Der rasende Schlampertoni

Wenn meine Mutter etwas verloren oder verlegt hatte, betete sie zum Hl. Antonius. Er galt bei uns als Schutzpatron, der beim Finden hilft. Im Volksmund wird der Heilige auch Schlampertoni genannt. Ich habe schon als Kind nicht geglaubt, dass der Schlampertoni bei irgendwas hilft. Die Zuweisung ist, wie ich heute weiß, sowieso falsch. Wie kommt der Schlampertoni zu seinem Ruf? Ein mittelalterliches Lobgebet auf Antonius beginnt mit den Worten „Wenn du suchst …“ Das wurde im gläubigen Volk ganz konkret verstanden, obwohl die spirituelle Suche gemeint war. Solche Irrtümer aufzuklären, ist nicht gut.

Das wusste schon der Schlampertoni und schrieb: „Unsere Zeit ist durch das hohle Wissen ihrer Leser und Zuhörer so weit gekommen, dass sie des Lesens überdrüssig wird (…)“. Hohles Wissen und Aufklärung nimmt den Menschen den Glauben, hier einen Nothelfer zu haben bei der Suche. Vor allem erfährt der Mensch, dass er jahrelang mit einem falschen Weltbild herumgelaufen ist. Aber was heißt schon „falsch?“ Ein Großteil unserer Kultur geht auf Irrtümer und falsch Verstandenes zurück, ja das Irrige ist ein wesentliches Gestaltungselement unserer Sprachen. „Postfaktisch“ war der Mensch schon immer.

Ein aktuelles Beispiel: Das kölsche Wort „rosen“ bedeutet „rasen“, „herumtollen“, „toben“. Es wird mit langem O gesprochen wie in Toast. Dieses „Rosen“ gab dem Rosenmontag den Namen. Das Homonym (Teekesselchen) „rosen“ mit den „Rosen“ gleichzusetzen und in Analogie vom Veilchendienstag zu sprechen, ist demnach, was die Sprachwissenschaft Volksetymologie nennt. Volksetymologie beruht auf falschen Zuweisungen, Irrtümern und erfundenen Analogien. Auf diese Weise treibt sie den Sprachwandel voran und nährt eine lebendige Sprache. Sprachwandel vollzieht sich als Strömung und ist vom einzelnen Besserwisser nicht aufzuhalten, wie am Beispiel halbschwarz zu sehen.

In der Welt des Digitalen ist der Schlampertoni eine Suchmaske, und das Gebet ist die Suchphrase. Bald wird es diese Suchfunktion auch für Dinge geben. Einige von uns werden eine Dingwelt erleben, die sich mit einer Suchfunktion durchstöbern lässt. (Meine Horrorgeschichte „Das Verzeichnis“ handelt davon.) Schon heute haben moderne Produkte einen RFID-Chip. Er sitzt versteckt in Etiketten von Kleidungsstücken, unter Parfum- und Rasierwasserflaschen, Haustiere tragen ihn unter der Haut. Ein paar Dumme auch. Ab 2010 steckt ein RFID-Chip im Personalausweis. RFID-Chips dienten ursprünglich der Warenverfolgung im Handel, und sie werden bald in so vielen Dingen verborgen sein, dass man sie über den privaten Computer suchen und auffinden kann. Du gibst in die Suchmaske: „Schnubbel“ ein, und schon sagt dir der Rechner, wo der „Schnubbel“ liegt. Da braucht man sich keine Gedanken mehr zu machen, wo man die ungeöffneten Mahnungen hingelegt hat. Sie rufen plötzlich aus mehreren Schubladen, hier bin ich!

Die Sache wird kein Segen sein. Denn der von der Erinnerung an sein Weglegen entlastete Mensch verliert eine weitere Notwendigkeit zu denken. Ja, Denken wird überhaupt bald gänzlich aus der Mode kommen. Wozu ist es eigentlich gut? Es strengt nur an. Wir werden die Maschinen zunehmend für uns denken lassen. Dieser Prozess hat längst begonnen. Was tritt an die Stelle des Denkens? Verzweifeln. Verzweiflung über das Unwägbare der digitalen Vorgänge. Wir sitzen verzweifelt vor dem Rechner, weil ein Programm nicht funktioniert, verzweifelt versuchen wir die Hot-Line einer Telefongesellschaft zu erreichen, gänzlich verzweifelt schauen wir auf die Smartphone-Anzeige „Kein Netz“, lesen am Geldautomaten: Falscher PIN. Das GPS-System im Auto versagt. Der Fahrer verzweifelt. Und mühsam ächzend greift er nach der Karte, die so unhandlich aufzuschlagen ist, wo ein Weg mit den Augen herausgepiddelt werden muss, ach, man kann es schon gar nicht mehr, das ist ja wie zu Fuß gehen auf der Autobahn.

Die Dauerverzweiflung wird sich mit den Generationen in den Physiognomien niederschlagen. Die Augen rücken zusammen und die Augenbrauen hängen – es tritt auf: der DAM, das ist: der Dämlichste Anzunehmende Mensch, dem es noch nicht mal vergönnt ist, einen Schnubbel zu verlegen. Er hat jederzeit alles an der Backe. Bald schon werden die Dinge den entmündigten Menschen herbeizitieren und ihn zu Handhabungen und Aktionen auffordern, weil es gut für ihn ist.

17 Kommentare zu “Der rasende Schlampertoni

  1. Köstlich! Alles auf den Punkt gebracht. Allerdings sehe ich in der Zukunft keine Dauerverzweifelten Menschen, sondern eine rundum sich ausbreitende Dauerblöde Zufriedenheit. Wer nicht gelernt hat, zu denken, wird es auch nicht vermissen. Und wer nicht findet, was er glaubte gesucht zu haben, wird „Fundstücke“ serviert bekommen, von denen er hätte wissen können, nicht nach ihnen gesucht zu haben, hätte sein Dauerunterfordertes Gedächtnis die kurze Zeitspanne zwischen Suchimpuls und Fundstück noch überbrücken können.

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  2. Dein Szenario ist regelrecht unheimlich, aber ich befürchte, dass wir uns tatsächlich in diese Richtung bewegen…
    Interessant finde ich die Herkunft des „Rosenmontags“ – das wusste ich nicht. Ich habe diesen Tag (unverständlicherweise) auch stets mit Blumen assoziiert…

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  3. Deinen Text lesend, hätte ich dich am liebsten angefeuert: Ja, ja, ja! Man kann es gar nicht dramatisch genug ausmalen, um die Leute wachzurütteln. Doch dann wieder hoffe ich, dass der Dilettant recht hat, und wir alle (ich auch, bitte, bitte, unbedingt!) völlig verblödet sind, bevor es so weit kommt. – Als ich vorhin in der Buchhandlung den Ständer mit Postkarten in Augenschein nahm, entdeckte ich eine mit einem Ruthe-Cartoon. Ein Mann steht am Waschbecken, um sich die Zähne zu putzen. Neben ihm aus einem kleinen Radio die Stimme: „Und hier die Nachrichten. Alle bekloppt geworden. Das Wetter …“
    Hier kann man den Cartoon übrigens online sehen: http://ruthe.de/cartoon/2963/datum/asc/
    Eine Schlampertoni-Geschichte hätte ich auch (heulendes Zimmermädchen, Polizei, spanisches Konsulat, und schließlich die vom Schlampertoni (San Antonio) eingegebene Erleuchtung, die Brieftasche könnte auch beim Frühstück im Restaurant liegen geblieben sein – wo sie sich denn auch angefunden hat). Die Details sind wirklich zu ausufernd.

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    • Wer im Teestübchen liest, ist ja längst wachgerüttelt. Die es wirklich betrifft, die sich in jeder Hinsicht freudig entmündigen lassen, lesen hier nicht. „Alle bekloppt geworden“, ist lustig. Danke für den Nachweis. Ruthe macht sich leider ein bisschen dubios, weil er auf seiner Seite für Mitsubishi wirbt. Vielleicht erzählst du deine Schlampertoni-Geschichte mal ausführlich?

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      • Das habe ich zwar auch schon gedacht, dass man hier, im relativ geschützten Raum schreibend, offene Türen einrennt, aber ich finde es deprimierend. Können wir uns nicht wenigstens einbilden, dass hier auch Leute lesen, die von anderer Geistesart sind, finstere Elemente, die unentdeckt durchs Netzt schleichen und deshalb in der Blogstatistik nicht auftauchen, und bei denen steter Tropfen vielleicht doch den Stein ein wenig höhlt?
        Wenn die Schlampertoni-Geschichte (oder das, was dazu führte) auf meinem Mist gewachsen wäre, würde ich sie gerne erzählen. Da es sich um eine Eruption von Sturheit, Rechthaberei und Rücksichtslosigkeit eben nicht meinerseits handelte, behalte ich sie lieber für mich – bis auf die Tatsache, dass ich es mit Schlampertoni schon mal zu tun bekommen habe. Ich hoffe, wir müssen diesen Heiligen nicht auch noch wegen Deines Buches bemühen. Es ist noch immer nicht angekommen. Ein anderes Buch, dass ich über Amazon bestellt habe, das aber auch von einem anderen Anbieter verschickt wird, braucht offenbar auch ewig.

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        • Was wir betreiben, bezeichne ich gern als „gepflegte Netzwerke.“ Da herrscht ein freundlicher, höflicher Umgangston, der finstere Elemente in der Regel abschreckt. Aber denen ist sowieso nicht zu helfen. Es ist schon eine Kunst, den eigenen Durchblick nicht zu verlieren. Missionarische Ambitionen habe ich schon lange nicht mehr.
          Mein neues Buch steht irgendwie unter einem Unstern, fürchte ich. um so größer die Freude, wenns dann endlich eintrifft.

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  4. 143 Jahre nachdem der Letzte des bekannten deutschen Gebrüderpaares und Märchenschreiber dahin geschieden war, schrieb ein ganzes Land mit Hilfe derer elf Apostel und weiteren Auswechselspielern ein bis heute bemühtes „Sommermärchen“. Und genau in jenem Jahr des Märchens vertrieb eine Münchner Buchhandlung ein grasgrünes T-Shirt mit Fußballfeldlinien und Aufschrift „Bring mich zum Rasen“. Es war entweder „der Rasen“ oder „das Toben“ gemeint. Aber von „Rosen“ war da nie die Sprache, obwohl es in jener Zeit des deutschen Sommermärchens viele Rasenmontage gab und dann auf den sogenannten Fußballmeilen rosenmontagartige Stimmung herrschte.

    Ein Jahrzehnt später ließ ich meine komplette Kamera-Ausrüstung plus Nebenutensilien (im Werte von knapp 1500 Euro) in einem öffentlichen amerikanischen Flughafen liegen. Ein interessantes Gefühl, wenn man in einem Flugzeug einsteigt und dann feststellt, dass das fehlt, was einem sonst immer begleitet hat. Es war nicht nur der Verlust der Ausrüstung samt anderen Utensilien (u.a.a. Haustürschlüssel und Smartphone), sondern auch die Zerstörung der Umsetzung einer Idee (wegen den vielen Fotos auf den Speicherkarten). Was tritt an die Stelle des Denkens? Verzweifeln? Klar, für knapp vierundzwanzig Stunden. Danach war es wieder das Denken und keine Selbstbemitleidung mehr. Lebbe geht weida. Für die eigene Realität und deren Auswahl/Auswirkungen hat man Eigenverantwortung.
    Ach ja, dank Internet hatte ich über ein Vierteljahr später alles tutti completto zurück, obwohl ich fast drei Monate nach meiner Verlustanzeige per Internet nichts mehr gehört hatte. Ich hatte mich nach Aufgabe der Verlustanzeige ausgewählt, meine Realität durch den Verlust nicht beeinträchtigen zu lassen. Den zum Rasen gebrachten Schlampertoni dauernd anzurufen, war mir nie in den Sinn gekommen. Wenn ich aber daran denke, ich hätte das erst täglich und dann wöchentlich gemacht, ich hätte mir für jenes Vierteljahr eine Leidenszeit wider das Glück und die Freude gewählt. Und hätte dann alles zurück erhalten. Meine Realität habe ich anders ausgewählt. Und ich garantiere dir, das war besser. und das Ergebnis ebenso. Vor einer möglichen Zukunft wie das Kaninchen vor der Schlange zu verharren, so wie ein Katholik vor seinem Papst, das bringt nicht wirklich Glücksgefühle und macht unglücklich. Realitätsgestaltung sollte schon aktiv betrieben werden. Energie folgt nun mal der Aufmerksamkeit.

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    • Danke für deinen Bericht! Zum ersten kann ioch noch beitragen: „Die Fahrer rasten eine Stunde“, ist ein Satz der mit dem partiellen Homograph rasten (Pause machen) /rasten (schnell fahren ) spielt. ZUm zweiten: Glückwunsch zum Wiederfinden der Kameraausrüstung. Da hatte doch der Schlampertoni seine Finger im Spiel, ganz gewiss 😉

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      • Wenn ich den Glauben an den Schlampertoni verloren habe, hilft er mir dann auch, sich selber für mich wieder zu finden, wenn ich dran glaube? Ich frag mich, ob der Schlampertoni dran glauben muss, wenn er nicht an sich glaubt. Denn wenn er glaubt, dann weiß er nicht und ohne Wissen keine Selbstbewußtseinsgrundlage, weil er nur glaubt. Glaub ich mal so. Oder nicht? Oder anders und einfacher gefragt: Gibt es einen Schlampertonibeweis? Und wenn ja, muss ich dran glauben mit meinem Nicht-Glauben? … 😉

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        • Auf derlei Fragen kann ich als Ungläubiger nichts Gescheites antworten. Mir fehlt also die Grundvoraussetzung.
          Da es keinen Gottesbeweis gibt (dann wäre es ja nicht Glauben, sondern Wissen), kann es auch keinen Schlampertonibeweis geben.

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  5. Ein amüsanter wie nachdenklicher Beitrag.
    Wenn meine Mutter etwas verloren oder verlegt hatte, dann fluchte sie. Manchmal hat es geholfen, manchmal nicht. Den DAM zu verfluchen ist unser gutes Recht. Bloß aufhalten wird er sich davon nicht lassen …

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