Projekt „Schreiben wie im Mittelalter“ – Einiges über Handschrift und – Teilnehmerliste (Update)

Kloster Sankt Georgen in Stein am Rhein 0085
Unser imaginäres Skriptorium bevölkert sich, als würden aus allen Landesteilen die Kopisten anreisen. Dabei freut mich besonders, dass dieses Projekt generationenübergreifend ist. Auffallend auch, dass sich bislang überwiegend Frauen angemeldet haben, ein Sieg der Emanzipation. Vom Mittelalter bis Ende des 19. Jahrhunderts war Schreiben Männersache. Noch ein Unterschied: Mittelalterliche Kopisten schrieben eine überindividuelle Schrift, ab einer Schriftreform im 8. Jahrhundert die karolingische Minuskel. Persönliche Elemente waren nur in den verzierten Initialen geduldet. Denn nachfolgende Generationen mussten noch einwandfrei lesen können, was da geschrieben stand. Darum veränderte sich die Form der Buchstaben nur langsam. Unsere Kleinbuchstaben entsprechen noch heute weitgehend der karolingischen Minuskel (neu sind nur der I-Punkt und die Andeutung der Oberlänge beim kleinen T). Die Großbuchstaben sind noch älter, wurden in der Renaissance von der römischen Inschriftenschrift, der Capitalis monumentalis, übernommen. Bis zum Aufkommen der Schreibmaschine waren individuelle Elemente in der Handschrift unerwünscht. Man musste schreiben, wie es in den Lehrbüchern vorgeschrieben war. Seit dem Barock waren die Lehrbücher der Schreibmeister im Kupferstichverfahren gedruckt. Wer deren Alphabete genau nachvollziehen konnte, schrieb „wie gestochen.“

Solange die Handschrift das Speicher- und Kommunikationsmedium der Verwaltungen war, brauchte man Schreiber, die einen überindividuellen Duktus schrieben. Mit dem Vordringen der Schreibmaschine nach der Jahrhundertwende wird die Schreibhand von dieser Pflicht entbunden, die Handschrift wird Privatsache. Das neue Konzept der „Ausgangsschrift“, angeregt durch den Kalligraphen Rudolf von Larisch und theoretisch begleitet von dem Pionier der Graphologie Ludwig Klages, erlaubte dem Schreiber eine expressive, persönliche Ausformung der erlernten Grundform. Gelehrt wurden nun Ausgangsschriften, deren Formen vom Schüler später individuell abgewandelt werden sollen.

Wir alle haben das Schreiben einer Ausgangsschrift gelernt, mit der Maßgabe, sie individuell ausformen zu dürfen. Daher schreibt in unserem Schreibprojekt jede/jeder ihre/seine charakteristische persönliche Handschrift. Sie ist unverwechselbar und einmalig in der Welt der Schrift. Das begründet auch ihren Wert. Daher möchte ich alle Bedenken hinsichtlich der Form der eigenen Handschrift zerstreuen. Sie ist gut wie sie ist.

Teilnehmerliste
Feldlilie
Cornelia Schwarze (CD)
Daniel Schmidt (CD)
marana
Peter Zanner (CD)
christa hartwig
Mitzi Irsaj
socupuk
Der Emil
sabinelieschenmeierzenart
Karfunkelfee
Wortmischer
Jaellekatz
auchwasmitmedien
Trithemius

Am Samstag werde ich die Abschnitte aus dem Philobilon verteilen und noch einige schreibtechnische Hinweise geben.
Update 27. 01. um 00:00 Uhr: Der Kreis der Kopisten steht fest. Wir sind 14 Personen. Jede/jeder bekommt am Samstag etwa 10 Zeilen zur Abschrift.

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