifelt versuchen wir die Hot-Line einer Telefongesellschaft zu erreichen, gänzlich verzweifelt schauen wir auf die Smartphone-Anzeige „Kein Netz“, lesen am Geldautomaten: Falscher PIN. Das GPS-System im Auto versagt. Der Fahrer verzweifelt. Und mühsam ächzend greift er nach der Karte, die so unhandlich aufzuschlagen ist, wo ein Weg mit den Augen herausgepiddelt werden muss, ach, man kann es schon gar nicht mehr, das ist ja wie zu Fuß gehen auf der Autobahn.

Die Dauerverzweiflung wird sich mit den Generationen in den Physiognomien niederschlagen. Die Augen rücken zusammen und die Augenbrauen hängen – es tritt auf: der DAM, das ist: der Dämlichste Anzunehmende Mensch, dem es noch nicht mal vergönnt ist, einen Schnubbel zu verlegen. Er hat jederzeit alles an der Backe. Bald schon werden die Dinge den entmündigten Menschen herbeizitieren und ihn zu Handhabungen und Aktionen auffordern, weil es gut für ihn ist.

Teestübchen Humorkritik – Tata, tata, tataaa! Karneval

Morgens werde ich wach, ist mein Humor weg, die heitere Gelassenheit zog gerade als letzte die Tür hinter sich zu. Es war wie der Auszug der Israeliten aus Ägypten. Ich habe das Pack aber nicht verfolgt. Man weiß ja, wie das endet. Mittwochs wird bei uns im Haus die Treppe geputzt. Ich habe keine Lust mit einem Eimer Putzwasser kaltgestellt zu werden, während die Ironie, der Nonsens, die Albernheit und die heitere Gelassenheit quasi trockenen Fußes in den Keller talpen. Der heiteren Gelassenheit habe ich noch hinterher gerufen: „Was soll der Quatsch? Warum schließt du dich diesen Weicheiern an?!“

Ich gebe zu, es gibt in dieser Welt nicht mehr viel zu lachen. Aber das war Fahnenflucht. Ach, wie schön die Zeit, als ich an jedem Abend bekifft war und mich köstlich amüsieren konnte über alles im TV, wenn ich einfach den Ton weggeschaltet habe. Nun trinke ich seit Neujahr nicht mal mehr Alkohol und kann seit Wochen das abendliche TV-Programm kaum noch ertragen. Dabei meide ich die Privatsender grundsätzlich. Es geht um das öffentlich-rechtliche Angebot. Sehenswertes wird immer seltener, wenn man nicht auf Tierfilme, Quiz und Talk, Kochsendungen, Produktvergleiche oder die Flut der Krimiserien steht. In den letzten Wochen war den Karnevals-Sitzungen nicht zu entkommen, die, wenn man wie ich im protestantischen Hannover lebt, Berichte aus einer Parallelwelt sind. Ich beschloss, dem mit ethnologischem Interesse zu folgen, denn Karneval ist durchaus ein kultureller Faktor in unserer Gesellschaft, das müssen auch die Bewohner karnevalsbefreiter Zonen zugeben.

Ich habe mich durch die dritten Programme die Rheinschiene rauf und runter gezappt, nichts notiert, sondern schildere nur meine Eindrücke. Auf der Südschiene SWR, HR und Saarländischer Rundfunk sind die Witze flach, die tänzerischen Darbietungen dagegen dominant, was der plausiblen Logik folgt: Wenn wir schon zu bräsig sind, gute Witze zu machen, sollen die Mädels wenigstens gut tanzen. Fette Karnvalisten stecken ihre Töchter in hübsche Gardeunifomen und lassen sie in Formation über die Bühne hüpfen, wie dressierte Ponys marschieren, herumwirbeln, in den Spagat springen, dass es einen in der Leiste zerrt allein beim Zuschauen. Die Perfektion des Formationstanzes lässt harte, zeitaufwändige Übung vermuten, dass den Mädels kaum Zeit bleibt sich zu fragen, in welche wahnwitzige Mühle sie da geraten sind und wozu überhaupt.

Eine gestandene Frau erzählte in ihrer Büttenrede, wie ihr nackter Mann vor dem Badspiegel posiert und sie fragt: „Sehe ich nicht aus wie ein griechischer Gott?“ Achtung der Gag: „Was glauben Sie, wie lange ich gebraucht habe, ihm klarzumachen, dass Buddha kein griechischer Gott war?“ Tataaa! Das kam aus der Gegend von Mainz. Woanders stand eine etwa 14-jährige Nachwuchsrednerin auf der Bühne und erzählte denselben Witz, nur dass der fette, nackte Mann im Bad ihr Vater war. Dass niemandem in der Redaktion aufgefallen war, wie verfänglich aus dem Mund einer 14-jährigen ist, wenn ihr nackter Vater im Bad vor ihr posiert, lässt ahnen, wer diese Sitzung übertrug: der Saarländische Rundfunk.

Das Widerlichste aber kam aus einer anderen Randzone, dem Grenzort Aachen. Niemand wanzt sich derart schamlos an die herrschenden Eliten ran wie die Lackschuhkarnevalisten vom Aachener Karnevalsverein (AKV) bei der „Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst“, wo Aachens High Society fade Witze vornehmlich über Schwächere bejubelt wie den einen, vermutlich aus einer Vorjahrssendung, den ich beim Vorbeizappen auffing. Der Möchtegernkabarettist Ingo Appelt machte sich über Flüchtlinge lustig. Gegen deren Treck über die Balkanroute solle man an der Grenze ein Schild aufstellen:“Wir sind umgezogen“, und dann stimmte er das Karnevalslied der Kölner Gruppe „Die Höhner“ an: „Die Karawane zieht weiter…“ Herrgott, hatten die besseren Herrschaften einen Spass.

Derlei Töne hört man in Düsseldorf nicht, allenfalls die Bestätigung dessen, was Ambrose Bierce in Des Teufels Wörterbuch schreibt:

„Eozän, das: Erste der drei großen Perioden, in die Geologen das Alter der Welt unterteilt haben. Aus dem Eozän stammen die meisten bekannten Witze“,

wie auch der von der schwerhörigen Fee, die im Keller einer Kneipe hockt und Wünsche erfüllt, aber immer falsch versteht, so dass der Wirt in seiner Kneipe einen 20 Zentimeter langen Schimmel hat. Früher wurde der Gag erzählt mit einem 20 Zentimeter langen Mario Simmel, der über die Theke lief, aber der professionelle Witzerzähler ging wohl davon aus, dass man sich in Düsseldorf nichts mehr unter Simmel vorstellen kann.

Was auch immer gut kommt, sind Veganerwitze, wie ich einen vom blond gewordenen Dauergrinsen Guido Cantz hörte: Ab und zu gönne er sich einen Gyros-Teller, und wie ihm vorher das Wasser im Munde zusammenläuft, wenn das krosse Fleisch mit dem Motormesser vom Spieß abgesäbelt würde, frage er sich, ob Veganer das auch hätten, wenn sie mit der Motorschere die Hecke stutzen. Cantz kann man im Kölner Karneval nicht entgehen, wo er wie ein Conferencier mit dem Publikum interagiert, gerne mit anwesenden Politikern wie dem NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU). Laschet durfte sich königlich amüsieren, als Cantz von jungen Politikern schwärmte wie dem österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz, der so jung sei, dass, als er auf Staatsbesuch bei Angela Merkel war, ihr die Milch eingeschossen sei. Da hielt sich Laschet kichernd den Bauch, verlor die gute Laune aber, als ein politischer Redner namens Rumpelstilzchen heftig über Alexander Gauland von der AfD herzog. Schließlich war der mal CDU-Mitglied. Als Rumpelstilzchen dann auch noch die Kölner Spitzenpolitiker schalt, von Problemen nie was zu wissen, aber bei der Prinzenproklamation in der ersten Reihe sitzen zu wollen, hat der brave Regisseur die Reaktion der anwesenden Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker lieber erst gar nicht gezeigt.

Es gibt noch das Anarcho-Element im traditionellen Karneval, aber man braucht ein dickes Fell, um es zu entdecken. Selbst der Alternative Karneval hat seine Ekelnote, so die Duftmarke der Caroline Kebekus. In ihrer Karnevalssitzung „Deine Sitzung“ wird hemmungslos das Mett verehrt mit dem ritualisierten Ruf: „Backeen! … Hackeen! … Mett!“ Hier fehlte unbedingt der Sicherheitshinweis: Nach dem Toilettengang bekennender Rohfleischesserinnen wie Kebekus und Sangesschwestern sollte man in der Nähe kein offenes Feuer entzünden. Helau!

Wo bleibt das Positive? Nahezu verliebt habe ich mich in die reizende Präsidentin der Kölner Mädchensitzung (ZDF), Martina Kratz, im Zivilberuf Dr. der Rechtswissenschaft an der Uni Köln.

Der dicke Hubert und das nervöse Karlchen

Heute morgen auf der Suche nach einem Blatt, worauf ich einst das Exemplar Sheet von Alfred Fairbank nachgeschrieben habe, hatte ich im Nu einen Papierwust auf dem Tisch, der mich Hunderte Dinge finden ließ, aber nicht das gesuchte Blatt. Es ist im wahrsten Sinne unfassbar, was sich allein in den 13 Jahren meines Bloggens an Material angesammelt hat. Da sind nicht nur die Blogprojekte, sondern auch alles, was sich begleitend im analogen Leben ergeben hat und dessen Objekte einer schreibenden Aufarbeitung harren oder auch nur aufbewahrt werden als Artefakte des gelebten Alltags. Natürlich fand ich auch Spuren angefangener Schreibprojekte wie die autobiografische Serie „Jüngling der Schwarzen Kunst“, vor zwei Jahren veröffentlicht im Teppichhaus Trithemius. Ich habe mich jedenfalls entschieden, dieses Projekt weiterzuführen. Da sind bereits 78 Buch-Normseiten und Material genug für doppelt soviele Buchseiten. Eine Sequenz daraus will ich hier veröffentlichen, weil sie anschließt an den Beginn meines Beitrags „An der Ypsilongabel.“ Es geht um das morgendliche Busfahren.

Täglich nimmt der Jüngling den ersten Bus um 6 Uhr 35. Es gibt auf dieser Linie zwei Busfahrer, die sich wöchentlich abwechseln, der dicke Hubert und das nervöse Karlchen. Obwohl Hubert im nur zwei Kilometer entfernten Nachbardorf seine Schicht beginnt, kommt er fast immer zu spät. Kommt mit derselben Selbstverständlichkeit zu spät, mit der er der dicke, Respekt einflößende Hubert ist. Hubert soll ein Frauenheld sein, ist irgendwie tierhaft, immer unwirsch, wie es manche Frauen mögen. Im Sommer sitzt er im Unterhemd hinterm Steuer. Es ist auf ihn kein Verlass, nicht mal auf seine Unpünktlichkeit. Fünf Tage lang kommt er zwanzig Minuten zu spät, und am sechsten Tag auf die Minute, so dass, wer sich auf Huberts Unpünktlichkeit einstellt, den Bus verpasst. Im Winter, wenn es noch stockfinster ist um diese Zeit, hat man schon oft frierend auf Hubert gewartet, ein ganzes Häuflein an der Haltestelle im noch schlafenden Dorf, aber nie hat es wer gewagt, Hubert wegen seiner Unpünktlichkeit zu ermahnen.

Dabei fährt immer ein Ehepaar mit. Der Mann könnte doch mal was sagen, denkt Nettesheim, wenn er ein Kerl wäre. Nettesheim hegt einen Groll auf das Paar. Irgendwann hat er versäumt, die beiden zu grüßen, und jetzt ist es immer peinlich, ungegrüßt mit ihnen an der Haltestelle zu stehen und auf Hubert und seinen Bus zu warten. Der Mann trägt einen Bürstenhaarschnitt. Nettesheim vermutet, dass er die Haare hochföhnt, um wenigstens einen halben Zentimeter größer zu sein als seine durchaus kleine Frau. Das Paar sitzt im Bus natürlich nebeneinander, er am Fenster. Der Mann packt dann die Lokalzeitung aus, reißt sie immerzu heftig auseinander und fuchtelt mit seiner zeitungsbewehrten Rechten unter ihrer Nase herum.

Das nervöse Karlchen, der schon bejahrte Mann, fährt und verhält sich so, als könnte er selbst nicht glauben, dass er den Busführerschein hat. Karlchen kommt fast immer ein klein wenig zu früh, besonders im Sommer. Auf den Dörfern nahe der Stadt wird der Bus voll, und die Leute rennen von allen Seiten heran, wenn Karlchen wieder zu früh kommt. Einmal hört der Jüngling, warum Karlchen immer so zeitig ist. Da sagt er zu einem Fahrgast: „Ich seh so gern, wenn die Mädchen laufen müssen und die Äpfelchen hüpfen!“ Soll sich was schämen, denkt der Jüngling, so ein alter Mann! (Aus: Jüngling der Schwarzen Kunst, demnächst mehr)

An der Y-Gabel (1) – Entscheidungen, die ich bedauere

Die meiste Zeit meines Lebens musste ich um 6 Uhr morgens aufstehen. Mit 13, nach acht Volksschuljahren, begann ich eine Lehre in einer Neusser Buchdruckerei und fuhr um 6:35 mit einem Bus dorthin, der wie eine Sorte Lumpensammler über die Dörfer kurvte und Leute mitnahm, um sie um 7:30 Uhr in Neuss abzuliefern. Später als Lehrer stand ich auch um 6 Uhr auf. Das Gymnasium, an dem ich ab 8 Uhr morgens unterrichtete, lag außerhalb von Aachen, aber war bequem mit dem Fahrrad zu erreichen. Das tat ich gut 25 Jahre, und so ist es kein Wunder, dass ich noch heute gegen sechs Uhr aufwache.

Ganz selten gelingt es mir nochmals einzuschlafen, heute beispielsweise. Wenn ich erwache, liege ich meistens auf der linken Seite, und mein Blick fällt aus dem Fenster, wo ich in das Gewirr der Verästlungen und Verzweigungen einer stattlichen Eiche schaue. Zu dieser Jahreszeit heben sie sich um sechs Uhr nur schwach vor dem Nachthimmel ab, aber als ich gegen acht Uhr die Augen erneut öffnete, war es wie irrwitziger Scherenschnitt vor einem grauen Himmel. Ich musste an die Verästlungen und Verzweigungen eines Lebenswegs denken. Betrachtet man das leicht im Wind sich wiegende Ende eines Zweigs, dann ist der Ort seiner Spitze ein plausibles Ergebnis von Wachstumsentscheidungen der Zweige, der Äste, des Stamms und der Wurzeln. So ist auch jeder Lebensweg rückwärts betrachtet plausibel. Dass ein Mensch dort steht, wo er steht, ist das Ergebnis von Entscheidungen, deren Tragweite sich erst rückwärts betrachtet einstellen.

Das Ypsilon galt von der Antike bis in die Neuzeit als Symbol des freien Willens. (Abb. aus Buchkultur im Abendrot, Kartoffeldruck auf Scanner, Grafik: JvdL) In der Literatur hat das Ypsilon viele Namen: Der „bifurcata littera“, „littera Pythagorae“, „Libre arbitre“, „der Scheidweg des Herkules“ „die Kreuzwegsfigur des Pythagoras“. Der untere Stamm des Ypsilons symbolisiert die lautere und reine Kindheit, die Äste stellen die Gabelung des Lebensweges dar, an dem der Heranwachsende wählt, links den bequemen Weg des Lasters, rechts den steilen, steinigen Weg der Tugend.
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Theorie und Praxis der Handschrift (2) – Das Konzept der Ausgangsschrift (2.2) Der unheilvolle Einfluss der Graphologie

Grafik: JvdL

Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass Schreiben zu lernen im 19. Jahrhundert aus Nachahmung und Drill bestand, zeigt sich das Revolutionäre von Larischs Schriftmethode. Noch 1843 schwärmt der Didaktiker J.H.Schöne von „lebendigen Schreibmaschinen“ und weiter: „Es ist nicht zu erwägen, in welcher Spannung sich die ganze Klasse befinden muß, wenn sie sich in stets gleichmäßigem Fortschreiben befinden soll. Die glückliche Aufführung eines solchen Schreibens bietet einen herrlichen Anblick.“ Schöne meint den Drill nach der amerikanischen „Takt-Schreibmethode “, die ganz auf maschinenmäßige Bewegungsabläufe angelegt war. Solches Schreiben lernt das Kind im „Blick- und Horchkontakt mit dem Lehrer (1,2,1,2)“ (zitiert nach Wuttke; Kind und Schrift) Das impressionistische Glücksgefühl ist da ganz auf der Seite des Lehrers. Wer wollte da nicht Kind gewesen sein?

Von Larischs Denkansatz, die je individuelle Buchstabenform zur Entfaltung zu bringen, aus den Tiefen der menschlichen Psyche zu heben, ist eine hübsche Idee, ganz im Geist des Expressionismus. Sie ist geeignet, eine große Vielfalt der Schriftformen hervorzubringen, quasi eine unerschöpfliche Datenquelle für die Graphologie. Das erkennt auch der Philosoph und Psychologe Ludwig Klages. Er ist dabei, zu seiner Charakterkunde eine grundlegend neue wissenschaftliche Graphologie zu entwickeln. Daher befürwortet er das Konzept einer Ausgangsschrift, deren Entwicklung zur Charakterschrift dem Kind überlassen bleibt. Klages schreibt über bisheriges Schreibenlernen:

“Mit ihrem Ideal blitzsauberer Gestochenheit“ entsprach sie jenem ungewöhnlichen Tiefstande der künstlerischen und handwerklichen Kultur, der das letzte Drittel des vorigen Jahrhunderts kennzeichnete.“

Von der Ausgangsschrift erhofft er sich „den wunderbaren Reichtum lebendiger und gewachsener Buchstabenformen (…).“ Für die Didaktik der Ausgangsschrift schlägt er vor: „persönliche Abweichungen vom Vorbilde werden etwa vom vierten Schuljahre zugelassen, überwacht und gefördert.“ Unter Klages Einfluss wird der Begriff „Schriftvorlage“ durch den der „Ausgangsschrift“ ersetzt. Was von Larisch als Methode der Schrifterfindung durch Kunststudenten gedacht hatte, wird jetzt auf den Erstschriftunterricht übertragen, aber ohne die Unterstützung durch die Lehrkraft zu gewährleisten. Von Grundschullehrerinnen und Grundschullehrern kann die künstlerische Kompetenz nicht einfach erwartet werden, sondern müsste Teil ihres Studiums sein, was bis heute nicht der Fall ist. Im Sinne der Graphologie ist aber gar nicht nötig, die Charakterschrift zu künstlerischen Qualität zu entwickeln. Sie bietet gerade in ihrer Unfertigkeit genug Anhaltspunkte.

Das Konzept der Ausgangsschrift war demgemäß zu Zeiten der Reformpädagogik umstritten, und setzte sich erst unter den Nationalsozialisten durch. So war die 1918 eingeführte Schulschrift Ludwig Sütterlins noch eine reine Vorlage und musste möglichst getreu nachvollzogen werden. Den Nationalsozialisten missfiel Sütterlins Kurrent. Ihr wurde eine künstlerische Formerstarrung vorgeworfen und das Undeutsche, „weil die Rundungen nichts mit dem deutschen Spannungsbedürfnis gemeinsam haben. Das Schwelgen in abgerundeten Formen kann man anderen Nationen überlassen.“(T.Thormeyer; Heraus aus der Schriftverelendung, in Schrift und Schreiben, Heft 4, 1934) Der Kölner Museumsdirektor Gustav Bartel sieht die „Gefährlichkeit“ der Sütterlin darin, „dass auch in ihr jenes rein rationale Denken darauf ausging, die lateinischen und deutschen Schriftformen zu verwischen.“ (ebd.) Zudem glaubte man nicht, dass die Sütterlin als rasche Verkehrsschrift geeignet war. Auch verwehrten ihre starren Formen den graphologischen Blick auf den Menschen.

Mit dem nationalsozialistischen Frakturverbot von 1941 kam auch das Aus für die Sütterlin. Mit der danach eingeführten Deutschen Normalschrift begann das Elend der Ausgangsschriften und der Aufwind der Graphologie. Im Dienste der Nationalsozialisten wächst dem Graphologen erstmals eine unheilvolle Macht über Menschen zu. Auf Ludwig Klages diffuser Lehre aufbauend, isoliert man nicht nur charakterliche, sondern auch rassische Merkmale aus der Handschrift. Die Graphologie wird zum probaten Selektionsinstrument. Der Graphologe wird zum Taxator, der den Daumen hebt oder senkt, der vermeintlich rassisch oder charakterlich Minderwertige aussortiert und sich dabei vor seinen Opfern nicht zu rechtfertigen braucht, da er seine zweifelhafte Kunst, dieses pseudowissenschaftliche Kaffeesatzlesen, im Geheimen ausübt. Von diesen Wurzeln her stinkt die Graphologie noch heute. Sie ist weiterhin ein missbräuchliches Machtmittel von fragwürdiger Natur.

Eine für das graphologische Internetmagazin „Graphologie News“ als Redakteurin tätige Graphologin sandte mir letztens neues Material, um die wissenschaftliche Gültigkeit der Graphologie zu untermauern. Doch das Problem der Graphologie liegt nicht hauptsächlich in der mangelhaften Verlässlichkeit ihrer Aussagen. Graphologen und ihre Auftraggeber treibt der Wunsch, den gläsernen Menschen vor sich zu sehen. Freilich geht es hier undemokratisch und hierarchisch zu, denn wer die Macht hat, andere beschnüffeln zu lassen, wird sich selbst gegen derlei Übergriffe wappnen. Wer die Macht nicht hat, sollte sich trotzdem weigern, die eigene Handschrift in Einstellungsverfahren der Beurteilung durch Graphologen preiszugeben. Und Graphologen, die sich bedenkenlos zu Bütteln von Personalchefs und anderen Schnüfflern machen, sind ein rechtes Übel und sollten keinesfalls bewundert werden ob ihrer „Fähigkeiten“, wie das in populären Zeitungsartikeln oft geschieht, sondern müssen verachtet werden. Diese Leute dienen jedem Herrn, und ihr Tun führt pfeilgerade zum Tracking-Armband, das Amazon seinen Mitarbeitern umschnallen will und das jede ihrer Handbewegungen aufzeichnet, sogar vibriert, wenn etwa ein Paket falsch einsortiert wird.

Ich werde zornig über das unbedarfte Geschwafel, wenn ich in Zeitschriften oder Zeitungen Überschriften lese wie „Graphologie, die faszinierende Welt der Handschrift“ oder „Was Ihre Handschrift über Sie verrät.“ Der Unsinn nimmt kein Ende wie hier auf NDR.de.

„Die Handschrift stirbt aus! In ein paar Jahren wird niemand mehr mit der Hand schreiben“, warnt der Vize-Chef des Deutschen Literatur-Archivs in einem großen Interview. Das wäre aber wirklich schade, schließlich sagt Handschrift soviel über uns aus“,

schreibt die NDR-Autorin. Derlei hilflose Berichte von komplett ahnungslosen Schreiberlingen beschleunigen den Prozess nur. Zur Frage, warum wir etwas gegen das Aussterben der Handschrift unternehmen sollen, fällt ihr nur eines ein: Weil die Handschrift „soviel über uns“ aussage, gefolgt vom Auftritt der Graphologin. Holla! Das motiviert in Zeiten der enthemmten Datensammelei. Sofort werden wir mit unserer Handschrift an die Öffentlichkeit gehen, damit sie über uns aussagt, was wir selbst noch nicht wussten, was aber die Dame Graphologin auszuplaudern weiß. Welch ein Dreck! Als würde man ein Kind vor dem achtlosen Überqueren der Straße warnen und es anschließend unter ein Auto schubsen.

Bei solch dummen Publikationen wundere ich mich gar nicht, dass die Leute sich zunehmend scheuen, ihre Handschrift in die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Man frage sich einmal selbst, wann man zuletzt einen handschriftlichen Text veröffentlicht hat außerhalb dieses Seminars. Manche finden ihre Handschrift aber auch zu hässlich oder können sie nicht mehr lesen, wenn sie etwas notiert haben. Schuld ist hier tatsächlich die Schule, weil nach der Vermittlung der Erstschrift die Schüler mit den Problemen ihrer Handschrift allein gelassen werden, ein weiterführender Unterricht in Handschrift nicht stattfindet. Darum also:

Weg vom nationalsozialistischen Erbe der Ausgangsschrift, zurück zum Erlernen und Weiterentwickeln schöner Formen! Nur so kann die Handschrift auf Dauer überleben.

Hurra – Die schönsten Augen sind da! – Reklame

Die Tage vergehen, mal wir es dunkel, mal wird es hell, und dieses Regelmaß lässt einen denken, es werde immer so weiter gehen. Durchbrochen wurde es gestern bei mir, als ich nämlich Schmerzen in meiner Hand spürte, die mich schwach erinnerten an jene, die vor jetzt sechs Jahren dem Herzinfarkt vorausgegangen waren. Schon stand mir wieder meine eigene Endlichkeit vor Augen und ich bedauerte, dass ich mein jüngstes Buch vielleicht gar nicht mehr zu Gesicht bekommen würde. Zum Glück war’s nur Chirospasmus.

Bedingt durch vorweihnachtlichen Trubel bei e-publi ist nämlich das Belegexemplar meines Buches nicht produziert worden. Und wenn einmal der Wurm drin ist; eine, zwei zusätzliche Pannen haben dazu geführt, dass ich das Buch heute erst bekam. Welche Freude, also nicht das „erst“, sondern „bekam.“ Denn es ist mit Abstand das schönste Buch aus der Edition Teestübchen Trithemius, inwendig gestaltet von Christian Dümmler, einem echten Buchkünstler, nicht von einem Wald- und Wiesen-Typografen, sprich Schriftsetzergesellen wie ich einer bin.
Es besteht also jetzt die Gelegenheit, dieses Büchlein zu meinen Lebzeiten zu erstehen. Nicht dass einer kommt, will eine Widmung und kriegt sie nicht, weil ich schon versehentlich gestorben bin. Ich will’s nicht heraufbeschwören, sondern sag’s ja nur.

Jules van der Ley
Die schönsten Augen nördlich der Alpen
46 schräge Geschichten,
156 Seiten (mit echten Buchstaben)
Verlag e-publi/Edition Teestübchen Trithemius

TB 14,99 Euro
ISBN 978 3-7560681

natürlich auch als e-book
1,99 Euro

Theorie und Praxis der Handschrift (2) – Das Konzept der Ausgangsschrift (2.1) Entstehung

Grafik: JvdL

Erinnern wir uns an Richard de Bury und das Philobiblon. Wenn er mit seinem Buch von der Bücherliebe etwas bewirken wollte, wird er beim Verfassen sorgfältig und möglichst schön geschrieben haben und vermutlich hat er auch darauf geachtet, dass sein Manuskript sorgfältig und gut lesbar kopiert, also abgeschrieben wurde. Eine unleserliche Kopie wäre wertlos gewesen. Erst als Schreiben durch den Buchdruck mechanisiert wurde, als sich also Kopf und Hand trennten, kam Schön zu schreiben in den Ruch des Kunsthandwerks. Das wurde nicht sogleich offenbar, weil viele Buchdrucker auch Gelehrte und Spezialisten in Typographie und Orthographie waren. Das gilt auch für die Schreibmeister. Da sie Schreibkräfte für die Kanzleien ausbildeten, brachten sie ihnen auch eine Orthographie bei.

Mit zunehmender Alphabetisierung verschwindet der Typus des gelehrten Buchdruckers. Auch Schreibmeister galten zunehmend als Handwerker. Als nach dem 2. Weltkrieg in Dänemark diskutiert wurde, die Groß- und Kleinschreibung abzuschaffen, bezeichnete der dänische Linguist Otto Jespersen die Großschreibung als „wertlose Einfälle von Schreiberknechten.“ Der überhebliche Blick auf die Kanzleischreiber als Schreiberknechte erfasste zwangsläufig auch die Handschrift. Wer nicht in den Ruch kommen wollte, Schreiberknecht zu sein, musste unleserlich schreiben. Das war schon vor dem Aufkommen der Schreibmaschine so. In seinem wegweisenden Büchlein: „Unterricht in ornamentaler Schrift“ von 1905 schreibt der Kalligraf und Typograf Rudolf von Larisch: „Eine gute und interessante Handschrift wird von Gebildeten kaum geschätzt. Ein Gelehrter schämt sich ’schön‘ zu schreiben, was schon die studierende Jugend anspornt, womöglich unleserlich zu kritzeln und geschmacklos Schrift anzuordnen.“

Das wollte der in Wien lehrende von Larisch ändern. Vor allem wollte er weg vom getreuen Kopieren schreibmeisterlicher Alphabete. Schüler sollten nicht mehr lernen, wie gestochen zu schreiben, also nicht in exakter Nachführung der für den Kupferstich gestochenen Vorlage, sondern unter Anleitung durch den Lehrer die Formen der Buchstaben aus ihrem eigenen künstlerischen Formempfinden entwickeln.

„(…) bei strenger Vermeidung des Nachmachens aber wird gleichzeitig eine bisher zu wenig beachtete Fähigkeit des menschlichen Geistes aufgedeckt. Es ist die Fähigkeit des charakteristischen, jedem Individuum eigenen handschriftlichen Schreibcharakters, also der graphologischen Qualität(…)“

Mit seinen Ideen legte Rudolf von Larisch die Grundlage für das Konzept der Ausgangsschrift. Wie die Idee vom Graphologen Ludwig KLages aufgegriffen und vorangetrieben wurde, davon in der nächsten Lektion.

Sammeln, Ansammeln und altes Sammelsurium

Erneut musste ich heute meine Zuckertütchensammlung auflösen, weil ich nämlich vergessen hatte, für meinen Morgenkaffee beizeiten neuen Zucker zu jagen. So scheint es, als hätte ich sowohl als Jäger wie auch als Sammler versagt. Dem möchte ich widersprechen, denn ich kann durchaus behaupten, seit vielen Jahren ein Sammler von Zuckertütchen zu sein, ohne eine große Sammlung zu besitzen. Es ist auch nicht erforderlich, dass ich zum Beweis meiner Sammlertätigkeit die Zuckertütchen fotografiere. Ich bin schließlich kein Sammler von Zuckertütchenfotografien.

Mein leider verstorbener Freund Coster sammelte einiges, unter anderem die verschiedenen Verrottungszustände von Bananenschalen. Genauer, er fotografierte sie, denn eine reale Sammlung von Bananenschalen würde sich ja ständig verändern, und am Ende wären die einzelnen Verrottungszustände kaum noch voneinander zu unterscheiden. Wie kam er dazu, Fotos von Bananenschalen zu sammeln? Ihm war aufgefallen, dass Bananenschalen nicht weggeworfen, sondern abgelegt werden, auf Fensterbänke, in Hausecken, auf die grauen Kästen der Post oder andere Stadtmöbel. Diese interessante kulturelle Prägung dokumentierte er, die allgemeine Übereinstimmung, dass Bananenschalen nicht weggeworfen werden dürfen, denn es könnte jemand darauf ausrutschen. Ich wüsste gern, ob diese Übereinkunft auch im Osten gilt. Dort ist man bekanntlich erst spät auf die Banane gekommen, und es hat gewiss keine Lehrfilme gegeben, in denen die Gefahr des Ausrutschens eindrucksvoll demonstriert wurde. Jedenfalls gehört es zum Kulturgut unserer Gesellschaft, Bananenschalen nicht achtlos wegzuwerfen, sondern sie sorgsam abzulegen. Das ist angesichts der sich rasch ändernden Wertvorstellungen eine erstaunliche Konstante.

Auf meiner Zuckertütchensammlung ist noch niemand ausgerutscht, denn sie existiert weitgehend in meiner Erinnerung. Heute wurde sie wieder einmal komplett aufgelöst, ein Vorgang, der nur von geringem allgemeinem Interesse ist, für mich aber etwas durchaus Befreiendes hat. Mit dem Zucker ist’s wie mit Geld, beides soll nicht angesammelt werden, sondern fließen.

ANSAMMELN, colligere, anhäufen: (…) eine zwölf monate nach des mannes tod kindes entbundne witwe meinte: das hat sich noch vom seligen manne her angesammelt, ist noch altes sammelsurium.
(Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm)