Die Entzauberung des Kaufladens

Ungewöhnlich leer ist es um diese Mittagszeit beim Discounter. Ich packe in aller Ruhe meinen Einkauf in den Wagen. Nahe dem rückseitigen Kühlregal, am Kopfende zweier Gänge mit Zukaufprodukten auf Wühltischen befinden sich zwei Frauen vom Personal. Die eine sitzt seit Jahren an der Kasse, die andere ist neuerdings die Marktleiterin. In scheinbarer Eintracht räumen die beiden gemeinsam ein Regal um. Die Kassiererin fühlt sich offenbar ermuntert, eine Meinung zu äußern:
„Ich finde es schöner so, wenn wir die Sachen hier aufstellen.“
„Ach ja?“, erwidert die Marktleiterin spitz.

Sie hätte auch sagen können: „Wer hat dich gefragt, blöde Kuh?“ Sparsamer als mit „ach, ja?“ lässt sich derlei nicht ausdrücken. Diese unflektierten Einsilber, fünf Buchstaben, rücken erstens die Hierarchie zurecht: „Ich bin hier die Marktleiterin!“ und weisen zweitens die Kassiererin in ihre Schranken: „Du kannst vielleicht in deiner armseligen Bude die Wischlappen drapieren. Hier ist Deine unmaßgebliche Meinung nicht gefragt. ICH habe die Seminare zur Warenpräsentation besucht. Die wurden nicht abgehalten von einer hergelaufenen Kassenfrau, sondern von diplomierten Marketingfachleuten!“
Das hat sie nicht gesagt. Ihr genügte „Ach ja?“ Wir sind beim Discounter.

Manche beherrschen diese schmallippige Rhetorik intuitiv. Sie sind einfach hässliche Charaktere und geraten deshalb in leitende Positionen. Aber sparsame Rhetorik von oben herab kann man zur Not auch lernen, falls man zu freundlich für eine leitende Aufgabe ist. Um diesem Defizit abzuhelfen bieten die Discounter-Psychologen das Seminar „Kleines Einmaleins der Menschenführung“ an, Unterthema: „Der gepflegte Arschtritt zur rechten Zeit wirkt Wunder.“

Fades Kaufladen-Idyll

Der rechte Ort war es nicht. Just neben den beiden wurden auf Grabbeltischen die Kinderspielsachen fürs Weihnachtsgeschäft angeboten, prominent Kaufläden zu 39,99 Euro. Auf der Verpackung abgebildet ist ein glücklich lachendes Mädchen hinter einer Theke. Es ist gerade im Begriff, an der rückwärtigen Regalwand ein Schubfach aufzieht. Der Fotograf hat es ihm befohlen, aber es soll selbstständig wirken, aus eigenem Antrieb. Neben dieser kindlichen Scheinwelt zeigt sich die lebendige Discounter-Realität besonders schäbig.

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