Pater Arnolds Zugunfälle und ich

In dem Jahr, in dem mein Vater starb, hatte er für meinen älteren Bruder und mich eine Modelleisenbahn gebaut. Es war eine Anlage so groß wie unser Esstisch mit einem Anbau halb so breit. Dieser Anbau konnte mit Hilfe stabilisierender Leisten seitlich angefügt werden, so dass die komplette Anlage links und rechts über die Querseite des großen Küchentischs ragte. Da wir nur das eine Zimmer hatten, Wohnzimmer und Küche in einem, wurde die Anlage nach dem Spielen demontiert und mit dem Gesicht zur Wand gelehnt. Dann zeigte sich, dass die Platte, auf der Häuser, Berge, Brücken und Schienen aufgebaut waren, ein Sperrholzbrett auf einem Rahmen von stabilen Vierkantleisten war. Dieser Rahmen hatte an der einen Längsseite Aussparungen, in die die beiden Leisten der anzubauenden Platte geschoben werden konnte. Auch sah man ein Gewirr von Kabeln, die durch kleine Bohrlöcher von den Weichen und Signalen in Richtung der Schaltpulte geführt waren und dort wieder durch Bohrlöcher zur Oberseite hin verschwanden.

Wann mein Vater diese aufwändige Konstruktion gebaut hatte, weiß ich nicht. Er kam werktags immer spät von der Arbeit. Meine kleinere Schwester und ich waren dann schon im Bett, so dass wir ihn fast nur am Wochenende sahen. Ganz selten durften wir mal aufbleiben, bis er nach Hause kam. Dann holte er aus seiner ledernen Aktentasche die „Hasenbrote“, die er unterwegs einem Hasen abgenommen hatte, der sie hatte hergeben müssen, weil mein Vater ihm Salz auf den Schwanz gestreut hatte. Diese leckeren Hasenbrote durften wir dann essen. Sie schmeckten herrlich.

„Lederne Aktentasche“ bedeutet nicht, dass mein Vater darin etwa Akten transportiert hätte. Seine Aktentasche hat immer nur eine verschraubbare Thermoskanne, einen Henkelmann und eben Hasenbutterbrote enthalten, denn mein Vater war Arbeiter, genauer Kunstschlosser und arbeitete in Düsseldorf in der Schlosserei seines Bruders. In seinem Beruf soll er ein Genie gewesen sein, erzählte jedenfalls immer mein Cousin Johannes, der bei meinem Vater in die Lehre gegangen war.

Die Adventszeit kam, mein Vater erlitt einen Herzinfarkt, derweil er Material aus einem Güterwaggon lud, meine Mutter wurde nach Düsseldorf gerufen, und als sie im Krankenhaus ankam, hatte er so lange nicht warten können und war gestorben.

Zu Weihnachten bekamen mein älterer Bruder und ich die Modelleisenbahn. Allerdings hatte mein Bruder die Oberaufsicht. In seiner Abwesenheit durfte ich nur Waggons aufs Gleis setzen und mit dem Finger hin- und herschieben. Diese Vorsicht in der Behandlung der Anlage wurde aber gänzlich außer Kraft gesetzt, wenn Pater Arnold aus dem nahen Kloster zu Besuch kam, eigentlich um meiner Mutter in ihrer Trauer geistlichen Beistand zu leisten.

Pater Arnold war beliebt in unserem Dorf, denn wenn er den alten Pastor Houben vertrat, las er die Messen überraschend schnell. Man war eigentlich daran gewöhnt, dass die Messen schier endlos dauerten. Der Pastor war nämlich schon „ein bisschen draus“, wie es hieß. Heute würde man sagen, „Pastor Houben war dement.“ Oft war er unsicher, was aus der Messliturgie er schon gelesen hatte und las manche Passagen zur Sicherheit zweimal. Daher dauerte ein gewöhnliches Hochamt am Sonntagmorgen eineinhalb Stunden. Wenn Pater Arnold schon nach 45 Minuten fertig war, vermutete man, er habe der ausgleichenden Gerechtigkeit wegen einiges von dem weggelassen, was Pastor Houben versehentlich zweimal gelesen hatte. Genaues wusste keiner, denn in meiner Kindheit wurde noch die Liturgie auf Latein gelesen, und das war uns auf dem Dorf ein einziges Rhabarberrhabarber.

Pater Arnolds Markenzeichen war ein meterlanger roter Schal, den er so oft um den Hals gewickelt hatte, dass schon das Abwickeln eine größere Vorführung war, zu der man Eintritt hätte nehmen können. Mich befiel ein leises Grauen, wenn Pater Arnold seinen Schal abgewickelt hatte, um mit uns an der Modelleisenbahn zu spielen. Sein liebstes Spiel waren Zusammenstöße. Gerade war ich glücklich, wenn unsere beiden Züge über die Gleisanlage rollten, wenn sie brav ihre diversen Anhänger über Brücken und durch Tunnel zogen, wenn sie zuverlässig an Signalen hielten, kam Pater Arnold, wickelte seinen Schal ab und sagte zu meinem Bruder: „Komm, Friedrich, lass uns Zusammenstoß spielen!“ Dann nahm er brutal eine Lok auf, setze sie gegen die andere aufs Gleis und ließ die beiden gegeneinander brausen, dass sie mitsamt  Anhängern aus dem Gleis kippten.

Seit dieser Zeit mag ich gar nicht, wenn etwas sorgsam Geplantes zerstört wird. Hollywoods Katastrophenfilme mit ihren gigantischen Zerstörungen, überhaupt alles Destruktive ist mir ein Graus, und Schuld ist Pater Arnold.