Der Dorp ist bass erstaunt

In einem geduckten Haus auf nicht 20 Quadratmetern war der Laden vom Dorp. Der Dorp war ein kleiner schmächtiger Mann, den ich zeitlebens nur im grauen Kittel sah. Er betrieb im Dorf meiner Kindheit sein winziges, aber gut sortiertes Edeka-Lädchen. Dort stand er hinter der Theke, nahm die Wünsche entgegen, die wir vom Einkaufszettel ablasen, und bediente, das heißt, er eilte hin und her und trug alles zusammen. Selbstbedienung wäre in dem engen Lädchen technisch nicht möglich gewesen, war in meiner frühen Kindheit auch noch ein unbekanntes Konzept.

Dorps Lädchen war vollgestopft mit Waren in Regalen bis unter die Decke und sogar auf einem Regalbrett über der Tür. Was sich für den Dorp unerreichbar hoch oben in Regalen befand, das hangelte er mit einer Stange herunter, an deren Ende sich ein Haken befand. Über der Tür lagerten, für Kinderaugen verborgen, gewisse Packungen, über die wir zuerst nichts wussten, später hinter vorgehaltener Hand sprachen, nur Neukirchens Hans-Gerd nicht. Er hatte zwei ältere Schwestern und war immer bestens informiert. Ich sehe ihn noch grinsen und dabei die viel zu großen Zähne blecken, als er uns bei Welters im Schuppen darüber aufklärte, wozu die Camelia-Damenbinden gut waren. „Wenn Muschi Nasenbluten hat“, sagte der Neukirchen. „Camelia“ blieb aber lange ein Tabuwort.

Heute war ich mit dem Rad beim Finanzamt Hannover-Süd, um einen Brief einzuwerfen. Neben dem Finanzamt befindet sich das Edeka-Center Wucherpfennig. Ich trat ein und stand gleich orientierungslos in einem Verkaufsraum von der Größe eines Fußballfeldes. Nachdem ich einige Gänge durchwandert hatte, und mich schon fühlte wie der durstige Mann aus der Tuborg-Bierwerbung, fragte ich eine junge Verkäuferin: „Wo haben Sie denn das Tiefkühlgemüse?“ Sie ging Ausschau haltend vor mir her.
„Sie müssen also auch suchen“, sagte ich.
„Ich habe ja auch gestern erst hier angefangen“, erwiderte sie.

Da stellte ich mir vor, durch einen Fehler im galaktischen Betriebssystem würde der Dorp seiner Zeit enthoben und hierher versetzt. Es würde ihm schwindlig werden. Zum Glück könnte er sich auf die Hangelstange stützen. Die anderen Mitarbeiter würden ihn auslachen. „Was willst du denn damit, Kollege? Willst du einen ermorden?“

Ich wüsste genau, wie der Dorp sich dann fühlt. Ähnlich ging es mir, als ich nach meiner Bundeswehrzeit eine Stelle als Schriftsetzer in der Zeitungssetzerei der Aachener Nachrichten antrat. Ich hatte das wichtigste Arbeitsgerät des Schriftsetzers bei mir, meinen Winkelhaken, aber Betriebsleiter Sturm lachte mich aus und sagte: „Sowas brauchen Sie bei uns nicht mehr“ und zeigte mir, worin meine Aufgabe bestand, nämlich Maschinensatzzeilen zu Anzeigen zusammen zu bauen, ab und zu eine Überschrift zu setzen aus Matrizen für die Ludlow-Setzmaschine.

Mittags bin ich zu Betriebsleiter Sturm gegangen und habe gekündigt mit den Worten: „Ich bin Schriftsetzer und mir zu gut, um nur Maschinensatz zusammen zu klatschen.“ Sturm sagte: „Wir haben auf der 2. Etage noch die Akzidenzsetzerei. Ich frage mal nach, ob die Sie gebrauchen können.“ Dort arbeitete ich dann. Drei Jahre später war mein stolzes Handwerk museal.

„Ja, gut“, sagt der Dorp. „Ihr arbeitet bei Edeka also nicht mehr mit der Hangelstange, sondern sortiert alles in die Breite. Aber liegen denn auch die Cameliapackungen unten, wo jedes Kind sie sehen kann?“

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11 Kommentare zu “Der Dorp ist bass erstaunt

  1. Mit Erzählungen über Läden „damals“ kann man ja im besten Sinne zum Laden(be)hüter werden. Kürzlich fragte ich mich, wie lange man Kindern noch einen Kaufmannsladen wird schenken können, bevor sie wirklich nicht mehr wissen, was sie mit dem Ding anfangen sollen.

    Und … nein, die Camelia liegen heutzutage in komfortabler Höhe im Regal, damit frau sie diskret – ohne durch Ausrecken oder tiefes Bücken auf sich aufmerksam zu machen, aus dem Regalfach in den Einkaufswagen befördern und unter einer Packung Müsli verstecken kann.

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    • Bei Lidl gab es vor Weihnachten einen Kaufmannsladen. Es war ein gehöriger Anachronismus. Aber ich glaube, solche Anachronismen halten sich lange, zumal es immer noch Neubelebungen des Tante-Emma-Laden-Konzeptes gibt. In meinem Viertel betreiben zwei türkische Brüder so einen Laden. Die Hangelstange habe ich dort gesehen, denn ich hatte sie längst vergessen.
      Damenbinden unter Müslipackungen zu verstecken, kommt mir hingegen seltsam gschamig vor, und ich dachte, diese Verklemmtheit wäre längst überwunden. Ich hatte jedenfalls nie Probleme damit, für eine Freundin Tampons zu kaufen.

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      • Von Dir hätte ja auch niemand gedacht, dass Du gerade Deine Tage hast *lacht*
        Nee, wirkliche Probleme hatte und hätte ich mit dem Kauf von Hygieneprodukten auch nicht, obwohl ich mich durchaus schon dabei erwischt habe, die entsprechenden Artikel nicht allzu sichtbar auf das Band vor der Kasse zu legen, wenn vor oder hinter mir ein Mann stand. Es wäre mir irgendwie provozierend vorgekommen. Es ist gar nicht lange her, dass ich in einem Männerblog gelesen habe, wie abstoßend ein Mann die Werbung für Tampons fand, wenn er gerade beim Abendessen saß. Aber beim Abendessen fernsehen ist sowieso eine schlechte Angewohnheit, und man sollte darauf keine Rücksicht nehmen.

        Was man sollte, ist, mit kleinen Kindern in Tante-Emma-Läden gehen. Jawohl!

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          • Zu a) Genau!
            Zu b) An der Verkaufsform in Bäckereien rütteln bereits Ketten wie Backwerk. Bei den Apotheken verhindert das Arzneimittelgesetz eine ähnliche Entwicklung, obwohl auch hier – besonders große Apotheken, sich zunehmend einen Touch von Supermarkt geben. Und wenn irgendwann, wie in den USA, Aspirin im Supermarkt zu haben ist, ….

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  2. Diese kleinen Läden fehlen mir, wenn ich in einen der riesigen Edeka Supermärkte gespült werde. Groß kenne ich. Aber diese unglaublich großen Verkaufsflächen sind mir noch fremd. In meinem Viertel ist kein Platz für diese Art.
    Nahe meiner ersten Wohnung gab es noch einen echten kleinen Tante Emma Laden. Auch wenn ich zu verwöhnt vom großen Angebot war, kaufte ich mindestens einmal in der Woche dort ein. Wie meine Nachbarn. Ich glaube wir wollten ganz unbedingt, dass ernüchternd lange bestehen bleibt.
    Der Kittel von Dorp erinnert mich an meinen Vater. Der trug als Schlosser über Jeans und Hemd immer einen grauen Kittel, der herrlich nach Metall gerochen hat. Auch den vermisse ich.

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    • Gestern hörte ich in einer Markt-Sendung, dass Deutschlands erster Supermarkt 1957 in Köln eröffnet wurde. Das Konzept kam aus den USA. Die immense Größe heutiger Supermärkte mit ihrem Überangebot schreckt mich ab, besonders wenn ich mich nicht auskenne. Andererseits wäre die Lebensmittelversorgung heutiger Großstädte durch Tante-Emma-Läden nicht zu leisten. Der Tante-Emma-Laden in meiner Nachbarschaft kann sich halten, weil er weit über die Ladenschlusszeiten hinaus geöffnet hat. Keiner kauft da seine Grundversorgung. Auch ich gehe nur hin, wenn ich etwas vergessen habe, was ich dringend brauche. Eine Weile kaufte ich da mein liebstes Bier, Kölsch.
      Als Schriftsetzer habe ich auch immer einen grauen Kittel getragen, war aber heilfroh, als ich ihn nicht mehr brauchte.

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      • Ich schrieb meine Diplomarbeit über die Entwicklung und Zukunft von Diskountern im Ländervergleich. In diesem Zusammenhang habe ich mich auch mit dem Wandel des Einzelhandels beschäftigt. Die Veränderungen und meine damalige Einschätzung über die Zukunft stimmten mich sentimental, weil ich die Entwicklung zwar als logisch, aber auch anonym empfand. Den Tante Emma Läden gab ich damals keine Chance zu überleben, sie starben ja bereits. Heute gibt es sie nicht mehr und es braucht eine ganz besondere Nische um als kleiner Laden überhaupt noch existieren zu können.
        Ob mein Vater den Kittel vermisst, weiß ich nicht. Ich aber vermisse den Geruch 🙂

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  3. Die kleinen Läden, die noch anschrieben und auf wenig Raum alles Lebensnotwendige anboten, sind fast verschwunden. Die großen Märkte sind inzwischen aus den Innenstädten verschwunden und haben eine Lücke hinterlassen. Jetzt kehrt Tante Emma in veränderter Form zurück, zum Beispiel als 7/24 Kiosk, in dem es fast alles gibt. Da tauchen auch wieder die Eigentümer auf, die ihren Laden und ihre Kunden kennen.

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