Gekritzelt – Finaler Jahreslauf und Die letzte Frage

Etwas über lahme Botenstoffe
Wieder glaubte ich, etwas verloren zu haben. Zu Hause stellt sich das als Irrtum heraus, weil ich, was ich verloren glaubte, gar nicht mitgenommen hatte. Schon oft habe ich beobachtet, dass sich in solchen Fällen zwar Erleichterung einstellt, aber das Verlustgefühl noch nicht weicht. Offenbar werden bei solchem Verlust Botenstoffe ausgeschüttet, die sich erst langsam abbauen. Ähnlich umgekehrt. Nach einer angenehmen Begegnung bringt man ein Lächeln mit, trägt es noch eine Weile vor sich her.

Finaler Jahreslauf

Vielleicht gibt es ein Tier, dessen Lebenszyklus mit dem Jahreslauf korrespondiert. Stell dir vor, du wärst das, und dein Heimatplanet würde innerhalb deiner Lebenszeit nur einmal um die Sonne kreisen. Dann gewännst du im Fallen der Blätter den Eindruck, mit dir würde die ganze Welt absterben. Du würdest dich nicht am Farbenspiel roter und gelber Blätter erfreuen, würdest nicht durch raschelndes Laub rennen, dass es links und rechts von dir aufstiebt, sondern hättest Angst vor diesem Verfall. Wenn dann die Männer mit den Laubbläsern kämen, würdest du denken, die schickt ein kosmisches Abbruchunternehmen und gleich geht es mir an den Kragen. Der Schnitter streicht schon mit dem Wetzstein über die Sensenklinge.

Triumph des Menschen über die Maschine
Es ist hübsch, richtige Wörter zu schreiben, die die Rechtschreibprüfung nicht kennt – wie etwa „Schnitter“, wozu sie mir neben „Schnitte“ (lechz) und „Schnitzel“ auch „Schwitters“ vorschlägt.

Clash of Civilisations – im letzten Moment verhindert
Am Käsestand auf dem Markt verlangte ich drei Scheiben mittelalten Gouda. Die Verkäuferin verneinte, Scheiben ginge nicht, weil ihre Schneidemaschine nicht funktioniere, bot mir stattdessen an, von einem großen Stück, das sie aus der Auslage nahm, ein kleineres abzuschneiden. Ich zögerte, lehnte dann aber ab, obwohl sie mich mit all ihrem Marktfrauencharme anlächelte. Ich hatte vorher missbilligend gesehen, dass sie mit ihren Fingerkuppen einfach auf die Schnittfläche des Käses gefasst hatte. Da wusste ich, dass ich zu Hause immer würde denken müssen an die Königreiche von Mikroben, die auf ihren Fingerkuppen gesiedelt hatten und jetzt auf den Käse verpflanzt worden waren. Die will man doch nicht mit Mann und Maus verschlingen.

Die letzte Frage

Meine Lieblingsfigur in SF- und Horrorfilmen aus Hollywood ist der stereotyp auftauchende Kerl, der in einer rätselhaft-bedrohlichen Situation ausruft: „Was zum Teufel soll das?!!!“ Und schon beißt ihm irgendwas den Kopf ab.

Die Pernod-Ricard-Malbuch-Panne
Frau Anke Erdt von Pernod-Ricard hat auf meine Mail geantwortet, man habe keinesfalls mit 88 die Nähe zu Heil Hitler beabsichtigt, sondern es habe der Außendienstkollege „vergessen, das Display mit einem Preis zu versehen. Wir werden unsere Kolleginnen und Kollegen an diesen Schritt erinnern.“ Dass die Sache jetzt am gestressten Außendienstler hängen bleibt, der das Display nur in Ruhe hätte ausmalen müssen, einmal in groß und einmal in klein, ist wirklich perfide. Bei Rewe hatte auch niemand Lust dazu. Man klebte weiter unten ein eigenes Preisschild auf. Verantwortlich für die Panne ist der gewiss hochbezahlte Mensch bei Pernod-Ricard, der das Design des Aufstellers genehmigt hat. Er hätte voraussehen müssen, dass die Display-Anzeige zum Ausmalen nicht alltagstauglich ist und dass möglicherweise viermal 88 (= viermal „Heil Hitler“) zu lesen sein wird.

Preis-Display zum Ausmalen, Bild links: So wars gedacht – rechts: So wars zu sehen – Foto und Retusche: JvdL

Der VW-Konzern ist vor Jahren in Griechenland mit einer Anzeigenkampagne gescheitert, weil neben dem Auto eine Person abgebildet war, die mit offener Handfläche grüßte, was in Griechenland als grobe Beleidigung gilt. Hier war auch nicht der Plakatkleber verantwortlich, sondern die Agentur und wer im Unternehmen das depperte Plakatmotiv genehmigt hat.

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12 Kommentare zu “Gekritzelt – Finaler Jahreslauf und Die letzte Frage

  1. Das erinnert mich an die Backereifachverkäuferin, die mit ihren plastikbehandschuhte Händen nicht nur meine Brötchen in die Tüte zählt, sondern auch das Wechselgeld herausgibt. So kann ich zumindest sicher sein, daß die Mikroben der Verkäuferin mir erspart bleiben, nicht aber die aller anderen Kunden, die vor mir von ihr bedient wurden. Deshalb toaste ich auch frische Brötchen vorm Verzehr, Königreiche hin oder her, die haben da einfach nichts zu suchen.

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    • Das mit den Plastikhandschuhen erlebe ich auch immer wieder- genau so.
      Und dann verzichte ich auf den Kauf.
      Und das, obwohl ich ja behaupte, man könne mir einen Haufen mitten auf die Pizza setzen: ich würde dann immer noch den Rand abknabbern… 😉 Stimmt aber nicht.
      Bei Jules´ Beispiel mit den Fingern auf der Käseschnittfläche denke ich unmittelbar an Petrischalen, und habe das Bild von angelegten Bakterienkulturen vor Augen.
      Und nachdem meine kindliche Annahme, a l l e Frauen würden sich nach dem Toilettenbesuch die Hände waschen durch gegenteilige Beobachtungen zunichte gemacht ist, habe ich besonders bei Fingernägeln (Steigerung: gestylte, künstliche) arge Bedenken.

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      • @ Lo
        Ich glaube, dass wir erst in jüngster Zeit wacher auf derlei Vorgänge achten, weil wir in den Medien ständig Berichte lesen über den Mikrobenbefall da und dort, beipielsweise auf dem Smartphone oder dem Spülschwamm. Im TV sind oft solche Petrischalen zu sehen, wenn mal wieder irgendwo Abstriche genommen worden sind und Kulturen angesetzt wurden. In meiner Kindheit war das alles unbekanntes Land, und es hieß sogar über sichtbare Verschmutzung: „Dreck scheuert den Magen.“

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    • @ videbitis
      Ich erinnere mich an Zeiten, in denen das Anfassen offener Lebensmittel mit der Hand üblich war. Tatsächlich sind die strengen Hygienevorschriften noch nicht alt, Die „Verordnung (EG) Nr. 852/2004 über Lebensmittelhygiene“ gilt seit dem 1.1.2006. Aber bei der Umsetzung haperts noch, wie auch dein Beispiel zeigt.

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      • Ich glaube, es gibt sogar wieder eine Gegenbewegung. Ich sah neulich bei einem mir ungekannten Bäcker einen Artikel am Schwarzen Brett hängen, der dem Anfassen von Lebensmitteln Unbedenklichkeit bescheinigte. Näheres weiß ich allerdings nicht zu vermelden, da ich den Artikel nicht mehr lesen konnte, denn ich wurde bedient. Bestimmt mit bloßen Händen, kann’s aber nicht beschwören, weil ich darauf nicht achte. Ich halte es mit dem von Dir oben zitierten „Dreck reinigt den Magen“ (und fahre damit nicht schlecht).

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        • Vermutlich kann man all die Ungeheuerlichkeiten, die das Mikroskop zeigt, ignorieren. Wäre es anders, hätte die Evolution uns mit einem Sensorium ausgestattet, das kein Mikroskop braucht. Drum könnte ich mir einen solchen Artikel als plausibel vorstellen. Doch ich bin schon als Kind gewesen, was man pingelig nennt, und deshalb sehr vorsichtig. Vermutlich mit Recht.

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    • Von einigen weiß mans, beispielsweise vom isländschen Held Gisli. Er war vom Thing für vogelfrei erklärt worden. Einige Männer hatten ihn nach langer Verfolgung gestellt. Drei Tage und Nächte wehrte Gisli deren Angriffe ab, als ihn ein Speer tödlich in die Brust traf. Seine letzen Worte: „Der saß.“ Oder Henryk Ibsen letzte Worte: Eine Krankenschwester zu einem Besucher: „Es geht ihm schon etwas besser!“ — Ibsen: „Im Gegenteil!“ Was dein Bekannter keinesfalls sagen sollte ist: „Was zum Teufel soll das?!!!“ 😉

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