Der letzte Patient – kein Lächeln und kein Kratzen

Die Frau mit dem süßesten Lächeln, das mir in Hannover je begegnet ist, lächelt nicht. Ich tue mein Bestes und sage:
„Jetzt sitze ich vor Ihnen mit heruntergelassener Hose, Frau L.“
„Und auch noch als mein letzter Patient im alten Jahr.“
„Haben Sie zwischen den Tagen frei?“
„Ja, ich habe Urlaub und freue mich, obwohl ich gerne arbeite.“
„Man darf sich auch mal über freie Tage freuen“, sage ich, mit den Hosen auf den Köcheln.

Sie legt mir ein Stück Gaze mit Jodsalbe aufs immer noch nässende Knie und verbindet mich. Ich bedanke und verabschiede mich, wünsche ihr schöne Weihnachtstage, aber als sie antwortet, lächelt sie auch nicht richtig. Das war anders gewesen, als ich gestern ein Rezept abholte. Da hatte sie mich derart zuckersüß angelächelt, dass ich glatt vergaß, meinen Namen zu sagen und warum ich gekommen war. Allmählich erschließt sich mir, warum sie heute nicht gelächelt, sondern nur ein bisschen geschmunzelt hat. Sie wird einen anstrengenden Vormittag hinter sich gehabt haben. Wenn eine zudem über ein derartiges Lächeln verfügt, darf sie es nicht durch inflationäres Auftreten verschleißen.

Das erinnert mich an ein legendäres Kratzen, das ich ebenfalls nicht zu sehen bekam. Einmal war ich mit einem Freund in Lüttich gewesen. Wir hatten uns in einem hübschen Lütticher Viertel vor ein Café gesetzt. Er hatte Hunger und orderte ein Baguette. Dann aß er noch eines, denn er aß alles, was groß und dick macht. Allerdings gestand er dann, dass er unser Sitzen vor dem Café noch hatte hinauszögern wollen. Denn eigentlich kam er nur einer bestimmten Kellnerin wegen her, die sich so wunderbar kratzen könne. Nach seinem zweitem Baguette tauchte auch die Kellnerin auf. Sie war wohl schon außer Dienst und stand dann eine ganze Weile einfach so an den Mast einer Markise gelehnt, angetan mit einem dunkelgrünen T-Shirt, dessen kurze Ärmel hoch oben unterhalb ihrer Schultern endeten, wodurch ihre wirklich ausnehmend schönen Arme zur Geltung kamen. Die Kellnerin machte allerlei selbstvergessene Gesten, sprach auch gelegentlich ein paar Worte mit dem Kollegen, wenn er vorbeikam, aber wollte sich zu unserer Enttäuschung einfach nicht kratzen.

Ein Frauenlob: Da bevölkern so schmucke Wesen unseren Planeten, und statt sich ihrer zu erfreuen, macht der Mann die Erde unwirtlich, lässt die Muskeln spielen und zettelt Kriege an. Früher ging es dabei wenigstens um Frauen wie beim trojanische Krieg. Der wurde bekanntlich durch die Entführung der Helena ausgelöst. Heute geht es um Öl, um Macht oder eine fanatische Religionsauffassung und imaginäre Jungfrauen. Ich bin mir sicher, dass ein bezauberndes Lächeln oder ein versonnenes Kratzen nichts, aber auch gar nichts mit Jungfräulichkeit zu tun haben.

Heute erinnert die Neue Züricher Zeitung an ein außergewöhnliches Weihnachtslied, das mich stets zu Tränen rührt:

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12 Kommentare zu “Der letzte Patient – kein Lächeln und kein Kratzen

  1. Man darf sich auch mal über freie Tage freuen? – Klar, darf man, aber ich glaube, Du hättest an der Stelle etwas anderes sagen sollen. Vielleicht wurde sogar erwartet, dass Du etwas anderes sagst. Männer sind schon komische Wesen. Würden sich manchmal am liebsten in eine Mücke verwandeln, nur damit eine Frau sich kratzt. – Andererseits glaube ich nicht, dass es wirklich die Frauen waren, für die die Helden Kriege führten.
    Aber nochmals zum Lächeln: Das echte Lächeln ist ja weniger dem Licht als einer Blume vergleichbar. Nur ein künstliches Lächeln wird angeknipst. Ein echtes Lächeln blüht auf, und so kann es kommen, dass es zur vollen Schönheit erst erblüht, wenn der Anlass vorbei ist. In den Genuss dieses voll erblühten Lächelns kommt dann ein anderer – ganz unverdient … oder auch niemand mehr. Vielleicht hat Deine Ärztin ja versonnen lächelnd auf de Tür geschaut, die sich hinter Dir geschlossen hatte. Wer weiß?

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    • Du magst Recht haben, aber mir fällt ja nie das Richtige ein, in der Situation sowieso nicht. Aber ich frisiere meine Dialoganteile auch nachträglich nicht. Es war übrigens nicht die Ärztin, sondern die med. Fachangestellte. Ja, komische Wesen, wenn sie nur harmlos komisch wären. Es ist sehr schön, was du über das aufblühende Lächeln schreibst. Die Vorstellung, dass mir ein Lächeln hinterherblühte, gefällt mir.

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  2. Lieber Jules,

    Hätte hätte Fahrradkette…ich blohooß…nicht zuerst die Pogues gehört, ich würd jetzt weniger schniefen und zwischen meine Feenworte siehst ungestört und unerhört Du die Tränlein triefen und dann die Worte wie ein Kratzen wie eine Maus mit Diamantaugen kurz vorm Spagatzen, da lächelt die Zeit und schärft ihre kralligen Tatzen, doch die Fee erkennt hinter Sinnsilben und Satzsyntaxen den Hintersinn in einem Lächeln, das sie wie drei Weihnachtsgeister rief. Es sagte: Weile keine Eile war es, die tief in allem Wissen zum Willen sich hinschlief und sprach die alten Worte mit Reiterverstand gegen die Wand: Trakehnerblut hat Zauberglut! und wusste dabei dass es Dinge gab die sie nicht verstand und die dennoch wirkten wie der alte blaue Leuchtstein, den sie damals als Lily on The Bridge fand.

    Wunderbarer Text und gerade dieser herrliche trieftraurige und nach Räucherhöhle schmeckende Feensong.
    Enchanté und merci
    und (nur prophylaktisch) be-sinnliche Weihnachten.
    Liebe Grüße von der Fee✨

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    • Liebe Fee,
      dankeschön für diesen tränenfunkelnden Kommentar, in dem die Worterfindungen wirbeln wie winterliche Schneeflocken. Da hat manches die Qualität von Dada. Sentenzen wie „Kratzen wie eine Maus mit Diamantaugen kurz vorm Spagatzen“ oder „sprach die alten Worte mit Reiterverstand gegen die Wand.“ bringen mein altes Dadaherz zum Hüpfen. Wunderschön.

      Ich bin der NZZ dankbar, dass sie mir „Fairytale Of New York“ in Erinnerung rief, das ich in den ersten Jahren meines Bloggens immer eingebaut habe in meine Texte aber wie so vieles dann doch vergessen hatte. Es hätte zum Schluss des Textes The Band Played Waltzing Matilda
      besser gepasst, aber es hätte die Akzente verschoben, denn ich hatte überhaupt nicht vor, dass der Text darauf hinauslief. Er hat sich einfach selbstständig gemacht, was mir früher, als ich noch bekifft geschrieben habe, dauernd passiert ist. Inzwischen habe ich mich ja besser im Griff. 😉

      Sei herzlich gegrüßt
      von Jules

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      • Lieber Jules, fein, dass mein mir innewohnender Kasper Dein altes Dada-Herz zum Hüppen bringen konnte. Darüber freut sich der kleine lustige Kerl wieder tagelang als gäbs morgens schon Erdbeereis zum Frühstück. Und weil die Pogues einfach superschön zum Text passten, kommt hier der zweite Song zum hochfrohen Feier-Fest:

        Viel Freude mit Tom und einen schönen Samstag wünsch ich Dir. Erwähnte ich, dass es hier bei acht Grad seit gestern morgen munter vor sich hinnieselt? Nebel als sei seit März November.
        Liebe Grüße von der Fee ✨

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        • So ein innewohnender Kaspar muss wunderbar sein, liebe Fee. Dagegen ist ein gefrühstückter Clown eben abgefrühstückt.
          Die Version von Tom Waits ist klasse, vielen Dank! Ich hatte die Pogues gemeint: Da wird die Melodie der australischen Volksweise erst am Schluss zitiert. Mit den Bildern dazu etwas zu schwermütig, besonders bei anhaltendem Nebel. Auf dass die Sonne wieder scheine!
          Liebe Grüße von Jules

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  3. Eigentlich juckt es mich ja nicht, wenn andere Leute sich kratzen. Aber neugierig wird man schon auf dieses besonders kratzige Erlebnis. Außerdem finde ich es eine wunderschöne Idee, dass sich da jemand auf den Weg macht, um einem anderen Menschen bei einer so alltäglichen Verrichtung zuzuschauen. Selbst Helge Schneider kam nicht weiter als bis zur der Aufforderung „Blondes Mädchen schüttel dein Haar für mich“.

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    • Wir waren, ehrlich gesagt, nicht nur nach Lüttich gefahren, um das Kratzen zu sehen. Lüttich ist eine Reise wert, auch wenn sich keiner kratzt. Der Freund lebt als Deutscher in Ostbelgien und wollte mir das Beste von Lüttich zeigen. Dazu gehörte eben auch die sich kratzende Kellnerin. Dieser Freund ist sowieso fixiert auf derlei Dinge, sagt beispielsweise, wie sein alter Kunstlehrer die Tasse gehalten habe, darin hätte mehr Weisheit gelegen als in den Schriften der Philosophen.

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