Frau Nettesheim rät zum Spaziergang

Frau Nettesheim
Jetzt könnten Sie auch mal meinen Vorgarten jäten, Trithemius.

Trithemius
Wie kommen Sie denn auf die Idee, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Durch Ihre „Stilkritik“ von Dienstag. „Kleingärtnern im Regenwald“ haben Sie derlei Sprachpflege früher genannt.

Trithemius
Meine Stilkritik ist keine Sprachpflege. Die Sprache muss nicht gepflegt werden, aber mein Gefühl. Ich kann mich an manche Sprachmoden einfach nicht gewöhnen. Ihnen gefällt doch auch nicht jedes Outfit in Ihrer Lieblingssendung Promi Shopping Queen.

Frau Nettesheim
Ich gebe Ihnen gleich „Shopping-Queen“ , unverschämter Patron! Was ist schlecht daran, einen „wunderschönen Abend“ zu wünschen?

Trithemius
Ich will doch nicht alle Tage einen wunderschönen Abend. Das Leben braucht Kontrast. Wenn jeder Tag wunderschön ist, stumpft man ab und kann die Schönheit gar nicht wahrnehmen, so als würde man lange Zeit in gleißendes Licht schauen. Wo nur Licht ist, sieht man gar nichts. Außerdem ist es zynisch, wenn gerade in den Nachrichten das Elend der Welt gezeigt wurde, und anschließend tanzt so ein grinsender Idiot auf die Bühne und wünscht mir einen wunderschönen Abend. Mit diesem debilen Wunsch wird dann wieder die gigantische Verblödungsmaschinerie angeworfen. Dieser schier unfassbare Blowup des Schwachsinns verhält sich reziprok zum Geisteszustand des Zuschauers.

Frau Nettesheim
Wie meinen?

Trithemius
Verblödete Medien verblöden das Volk und dessen fortschreitende Verblödung fordert nach immer blöderen Formaten.

Frau Nettesheim
Jetzt hauen Sie schon wieder so auf den Putz. Geht es nicht ein bisschen subtiler?

Trithemius
Ach, es liegt am Weltschmerz, genauer an den Themen des Sommerlochs. Ich habe mal nachgelesen, worüber vor neun Jahren berichtet wurde. Da hatte, hehe Frau Nettesheim, ein Förster im indischen Teil des Himalajas Haare gefunden. Sie wurden von Forschern untersucht. Ich habe damals zwar nicht die Haare, wohl jedoch die Forscher mit eigenen Augen gesehen, und zwar am 3. August 2008 im ZDF-Journal. Die Forscher trugen weiße Kittel, weshalb man ihrer Haarforschung volles Vertrauen schenken durfte. Die Haare sollen einem Yeti aus den Ohren gewachsen sein und hatten vermutlich die Form von sauren Gurken. Das ZDF hat eigens einen Korrespondenten nach Südtirol entsandt, um das Orakel Reinhold Messner zu den Haaren zu befragen, den bekanntlich einzigen Yeti, der jemals im Himalaja herumgeklettert ist. Messner sagte, der Yeti sei „eine Vorstellung des Menschen, die aus der Natur kommt“, was immer das bedeutet. Aber immerhin. Heute zeigen sie Bilder von zehntausenden Eiern im Sondermüllcontainer, und wir lernen wieder ein neues Wort.

Frau Nettesheim
Fipronil?

Trithemius
Das können Sie vergessen, Frau Nettesheim. Ist die reine Perversion. Die Sau, die man da durchs Dorf jagt, hat den Kopf eines Huhns. Kikeriki! Grunzgrunz! Kikeriki!

Frau Nettesheim
Kikeriki kräht der Hahn. Gehen Sie mal ein bisschen vor die Tür.

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15 Kommentare zu “Frau Nettesheim rät zum Spaziergang

  1. Deine Nettesheim – Trithemius – Dialoge sind immer wieder gut. Das Mittel, zwei so verschiedene Charaktere, die geerdete Frau Nettesheim und den „garstigen“ Trithemius, aufeinander treffen zu lassen, funktioniert auch diesmal. Wie aus dem Leben gegriffen, reden sie miteinander, wechseln die Themen, Trithemius regt sich auf, Frau Nettesheim behält die Bodenhaftung. Und nebenbei haben wir unseren Ärger über die Nachrichten und die unverschämt gute Laune ihrer Überbringer weggelächelt.

    Gefällt 3 Personen

    • Ich habe Jules mal empfohlen,die Nettesheim-Dialoge, von denen es ja schon einige gibt, als Buch herauszugeben. Er vermutet aber zu wenig Interesse an einer solchen Publikation. Ich bin anderer Meinung, ich würde das Buch sofort kaufen. Was meinst Du? 🙂

      Gefällt 2 Personen

      • @ Videbitis
        Danke, mein Lieber. Ich schätze deinen Zuspruch sehr. Von den Dialogen gibt es ja Hunderte. Es ist fast mein ältestes Format. Schon die alle zu sichten und passende auszuwählen, ist eine Heidenarbeit. Ich würde/müsste sie alle sorgfältig redigieren und mögliche Bezüge zu meinen Blogs tilgen. Dann hätte ich ein Manuskript, das auch noch schwer zu layouten ist. Und hätte ich das Buch fertig, müsste ich damit hausieren gehen. Es ist mir peinlich, Blogleserinnen und -lesern auf den Pelz zu rücken mit „kauft bitte mein Buch!“ Da gibt es viele Absichtserklärungen, aber zur Kaufentscheidung ist offenbar ein weiter Weg. Schon die „Buchkultur“ in Foren zu bewerben, damit es bekannter wird, schaffe ich nicht. Der „Nachtschwärmer“ liegt da wie Blei, den bewerbe ich derzeit gar nicht. Wir sind daran gewöhnt, unsere Texte kostenlos anzubieten, lesen ja bei denen, die es genauso tun. Da etwas zum Kauf anzubieten, ist offenbar problematisch. Aber sobald das Bloggen in Arbeit ausartet, die überdies Nervenkraft fordert, denn man wird ständig mit der eigenen Bloggeschichte konfrontiert, erwartet man eine angemessene Bezahlung.
        Lieben Gruß

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    • @Manfred
      Lieben Dank, Manfred. Dein lobender Kommentar gefällt besonders Frau Nettesheim, wie du dir denken kannst. Der „garstige Trithemius“ murrt allerdings darüber, dass Frau Nettesheim mal wieder das beste Lob abgreift, mutmaßt, dass es am Foto liegt, auf dem sie eindeutig besser aussieht als er. Es sind ja immer die Männer, die sich von ihrer cleenen Palmolive-Schönheit blenden lassen. Die weiblichen Leserinnen halten sich lieber zurück. Was gibt es schon an Trithemius zu loben, dass er sich aus dem Aldi-Prospekt informiert?

      Gefällt 1 Person

    • Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
      die eine will sich von der andern trennen:
      Die eine hält in derber Liebeslust
      sich an die Welt mit klammernden Organen;
      die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
      zu den Gefilden hoher Ahnen.
      Goethe, Faust 1, Vers 1112 – 1117; Vor dem Tor.

      Danke, Mitzi, in letzter Zeit hatte ich nicht so oft den Drang, den Dialog zu schreiben. Frau Nettesheim gehört ja eigentlich zum Teppichhaus Trithemius.

      Gefällt 1 Person

  2. Die gefundenen Haare könnten auch vom Messner stammen, der, ein neues Buch über Yetis in Vorbereitung, geduldig ausgeha(a)rrt hat, bis die Haartracht gefunden, ergebnislos analysiert und schlussendlich er selbst zu diesem Thema befragt wird …

    Gefällt 1 Person

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