Theorie und Praxis der Handschrift – Erste Ergebnisse der praktischen Übung

Da mir schon Blätter in Fairbank-Handschrift zugegangen sind, möchte ich sie hier zeigen. Bitte fühlt euch aber nicht gedrängt. Der Tag ist noch lang. Feldlilie hat nicht den Text kopiert, sondern die Vorlage reflektiert und kommentiert (größer: Klicken). Mein Kommentar:

Feldlilie schreibt fairbank

Liebe Feldlilie,
vielen Dank für deine Einsendung. Anders als du selber glaubst, schreibst du schon ziemlich gut für die kurze Zeit der Übung. Dass die Großbuchstaben etwas kleiner sein sollen als die mit Oberlänge hat schriftgeschichtliche Ursprünge. Die Kleinbuchstaben sind quasi die Enkel der Großbuchstaben, und ist es nicht normal, dass nachfolgende Generationen den vorangehenden über den Kopf wachsen? Wenn du Druckschriften vergleichst, da ist es genauso: Illinois. Das große I ist einen Hauch dicker und kleiner, was uns auch hilft zu unterscheiden. Ich rate dir, dich beim Schreiben nicht darauf zu konzentrieren. Das Gefühl für die richtige Höhe kommt von selbst. Auch das Tanzen der Buchstaben ist ja menschlich. Absolutes Gleichmaß ist Sache von Maschinen. Ich habe mir übrigens einen Trick überlegt, wie es vielleicht leichter für euch wird. Den hoffe ich heute noch vorstellen zu können.

Dorothea („Text & Sinn) sandte mir dieses Blatt und diese Mail:

Lieber Jules,
meine Schriftprobe liegt bei. Nicht sehr gelungen, aber es ist ja auch ein erster Versuch. Am gewöhnungsbedürftigsten fand ich das kleine t, besonders im Vergleich mit dem viel größeren h. Mein Papier ist sehr schlecht; es ist Recyclingpapier, und die Tinte verschwimmt. Ich habe den Füller auf verschiedene Weisen gehalten, aber mir gab es trotzdem keine dünnen und dickeren Linien. Woran kann das liegen? Mir fehlt leider die Zeit für das Abschreiben des ganzen Textes, aber ich werde dranbleiben und auch weiter mitmachen. Und ab sofort wieder meinen Füller benutzen und etwas mehr auf die Schönheit meiner Schreibsel achten.
Danke für die Anregung und herzliche Grüße
Dorothea

Liebe Dorothea,
dankeschön für deine Einsendung. Für einen ersten Versuch schon prima. Bekanntlich stammen unsere Kleinbuchstaben von der Karolingischen Minuskel ab. Dort hat das kleine T noch keine Oberlänge. In der Renaissance bekam es dann eine ganz leichte, stößt nur mal eben durch den Querstrich oben. Dass es keine echte Oberlänge ist, ermöglicht mit f und t schöne Ligaturen (Zusammenziehungen), ft. Ich habe das Foto so gut es ging bearbeitet, um maximalen Kontrast zu erzeugen. Das war hoffentlich in deinem Sinne. Wenn du zukünftig gutes Schreibpapier benutzt, wirst du sehen, dass deine Übungen viel besser gelingen. Der Kontrast ist dann auch höher. Wenn du eine abgeschrägte Feder benutzt, darfst du sie nicht beim Schreiben drehen, sondern musst sie stur im 45-Grad-Winkel halten. Das ergibt Haarstriche und Schwellzüge, auf weniger saugfähigem Papier deutlich zu unterscheiden.

Lieben Gruß,
Jules

In der Nacht zum Montag veröffentlichte Kollegin Karfunkelfee ihre Blätter in ihrem Blog mitsamt einer lesenswerten Reflexion. Das Ergebnis ihres beharrlichen Übens mit der linken Hand hier, von mir so gut es ging bearbeitet. Das Original ist in ihrem Blog zu sehen:

Schon vorgestern sandte Kollege Lo diese beiden ästhetischen Fotos, wobei der Leporellofalz der Vorlage eine gute Idee ist, Zeile für Zeile vor Augen zu haben:

Lo schreibt seine Handschrift und Fairbank

Leporellofalz

7 Kommentare zu “Theorie und Praxis der Handschrift – Erste Ergebnisse der praktischen Übung

    • Ja, das finde ich auch. Beide haben trotz der Vorlage ihre persönliche Note, sind aber erfreulich schön und lesbar. Das Ziel muss bei Erwachsenen nicht heißen, die eingefahrene Handschrift zu ersetzen oder zu überformen, sondern die Fairbank als zusätzliche Kompetenz zu beherrschen. Ich erarbeite gerade Übungsmaterial bzw. -vorschläge, die das Üben erleichtern. Damit dürftest du gut klarkommen.

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  1. Ach, kopiert hatte ich den Text auch. Aber je mehr Zeilen ich schrieb, desto unzufriedener wurde ich damit, weil es eben immer unordentlicher aussah, je mehr Buchstaben auf dem Papier erschienen. Ich habe mehrere Bögen Papier mit mehr Begeisterung weggeworfen als sie zu schreiben. Es ist viel anstrengender, unzufrieden zu sein, als einen Text zu schreiben…

    Gefällt 1 Person

      • Lieber Jules, besonders die Herumschnörkelei bei der ‚Schnürlischrift‘ schlaucht die Linke. Die klaren Linien und offenen Schwünge hingegen findet meine Linke prima und so klar wie Bauhaus. Es ist eine Sachliche Schrift mit Pfiff und Schwung, sie macht Schreibspaß und ermöglicht dennoch einen Fluss, wo Blockschrift stop and go bleiben muss. Ich freue mich jetzt einfach über das Lob, Steck den Lorbeer in die Vase und üb stumpf weiter große schwebendschwungvolle T‘s. Puh😉
        Danke Dir!✨

        Gefällt 2 Personen

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