Wenn das Eichhörnchen frühstückt …

Wenn das Eichhörnchen frühstückt, gerät die Vogelwelt in Aufruhr. Wenn plötzlich Elstern, Krähen, und kleinere Singvögel umherfliegen, wenn ich diese Aufregung im Gehölz vor meinem Fenstern wahrnehme, brauche ich nicht lange auszuschauen, um das Eichhörnchen zu entdecken. Es spürt offenbar, im Fokus der Aufmerksamkeit zu sein und schränkt seine Bewegungen ein, verharrt lange an einer Stelle, scharrt wie absichtslos unter der Eiche, ja versteckt sich manchmal hinter einem Stamm oder Ast, wobei es Arme und Beine ausbreitet und soviel Halt findet, dass es sich sogar an der Unterseite eines Astes verbergen kann. Erst wenn es sich unbeobachtet glaubt, eilt es den Stamm der Eiche hinab, quert den Fußweg und jagt zu meinem Küchenbaum, der sein Fressplatz ist und in dessen Nähe es wohl die Leckerbissen vergraben hat. Rund um den Stamm liegen verstreut die Schalen von irgendwas, wo die Vogelschar aber offenbar nichts Verwertbares mehr findet. In dieser Welt muss großer Hunger herrschen. Ich bedauere, bislang nichts dagegen unternommen zu haben.

Vor zwei Jahren hing in meinem Küchenbaum auf meiner Augenhöhe ein Meisenknödel, der mich rätseln ließ, wie er dort hingekommen war. Es musste ihn jemand von den oberen Etagen heruntergeworfen haben, in der Hoffnung, dass sich seine Schlaufe im Gewirr der Zweige verfing. Seit über einem Jahr schaukelt das leere Plastiknetz im Wind. So bin ich, total verstädtert. Beobachte, stelle mir Fragen, ziehe Rückschlüsse, aber selten handele ich selbst.

Eben warf ich eine handvoll Mandeln aus dem Fenster. Das Eichhörnchen griff sich eine und knabberte ausgiebig daran. Mir sind die Mandeln zu hart, aber so ein Eichhörnchen kann sogar Haselnüsse aufnagen und das Innere herausholen. Jedenfalls habe ich mir vorgenommen, beim nächsten Einkauf sowohl an die Vögel zu denken wie auch ans Eichhörnchen. Vorher will ich mich aber im Internet informieren. Die Welt nebenan ein klein wenig besser zu machen, sollte nicht schwierig sein.

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14 Kommentare zu “Wenn das Eichhörnchen frühstückt …

  1. Sehr löblich. Zufällig las ich gerade gestern, dass es die Resonanzeigenschaften des Holzes sind, was die Vögel rechtzeitig vor einem den Baum hinaufkletterndem Eichhörnchen warnt. Wegen der unterlassenen Fütterung musst Du, glaube ich, kein allzu schlechtes Gewissen haben. Ich habe mal gelesen, dass man gar nicht füttern sollte, wenn im Winter keine geschlossene Schneedecke liegt – um das Gleichgewicht der Natur nicht zu stören.
    Und zum Meisenknödel: Habe mal einen vors Fenster gehängt, der während des ganzen Wintern unbeachtet blieb. Erst als die Vögel im Frühling anfingen zu brüten, leerte er sich rapide. Und das zeigt wohl auch, wann das Zufüttern besonders angebracht und willkommen ist.

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      • Danke für den Link. Es war aber auch wohl nie die Rede davon, dass die Fütterung den Vögeln schadet, sondern dem natürlichen Gleichgewicht. Es wird einiges nicht vertilgt, was durch die Vögel dezimiert werden sollte (z.B. Mückenlarven). Davon mal abgesehen, habe ich damals die Spatzenkolonie vor der Akademie auch IMMER mit Futter versorgt – bei geschlossener Schneedecke und während der Brutzeit entsprechend mehr. Man sollte es ja nicht glauben, dass Spatzen in Berlin regelrecht vom Aussterben bedroht sind, und ich sehe sie eigentlich auch nur noch in wenigen Kolonien an besonders günstigen Standorten (dichtes Gebüsch neben einem Café mit Terrasse zum Beispiel). Und – last but not least – wir haben an der Vogelfütterei ja auch unsere Freude.

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        • Tut mir leid. Ich wollte nicht unhöflich sein. Der Eintrag sollte (auch für mich) so etwas wie eine Positionsbestimming sein und in Erinnerung rufen, wozu das Bloggen gut sein kann und welche Themen dem angemessen sind. Er hieß „Von den leisen Tönen der Gemeinsamkeit“ Da wollte ich keine entzweiende Diskussion führen über die unbestrittene Diskriminierung der Frau im 19. Jahrhundert, fand aber Ihren Und Doc Vogels Einwand gegen das Grimm-Zitat berechtigt. Auch mochte ich nicht diskutieren über die ebenfalls unbestreitbaren Elemente der Verfälschung in der mündlichen Überlieferung, von Ihnen moralisierend „Lüge“ genannt. Bei der flüchtigen Rezeption im Internet war nicht auszuschließen, dass es in dieser Weise weitergehen und meine Intention untergehen könnte. Das wollte ich nicht erleben.

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          • Lieber Jules,
            meine Anmerkung zu Ihren Ausführungen über die Herstellung kollektiver Identität (mittels Anpassung von Fakten der Vergangenheit an die Gegenwart aka Lüge) war keineswegs moralisierend gemeint – schade, daß Sie das so verstehen. Sondern das ist ein faszinierender Punkt menschlicher Wahrnehmung (u.a. auch zur Verarbeitung von Traumata unerlässlich, zur Herstellung einer überlebensfähigen Einzel-Identität), der mich interessiert und beschäftigt.

            Ich weiß, daß Sie höflich sind und vermute deswegen, daß Sie das nicht wollten, aber mit der Löschung Ihres Blogs inklusive der Kommentare von docvogel und mir haben Sie besagtes ‚Schweigen der Weiber in der Gemeinde‘ aus Bibel und 19. Jhdt in die Gegenwart transportiert. Auch im Internet lese und schreibe ich nicht flüchtig und ich bemühe mich immer um konstruktive Diskussion. Noch einmal schade, daß Sie einen gegenteiligen Eindruck gewonnen haben.

            Weswegen jetzt ich höflich bin, Ihren Eichhörnchenblog nicht noch weiter okkupiere und mir Kommentare zu Ihren Blogs in Zukunft wohl besser schenke.

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            • Liebe Dame, vielleicht überschlafen Sie Ihre Entscheidung noch einmal, denn was hier völlig unbeabsichtigt geschah und primär eine Form der Selbstbegrenzung meinerseits war, liefe ja zukünftig auf ein durch Sie selbstgewähltes „Schweigen der Weiber in der Gemeinde“ hinaus.

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