Langeweile im Lehrerberuf

Einmal saß ich ganz harmlos im Lehrerzimmer meines Gymnasiums, als der Direktor zur einen Tür hereinkam, um durch die andere wieder hinauszugehen. Er sah mich und sagte: „Der Herr van der Ley sitzt da wie ein Philosoph.“ Ich erwiderte: „Das ist rein äußerlich, Herr Weinstein.“ Die Episode las ich in einem Tagebuch von 1992 und fragte mich, was „rein äußerlich“ bedeutet. Manche sind sogar Philosophieprofessoren und man sieht es ihnen nicht an. Wenn dieser beliebte Fernsehphilosoph in Talkshows herumsitzt, denkt man doch höchstens: „Was hat der die Haare schön.“

Die Haare schön hatte ich damals jedenfalls nicht. Hätte mir sonst ein Abiturjahrgang zum Abschluss einen Friseurgutschein geschenkt? Wenn ich also wie ein Philosoph da gesessen hatte, dann spiegelt das, was ich getan habe. Ich habe ständig über irgend etwas nachgedacht, nicht weil ich Philosoph geschimpft werden wollte, sondern aus purer Langeweile. Du liebe Zeit, habe ich mich in meinem Lehrerberuf oft gelangweilt!

Weil man turnusmäßig immer wieder die gleichen Jahrgangsstufen unterrichten muss, kannte ich die Unterrichtsinhalte bald auswendig. Ich hätte sie singen können. In meiner Not habe ich manchmal extra falsch gesungen, damit es interessanter war für mich. Habe beispielsweise erzählt, das Multiple-Choice-Verfahren hätten zwei Männer erfunden, Herr Multiple und Herr Choice, die in den USA durch den Sputnikschock bekannt geworden sind. Oder ich habe mich bei den ganz Kleinen extra blöd gestellt und gefragt: „Was ist denn das für ein komisches Zeug, das da vom Himmel fällt?“ Da waren die glücklich, mal mehr zu wissen als ich und riefen: „Das ist doch Regen, Herr van der Ley (im Winter – Schnee.“) So leicht kann man Fünftklässler glücklich machen. Und ich habe mich schon wieder gelangweilt. Hab verlangt, mir die Hausarbeit mit Kartoffelstempeln zu drucken. Was waren das prächtige Hausarbeiten! Einmal habe ich darum gebeten, mir Handschriftproben zu geben und das Wort „Kakographie“ so hässlich wie möglich zu schreiben. Da konnte ich mich vor Proben kaum retten. Die eifrigen Hässlichschreiber belagerten mein Pult über das Pausenklingeln hinaus. Auch habe ich gezeigt, wie man sich mit einer Dreiecks- oder Messerfeile ein Krummlineal basteln kann und angeregt, damit im Mathematik- und Geometrieunterricht die Striche zu ziehen. Und wenn der Mathelehrer nicht einverstanden wäre, sollten sie sagen, ich hätte es ihnen befohlen, sonst gäbe es eine unerlaubte Kollektivstrafe, Nachsitzen bis der Hausmeister ins Bett gehen will.

Wider die geraden Striche! – Krummlineal, Grafik: JvdL


Unter den Kollegen habe ich mich auch meistens gelangweilt. Im Lehrerzimmer wurde lauter Zeug geredet, in welchem Restaurant sie letztens prima essen waren, wo in der Provence sie ein „entzückendes kleines Weingut“ entdeckt haben, zu dem sie jetzt immer hinfahren müssten, um ihren Wein zu kaufen. Wo sie im Urlaub waren und wohin sie nächstens fahren wollen. Ein Kollege hat in jeder Konferenz Reisekataloge studiert. Dem musste man nach den Ferien unbedingt aus dem Weg gehen, weil er immer darauf gelauert hat, jedem von seinen Fernreisen zu erzählen. Der wusste, wo in Manila, wann die rote Ampel auf Grün springt, hat sich aber im Stadtwald verlaufen.

Gerne wurden auch Schüler durchgehechelt: „Der Vater ist Jäger. Ich habe ihm gesagt: ‚Ihr Sohn ist nicht sozialfähig. Erschießen Sie den!’“ Das war noch der beste Spruch. Doch das meiste war nur zynisch und platt, jedenfalls nichts, wofür man hätte Pädagogik studieren müssen. Oft habe ich verzweifelt dagesessen und gedacht: Ihr seid doch studierte Leute. Habt ihr gar keine anderen Interessen als exquisit zu spachteln, Wein zu kaufen, zu verreisen oder über Schüler zu hetzen? Doch, hatten sie, die Kollegen sprachen gerne über ihre Autos, die Kolleginnen, soweit sie Mütter wurden, hatten erstens das Kinderkriegen gerade erfunden, später mussten sich alle anhören, welche Genies sie da heranzogen. Das schlimmste war, solche Lehrerkindergenies unterrichten zu müssen.

Falls es andere Interessen gab, wurden sie geheim gehalten. Zwei haben heimlich ihre Doktorarbeit geschrieben, die Kollegin, um Karriere als Schulleiterin zu machen, der Kollege, um in allen Namenslisten bei seinem Namen den jüngst erworbenen Doktortitel handschriftlich nachtragen zu können. Einen Kollegen habe ich mal im Lehrerzimmer erwischt, wie er das Manuskript für ein Mathematikbuch fotokopierte. Dieses Schulbuch hatte er alleine geschrieben und bot es dann verschiedenen Schulbuchverlagen an. Aber keiner wollte es drucken. Danach hat er aus Frust kaum noch Mathematik unterrichtet. Wenn die Schüler auch keine Lust zum Mathematikunterricht hatten, haben sie gefragt: „Herr Thelen, wie war das noch mal, als sie Ihren neuen Volvo bekommen haben?“ Dann fing der an zu schwärmen, wie er seinen Volvo persönlich in Schweden abgeholt hat und wie er im Volvo-Werk von den Schweden hofiert worden ist und sie ihm noch die Ledersitze in den Farben seiner Wahl spendiert haben. Das ging bis zum Pausenklingeln. Deshalb sind ihm auch meine Schüler mit den Krummlinealen nicht aufgefallen.

Ich saß also im Lehrerzimmer wie ein Philosoph oder vielleicht war es auch nur fortgeschrittene Katalepsie, da geht die Tür wieder auf, der Direktor steckt den Kopf in den Raum und ergänzt: „Ich habe heute ganz viel Haare auf den Zähnen.“ O mein Gott! Es war zum katholisch werden.

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13 Kommentare zu “Langeweile im Lehrerberuf

  1. ach, da wäre ich gerne schüler gewesen, die meisten meiner lehrer waren tatsächlich so stumpf. zum glück nicht alle, ca. 3% von mehr als hundert lehrern waren wirklich erfreuliche menschen. –
    ich verfiel gerade in eine 2 minütige phase der katalepsie. schöne diagnose–gleich gemerkt!

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    • Der Prozentsatz könnte hinkommen. Um die Schüler hats mir immer Leid getan. Bei denen ist es umgekehrt. Einige wenige haben lieber diese drögen Unterichtsbeamten. Anders als mein Text vermuten lässt, bin ich gerne Lehrer gewesen, der Schülerinnen und Schüler wegen.
      Über deine beiden letzten Sätze musste ich lachen. Danke!.

      P.S. Sogar mein bester Freund und Radsportkollege, Latein- und Deutschlehrer, den ich wegen seiner umfassenden Bildung geschätzt habe, konnte sich der Faszination von Autoledersitzen nicht entziehen. Es verging wohl keine gemeinsame Trainingsausfahrt, ohne dass er mir von den Ledersitzen im Porsche seines Neffen erzählte.

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  2. Langeweile vertreiben während der Arbeitszeit – das ist richtig harte Arbeit, das kenn ich leider nur zu gut. Wie schön könnte man sich zu Hause nützlich machen, zum Beispiel testen, wie lange man auf seinem Sofa liegen kann, ohne daß es ungemütlich wird. Stattdessen sitzt man seine Zeit ab, die Stechuhr gibt den Takt vor und bestimmt, wann man wieder Ausgang hat. Am PC gibt’s so gut wie nichts zu tun, trotzdem sitze ich die meiste Zeit davor – glücklicherweise gibt es Internet, mit dem ich mir die Langeweile ein wenig vertreiben kann, z.B. durch kleine Highlights wie Dein Text oben. Ah – prima, schon wieder 10 Minuten vergangen, und das auf vergnügliche Art.

    Bitte werde nicht katholisch! Gib lieber den Friseurgutschein an den Direktor weiter, damit er seine Zahnfrisur stutzen lassen kann.

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    • Ich danke dir für das freundliche Lob. Gerne habe ich dir die Zeit vertrieben, die du einfach absitzen musstest. Ich kenne das. Besonders hartnäckig war die Langeweile im Kunstunterricht der Unter- und Mittelstufe, wenn die Schülerinnen und Schüler gezeichnet oder gemalt haben. Ich konnte ja nicht dauernd herumgehen, denen über die Schultern schauen und ihnen reinreden.
      Komisch, seit ich nicht mehr muss und ich mir die Arbeit selbst aussuchen kann, habe ich eine bessere Arbeitsdisziplin. Bis vor kurzem bin ich täglich um 6.00 Uhr aufgestanden. Doch länger als 8:00 Uhr hält es mich nicht im Bett, sonst habe ich das Gefühl, den Tag verpennt zu haben. Auf dem Sofa halte ich es auch nicht lang genug aus, um herauszufinden, wann es ungemütlich wird.

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  3. Ihre Lehrerkindergenies lassen an die bekannte Volksweisheit denken: »Lehrers Kind und Pfarrers Vieh gedeihen selten oder nie.«

    (Meine Schwester ist ebenfalls Lehrerin, einer ihrer Kollegen ist Religionslehrer und heißt mit Familiennamen Ehrlich. Weil der in seinem Nischenfach naturgemäß weniger Unterrichtsstunden zu halten hat als die übrigen Kollegen, kursiert im Lehrerzimmer über ihn der Spruch: »Ehrlich lehrt am wen′gsten.«)

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  4. Zu gerne wäre ich Mäuschen gewesen, wenn deine Schüler mit ihren selbst gebastelten Linealen den Mathelehrer beim zeichnen geometrischer Figuren in den Wahnsinn getrieben haben.
    Langweile im Job empfinde ich als grausam. Schlimmer als Stress. Um dich müsste man sich wohl keine Sorgen machen, lieber Jules. Deine Kreativität bewährte dich von schlimmeren.

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    • Dann häte ich dich gerne als Schülerin gehabt, liebe Mitzi. Fast in jeder Lergruppe gleich welcher Jahrgangsstufe finden sich Schülerinnnen und Schüler, die auch gerne mal verrückten Ideen folgen und derlei auch selbst entwickeln, selbstständige Denker eben. Es sind die, an die man sich als Lehrer gern erinnert und deren Namen man nie vergisst. Dankeschön für dein Lob meiner Kreativität.

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      • Das hätte mir auch gefallen, lieber Jules. Viel zu oft erinnere ich mich daran, mich in der Schule auch gelangweilt zu haben. Weniger weil die Themen uninteressant waren, viel mehr weil man unterbewusst wohl spürte, dass der Lehrer sich selbst auch langweilt.
        Es gab aber auch Lichtblicke. Und das sind dann die, an die man sich gerne erinnert und deren Namen man nie vergisst, wie du so schön schreibst.

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  5. Das große Manko ist darin zu sehen, dass in den Lehrerkollegien Satirezeitschriften noch nicht zur Pflichtlektüre geworden sind. Als langjähriger Leser von Pardon, Hara Kiri, Charlie Mensuel, Titanic u.a., brauchten meine Schüler mich nur mit einem Wort anzustechen und sie gelangten in eine Literaturstunde der grotesken Art, die aber beiweitem nicht pädagogisch wertlos war. So zum Beispiel die Historie des Autors Willem (ich glaube, auch Opfer des Charlie – Massakers), der die Kinder unbedingt zur Gehorsamkeit den Eltern gegenüber verpflichten wollte. In einem anschaulichen Comic- Strip erzählte er von dem kleinen Jungen, der stets auf das Gebot hörte, nicht in der Nase zu bohren. Das führte zwangsläufig dazu, dass ihm mit der Zeit die schillenden Krusten aus den Nasenlöchern wuchsen und zum allseits sichtbaren Beweis seiner Bravheit wurden. Folglich brachte ihm dies mit und mit die nötige Anerkennung in der Erwachsenenwelt, die man braucht, um zu den wirtschaftlichen Aufsteigern zu gehören. Er erntete nämlich regelmäßig Stücke dieser Krusten ab, um sie an weniger brave Mitschüler zu verkaufen, die sich mit diesen Emblemen der Unterwürfigkeit, aus ihren Nasen ragend, die bislang vermisste Zuwendung von Eltern und Lehrern erwarben. Im fortgeschrittenen Alter gab er Heerscharen von jungen Arbeitslosen die Möglichkeit des Broterwerbs, indem er sie an endlos langen Fließbändern Brocken ihrer eigenen Nasenschleimkrusten für den Versand in alle Welt ablegen ließ.
    Den teils aus wohligem Ekel, teils aus überschäumendem Spaß kreischenden Schülern war nach solch einer Stunde klar: das ist Vorbereitung aufs Leben, das ist wahrer Unterricht!
    Nebenmann

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