Live aus der Hölle – Xavier, Wetterpaten und die ARD

Alwin Franz Drees heißt der Mann, nach dem Tief Xavier benannt war, das in Deutschlands Norden den Bahnverkehr lahmgelegt hat, Flugzeuge zu spektakulären Landungen zwang und sogar Todesopfer gefordert hat. In Hamburg, wurde mir berichtet, hat der Sturm für sein Zerstörungswerk nur 20 Minuten gebraucht. Es muss ja alles schnell gehen heutzutage. Ich saß derweil mit einer Freundin bei Fräulein Schlicht und sah, wie plötzlich der massive Sonnenschirm, der zwei Tische beschatten und gegen Regen beschirmen kann, wie er aus seinem Fuß gehoben wurde und davonsegelte.

Zu Hause wurde mir erst klar, dass Tief Xavier vorbeigekommen war, derweil wir friedlich unsere Suppe gelöffelt haben. Ich dachte gleich, den kennst du doch. Der hat im Dezember 2013 schon mal gewütet, hieß aber nicht Xavier, sondern Xaver. Sein Wüten hatte für mich auch so harmlos begonnen. Ich las damals vom NDR unter Tagesschau aktuell: „Onkel Xaver wird immer stärker“, und habe noch gedacht, wovon denn? Frisst er so viele Schweinshaxen und Weißwürschtel, dass er vor Kraft nicht mehr in die Lederhos passt? Und wenn der Onkel Xaver noch ein Weizen hinterher stemmt, platzen ihm alle Knöpfe vom Wams und erschießen darunten leichtsinnige Weibsbilder? Davor muss natürlich gewarnt werden. Das hätte meine Lieblingsschlagzeile 2013 werden können. Sie hat mindestens eine Viertelstunde meine Phantasie hüpfen lassen.

Dann erkannte ich meinen Lesefehler. Es hieß nicht „Onkel“, sondern „Orkan.“ Wieso denn Orkan Xaver? Xaver? Was hat denn ein Xaver im Norden verloren? Machte wohl eine Sause, um ganze Landstriche zu verwüsten. Wetterpatenschaften – werden ja von der TU Berlin vergeben – für damals 199 Euro. Dieses Geld hatte Herr Xaver Mayer (www.stormsmoker.de) vom Zigarrenhaus Sturm in 87700 Memmingen investiert. Ein Fall für die Witzpolizei haben die Leute vielleicht gedacht, als ihnen mal eben die Schindeln vom Dach gefegt wurden. „Das Loch im Dach präsentierte Ihnen Ihr Zigarrenhaus Sturm aus Memmingen.“ Memmingen ist schön weit weg. Da gab sich Tief Xaver schon lammfromm.

Diesmal ist also Herr Alwin Franz Drees verantwortlich, musste aber „Xavier“ nehmen, weil gerade der Buchstabe X wieder dran war. Denn es geht in Deutschland auch beim „Chaos“  immer schön nach dem Alphabet. „Sie wollen mal eben Deutschland verwüsten? Bitteschön alphabetisch hinten anstellen. Über Alwin Franz Drees ist bei der Internetrecherche nicht viel herauszufinden. Ein Franz Drees nahe Osnabrück hat eine Sargtischlerei, möchte aber nicht mit Xavier in Verbindung gebracht werden und wiegelt ab: „Xaver ist ja ein Orkan gewesen, mein Xavier war nur ein Sturm.“

Quelle: Tagesschau.de, höllische Animation: JvdL

„In Berlin ist die Hölle los!“, freut sich dagegen eine Viktoria Kleber vom rbb im Morgenmagazin der ARD, hat zum sardonischen Grinsen extra die apokalyptische Brille aufgesetzt, denn Höllisches will auch formal angemessen in Szene gesetzt werden. Trotzdem denkt der Betrachter: Hm Hölle? Gar nicht mal so schlecht. Man darf Gepäck mitbringen, das Smartphone auch, Radio Berlin Brandenburg hat da unten Reporterinnen und mittags darf man wieder abreisen. Wenns weiter nichts ist, buche  ich mal ein Ticket.

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18 Kommentare zu “Live aus der Hölle – Xavier, Wetterpaten und die ARD

  1. Bei uns hat nur der Briefkastenschlitz geklappert, ein untrügliches Zeichen für starken, böigen Wind aus Nord-West. Aber was ein sogenannter „Schnellläufer“ anrichten kann, ist schon erstaunlich. „Kyrill“ vor 10 Jahren soll auch ein solcher gewesen sein, Also wieso Hölle? Sportstätte sollte man meinen, oder wo wird sonst noch Schnelllauf betrieben?

    😉

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    • In den französischen Alpen gibt es gelochte Ziegel in den Schornsteinen, die im Winter heulen, wenn der Wind aus dem Osten weht. Der ist besonders kalt und treibt die Wölfe nach unten ins Tal. Wenn dieser „Wolfziegel“ heult, sind die Leute gewarnt. Wovor jetzt euer Briefkastenschlitz warnt, weiß du vielleicht. An Kyrioll erinnere ich mich gut. Ich fuhr anschließend mit der Lausitzbahn von Görlitz nach Berlin und sah überall in den Wäldern so kreisförmige Verwüstungen von abgerissenen Bäumen. Die sind da tief im Ost aber auch mickrig. „Hölle“ ist der verbreiteten Sucht in unseren Medien nach Übertreibung geschuldet. Es war auch wieder von „Chaos“ die Rede. Bei Bild heißt heftiger Schneefall gleich „Schneeschock“, große Kälte aus Ost war die „Russenpeitsche.“ Immerhin originell.

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  2. Oh, ich trage fast die gleiche Brille wie Frau Kleber. Meine hat zusätzlich goldene Highlights, damit das Apokalyptische wenigstens auffällt. Etwas Trauriges: Eine von den sieben Personen, die durch Xavier umgekommen sind, ist die politische Journalistin Sylke Tempel. Genauer ausgedrückt ist es genauso traurig wie alles andere auch; nur hat man ein Gesicht dazu, noch ein so junges. Während ich vom Sturm fast gar nichts mitbekam.

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    • Das habe ich leider nicht gewusst. Sonst hätte ich mir jede Bemerkung verkniffen, liebe Cristina. Tatsächlich verspürt man besondere Trauer, wenn es bei Opfern einer Katastrophe so ist wie du sagst. Und wenns dann auch noch für dich fast eine Berufskollegin ist …

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  3. Im Süden blieben wir ja fast verschont von Xavier. Verschnupft auf dem Sofa liegend sah ich dass es draußen stürmte. Viel mehr als ein typischer Herbstwind nicht. Meine Freunde, die nicht auf dem Sofa lagen korrigierte mich später.
    Die Patenschaft für Orkannamen finde ich seltsam. Will man sich damit wirklich brüsten?
    Liebe Grüße

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  4. „Das Loch im Dach präsentierte Ihnen Ihr Zigarrenhaus Sturm aus Memmingen.“ – das finde ich, ist mal eine richig gute Kampagne! Und das Preis-Leistungsverhältnis stimmt auch. Vielleicht auch mal eine Idee für eine Versicherung. „Wir können uns einen Orkan leisten, Sie auch?“

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  5. Eine der großen, unbekannten Geheimnisse der westlichen Zivilisation: Wie kommen die Menschen eigentlich an diese Gestelle auf der Nase, die sie so sehr verunstalten? Und warum sehen sie nie mit dieser Brille in den Spiegel?

    Ich kenne das ja selber. Man geht um Optiker um wieder lesen zu können. »Ich hätte gerne dieses Gestell da (das gar nicht nach Gestell aussieht, sondern nur das Glas am herunterpurzeln hindert.) «
    »Ach, wollen Sie nicht nicht mal dieses ausprobieren? Die wird immer gerne genommen!«
    Ganz abgesehen davon, daß ich als überzeugter Weintrinker eine natürliche Abscheu vor diesem Satz habe – nein, ich will nicht! Meinen Wunsch habe ich ja gerade geäußert und vor mir liegt sie auch schon, Brille meiner Begierde.
    »Setzen Sie diese hier mal auf! Sie werden sich wundern, was das für einen anderen Typen aus Ihnen macht!«
    Nun bin ich gesetzten Alters, finde mein Gesicht und Typus sehr sympathisch und das soll auch jeder sofort sehen. Auch mit Brille.
    Jetzt gibt es nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder ich schnappe das von mir favorisierte Model, grabsche mit den Fingern möglichst an die Gläser, biege sie passgerecht um meinen Charakterschädel und winke mit der EC-Karte oder…
    »Na gut – wenn Sie meinen!«
    Man erlaubt einem wildfremden Menschen, einen mal so eben zu verunstalten. Einfach so! Wie im Tattoo-Studio! »Das ist ein chinesisches Glückszeichen! (was der des Mandarin mächtige schnell als »der Igel wohnt jetzt hier« übersetzt) oder nehmen Sie doch das Arschgeweih. Das wird immer gerne genommen!«
    Na gut! Brillen könnte man umtauschen oder wenigstens absetzen. Bei den Schmucknarben der Maori ist das komplizierter. Aber sie tun es nicht! Sie laufen damit herum, zeigen das Gesicht, das nicht sie sind oder, wie in Jules Beispiel, betonen den Überbiss ihrer Zähne. Na toll! Die Schießscharten verchromter Sonnenbrillen, die schwarzen Bretter mit den winzigen Sichtluken, lachsfarbene Gestelle auf bleicher Haut… es gibt keine Scheußlichkeit, die sie auslassen.
    »…extra die apokalyptische Brille aufgesetzt« Nein, ganz falsch! Sie hat nur diese eine und ist auch noch stolz auf es!
    Es passt so gut zu ihrem Lächeln und dem Überbiss.

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    • Ob Frau Viktoria Kleber nur die eine Brille hat, hängt von ihren finanziellen Möglichkeiten ab, denn es gibt auch bei Brillengestellen Modetrends. Ich kann noch ziemlich genau datieren, als ich mit meiner damaligen Freundin in München in mindestens fünf Brillenstudios war, weil ich darüber u.a. geschrieben habe.
      http://trithemius.de/2012/02/23/grus-gott-hier-ist-ein-brillenstudio-trithemius-in-munchen/
      Meine Freundin brauchte eine Brille, aber in einem hippen Schwabinger Brillenstudio war ich Augen- und Ohrenzeuge, wie eine Frau sich ein Brillengestell mit Fensterglas anpassen ließ, weil sie eigentlich keine Brille brauchte, sagte sie, es aber so stylisch fand, eine zu haben.
      Anders als wir männlichen Kunden suchen viele Frauen die Brille, die ihrem Gesicht eine besondere Kontur gibt, und wenn das Gestell so dominant ist wie das von Frau Kleber, ist der fremdgestylte Charakterzug des Gesichtes auch prägend. „Zeuge: Wie sah die Frau aus?“ „Öh, die hatte ne Brille!“ Dass du einen Überbiss erkannt hast, hängt von den boshaften Wiederholungssequenzen meines Gifs ab. Sähe man das nur einmal gesendete Video, würde der flüchtige Eindruck durch die Brille dominiert. Mich hat beim kompletten Video noch das ständige Lächeln bis hin zum Grinsen überrascht, weils ja im Widerspruch zum Inhalt der Reportage stand.
      Thema Tätowierungen: Ich kannte nur eine Frau mit Tätowierungen. Es hat mich immer irritiert, obwohl ich chinesische Schriftzeichen nicht lesen kann. Ob Mandarin, Kantonesisch, Gan oder Hakka ist übrigens ganz egal. In jeder chinesischen Sprache bedeuten die Zeichen das Gleiche, werden nur anders ausgesprochen, vergleichbar unseren Zahlzeichen, die ja auch je nach Sprache anders heißen. Das verbindet die vielen Völker Chinas und darum kann sich die Alphabetschrift nicht durchsetzen, denn die ist eine Lautschrift.

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      • Hmm… Victoria Kleber, Tochter des gleichnamigen Claus. Na ja, man kann die Kinder ja nicht verantwortlich machen für die Sünden der Väter. Und Du hast natürlich recht. Sie hat mehr als eine Brille. Das war zu erwarten. Ich nehme also alles mit großem Bedauern zurück bis auf die Schmucknarben. Und mit den Glückszeichen lag ich dann ja ebenfalls richtig.
        Einen schönen Sonntag noch

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        • Danke für die Recherche. Auf die Idee, sie mit Claus Kleber in Verbindung zu bringen, wäre ich gar nicht gekommen. Da sieht man mal wieder, wie gutgläubig ich bin. Ich dachte, Frau Viktoria hätte es nur wegen ihrer überragenden fachlichen Qualifaktionen zum rbb und ins Fernsehen geschafft.
          Dir auch einen schönen Sonntag

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  6. Es wird wohl nicht mehr lang dauern und die Herrschaften, die bereitwillig einen Batzen Geld hinlegen, um sich einen Orkan zu kaufen, werden bei entsprechenden Verwüstungen, die den Ruhm ihrer Wetterpatenschaft nur vergrößert, wohl nachträglich von der TU Berlin zur Kassa gebeten werden, so dass sich aus der Katastrophe – zumindest für die genannten – eine lohnende Win-Win-Situation ergibt …

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    • Die FU Berlinj verhökert ja nur Hochs und Tiefs, müsste dann vertraglich festlegen, dass es um x teurer wird, wenn ein Orkan in der Patenschaft auftritt. Das wäre doch mal eine Idee. Ähnlich könnte man Hochs im Sommer mit einer Erfolgsprämie belegen, wenn es eine anhaltende Hitzewelle gibt, unter der alle japsen 😉

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