Wie alles angefangen hat – ein Ohrenzeugenbericht

Vier Frauen, paarweise an zwei Tischen, können die akustische Oberhoheit über ein Lokal erobern und können gewohnte und über Jahre eingespielte Vorgänge durcheinanderbringen, ohne sich über ihr Handeln bewusst zu werden und ohne seine Folgen zu bemerken. Es trifft sie daher nur geringe Schuld daran, dass ich an meinem Fensterplatz vergessen wurde, den ich mich freute ergattert zu haben, weshalb ich aber mit dem Rücken zum Geschehen saß und machtlos erleben musste, wie sich alles hinter mir entwickelte. Aber Schuld trifft sie doch.

Ich bin überzeugt, dass in der Folge von hier bis Patagonien die Dinge aus dem Ruder liefen, man checke nur die Nachrichten über Sturm Xavier und seine Folgen, so dass spätere Chronisten, sollte es die Menschheit noch geben, sagen werden: „An diesen beiden unglücklicher Weise nebeneinanderstehenden Tischen hat alles angefangen, und zwar so. Wir zitieren aus einem Bericht des Mannes, der Augen- und Ohrenzeuge war:

Die beiden einander nur flüchtig bekannten Frauenpaare hatten die Tische besetzt und sich einfach nur unterhalten. Dann war etwas geschehen, dass nämlich eine Frau von ihren eigenen Worten urplötzlich emotional bewegt war und ungewollt ihre Stimme sich erhob, wodurch sich ihre Nachbarin am Nebentisch übertönt fühlte, und fürchtete, ihre Gesprächspartnerin würde glauben, sie hätte nur den Mund bewegt wie in einem schlecht synchronisierten Film, worauf wiederum sie ihre Stimme erhob, um deutlich zu machen, dass Worte aus ihrem Mund kommen, die ihre eigenen sind. Nun mussten auch die beiden bislang unschuldigen anderen Frauen lauter sprechen, um sich verständlich zu machen, worauf die Kellnerin hinter der Theke fand, dass man die Hintergrundmusik nicht mehr hörte und die Lautstärke der Players um ein weniges hinauf regelte. In der Folge schwoll im Raum, in dem man zu anderen Zeiten das Rascheln einer umgeblätterten Zeitung hören kann, schwoll der Geräuschpegel im gesamten Marktcafé an und an, Mütter konnten ihre plärrenden Kinder nicht beruhigen und flohen mitsamt Kinderwägen aus den hinteren Räumen. Derweil sie mit den Kinderwägen die geöffnete Tür blockierten, strömte vom Markt her ein kläffender Hund herein, der geflohen waren vor einem Rudel Männern mit Laubbläsern, aus dem sich zwei lösten und hereindrängten für einen Kaffee to go – und ich bekam meine Suppe nicht.

Bekam sie erst, nachdem mich die Kellnerin durch allen Lärm hindurch noch da sitzen sah und mal dies mal das tun. Ich habe ins Büchlein geschrieben, die Mails auf meinem Smartphone gecheckt, aus Verzweiflung in der HAZ gelesen, den Männer mit den wütend heulenden Laubbläsern auf dem Markt zugeschaut und mich immer wieder erstaunt umgesehen nach den vier Frauen, die nicht im geringsten zu bemerken schienen, dass sie dabei waren, die Welt mal eben aus den Fugen zu schrateln.

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13 Kommentare zu “Wie alles angefangen hat – ein Ohrenzeugenbericht

  1. Ich muss gestehen, dass mich so etwas manchmal total ärgert, wie auch zuletzt im Wartezimmer beim Arzt. Da unterhielten sich zwei Personen miteinander über mehrere Stunden laut – man konnte nicht einmal in Ruhe leiden. (Geschweige denn sterben.) Trotzdem habe ich den Mund nicht aufgemacht. Die Peinlichkeit hätte mich umgebracht. Und das bei der Lautstärke? Nee, dachte ich mir.

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  2. Du bist gerade auf die Grundursache gestoßen, warum es in Diskotheken immer so laut ist, dass man sich nur schreiend unterhalten kann … pssst, nicht weiterflüstern, es könnte im Teestübchen mit der leisen Mozartmusik in wirres Stimmengewirr ausarten …

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    • Ich war auf Teneriffa auf dem Teide (3000 m hoch) und letzte Woche auf Gran Canaria auf dem höchsten Punkt 1940 m hoch). Und jedes Mal unterschätzen die Besucher die Luft.
      Besonders witzig war es auf dem Teide. Ich saß hinter einem Felsen und genoß bei 5 Grad die klare Luft und die warme Sonne. 40 Meter von mir entfernt saß ein Paar (ebenfals hinter einem Vulkanfelsen gleiches genießend) und flüsterte. Nur die Luft war so klar und alles war so deutlich zu verstehen, hätten die beiden gewusst, dass ich alles hören konnte, sie hätten geschwiegen. Ich hatte meinen Spaß beim Zuhören (nein, nichts erotisches!). Grüße an Familie Grönesbach aus Emmerfeldenbachheim in der Aachener Alleengasse 49 vom 2 Stock in der Wohnung rechts, jene wo immer der Staubsauger um 22 Uhr anstellt wurde, wenn sie etwas lauter Beethofen hörten … (keine Sorge, ist jetzt ne Halbwahrheit; was gelogen ist, sag ich nicht, ich bin diskret gemein und gemein diskret) …

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      • Interessanter Effekt. Anlässlich der Expo wurden Hannovers Straßenbahnhaltestellen jeweils von einem anderen Künstler gestaltet. Die beiden Haltestellen Nieschlagstraße ganz in meiner Nähe haben je zwei Schalen die gegeneinander ausgerichtet sind. Darin soll man die Gespräche von der anderen Straßenseite hören können. Als Wetterschutz aber Totalversagen.

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  3. Löschen bitte. Das war ein fehlgeleiteter Versuch, weil ich wissen wollte, was jene Option bedeutete. Mein Post zu deinem Blog-Post (statt eines 20-seitig-langen Kommentars mit diffusen Assoziationen) läuft gerade. Also dieses hier bitte löschen. Danke dir Jules.

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  4. Pingback: Wer nicht hören will, wühlt in fremden Haufen | Notizen aus der Provinz

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