Ein Zettel aus dem Supermarkt, gestern gefunden

Ich mag es, zurückgelassene Einkaufszettel zu finden. Sie geben Auskunft über den Zustand unserer Handschrift. Einkaufszettel zeigen unverfälscht die Wertigkeit, die die Schreiberin oder der Schreiber mit Handschrift verbindet, weil sie gemeinhin nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind.

Dieser Zettel ist mit einem Fineliner in sauberen Druckbuchstaben ausgeführt. Der nachträgliche Zusatz „+ grüne“ dagegen mit Bleistift. Es handelt sich um die gleiche Handschrift, aber der Zusatz ist kleiner geschrieben, und der Zeile „rote, u. gelbe Paprika“ untergeordnet, und zwar zwischen dem Adjetivattribut „gelbe“ und dem Bezugssubstantiv „Paprika.“ Diese formale Sorgfalt verweist auf einen methodischen Menschen. Daher überrascht der Zettel mit nur drei Positionen. Man sollte annehmen, dass man sich drei zu kaufende Lebensmittel auch so merken kann. Da rote, gelbe und grüne Paprika gemeinhin in einer Verpackung angeboten werden, ist ja auch der Zusatz „+ grüne“ als Merkhilfe unnötig.

Zuletzt irritiert das Fragezeichen hinter „Keks.“ Sollte die Entscheidung erst im Supermarkt fallen und warum? Eine Erklärung für die Ungereimtheiten wäre, dass der Einkaufszettel für eine andere Person, ein Kind geschrieben wurde. Es sollte nicht mit der Frage konfrontiert sein, wie es rote und gelbe Paprika kaufen kann, wenn sie zusammen mit grünen angeboten werden. „Keks?“ überlässt dem Kind die Entscheidung. Gegen diese Interpretation spricht der Plural von Joghurt. Es wäre einfacher, hier eine Zahl anzugeben. Vielleicht stammt aber der Zettel von einer alleinerziehenden Mutter mit einem Kind. Dann bedeutet „Joghurts“ klar zwei Joghurts. Das würde auch die Druckschrift erklären, weil sie für ein Kind leichter zu lesen ist als eine ausgeprägte Persönlichkeitsschrift. Ist aber alles spekulativ.

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