Theorie und Praxis der Handschrift (2) – Das Konzept der Ausgangsschrift (2.1) Entstehung

Grafik: JvdL

Erinnern wir uns an Richard de Bury und das Philobiblon. Wenn er mit seinem Buch von der Bücherliebe etwas bewirken wollte, wird er beim Verfassen sorgfältig und möglichst schön geschrieben haben und vermutlich hat er auch darauf geachtet, dass sein Manuskript sorgfältig und gut lesbar kopiert, also abgeschrieben wurde. Eine unleserliche Kopie wäre wertlos gewesen. Erst als Schreiben durch den Buchdruck mechanisiert wurde, als sich also Kopf und Hand trennten, kam Schön zu schreiben in den Ruch des Kunsthandwerks. Das wurde nicht sogleich offenbar, weil viele Buchdrucker auch Gelehrte und Spezialisten in Typographie und Orthographie waren. Das gilt auch für die Schreibmeister. Da sie Schreibkräfte für die Kanzleien ausbildeten, brachten sie ihnen auch eine Orthographie bei.

Mit zunehmender Alphabetisierung verschwindet der Typus des gelehrten Buchdruckers. Auch Schreibmeister galten zunehmend als Handwerker. Als nach dem 2. Weltkrieg in Dänemark diskutiert wurde, die Groß- und Kleinschreibung abzuschaffen, bezeichnete der dänische Linguist Otto Jespersen die Großschreibung als „wertlose Einfälle von Schreiberknechten.“ Der überhebliche Blick auf die Kanzleischreiber als Schreiberknechte erfasste zwangsläufig auch die Handschrift. Wer nicht in den Ruch kommen wollte, Schreiberknecht zu sein, musste unleserlich schreiben. Das war schon vor dem Aufkommen der Schreibmaschine so. In seinem wegweisenden Büchlein: „Unterricht in ornamentaler Schrift“ von 1905 schreibt der Kalligraf und Typograf Rudolf von Larisch: „Eine gute und interessante Handschrift wird von Gebildeten kaum geschätzt. Ein Gelehrter schämt sich ’schön‘ zu schreiben, was schon die studierende Jugend anspornt, womöglich unleserlich zu kritzeln und geschmacklos Schrift anzuordnen.“

Das wollte der in Wien lehrende von Larisch ändern. Vor allem wollte er weg vom getreuen Kopieren schreibmeisterlicher Alphabete. Schüler sollten nicht mehr lernen, wie gestochen zu schreiben, also nicht in exakter Nachführung der für den Kupferstich gestochenen Vorlage, sondern unter Anleitung durch den Lehrer die Formen der Buchstaben aus ihrem eigenen künstlerischen Formempfinden entwickeln.

„(…) bei strenger Vermeidung des Nachmachens aber wird gleichzeitig eine bisher zu wenig beachtete Fähigkeit des menschlichen Geistes aufgedeckt. Es ist die Fähigkeit des charakteristischen, jedem Individuum eigenen handschriftlichen Schreibcharakters, also der graphologischen Qualität(…)“

Mit seinen Ideen legte Rudolf von Larisch die Grundlage für das Konzept der Ausgangsschrift. Wie die Idee vom Graphologen Ludwig KLages aufgegriffen und vorangetrieben wurde, davon in der nächsten Lektion.

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21 Kommentare zu “Theorie und Praxis der Handschrift (2) – Das Konzept der Ausgangsschrift (2.1) Entstehung

  1. falsch geklickt. und das mit dem kleinschreiben kommt mir als halblegastheniker auch sehr entgegen, aber ein gut leserliche und deshalb auch meist schöne handschrift ist schon eine bestechende angelegenheit. warte ungeduldig aufs die nächste lektion.

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    • Ich würde die Gemäßigte Kleinschreibung (Großschreibung nur bei Satzanfängen, Eigennamen und Gott) begrüßen. Aber kommt wohl erst in 100 Jahren, wenn überhaupt. Glücklicherweise kann jeder Erwachsene schreiben wie er will, wenn er nicht gerade im Schuldienst oder Beamter ist. Ich hatte mich heute Morgen verzettelt, mindesten zwei Stunden das Zitat „Ein Gelehrter schämt sich ’schön zu schreiben (…) von von Larisch gesucht und nicht gefunden. Drum ist die Lektion so kurz geraten. 😉

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      • Ich klebte an dem von-Larisch-Zitat fest: Ein Gelehrter schämt sich schön zu schreiben.“ Es stimmt, oder…? Mein Hausarzt hat eine furchtbare Sauklaue trotz seiner langfingrigen Internistenkünstlerhände. Selbst gestandene Apotheker verzweifeln mitunter daran. Mein Kallifü ist gestern angekommen. Nun übe ich Wechselzug und werde ganz wirre, weil links das Ziehen anders herum funktioniert als rechts das Schieben. Dann fließt manchmal die Tinte nicht so richtig. Schon fluch ich wieder los…
        Ich mache sehr gerne hier mit und schließe mich cd‘s ungeduldigen Erwartungen an. Bis sie (hoffentlich zeiteng) eintrudeln, trinkt die Fee Holundertee und übt bebende B-Busen und impressionistische kleine i‘s. Das kleine ‚s‘ gelingt mir schon recht hübsch und das prächtige ‚p‘ treibt mich noch zum Panik-P. Es bleibt spannend, dieses schöne Projekt.
        Liebe Grüße von der Kallifee✨

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  2. Aus der Zeit, als die Buchdrucker in Orthographie gelehrt waren, stammt dann sicher auch der Brauch hinter ein Wort (das von der korrekten Schreibweise abwich aber so gedruckt werden sollte [sic!] zu schreiben.

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  3. Die Groß- oder Kleinschreibung der Wörter ermöglicht es sich differenzierter auszudrücken. Der nächste steht an der Spitze einer Warteschlange und ist doch nicht der Nächste, dem man Zuwendung schenkt.

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    • Das ist jetzt gerade nicht unser Thema, aber trotzdem: Glaubst du wirklich an eine Verwechslungsgefahr? Im sprachlichen Alltag haben wir die Kennzeichnung der unterschiedlichen Bedeutungen doch auch nicht. Stehe ich in einer Warteschlange und es heißt: „Der nächste bitte!“, drehe ich mich da um und überhäufe die hinternächst stehende mit Küssen, weil ich ihr versehentlich Zuwendung schenken will? Und sie so: „Hallo? Es hieß der Nächste und nicht die Nächste bitte!“

      Anfang der 1970-er wurde um das Thema schon eine heftige Kontroverse geführt. Damals führten die Verfechter der Großschreibung viele solcher Beispiele an: „Ich habe Liebe genossen.“ oder „Ich habe liebe Genossen.“ „Die Schöne naht im Nachtgewande.“ oder „Die schöne Naht im Nachtgewande.“

      „Wer ist bräutigam und braut zugleich?“ Der Bierbrauer.

      Alles hübsch zusammengesucht, doch im Alltag kein Problem. Oder sollten die Deutschen die einzigen Blöden auf dem Erdball sein, die den Wortsinn nicht aus dem Zusammenhang erschließen können?

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  4. Je mehr die Klaue aussieht, als hätte sie die Sau höchstpersönlich geschrieben, umso mehr Respekt zollte man dem Herrn Doktor, der ja nichts dafür könnte, wenn die Ungebildeten sein Geschreibsel nicht entziffern konnten. So dachte man in meiner Kindheit über unleserliche Schriften. Bloß wir durften nicht …

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    • Ich bin die erste, die loszetert, wenn ich mein Gekrakel nicht mehr entziffern kann. Sauklaue sind schlimm, jeder Chef übertraf noch den anderen im Herumschmieren und deshalb, weil arme Sekretärinnen auf der ganzen Welt unter den Sauklauen ihrer Vorgesetzten leiden müssen, bemühte ich mich bei meinen Azubis um eine saubere klare Schrift. Sorgfalt und Zeit sind Ausdruck von Gelassenheit bei Leuten, die an jene denken, für die sie etwas schreiben. Darum freue ich mich immer, wenn ich eine Schrift sehe, deren Ausdruck der Klarheit vor der Individualität ein Vorrecht einräumt…das empfinde ich als angenehm…

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      • Bei uns, in meinem Umfeld, schwang jedenfalls eine gewisse Bewunderung mit, wenn ein „hoher“ Herr, z. B. ein Arzt, so schrieb, dass es keiner lesen konnte. Vermutlich wurde die Unleserlichkeit mit dem Besitz von großem Intellekt gleichgesetzt. Ich selbst, übrigens mit einer fürchterlichen Handschrift gesegnet, hatte mir, abgesehen davon, dass ich meine eigenen Texte manchmal selbst nicht entziffern konnte, niemals Gedanken über die Handschrift gemacht und bin erst durch dich auf dieses Thema aufmerksam geworden. So wie du es mit lesens- und wissenswerten Anekdoten anreicherst, macht es Spaß, darin einzutauchen.

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  6. Pingback: Beckmesser, Klugscheißer und arme Socken – das Ergebnis unseres Rechtschreibunterrichts

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