Flashback 1992 – Heimgekehrt nach 20 Jahren

Da ist ein Bach, von seiner Quelle bis zur Mündung gut 40 Kilometer lang, zu schmal, ein Fluss zu sein, aber in seinem tiefen alten Bett übervoll mit Wasser und kraftvoll strömend. An seinen fruchtbaren Ufern hatten schon die römischen Besatzer ihre Landhäuser errichtet, und wo man sie ließ, siedelten schon früh ripuarische Franken. Dem Bach ist nichts Plötzliches anzusehen. Seine Ufer scheinen fest gefügt und er zieht in weiten Schleifen durchs Land. Und doch steigt er manchmal wie wütend auf und überschwemmt Felder und Gärten. Sein Weg ist an vielen Stellen überraschend, denn nichts in der Landschaft deutet darauf hin, warum er just diese oder jene Schleife macht und gerade hier zur einen oder anderen Seite ausschwingt. Wie er glucksend das Land durcheilt, hat er links und rechts die Dörfer bei sich, fast zwanzig an der Zahl, in regelmäßigen Abständen. In den Orten lebt ein kräftiger, freundlicher Menschenschlag, der gut ohne den Rest der Welt auskommen mag, denn ob man woanders so recht zu leben, zu lieben, zu feiern oder gar zu denken versteht, galt lange Zeit als nicht ausgemacht. Da draußen ist nämlich noch immer das Ausland, das Utgard der Vorväter.

So blieb man gerne unter sich, wodurch sich das Leben in der Gegend über Jahrhunderte stabilisierte. Es gibt aber in diesen Menschen auch ein Element der Unruhe. Die das zu stark spüren, können nicht bleiben. Ihr Dorf spuckt sie aus. Die anderen verdaut es, bis auf die Ballaststoffe, die auf dem Kirchhof verbuddelt werden.

Ich bin so ein ausgespuckter Mensch. Das hat mir anfangs weh getan. Viele Jahre hatte ich das Gefühl nirgendwo hin zu gehören. 20 Jahre später ist es anders. Du gehst durch die Straßen, suchst Wege und Plätze auf, betrittst Häuser und Kirche, und alles wirkt wie verkleinert. Dann merkst du, dass du außerhalb des Dorfes hast weiter wachsen können. Du kannst nicht zurück, denn jetzt ist dir alles zu eng. Wo du aber zu Fuß gehst, fährt der Dörfler mit dem Auto, wo du den Kopf einziehst, geht der Dörfler kerzengerade durch.

Heimgekehrt, Filzstiftzeichnung: JvdL

Man nimmt dich freundlich auf. Du bist der heimgekehrte Sohn. Aus deinem Gesicht liest man die vertrauten Züge aus. In ihren Augen bist du natürlich nur ein halber Mensch, bestehst für sie nur aus dem Quäntchen, das sie als vertraut erkennen. Dieses Quäntchen aber hätschelt und pflegt man, damit es wächst. Sie fragen: „Was machst du da in Utgard?“ Du fängst an zu erzählen, dies und das, allerhand interessante Sachen, denkst du. Da aber sagt der andere: „So? Ach so. Hast du schon gesehen? Wir haben das Klosett tapeziert.

(Tagebuchaufzeichnung Herbst 1992, Heimkehr wegen der Beerdigung meiner Mutter, links: Selbstbildnis von 1991 auf dem geliehenen Fahrrad eines Bauern aus der Nachbarschaft)

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