Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Weltschmerz


Trithemius
Oweh, Frau Nettesheim, seit Sonntagabend plagt mich der Weltschmerz. Und es wird immer schlimmer.

Frau Nettesheim
Wieso gerade jetzt?

Trithemius
Früher dachte ich, weil ich manchmal besonders dünnhäutig bin. Aber seit gestern denke ich das nicht mehr.

Frau Nettesheim
Und warum dann?

Trithemius
Ich bin nicht dünnhäutiger als sonst. Es rückt nur manchmal alles näher heran. Gestern schaue ich beispielsweise aus dem offenen Fenster. Ganz am Ende der Straße kommen zwei junge Männer heran. Und obwohl sie noch weit weg sind, höre ich genau ihre schlurfenden Schritte. Das dürfte Ihnen als Beispiel reichen.

Frau Nettesheim
Sie meinen, die Welt ist zudringlicher, weil sie gestern zwei Männer heran schlurfen hörten? Wollten die beiden denn zu Ihnen?

Trithemius
Nein, sie gingen unter meinem Fenster vorbei. Verstehen Sie das doch exemplarisch, Frau Nettesheim!

Frau Nettesheim
Möglicherweise lags an der Herbstluft, genauer an der Temperatur. Bei 16 Grad Celsius und hoher Luftfeuchte breitet sich der Schall schlurfender Schritte am besten aus.

Trithemius
Wer sagt das? Das haben Sie sich doch ausgedacht, nur um das Exempel zu entkräften.

Frau Nettesheim
Kommen Sie zum Punkt. Die schlurfenden Männer sind nicht verantwortlich für ihren Weltschmerz. Sie kennen die ja nicht mal.

Trithemius
Falls die beiden die AfD gewählt haben und mitverantwortlich sind für 96 AfD-Abgeordnete im Bundestag …

Frau Nettesheim
Hier in Linden-Mitte hat die AfD nur 3,9 Prozent der Stimmen bekommen. Das beste Ergebnis erzielten die Linke mit 24,2 und die Grünen mit 25,4 Prozent. Das müsste Sie doch freuen, Trithemius. Ihr Stadtteil!

Trithemius
Mir gehört doch hier nichts. Außerdem macht die Welt nicht vor „meinem Stadtteil“ halt. Gestern sah ich einen SPD-Abgeordneten aus Ostfriesland im Fernsehen. Er hatte es nur knapp in den Bundestag geschafft und lamentierte, angesichts ihrer historischen Leistung, was die SPD alles für die Menschen erkämpft habe, müsste sie bei 60 Prozent liegen. Und ich dachte, der Kerl begreift noch immer nicht, dass die SPD unter Schröder mit der Agenda 2010 unsere schöne Republik kaputtgemacht hat. Dass so wenig Einsicht ist in unserer Welt, macht mir Weltschmerz. Und schaut man über den eigenen Horizont hinaus: Weltweit regieren Wahnsinnige und Psychopaten, leiden Menschen unter Krieg, Gewalt, Verfolgung und Hunger, von der Umweltzerstörung gar nicht zu reden. Ich glaube langsam, Frau Nettesheim, die Menschheit hat ein Intelligenzproblem.

Frau Nettesheim
Das beträfe ja auch Sie.

Trithemius
Ja. Seit längeren sage ich mir, das desolate Weltgeschehen ist ein makabrer Witz. Das ist internationale Hochkomik. Aber ich komme einfach nicht hinter den Sinn, noch weniger verstehe ich die Pointe.

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13 Kommentare zu “Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Weltschmerz

  1. Die Tatsache, dass vieles von dem, was da gerade geschieht, lächerlich ist, ist nicht gerade ein Grund für herzhaftes Gelächter. Wir sind politisch in einer Hinhaltephase, in der uns eine rosige wirtschaftliche Zukunft versprochen und zugleich die kommenden Härten wie technologische Arbeitslosigkeit, Altersarmut und zunehmende Umverteilung von unten nach oben längst in Sicht sind. Bloß nichts ändern, bloß nicht genau hinschauen, bloß keine Probleme eingestehen, sonst bricht alles zusammen. Probleme sind dazu da, gelöst zu werden, aber erst dann, wenn es nicht mehr anders geht.

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  2. Diesmal, lieber Jules, kann ich deinem Weltschmerz nichts entgegen halten. Seit Sonntag spüre ich ihn auch. Zum Lachen wären all die Interviews von SPD, CDU und all den anderen nach dem Ergebnissen gewesen, wenn es nicht so traurig wäre.

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    • Danke, liebe Mitzi, es tröstet ja schon, nicht alleine zu sein. Ich sah Horst Seehofer im TV wie er sagte: „Wir haben verstanden.“ Und ich dachte, ihr habt gar nichts verstanden, seid mit eurer dummen Klientelpolitik dabei, euch zu marginalisieren. In diesem Sinne gebärden sich all die durch die Wahl abgestraften Politiker tatsächlich wie Lachnummern, weil sie glauben, nicht sie wären das Problem, sondern die Wähler.

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      • Genau das ist mir auch aufgestoßen. Der hat erst mal gar nichts verstanden. Diese Ohrfeige am Sonntag war anscheinend noch nicht genug. Ich hoffe fast, dass sie sich einfach erst mal blöd stellen, weil ihnen die richtigen Worte fehlen und dann doch wenigstens ein bisschen was angekommen ist.

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  3. Lieber Jules, ich empfehle als Mittel gegen den Weltschmerz das Studium der Geschichte. Hält man sich erst vor Augen, was früher so los war (bis in die gar nicht so entfernte Zeit zweier Weltkriege hinein) geht’s einem gleich viel besser 🙂 Beste Grüße!

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    • Mein Lieber, du hast schon Recht. So schlimm wie im Dreißigjährigen Krieg oder in den beiden Weltkriegen ist’s allemal nicht. Die Völker Europas halten untereinander Frieden. Es gibt in humanitärer und freiheitlicher Hinsicht enorme Fortschritte. Es gab aber auch schon mal mehr Hoffnung, als John Lennons mit seiner Plastic Ono Band sang: „Give Peace a Chance“, als das Wort „Reform“ noch positiv besetzt war und nicht den Ausverkauf der Arbeitnehmerrechte bedeutete, als Arme bei uns nicht verächtlich gemacht wurden und vieles mehr. Ganz kurze Zeit sah es in den Endsechsziger Jahren aus, als würde sich die Menschheit besinnen. Inzwischen wandelt sich der Sinn zum Irrsinn. Und die Leute schlucken jede Kröte, die ihnen die durchweg neoliberale Politik hinhält. In ihrem Frust laufen sie den falschen Propheten hinterher, und uneinsichtige Politiker der sogenannten Volksparteien sind dabei, sich zu marginalisieren und damit alles zu verspielen.

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      • Da gebe ich dir völlig Recht. Wahrscheinlich hat der Mensch schon immer in jenen Phasen, wo sich die Dinge (welt- oder lokalhistorisch) zum Besseren wendeten gedacht, jetzt geht’s endgültig aufwärts, und zurück geht’s nimmer. Tatsächlich jedoch – das ist jedenfalls meine Einschätzung – werden die Möglichkeiten des Menschen, sein Geschicke nachhaltig zu gestalten, dramatisch überschätzt. Ich für meinen Teil – und das ist natürlich total egoistisch – schätze mich überaus glücklich, zur richtigen Zeit am richtigen Ort geboren worden zu sein. Ein Glück, das ich nicht mit vielen Menschen auf der Erde teile.

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  4. Ruhe bewahren. Gut, das hat man 1933 auch gesagt, aber ganz so weit sind wir noch nicht. 96 Idioten mehr im Parlament, dazu noch die von der FDP und die, die sowieso schon drin waren, das ist natürlich viel, aber vielleicht besinnt sich die SPD mal so langsam auf ihre Tradition vor Schmidt und Schröder, jedenfalls ist das ihre einzige Chance, wenn sie nicht völlig untergehen will.
    Was die Lage weltweit betrifft: Das war noch nie anders. Das ist auch kein Trost, ich weiß, aber auch kein Grund, zu verzweifeln

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    • Mag sein, dass es weltweit nie anders war. Aber es gab wenigstens die Hoffnung auf positive Entwicklung. Ich erinnere mich noch an die Aufbruchstimmung in der Flower-Power-Zeit. Ich erinnere mich noch gut an Willy Brandts mutige Ostpolitik, an Reformen, die noch Verbesserungen von Lebensumständen meinten, nicht den neoliberalen Reformschrott, den man jetzt auch in Frankreich durchsetzen will. Ich habe keine Hoffnung, dass die SPD die Kraft aufbringt, sich zu besinnen, traue unseren Machteliten und den Leitmedien keinen Bewusstseinswandel mehr zu. Eine winzige Zeit nach der Finanzkrise hat man sich besonnen und sprach von Systemkrise – um dann genauso weiter zu machen wie zuvor. Jetzt haben wir die Rechtsradikalen an der Backe, weil die Leute das Unrecht überall spüren, aber leider immer gegen Schwächere aufgehetzt werden. Das ist doch neoliberale Strategie, Menschen arm zu machen, sie zu entrechten und dann gegeneinander aufzuhetzen, alles immer schön im Sinne der Finanzmärkte und Kapitaleigner.

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  5. Es ist schon sehr bedauerlich und auch etwas ärgerlich, dass diese destruktive und niederträchtige Gruppierung nun auch noch in erheblichem Ausmaß finanziell unterstützt wird – aus den Mitteln der Allgemeinheit, die woanders wahrlich besser aufgehoben wären. Und ebenso ist es bedauerlich und wirklich schwer auszuhalten, dass den Protagonisten, ihren derben Attacken und ihrer abgefeimten Sprache nun eine noch größere Bühne geboten wird. Hiermit kann ich mich nur schwer arrangieren, da sich bei mir immer wieder Empörung und Brechreiz manifestieren – eher als Melancholie. Aber ich hoffe auch, dass gerade dies die Gegen- und Abwehrkräfte verstärkt mobilisiert – obwohl es sich, um im Bild zu bleiben, offenbar um eine Art Virus-Erkrankung zu handeln scheint. Noch glaube ich an ein funktionierendes Immunsystem.

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    • BIs auf die beiden letzten Sätze stimme ich dir uneingeschränkt zu. Doch die „virus-Erkrankung“ hat einen Namen und ist Strategie: Neoliberalismus. Witziger Weise ist auch die AfD eine neoliberale Partei und bietet den sogenannten „Enttäuschten“ und „Abgehängten“ nichts Besseres als den Hass gegen Flüchtlinge. Die Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft ist schon weit vorangetrieben worden und da die Gesellschaft kein Körper mit Immunsystem ist, können wir nicht auf Fresszellen hoffen, die all den moralischen Schrott beseitigen. Wir müssens schon selbst machen.

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      • Ich erkenne an, lieber Jules, dass deine Analyse noch einen Schritt tiefgründiger ist, indem du nicht fragst: „woher kommen die Symptome“, sondern: „woher kommt die Krankheit“. Danke, das war eine wichtige Anregung / Erinnerung.
        Ich habe mich schon öfter gefragt, warum die Menschen sozusagen gegen das Falsche (oder die Falschen) demonstrieren. Ein kurzes Aufflackern einer Pegida-ähnlichen Initiative vor gut zwei Jahren ist hier in Frankfurt zum Glück gleich wieder erloschen. Aber es gäbe Anlass und geeignete Orte genug für Demonstrationen.
        Immerhin bin ich froh, in deinem Kommentar zu lesen, dass der Weltschmerz einer „Selbst-machen-Haltung“ gewichen ist. Dein Beitrag ist ja ein Anfang, und ich wünsche dir weiterhin gute Ideen für klare Analysen und deutliche Formulierungen, die du mit uns teilen kannst.
        Herzliche Grüße
        Elisabeth

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