Theorie und Praxis der Handschrift (1) – Die Schriftzumutung

Schon eine Weile her, da zeigte mir Michael, ein Schüler der 13. Jahrgangsstufe, diese Seite in seinem Klausurheft und ließ sie mich kopieren. (Zum Vergrößern bitte klicken.) Ich hatte Michael in den acht Jahren seiner gymnasialen Schullaufbahn nie unterrichtet, kannte ihn nur gut aus meiner Arbeit als SV-Lehrer, er war Schülersprecher gewesen, und seit einigen Monaten war er mein Radsport-Trainingspartner. Sein Lehrer, mein Deutsch-Fachkollege, ist inzwischen verstorben, so dass ich das Blatt getrost zeigen kann. Ich bin froh, dass ich Michaels desolate Handschrift nie habe lesen müssen, aber was mein Kollege da an den Rand geschmiert hat, ist nicht besser. Man versuche es zuerst selbst zu entziffern. Es heißt: „Die Unverständlichkeit des Satzes liegt z.T. an der Schrift“ und „Die Schrift ist eine Zumutung!“

Was wie Realsatire wirkt, kennzeichnet den Zustand unserer Handschrift. Dabei haben Lehrer und Schüler doch die Lateinische Ausgangsschrift gelernt, die von den Freunden der verbundenen Handschrift so hoch gelobt wird. Beispielsweise schreibt Ute Andresen, die ehemaligen Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben, die Schreibschrift abzuschaffen, setze „leichtfertig eine Kulturtechnik aufs Spiel – die Fähigkeit, eine allen gemeinsame lesbare Schrift zu schreiben.“

Wer heutige Handschriften vergleicht, muss eingestehen, dass das Beispiel aus dem Klausurheft zwar krass, aber fast alltäglich ist. Dazwischen gibt es natürlich manchmal, eher selten, wirklich schöne Handschriften, aber die meisten Erwachsenen schreiben eine Sauklaue oder sind zumindest unzufrieden mit ihrer Handschrift. Wer eine schöne Handschrift schreibt, kann das trotz unserer Handschriftdidaktik, nicht weil die Schule es ihm beigebracht hätte. Besitzer einer schönen Handschrift wandeln unbeschadet durch die Wirrnisse und Dornenranken schulischer Bemühungen wie das göttliche Kind durch eine verrufene No-go-Area. Von einer „allen gemeinsamen lesbaren“ Handschrift zu sprechen, ist eine abenteuerliche Beschönigung.

Als vor Jahren der deutsche Grundschulverband an mich herantrat und meine zuerst im Teppichhausblog veröffentlichte Kulturgeschichte der Handschrift abdrucken wollte (Grundschule aktuell, Heft 110, Mai 2010), um damit die von ihm propagierte Grundschrift zu legitimieren, sah ich in der Idee der Grundschrift einen genialen Befreiungsschlag, mit dem die barocken Zöpfe an den Perücken unserer Ausgangsschriften abgeschnitten würden.

(Grundschrift, größer klicken)

Schon bald folgte die Ernüchterung, und zwar, als ich erste Proben der weitgehend hässlichen Grundschrift sah, die überdies fehlerhaft ist. Auf meine Einwände gegen die falsche Oberlänge des kleinen T und die unnötige des kleinen F reagierte man nicht. Vermutlich hatte man zu diesem Zeitpunkt schon Unterrichtsmaterial gedruckt. Mir ist nicht klar, wie sich aus der unbeholfen wirkenden Grundschrift eine ansprechende, gar schöne Handschrift entwickeln soll. Indem sich zwei Pädagogen eine Schrift selbst gebastelt haben, wiederholte der Grundschulverband seinen Fehler aus den 1980-er Jahren, als er die vom Grundschullehrer Heinrich Grünewald für seine Doktorarbeit entwickelte, ästhetisch misslungene Vereinfachte Ausgangsschrift in die Schulen drückte. Welche Ausgangsschrift in den Schulen gelehrt und gelernt wird, ist aber letztlich nicht das Problem. Unsere Handschriften kranken grundsätzlich am Konzept der Ausgangsschrift, das vor über hundert Jahren entstanden ist, aber erst durch die Schriftpolitik der Nationalsozialisten Geltung erlangte. Es wird Zeit, dieses Erbe einmal grundsätzlich zu hinterfragen. Bislang lernen Schülerinnen und Schüler eine dieser Ausgangsschriften, ob Lateinische Ausgangsschrift (LA), Vereinfachte Ausgangsschrift (VA), die in der DDR seit 1968 gelehrte Schulausgangsschrift (SAS) oder neuerdings Grundschrift und sollen daraus eine individuell abgewandelte Persönlichkeitsschrift entwickeln. Dabei wurden und werden sie aber allein gelassen.

Ich erinnere mich, dass ich als Kind an der LA verzweifelt bin, weil ich ihre komplizierten Formen nicht exakt nachbilden konnte. Die Gründe für die vielen Schlaufen habe ich nicht verstanden; ebensowenig verstand ich die komische kleine Einbuchtung oben beim kleinen S (deren Grund ich inzwischen kenne), und so habe ich später gänzlich auf die Formen verzichtet, die ich nicht gut schreiben konnte, und eine Druckschrift geschrieben. Sie war so hässlich, dass ich mich als junger Lehrer für meine Korrekturvermerke in Heften schämte, besonders aber für meinen Tafelanschrieb, wenn sie in ihrer Hässlichkeit noch vergrößert an der Wand stand. Aus diesem Grund habe ich mich mit der Erforschung der Handschrift beschäftigt und einige Ausgangsschriften wie ein Erstklässler gelernt und geübt. Erst nach diversen Versuchen mit LA und VA fand ich die mir gemäße isländische Ausgangsschrift und lernte eine Verkehrsschrift zu schreiben, die keine Zumutung mehr für meine Schülerinnen und Schüler war. Dieser Eintrag aus meinem Tagebuch von 1992 zeigt sie. Inzwischen kann ich nicht mal mehr das, womit ich damals noch unzufrieden war (heute das Ergebnis mangelnder Übung und Schreibpraxis). Das gilt es in diesem Seminar wieder zu ändern, nicht nur für mich, sondern für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Erobern wir uns eine gute Handschrift (zurück)!

Nächstens: Das Konzept der Ausgangsschrift und warum wir es aufgeben sollten.

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21 Kommentare zu “Theorie und Praxis der Handschrift (1) – Die Schriftzumutung

  1. lieber jules, bei meinen kindern konnte ich feststellen wie gut die lateinische ausgangsschrift ist und wie nachträglich erschwerend andere formen des schreibens für das schreiben, verstehen von schrift und verstehen von inhalten ist.
    wenn ich mich an meine schulzeit zuruckerinnere, das war der schlimmste schönschrift feind, der mangel an zeit bei der tafelabschrift und die pubertät.
    mein großvater hatte und mein mittlerer sohn hat ein „gestochene“ handschrift und ich bedauere meine nachlässigkeit. allerdings stelle ich mit vermehrter aufmerksamkeit die handschrift betreffend, dass ich mir schon mehr mühe mit dem händischen schreiben gebe.
    ein kleiner erfolg.

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    • Lieber Christian,
      natürlich können sich auch aus der LA schöne Handschriften entwickeln, sogar aus der VA, wie das Beispiel deiner Praktikantin Cornelia zeigt (ist vielleicht auch SAS), aber es ist oft anders. Dazu kommt der von dir angesprochene Zwang zum schnellen Schreiben. Das betrifft natürlich auch mein Beispiel ganz oben. Klausuren und Klassenarbeiten werden unter Zeitdruck geschrieben, und selbst der korrigierende Lehrer hat den, denn er möchte rasch fertig werden.
      Aufmerksamkeit, innere Sammlung und Ruhe beim Schreiben hilft.

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  2. Pingback: Kurz verlinkt | Schwerdtfegr (beta)

  3. Die Lateinische Ausgangsschrift habe ich damals auch gelernt – und ich erinnere mich, dass meine ersten Schreibhefte diese speziellen Hilfslinien hatten, damit die Größenverhältnisse eines jeden Buchstabens auch passen.
    Meine heutige Handschrift ist nicht besonders elegant, aber ich denke, für jeden lesbar. Und trotz Smartphone, Tablet und Laptop schreibe ich auch noch viel mit der Hand. Das macht oft einfach mehr Spaß als zu tippen…

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    • Für meine Übungen als Erwachsener habe ich mir Hefte mit diesem Dreiliniensystem gekauft. Es ist sehr hilfreich. Eleganz dürfen wir bei der gängigen Art des Schreibunterrichts nicht erwarten. Sie stellt sich bei manchen eher zufällig ein, wohl noch eher in Folge der LA oder SAS, selten nach VA und vermutlich noch seltener nach Grundschrift. „Handschrift macht mehr Spaß als Tippen“, scheint mir eine wichtige Erkenntnis zu sein.

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  4. Herrlich, wenn der Lehrer mit Sauklaue über die Schrift des Schülers klagt.
    Es wird dich nicht verwundern, dass mir die vielen Schnörkel der Lateinischen Ausgangsschrift keine Probleme bereitet haben. Aber schön zu schreiben gelang mir nie. Erst seit mir angewöhnt habe einfach flüssig und ohne über Schönheit oder Lesbarkeit nachzudenken, kann ich schnell und viel schreiben und habe Freude daran. Ein wenig „schön“ schreiben geht natürlich schon.

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    • Michael hat dies auch erkannt und weil er wusste, dass ich mich für Handschrift interessiere, gab er mir dieses tolle Beispiel. Ja, Schnörkel zeigt deine Handschrift oft, liebe Mitzi, und zwar bei den sogenannten Deckstrichen, die in deiner Handschrift oft keine Deckstriche sind, sondern hübsche Schlaufen. Witzig ist dein Hinweis auf Schönschreiben. Die meisten Erwachsenen haben noch eine Sonntagsschrift im Repertoire.

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  5. Wow… selbst nach Deiner „Übersetzung“ fällt es mir schwer, den Lehrersatz zu lesen. Die Schrift des Schülers funktioniert etwas besser (wenn ich auch, ich muss es gestehen, in solchen Momenten sehr froh bin, nicht Lehrer geworden zu sein)

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  6. Meine Tochter hat nach der 9. Klasse vom hiesigen Französischen Gymnasium auf ein deutsches gewechselt. Ich erinnere mich sehr gut an die Korrektur ihrer ersten Deutscharbeit dort – der Lehrer hatte ein dickes „Danke“ darunter geschrieben. Ich habe mir erst die Augen gerieben und mich gefragt, wofür ein Lehrer sich sinnigerweise bei einer Schülerin bedanken können sollte. Tatsächlich war es die Handschrift, in dem Fall: deren gute Lesbarkeit. Alles andere wäre idiotisch gewesen; so war es irgendwie nett und stimmig.

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    • Kann ich nachvollziehen. Es ist so erfreulich, ein Heft aufzuschlagen und es grüßt eine geläufige Handschrift. Man ist geneigt, davon auf den Inhalt zu schließen. Selbst wenn man sich dessen bewusst ist, strahlt das positive Urteil auf die Aufsatz-/Klausurnote.

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  7. Pingback: Theorie und Praxis der Handschrift (1.1) – Die versehentliche Verfälschung der Buchstaben

  8. Meine Rechte schrieb schnörkelig, verkrampft und die Schrift kippte nach rechts. Wenn Aufsätze kamen, schrieb ich in einer Doppelstunde mit diesem Gekrickel bis zu 12 Blätter voll, weil die Zeit knapp bemessen war und der Lehrer mir öfter als einmal das Blatt an dem ich schrieb entreißen musste. Aufsätze waren ein Schmerzmarathon und in Interviews kann ich manchmal meine Stichpunkte nicht gut lesen. Linkshändig schreibe ich noch nicht schnell genug. Das, obwohl ich jeden Tag eine halbe Stunde schreiben übe. Nun habe ich mein kleines ‚s‘ aufgehübscht und nun ist es deutlicher und besser erkennbar geworden. Ich verfolge und übe Dein Seminar mit. Danke für das viele Wissen, da schließt sich mir was auf.
    Liebe Montagsgrüße,
    Stefanie

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    • Im Rückblick empfinde ich Klassenarbeiten und Klausuren unter Zeitdruck schrecklich und bin voller Bewunderung für alle, die das handschriftlich gut bewältigt haben. Dass diese Anstrengung oft mit schmerzendem Handkrampf einhergeht, kann ich heute gut nachvollziehen. Besonders die Schnörkel, von denen du schreibst, fordern ja zusätzlich feinmotorische Bewegungen und Zeit. Dein Kurzbericht erhellt mir ein wichtiges Argument gegen die LA. Überhaupt danke ich dir für deine Rückmeldung, liebe Stefanie. Sie motiviert mich und nimmt mir das sich gestern einstellende Gefühl, ins Leere hinaus zu schreiben.
      Schönen Start in die Woche,
      Jules

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  9. Ich finde die lateinische Ausgangsschrift mit ihren arabesken Schnörkeln wunderschön, doch sie hält in der Tat auf. Eine Druckschrift fände ich unpraktikabel, weil sich kein ‚Schreibfluss‘ in den Verbindungen der Buchstaben miteinander einstellen kann. Ein Zwischending wäre vielleicht eine Idee…Schnell und dabei sauber und deutlich schreiben zu können, halte ich für pflegenswert, auch wenn die Zeit meiner Klassenarbeiten und Klausuren schon lange hinter mir liegt. Die Hefte führte ich hingegen in ‚ordentlicher‘ Schrift, weil mich Sauklauen und Hingeschlonztes selber nerven. Meine Lehrer waren verständnisvoll weil sie wussten, dass ich auch anders schreiben kann – mit genug Zeit. Mit Begeisterung verfolge ich also Deine Ausführungen und probiere aus. Zum Mitmachen und Veröffentlichen fehlt mir allerdings hier die Traute, weil die Linke noch unsicher die Füllerfeder führt. Es war schon beim voran gehenden Handschriftenexperiment Überwindung und ein Mut zu finden, notwendig. ‚Wechselzugfeder’ habe ich meinem Lieblingswortarchiv einverleibt. Ich wünschte, manches im Leben wäre so individuell und unkonform wie so eine
    Wechselzugfeder. Damit geschrieben wirkt Schriftkunst um so viel aus- und eindrucksvoller…
    Dein Seminar findet großen Anklang, so erscheint es mir, und ich lese jeden Kommentar – das liegt daran, dass ich ein großes Herz für Schriftkunst, ihre Künstler und die Bücher habe. Nicht nur zum Lesen, sondern so insgesamt.
    Komm gut durch den Montag, wünscht Dir Stefanie

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  10. Die Welt ist wieder in Ordnung!
    Jahrelang rätselte ich, wie ein solch begabter Denker wie Sie, Herr van der Ley, sich mit dem Grundschrift-Konzept irgendwie identifizieren oder verbrüdern konnte. Die obigen Zeilen rücken nun einiges wieder gerade.
    Mit bestem Dank G. Taubert

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    • Man kann sich schon mal vertun, Herr Taubert. Ich hatte nicht weit genug gedacht, sondern war zunächst einfach froh gewesen, dass es aus sein sollte mit den barocken Schleifen. „Begabter Denker“ hat mich noch niemand zuvor genannt. Herzlichen Dank. 😉
      Um Missverständnissen vorzubeugen, finden Sie unter diesem Tag https://trittenheim.wordpress.com/category/handschrift/ meine ganze Position, Altes neu überdacht und beurteilt. Wie sich das alles in die Schuldidaktik überführen ließe, kann ich noch nicht sagen. Die Grundschrift ist aber sicher nicht der richtige Weg. Da bin ich mit Ihnen eins.
      Beste Grüße, Jules van der Ley

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  11. Pingback: Özilierende Digitalisierung – Dümmlers Blog

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