Theorie und Praxis der Handschrift (4) – Vorschlag zur Übungserleichterung

Man muss ja nicht das Rad neu erfinden, sollte aber auch das bereits Bekannte nicht einfach verwerfen, dachte ich mir gestern, als ich diverse Klagen über das schwierige Üben der Fairbank-Handschrift las. Darum will ich zurückgreifen auf eine Methode, nach der unsere Urgroßeltern Schreiben gelernt haben und die durch Rudolf von Larisch in Verruf gekommen war. Die Lehrbücher der Schreibmeister waren im Kupferstichverfahren gedruckt, und zwar in Rot. Man lernte, die Buchstaben der Vorlage genau nachzuziehen.

Kupferstichalphabet

Wer das am Ende konnte, der schrieb, wie der Kupferstecher die Vorlage gestochen hat, also schrieb wie gestochen, ein schreibmeisterliches Ideal, dass es als geflügeltes Wort und Idealvorstellung sogar in die heutige Zeit geschafft hat. Dabei ist zu bedenken, dass der Grabstichel des Kupferstechers ein langsames Werkzeug ist. Mit ihm sind die barocken Zierelemente einfach zu erzeugen. Das nachschreiben zu können, und zwar mit der damals üblichen Spitzfeder, war nur durch Drill zu erreichen.

Heute haben wir bessere Schreibgeräte, bessere Vorlagen und vor allem eine andere Situation der Handschrift als von Larisch sie vorfand. Aber das Verfahren kann vielleicht beim Erlernen einer neuen Handschrift helfen. Ich habe das Beispielblatt von Fairbank in Rot ausgedruckt und einige Buchstaben nachgeschrieben. Hier ist kein Kalligrafie-Pen nötig, sondern ein Feinliner oder weicher Bleistift tuts auch. Eine weitere Möglichkeit ist das Abpausen. Wir benötige dazu echtes Transparentpapier, wie der Schreibhandel es als Entwurfblock bereithält. Beide Verfahren, Nachschreiben oder Abpausen helfen, den Charakter einer Vorlage zu erfassen und zu verinnerlichen, so dass nachher das freie Schreiben leichter fällt, weil die Formgebung schon bekannt und eingeübt ist.

Abb. 1 Fairbank als Rotvorlage, Abb. 2 Nachschrift, Abb. 3 Abgepaust mit Transparentpapier


Schriftcharaktere handschriftlich nachempfinden, Beispiel: JvdL


Das Abpausen mit Transparentpapier eignet sich auch, den Charakter einer Druckschrift zu erfassen. Was frühere Grafiker mühsam mit der Hand gescribbelt haben, hier abgepaust in drei Versionen und animiert zeigt sich das Menschliche, die leisen Unwägbarkeiten der Hand. Wir wollen sie nicht unterdrücken, denn das Unperfekte zeichnet uns aus. Beim kleinen L habe ich einmal niesen müssen, wodurch meine zeichnende Hand verrutschte. Das steckt jetzt als Ausdruckshandlung im Buchstaben. Also: Immer schön locker bleiben!

8 Kommentare zu “Theorie und Praxis der Handschrift (4) – Vorschlag zur Übungserleichterung

    • Vielen Dank für den Link, liebe Beate,
      für alle hier ist die Fairbank-Handschrift zunächst einmal ganz ungewohnt. Mir geht es darum, eine klare Vorlage zu vermitteln, die kalligraphisch ausbaufähig ist. Deine Schönschrift ist schon mal prima. Da du eine klarere Aufgeabenstellung erbeten hast: Es gilt, die Fairbank-Handschrift zu üben. Das Problem ist natürlich, dass ich viele Beiträge zur Theorie der Handschrift veröffentlicht habe und davon ausgehen muss, dass sie auch gelesen werden von denen, die am Seminaer teilnehmen. Bei der Flüchtigkeit der Blogleserei ist das eine hohe Erwartung, ich weiß. Aber anders geht es nicht. Wenn du Beiträge verpasst hast, findest du sie unter der Kategorie Handschrift alle versammelt.
      Beste Grüße nach Wien!

      Liken

  1. Der zweifellos positiv zu wertende Nebeneffekt des Lesens von blogbeiträgen ist es, dass man in dieser Zeit seine Schreibhand mit Lockerungsübungen wieder geschmeidig machen kann. 😉
    Ich drucke mir mal mangels Pauspapier die Rotschrift zum Nachziehen aus. Danke und lieben Gruß von der Fee

    Gefällt 1 Person

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