Nachtfahrt (2)

Die Ängste, deretwegen uns Karl-Heinz aus unseren Schlafsäcken hochgescheucht hatte, waren absurd. Trotzdem hatten sich alle gefügt, noch in tiefer Nacht wieder aufs Rad zu steigen. Wie sich zeigen sollte, hätten wir sowieso nicht länger im Straßengraben liegen können, denn bald begann es heftig zu regnen. Innerhalb kürzester Zeit waren wir völlig durchnässt. Als die Landstraße wieder in einen Wald eintauchte, beschlossen wir, unter den Bäumen Schutz zu suchen. Aus Planen und Müllsäcken bauten wir einen notdürftigen Unterstand, was nicht einfach war in der Finsternis des Waldes.

Es hatten darunter sowieso nicht alle Platz, also sollte einer von uns draußen bleiben und Wache halten. Ich erinnere mich nicht mehr, was gesprochen wurde, aber der Terminus „Wache halten“ hat sich vermutlich allein durch seine Existenz als sinnvolle Tätigkeit qualifiziert, obwohl es im nächtlichen Wald bei strömendem Regen nichts zu bewachen gab. Ich übernahm die erste Wache, denn die Aussicht, in einen durchnässten Schlafsack zu kriechen, war nicht verlockend. Nach einer Stunde löste Frank mich ab. Es regnete noch immer und er hatte sowieso nicht schlafen können. Ich hatte am Stamm einer mächtigen Fichte gehockt. Als Frank neben mich kam und sich ebenfalls an den Stamm anlehnen wollte, fiel er mit einem erstaunten Ruf hinten über und purzelte einen Abhang hinunter, was ich in der Schwärze des Waldes nur als Hörbild mitbekam. Er musste recht tief gefallen sein, denn es dauerte lange, bis er sich stöhnend und leise fluchend wieder zu mir hoch gekämpft hatte. Wir blieben zusammen wach, bis es dämmerte.

Der Aufbruch der Gruppe war unerfreulich. Denn mit durchnässter Kleidung in der Morgenkühle aufs Rad zu steigen, macht einfach schlechte Laune. Auch wurden wir von Hunger und Durst gequält. Immerhin ging bald die Sonne auf und in der Ferne zeigte sich ein Dorf, in dem wir vor einer Bäckerei warten wollten, bis sie öffnete. Bei einem Halt erwies sich Ludwig wieder als unsozialer Gefährte. Wir hörten es plötzlich plätschern. Da stand er mit seiner offenen Feldflasche, aus der noch immer Wasser rann. Erbost stellten wir ihn zu Rede, weil wir alle nichts mehr zu trinken hatten, und er rief: „Isch muss mir doch de Zäng putze!“

Ich weiß noch, welches Gefühl der Erleichterung mich durchströmte, als wir im Dorf eine Bäckerei fanden, die bald öffnete. Ich kaufte eine Flasche Kakao und acht Teilchen für insgesamt 1,20 DM. Ein Amerikaner kostete damals 10 Pfennig. Für die gesamte Radtour von drei Wochen hatte ich für Übernachtungen in Jugendherbergen und Proviant nur 120 DM bei mir. Wir verließen den Ort, um einen schönen Platz zu finden. Inzwischen wärmte die Sonne, und aus den Weinbergen entlang der Straße stieg der Dunst auf. Bei einem breiten, mit Gras bewachsenen Feldweg in den Weinberg hielten wir und verschlangen unser Frühstück. Dann legten wir uns rücklings in die Sonne und ließen uns trocknen. Ich habe selten so köstlich geschlummert wie in diesem Weinberg an der Weinstraße.

18 Kommentare zu “Nachtfahrt (2)

  1. Pingback: Nachtfahrt

  2. Sehr anschaulich, mir wird ja schon beim Lesen kalt. Ich hab mal mit einem Freund eine Nacht an einer Tankstelle verbracht, weil wir beim Trampen nicht weggekommen waren. Klatschnass, das Wasser lief aus den Schuhen. Die Polizei kam, fragte, ob wir in ein Hotel im Ort wollten. So viel Geld hatten wir nicht dabei, also blieben wir an Ort und Stelle. Der Sonnenaufgang und die Wärme des Tages habe ich auch noch gut in Erinnerung.

    Gefällt 1 Person

  3. Man fühlt alles beim Lesen. Die Kälte, die Nässe und auch am Ende, das schöne Gefühl, wenn einfach alles passt. Einerseits, weil du es so gut beschrieben hast, lieber Jules. Und wohl auch, weil man diese Reisen der Jugend kennt. Kein Geld und irgendwie läuft nichts so, wie man es beim Aufbruch geplant hatte. Ich selbst lag vor Jahren in einem Schlafsack mit kaputtem Reißverschluss, mein Magen knurrte und ich verfluchte die Idee meines Freundes, die vor wenigen Tagen noch so romantisch geklungen hatte.
    Danke für diesen Ausflug.

    Gefällt 1 Person

  4. Moin Jules!
    Du bist sicherlich schon wach und bereit, die Partei DIE PARTEI zu wählen, nicht wahr?

    Das ist eine unbezahlte Aktion der Schrottpresse: Wählt die PARTEI! am Wahltag.

    Gefällt mir

  5. Lieber Jules,
    Wie beneide ich Dich um so klasse Erinnerungen! Keine Sorge, ist ein Gönneneid. Denn sowas würde ich mir heute nicht zutrauen zu schaffen und in der Jugend hatte ich noch keine Fahrradkumpel.
    Ich habe jetzt auch klamme Finger vom Lesen. Du nimmst Deine Leser wahrlich mit, alles wird fühlbar und auch die für junge Leute symptomatische Monetenmisere. So, jetzt muss ich mich erst mal wieder entröten, da pappt noch ein bisschen Erdbeerkonfetti an meinen Rotknautschfingern vom Sonntag.
    Liebe Morgengrüße aus dem wattigwabbeligen Nebelteuto✨

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Fee,
      wir sind eine ähnliche Strecke im Jahr danach noch einmal in anderer Besetzung gefahren, ich meine zum Titisee. Ein Jahr später zu Dritt nach Texel. Tatsächlich hatten wir nicht viel Geld, aber 120 DM wären nach heutiger Kaufkraft etwa 600 Euro. Leider habe ich nicht viele solcher Jugend-Erinnerungen, denn wie meine Kindheit endete meine unbeschwerte Jugend früh und abrupt. Freut mich, dass du den Bericht von unserer Nachtfahrt anschaulich gefunden hast.
      Wie der Teuto heut morgen aussieht, kann ich mir jetzt auch etwa vorstellen.
      Herzliche Grüße!

      Gefällt 1 Person

      • Lieber Jules, ich bin gespannt auf die Fortsetzungen und stöberlese noch mehr bei Dir herum. Wie viele aus dem großen Topf der Erinnerungen bleiben so scharf, voll und klar erhalten weil sie so besonders sind? Bei mir sind es viele, doch nicht nur schöne oder lustige. Ist alles bei. Licht und Schatten, Kälte und Wärme, Leben und Tod.

        Gefällt mir

        • „So scharf, voll und klar“ ist manches erst durch das Aufschreiben geworden. Auslöser war die Erwähnung von „Kirchheimbolanden“ bei Tagesschau.de. Ich bin mir nicht sicher, ob das Erinnerte immer das Besondere war. Mein Kopf merkt sich manchmal nur das Banale, den Rest in Fetzen. Das Problem ist die lückenhafte Dokumentation. Es existieren nur wenige Fotos und Dokumente. Aufgeschrieben habe ich damals nichts. Erst ab 40 + gibt es Tagebücher.
          Du kannst sicher bestätigen, dass selbst herbe Erinnerungen in der Rückschau nicht so sind, ähnlich den überstandenen Mühen. Aber als ich mal an Episoden meiner fatalen Liebe geschrieben habe, da habe ich beim Schreiben neu gelitten und geweint.

          Gefällt 1 Person

          • Lieber Jules, ja. Ich kann bestätigen, dass manche herbe Erinnerung bedeckt ist von gnädigem Alltagsschutt. Vielleicht auch sediert vom Immerwiederdraufhaun, das macht der Körper so wenn er sich schützen will. Macht sich einfach so taub und zur Not auch überall, in- und auswändig. Wenn ich nicht wieder weinen muss bei einer Erinnerung, die eigentlich tränenüberströmt ist, bedeutet es für mich, dass sie überwunden ist und vernarben konnte. Manche Dinge werden länger beweint, doch das ist kein Zeichen für schlechte Qualität. Eher das Gegenteil. Es spricht für eine tiefe und volle, unabhängig dessen, was durchlitten wurde. Tränen sind das kostbarste Reinigungsmittel der Welt. 🙂

            Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.