Nachdenken über digitale Kommunikation (2) – Ortlosigkeit und digitale Orte

Mein alter Chef und Lehrherr während meiner Schriftsetzerlehre hatte eine Reihe sprachlicher Eigenheiten. Wenn er beispielsweise im Büro einen Anruf entgegengenommen hatte für seinen Sohn, den Setzereileiter, rief er die Treppe hoch: „Theo! Am Apparat!“ Für mich drückt sich darin die apodiktische Örtlichkeit des analogen Telefons aus. Man wurde zum Apparat befohlen, und der stand da und dort. Seine kurze Schnurverbindung zur Buchse in der Wand erlaubte nur eine unwesentliche Ortsveränderung.

Zeitsprung. Während einer heimlichen Beziehung fuhren die Freundin und ich nach Hamburg. Sie musste sich beruflich einige Tage dort aufhalten, und wir wollten die Zeit zur ungestörten Zweisamkeit nutzen. Dazu sollte uns die Wohnung eines ihrer Exkollegen dienen, der derweil auf einer Mittelmeerinsel Urlaub machte. Nach unserer Ankunft an einem Hamburger Bahnhof rief sie in seiner Wohnung an, um sicher zu gehen, dass er wirklich schon abgereist war. Ich sah sie erbleichen, als abgenommen wurde. Doch es war ein Fehlalarm. Er hatte nur eine Rufumleitung von seinem Festnetz auf sein Mobiltelefon eingerichtet. Das war meine erste Konfrontation mit der Ortlosigkeit der digitalen Kommunikation.

Die digitale Telefonie ist dem Menschen auf Körperkontakt gerückt, aber hat die Örtlichkeit aus der Kommunikation entfernt. In den Anfängen des Mobilfunks war die Frage: „Wo bist du?“ fester Bestandteil der Gesprächseröffnung durch den Anrufer oder die Anruferin. Wenn mein Eindruck stimmt, dass die Frage seltener wird, haben die Menschen gelernt, sich mit der unwägbaren Verortung zu arrangieren.

Ich bin mir nicht sicher, aber meine entferntesten Blogkontakte habe ich nach Graz. Man möge mich korrigieren, denn ich weiß es nicht, weiß nur, was man mir mitteilt. Einige Blogfreundinnen oder -freunde haben mir schon von unterwegs, aus U-Bahnen, aus dem ICE, von Flughäfen oder von sonst wo geschrieben. Für mich saßen sie immer nur die Ecke rum. Da erhebt sich die Frage, ob dieses „die Ecke rum“ einen Ort bezeichnet, ob es etwas wie einen digitalen Ort überhaupt geben kann. Natürlich sind die Server, die alles technisch möglich machen, irgendwo zu verorten, aber deren Bestimmung ist schwer, denn verschiedene Teile einer digitalen Botschaft können von verschiedenen Servern kommen. Da die digitale Informationsverarbeitung nur aus Zuständen elektronischer Speicherzellen besteht, die sich mathematisch durch eins und null darstellen lassen, entzieht sie sich der menschlichen Vorstellung und wir können sie vorerst ignorieren.

Es geht um die digitalen Orte unserer Vorstellung. Das digitale Gespenst, von dem im ersten Beitrag die Rede war, manifestiert sich ja irgendwo. Diese Irgendwo ist so schimärenhaft wie das digitale Gespenst. Am leichtesten lässt es sich über eine bildhafte Vorstellung fassen. Letztlich ist der Computerbildschirm das Fenster, durch das wir auf die Gespenster vor ihren transparent schimmernden Kulissen schauen. Man klickt ein anderes Blog an, Kulissenumbau. Ein weiteres Gespenst tritt auf und hält seinen Monolog. Woraus besteht die Kulisse? Aus Typographie gemischt mit vermeintlichem Wissen um.

Werfen wir einen Blick auf die Typographie. Mit dem Wortbestandteil -graphie haben wir die Bedeutung von „Ritzen“, „Graben.“ In der neueren Technologie Buchdruck ist die Schrift nicht mehr geritzt, also keine Inschrift mehr, sondern Aufdruck. Die Schrifttypen aus dem Druck benutzen wir ähnlich in der digitalen Kommunikation. Hier sind sie aber weder geritzt, noch aufgedruckt, sondern ortlos. In einem Aufsatz in der Neuen Züricher Zeitung (NZZ) hat der Literaturwissenschaftler Roland Reuss den Begriff „Ortlosigkeit der Schrift“ geprägt, und schreibt vom „gespenstischen digitaler Schrift, beim Scrollen gut zu beobachten (…)“ Das Scrollen zeigt nämlich, dass die technische Schrift ebenfalls eine Täuschung ist, sie ist nicht Ritzung, nicht mal mehr Aufdruck, sondern beliebig wegzuscrollen, ständig in Gefahr, verändert zu werden oder ganz zu verschwinden von einem Ort, an dem sie niemals war, aber doch gesehen wurde.

Bevor wir dieses Phänomen näher betrachten, einiges zum Bildschirm, auf dem unsere Gedanken verschriftlicht erscheinen. Der Bildschirm befindet sich an einem Ort, wie das Mobilfunkgerät nah bei unserem Körper, innerhalb der privaten Schutzzone, die nach menschlichem analogen Maß der Armabstand ist. Innerhalb dieser Schutzzone treten also alle digitalen Gespenster auf, die uns angenehmen, aber auch die sogenannten Trolle, die ihre Kraft und Lust daraus gewinnen, andere Menschen zu beleidigen. Ich habe nicht oft Trolle erlebt, aber war selten vorher so getroffen und erschüttert gewesen wie dann. Die digitale Kommunikation rückt uns also im Negativen wie im Positiven auf die Pelle, und ihre Gespenster können uns ganz leicht unter die Haut dringen. Das freilich ist ein Ort. Der analoge Mensch ist, wenn er digital kommuniziert, ein digitaler Ort.

Wird fortgesetzt

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6 Kommentare zu “Nachdenken über digitale Kommunikation (2) – Ortlosigkeit und digitale Orte

  1. Letztlich ist der Computerbildschirm das Fenster, durch das wir auf die Gespenster vor ihren transparent schimmernden Kulissen schauen.“ ff.

    Nicht nur Fenster, auch Spiegel. Jede/r liest und schreibt für sich allein – auch, wenn das in der Geselligkeit, mitunter Geschwätzigkeit des www oft vergessen wird. Bloggen kann eine ganze Menge Parallelen zu Narziss‘ Spiegelblick haben.

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    • Ich möchte das nicht so relativieren. Natürlich besteht immer die Gefahr der Projektion. Ich hatte das sogar lange Zeit beim richtigen Spiegel. Als ich schon grau war, zeigte mir der Spiegelblick braune Haare. Beim Bloggen sieht vielleicht der ausgemachte Narzist primär sich selbst. Es zeigt sich aber in der Regel etwas von außerhalb der eigenen Ideenwelt, was überhaupt den Reiz des Bloggens ausmacht. Als ich eben das Rot am Benachrichtungsikon sah, war ich gespannt, was mich erwartet. Ich wusste nicht, wer mir geschrieben hatte und hätte niemals gedacht, dass Sie, dame.von.welt, meine Gedanken auf den Aspekt des narzistischen Spiegelns lenken würden.

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      • Eben gerade die (Selbst-)Spiegelungen können plastischen Aufschluß darüber verleihen, mit wem man es hinter dem Avatar zu tun haben könnte, s. unsere gestrige Unterhaltung – Sie sagten ‚Gespenster‘ dazu.

        Mir ging und geht es nicht um Relativierung Ihrer Sichtweise, ich habe nur eine tw. andere als Sie. Schon gar nicht geht es mir um eine Ferndiagnose, es sollte nicht mal im Ansatz eine kritische Bemerkung sein, sondern ich versuche nur, ein anderes gedankliches Modell digitaler Kommunikation zu beschreiben.

        Im unmittelbaren Kontakt mit anderen ist jede/r gezwungen, sich zeitweise mit anderen Menschen auseinander zu setzen und auch von ihnen beeinflusst zu werden, ohne sich dem ruckzuck entziehen zu können. Im www genügt eine minimale Emotion und ein Mausklick, um sich dem Einfluß eines ‚Gespenstes‘ wieder zu entziehen oder umgekehrt bestimmte Einflüsse verstärkt aufzusuchen. Das www kann ein Elfenbeinturm sein, ein anderer Begriff dafür wäre Filterblase. Das Internet schafft die Illusion eines riesigen belebten Marktplatzes – in der analogen Realität aber sitzt jede/r allein vor dem Computer und agiert und reagiert ohne Mimik, Gestik, Geruch des Gegenübers, die auch als eine Art Korrektiv wirken. Das ist einer der Gründe, warum im www oft so geholzt und sich mißverstanden wird, die nonverbalen Reaktionen des Gesprächspartners fehlen. Es bleibt nur die eigene Spiegelung im Bildschirm.

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        • Ein Korrektiv bietet ja unsere wechselseitige K., wobei es von unserem Geschick abhängt, die fehlenden außerschriftlichen Signale zu kompensieren. Ich habe in Ihrem Kommentar keine kritische Anmerkung gesehen, sondern hatte mich nur gefragt, ob ich diesen Aspekt in meine Überlegungen einbeziehen will. Es ist mir nämlich alles nicht so klar wie es scheint. Gestern war ich bis für mich spät in der Kneipe, konnte danach noch nicht zu Bett, weil mich die Gespräche mit Freunden so unter Strom gesetzt hatten, und heute Morgen sorgte ich mich, ob ich geistig frisch genug wäre, das geplante Thema geistig zu durchdringen. Dann war ich froh, den Text geschrieben zu haben, so bloggen zu können und vor mir zu haben. So ein Text, dachte ich nach Ihrem Kommentar, ist natürlich auch etwas, worin man sich spiegeln kann. An der schlüssigen Abfolge von Gedanken kann ich mich erfreuen, denn sie war ja vorher nicht vorhanden, sondern ist erst durch die Erfordernis entstanden, Ideen zu sinnvollen und durch andere nachvollziehbaren Zeilen auszurichten., und das möglichst ökonomisch und elegant.“so wärmt man sich an den eigenen Kohlen.“ Aber es ist kein Narzismus, denn es steht die Sache im Vordergrund. Da wir alle nur uns selbst haben, ist es immer schön, sich selbst vergessen zu können und in einer Sache aufzugehen, was die Glücksforschung „Flow“ nennt.

          Das Korrektiv meiner Falschnehmung bei der Haarfarbe war übrigens der Friseur. Ich fragte: „Was sind denn das für graue Löschen, die hier runter fallen?“ und er sagte: „Die sind von Ihnen:“

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  2. Falschnehmung ist wahrhaft ein schönes neues Wort!
    Ja, seltsam, dass irgendwo dein Text, mein Text, nicht, nicht nur verfügbar, sondern anwesend ist, für genau die Zeit, die jemand ihm einräumt, die WordPress für angemessen hält, ihn im Reader zu lassen. Ein Brief, abgeschickt ohne Empfängerangabe, der manchmal ankommt: Das nannte man früher Flaschenpost.

    Gefällt 3 Personen

    • „Falschnehmung“ benutze ich schon lange. Wann immer ich im Kunstuntericht Perspektive unterrichtete, habe ich gesagt, dass unsere visuelle Wahrnehmung eigentlich Falschnehmung ist. Ständig zeigt sich uns unsere Umgebung perspektivisch verzerrt. Aber wir beachten das nicht. Wenn ein runder Teller auf einem Tisch vor uns steht, sehen wir ihn als Ellipse. Trotzdem schaufeln wir die Kartoffeln nicht daneben. Dass wir gelernt haben, mit den Verzerrungen zu leben, ist die „Konstanzleistung“ des Gehirns. Man muss sie umgehen, wenn man perspektivisch zeichnen will, weshalb das ohne Konstruktionsprinzip nicht gekonnt wird.

      Was du über die Flüchtigkeit digitaler Texte schreibst, haben alle Blog.de-Bloggerinnen und -Blogger schmerzlich erfahren. Bevor die Server heruntergefahren wurde, konnte man zwar Texte sichern und auf ein anderes Blogssystem übertragen, was ich zu Trithemius.de getan habe. Aber die komplizierte Hyperstruktur ist dahin. Ihre Links führen zum Teil ins Leere. Auch fehlen alle Bild- und Tondateien. Mir blutet jedesmal das Herz, wenn ich sehe, wie da meine halbe Bibliothek verbrannt ist.
      Die Flaschenpost war wenigstens greifbar vorhanden, wenn auch unsicher adressiert.

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