Theorie und Praxis der Handschrift (3) Wo sind meine Seminarteilnehmer?

Grafik: JvdL

Seit einiger Zeit halten sich die anfänglich begeisterten Seminarteilnehmer zurück. Von drei Kolleginnen bekomme ich gelegentlich Wasserstandsmeldungen, die anderen sind untergetaucht, offenbar, das hoffe ich, sehr beschäftigt mit dem Üben der Fairbank-Handschrift. Ich bin gespannt, ob wir am 18. einige Ergebnisse zu sehen bekommen. Als kleine Erinnerung ans Thema habe ich einen handschriftlichen Text des niederländischer Kabarettisten und Autors Wim de Bie übersetzt, der irgendwann in den 1980-er Jahren diesen visionären Text als Zeitungskolumne in der Tageszeitung de Volkskrant veröffentlicht hat. Darin wird deutlich, wie abhängig man von der Computertechnologie ist und wie es sich auf das Schreiben mit der Hand auswirkt. Ich habe den Text so gut es ging übersetzt, bis auf die unübersetzbare Überschrift. Sie ist ein Wortspiel, den Stuk ist im Niederländischen ein Homonym und bedeutet Schriftstück und entzwei. Für Verbesserungsvorschläge der Übersetzung bin ich offen.

Stuk

Wer per Computer schreibt, der schreibt über das Schreiben mit Computer. Jeder Publizist, Kolumnist und Journalist, der/die seine/ihre Beiträge mit Hilfe von Tastatur, Bildschirm, Drucker und Diskettenlaufwerk gestaltet, hat sich schon einmal öffentlich poetisch ausgelassen über das Wunder der neuen Textverarbeitung. Überzeugende Beiträge waren das, die den meisten das letzte bisschen Computerangst genommen haben. Über einen Aspekt wurde noch nicht geschrieben, darüber was geschieht, wenn eines der Geräte den Geist aufgibt. Kaputt! Der Computer, auf dem ich zwei Jahre geschrieben habe und der mich abhängig gemacht hat, ist defekt. Ich war mitten in einem Beitrag, hatte schon 873 Wörter und plötzlich: Tilt! Der Bildschirm fiel aus! Die Wut, die dann in dir hochkocht, ist unbeschreiblich. Leider konnte ich so schnell keinen Hammer finden. Bei derlei Defekt zeigt sich, wie abhängig von der Technik man ist. Die achtziger Jahre? Du gehörtest ganz dazu. Nun stehen die toten Apparate da und starren dich an. Meine Glückseligkeit habe ich ausgeliefert an eine Handvoll Speicherdisketten, die ich nicht mehr zum Leben erwecken kann. Doch da ist noch etwas Schlimmeres. Ich hatte nichts mehr zu Schreiben im Haus. Meine Schreibmaschine habe ich schon vor Jahren entsorgt. Ich musste mir einen Stift beim Nachbarn leihen. Und was zeigte sich? Meine schöne, regelmäßige, flüssige, männliche Handschrift (mit der ich früher manchem Mädchen den Kopf verdrehen konnte), ist verschwunden!

Aufgabe: Notiere handschriftlich deine Erfahrungen, jetzt 30 Jahre später.

24 Kommentare zu “Theorie und Praxis der Handschrift (3) Wo sind meine Seminarteilnehmer?

  1. Lieber Jules,
    bei mir hat es leider nicht so geklappt, wie ich es mir gewünscht habe.
    Durch Deine Idee bin ich erst daran erinnert worden, dass ich mir vor einigen Jahren ein Kalligraphie-Set gekauft habe, mit dem ich anfangs immer wieder einmal etwas geübt habe, denn in meiner Lehre wurde mir auch „Plakatschrift“ vermittelt. Hin und wieder malte ich damit Urkunden oder Glückwunschkartentexte für Freunde.
    Nachdem Du das Zeitfenster vergrößert hattest, habe ich mir zugegebenermaßen auch etwas Zeit gelassen, meinen Kalligraphiefüller zu suchen. Vor ein paar Tagen habe ich dann meine gesamte Habe aus meinem aufgelösten Büro durchforstet: weder der gesuchte Füllhalter, als auch andere, mir liebgewonnene Schreibgeräte sind auffindbar gewesen. Besonders Füllhalter mit einer dicken, breiten Feder – die mochte ich immer.
    So aktivierte ich einen ausgetrockneten Füller, der allerdings nur dünn schrieb und zwischendurch Pausen machte. Das war anstrengend und doof.
    Diese Schrift geht aber nur mit einer Feder, alles andere ist Malen.
    Mit dem Fineliner habe ich es auch versucht, und dabei feststellten müssen, dass ich mich beim Abschreiben sorichtig verkrampfte, so, wie es wohl den Erstklässlern bei ihren ersten Schreibversuchen passiert.
    Und: es drängte sich immer meine eigene Handschrift dazwischen.

    Ich gebe es auf.
    Ich weiss, dass jetzt: „Er hat sich bemüht.“ in meinem Zeugnis stehen wird.
    Aber damit muss ich nun leben. 😉
    Ganz liebe Grüße!
    Lo

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    • Lieber Lo,

      danke für die schöne handschriftliche Rückmeldung. Du bist hiermit entlastet, denn das eingesandte Bild zeigt schon ein prima Ergebnis. Darüber hinaus verstehe ich gut, dass deine ausdrucksvolle und gut durchgestaltete Handschrift beim Üben immer durchkommt. Du hättest dich „bemüht“ im Sinne des Geheimkodes bei Arbeitszeugnissen würde ich dir niemals attestieren. Du hast etwas Erfreuliches geleistet, kommt dem schon näher.
      Sei herzlich gegrüßt,
      Jules

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  2. Ein paar Tage waren wir unterwegs, Reiseeindrücke folgen noch. Aber ich habe meinen alten Füllfederhalter reaktiviert, eingetrocknet nach vielen Jahren, das Tintenfass mit dem Nussknacker geöffnet und nach einiger Zeit den Federhalter dazu gebracht, Tinte nicht nur aufzunehmen, sondern auch wieder abzugeben. Bis dahin alles im Plan. Dann aber meine ersten Versuche mit dem Stift und der Schrift. Ich erinnere mich an den Schönschreibunterricht, nichts will so aussehen, wie es aussehen soll. Dafür verkrampft meine Hand. Allerdings die linke Hand, obwohl ich Rechtshänder bin und auch so schreibe. Male, an ein flüssiges Schreiben ist nicht zu denken. Die Resultate erinnern mich auch an meine Schulzeit. Da kommt meine frühe Handschrift wieder hervor, ein Schriftbild wie die Grabsteine auf einem Westernfriedhof. Aber noch gebe ich nicht auf.

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    • Welkom terug van weggeweest. Hatte dich schon vermisst und bin gespannt auf die Reiseeindrücke. Dass die Schreibutensilien eingetrocknet sind, ist sicher eine allgemeine Erfahrung. Ich habe eine ganze Schublade voller Gerätschaften für das händische Gestalten, die in den letzten Jahren selten geöffnet wurde, zuletzt um der Lebensgefährtin meines Sohnes Kalligraphiefüller und Federn herauszusuchen und zu schenken. Sie wollte auch Kalligraphie lernen, hat es aber noch nicht umgesetzt. Was wir nicht üben, eignen wir uns nicht an. Wunder gibts selten. Meine Geläufigkeit ist auch durch mangelnde Übung verlorengegangen. Und Handkrampf kenne ich. Gestern notierte ich mir: Der Feind der Handschrift ist die Eile. Das kommt auch dazu. Schön, dass du durchhalten willst.

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      • Das mit dem Verkrampfen ist ja intereressant, weil es sich mit meinem Abschreibversuch deckt. Die Hand, aber auch der Oberkörper verkrampften sich beim „Abmalen“, und ich hatte das Bild meiner Frau und das unserer Kinder vor Augen, die bei hoher Konzentration immer etwas von ihrer Zungenspitze zwischen ihren zusammengepressten Lippen hervorlugen lassen.

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        • Schon die mittelalterlichen Kopisten wussten: „Tres digiti scribunt et totum corpus laborat“ – „Drei Finger schreiben, aber der ganze Körper arbeitet.“ Dieser ganzheitliche körperliche Einsatz wird jedoch allgemein gelobt als ein wichtiges Element des Schreibens.

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  3. Ich kann Dich so gut verstehen, Manfred, mir ergeht es ähnlich. Allerdings mit einem Kalligraphiefüller, der topfit und ganz neu ist. Ich führe Tagebuch und übe gleichmäßig zu schreiben. Die Ergebnisse vorzulegen, schäme ich mich. Es ist de facto kein Desinteresse.
    LG

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    • Liebe Fee,
      die Scham verstehe ich, da ich selbst wieder sehr unzufrieden mit meiner handschriftlichen Leistung bin. Mit sich selbst ist man oft am kritischsten. Bleiben wir locker und machen das beste draus. Und schau dir nur an, womit De Bie sich an die Öffentlichkeit getraut hat.
      Lieben Gruß!

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  4. Zu Deiner treuen Gefolgschaft kann man Dir doch gratulieren,, lieber Jules. Ich lese mit. Beim Kramen nach einem Drehbleistift kam mir vor einigen Tagen mein nagelneuer Kaweco-Füller in die Finger, und ich fragte mich, ob ich nicht doch hätte mitmachen sollen, aber ich springe tatsächlich schon etwas im Sechseck. – Vor 30 Jahren? Ich kann es selbst kaum glauben, aber vor 30 Jahren habe ich überhaupt keine Texte verfasst, sondern nur geschäftliche und behördliche Korrespondenz. Erst vor etwas über 20 Jahren habe ich das kreative Schreiben wieder aufgenommen. Da ich eine „Kaffeehausliteratin“ bin handschriftlich, die Texte dann in den Computer getippt. Seit ich vieles direkt am Computer schreibe, scheint mir, ist meine Wertschätzung für meine eigenen Texte gesunken.

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    • Dankeschön, liebe Christa. Ich schätze mich glücklich, lauter besondere Menschen in der Teestübchen-Comunity zu haben. Schon erstaunlich, dass der heute beklagte Niedergang der Handschrift schon vor 30 Jahren ablesbar war. Begonnen hat er aber weit früher, nämlich mit der Idee der Ausgangschrift und ihrer Einführung 1941 durch die Nationalsozialisten. Aber dein Beispiel zeigt, dass wir der Computertechnologie eine Demokratisierung des freien Schreibens verdanken. Die Wertschätzung geht zurück bei allem, was relativ leicht zu haben ist. An mir ist mir aufgefallen, dass ich für die Langsamkeit des händischen Schreibens kaum noch Geeduld aufbringe. Das muss sich wieder ändern.

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      • Das Seltsame ist ja, dass es scheinbar (auch) unsere eigene Ungeduld ist, die unsere Zeit „frisst“. Wenn es mir gelingt, Dinge in Ruhe zu erledigen (ohne das Gefühl, dass ich dringend auch etwas anderes tun sollte), schaffe ich eher mehr als weniger, obwohl ich mir mehr „Zeit genommen“ habe.

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    • Dann kannst du dich erstens glücklich schätzen, noch so jung zu sein und zweitens sehen, dass der Niedergang der Handschrift vor 30 Jahren schon ablesbar war. Allerdings ist dieser Effekt nicht hoch bewertet worden, sondern die Beisterung für die neue Technik hat alles überlagert.
      Bin gespannt auf deinen handschriftlichen Text.
      Beste Grüße

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