Im Weg rumstehen

Manchmal stelle ich mir den menschlichen Körper als Raumschiff vor. Das eigene Ich glaubt, der Kommandant zu sein, hat aber in Wahrheit keine Ahnung, was alles im Raumschiff vorgeht. Der Kommandant stolziert über die Brücke gibt Befehle wie „vorwärts“, „linksrum“, „Mach ma Kaffee!“, aber hat keine Ahnung, wer ihm das eingeflüstert hat und wer da sonst noch Befehle erteilt. Eine Ausbildung hat der Kommandant nicht, wie auch, es gibt vom Raumschiff nicht mal eine Betriebsanleitung. Ich Kommandant habe durch Versuch und Irrtum herausgefunden, welche Vorgänge ich wie beeinflussen kann. Ach, und es ist so unglaublich wenig. Gibt beispielsweise Tage, da könnte ich mich blöd schlafen, ohne erkennbaren Grund. Glücklicherweise gibt es da irgendwo ein aufmerksames Mitglied der Wartungscrew, das mich hochscheucht, bevor irreparable Schäden aufgetreten sind. Gestern war ich den Tag über so unsagbar müde, also wenn meine Müdigkeit Hunger gewesen wäre, hätte ich ein ganzes Pferd essen können. Doch dazu war ich einfach zu müde.

An solchen Tagen stehen Leute im Weg rum, bleiben vornehmlich in Engstellen stehen und erstarren in Blödheit. Du sagst jetzt, es liegt am Wetter oder an der elektrischen Ladung der Luft, und alle fühlen das ähnlich. Kann ja sein. Ich vermute, wir sind ähnlich konstruiert. Aber genausogut könnte sich ein gelangweilter Unterbeamter der galaktischen Registratur einen Spaß mit mir machen und Leute aussenden, damit sie mir im Weg stehen.

—-äh, warum geht’s hier nicht weiter?——-Ach, entschuldigen Sie, ich war ganz in Gedanken. Sie wollen gewiss zum Ende dieses Textes.

So oder so, es ist ja alles unbeweisbar. Manche munkeln, die wahren Befehlshaber wären Mikroben und würden im finstersten Rohrsystem deines Raumschiffs siedeln, und wenn da gerade Kirmes ist, gehen auf der Kommandobrücke sämtliche Lampen aus. Folglich merkst überhaupt nicht, wenn du irgendwo im Weg rumstehst mit deiner blöden sperrigen Kiste.

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25 Kommentare zu “Im Weg rumstehen

  1. Das mit den kirmesfeiernden Mikroben leuchtet mir unmittelbar ein. Es gibt sogar Raumschiffe, in denen wird das ganze Jahr gefeiert, und damit das nicht langweilig wird, laden die Mikroben andere Stämme ein, sich mit ihren Raumschiffen dazuzugesellen. Wenn die dann gerade keine Engstelle finden, erzeugen sie eine.

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  2. Heutzutage liegt’s ja meist am Smartphone, wenn Leute wo rumstehen. Selbst Autofahrer schleichen neuerdings gemächlich die Straße entlang, weil das Display ihres Handys spannenderes verspricht als der Blick nach vorne. Ich persönlich glaube ja, dass wir selber die Mikroben sind, die auf einer höheren Ebene höheren Lebewesen das Leben schwer machen, die wiederum auf einer höheren Ebene höheren Lebewesen….

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  3. Lieber Jules,
    die Vorstellung ein Raumschiff zu sein gefällt mir gut und erklärt auch viele Ungereimtheiten meines Körpers.
    Aber irgendwie vermisse ich bei meinen Flügen durch den Weltraum, die Freiheit und Weite des Universums. Entweder ist mein Radius arg beschränkt, liege angedockt fest im Raumhafen, oder ich liege sogar schon auf einem Schrottplatz für ausrangierte Raumschiffe?!
    Ab und zu kommt jemand vorbei, weil irgendein Teil von mir noch gebraucht wird, solange bis ich komplett ausgeschlachtet bin und der Rest vergammelt.
    Gruß Heinrich

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    • Lieber Heinrich,
      weil das Bild nicht ganz passt, stellen sich bei Ihnen diese Assoziationen ein, die ich nicht gelten lassen mag, was ihre Ausrangierung betrifft. Ich hatte letztens im Georgengarten einen Gedanken, der mich auf die Raumschiff-Metapher brachte, hatte ihn aber beim Schreiben meines Textes vergessen einzubauen. Jedenfalls flog mich ein winziges Insekt an und ich dachte: Wäre das ein bemanntes Raumschiff, seine Insassen würden wahnsinnig werden beim Versuch, sich die für sie makroskopische Welt des Georgengartens und meines Körpers zu erklären. Wenn wir die Ebene des ganz Kleinen betrachten, die herumschwirrenden Atome und so, gibt es durchaus Ähnlichkeit mit dem, was wir vom Universum glauben wahrzunehmen. Daher ist das Raumschiff gleichbedeutend mit einem Mechanismus, mit dem wir im Raum unterwegs sind. Natürlich Sie auch.
      Beste Grüße

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    • Der Ethnologe Arnold van Gennep nannte diese Übergänge „Rites de passages“, kulturell geprägte Übergangsriten, die immer eine Engstelle erfordern. Nach Überwindung der Enge kommt die wohltuende Erfahrung der Weite. In seinem gleichlautenden Buch spricht er auch von architektonischen Übergängen.
      Psychologisch gedeutet versucht der Mensch unbewußt, sein Geburtstrauma zu bewältigen, indem er mit anderen in Engstellen verweilt – leider fast immer auf Kosten der Nerven Unbeteiligter.

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      • @ Videbitis
        Interessanter Hinweis, vielen Dank! Möglicherweise mag der Mensch aber just diese Weite nicht, in die er bei der Geburt geworfen ist. Vielleicht leidet der Mensch insgeheim unter dem horror vacui, der Angst vor dem leeren Raum, und sucht freiwilig drangvolle Enge auf.
        Ich neige der einfachen Erklärung zu, dass im Weg herumstehen nur an Engstellen auffällt. Sonst kann einer träumen so lange er will, ohne dass es jemand bemerkt.
        Dass jemand sich in den Weg stellt, ist einer unangenehmen Ichfixierung geschuldet, bei der jemand seine Mitmenschen einfach nicht beachtet, buchstäblich keine Rücksicht nimmt.

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      • Nein, aber zu videbites möchte ich noch anmerken, dass ich ebenfalls eher dem Glauben anhänge, es handelt sich dabei lediglich um das Problem der Engstelle an sich. Größere Ansammlungen von Menschen andernorts, mit genügend Raum drumherum, sind weniger auffallend, wenngleich sicherlich nicht unbedingt seltener. Und auch der Zusammenhang zwischen der Größe der Menschenmenge und dem Einstellen eines gewissen Engstellencharakters sonst nicht als Engstelle in Erscheinung tretender Ortschaften ist nicht von der Hand zu weisen.

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  4. Ja, der Kommandant eines Raumschiffs, die Idee hat etwas. Auf einer hermetisch abgeschirmten Brücke, mit Monitoren, die nicht einmal ein realistisches Bild der Umgebung zeigen und einem verborgenen Mechanismus, der tut, was er tut und manchmal passt, was der Kommandant will, zu dem, was gerade getan wird. Oft genug aber auch nicht.

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    • Ich war nicht ganz zufrieden mit dem Bild, weil in Raumschiff das Statische mitschwingt und das unterwegs sein im All, das Heinrich in seinem Kommentar prompt vermisst. Passender wäre ein Golem, gesteuert von einem Homunkulus, aber ich vermutete, dass die meisten nichts mit diesen Figuren anfangen können. Doch indem du auf den verborgenen Mechanismus hinweist und die eher zufällige Synchronisation von Wille und Geschehen/Handlung, kann ich das Raumschiff jetzt gelten lassen.

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  5. Eine schöne Vorstellung, lieber Jules. Und endlich eine Erklärung für das Phänomen an den falschen und besonders ungünstigen Stellen stehen zu bleiben.
    Gerade schreibe ich an einem Text über das breitbeinige Sitzen einiger Männer in der U-Bahn. Ich fürchte das ist nur mit rücksichtsloser Blödheit zu erklären.

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  6. Das hatte ich gestern, diese schwere, unerklärliche Müdigkeit. Hätte mich direkt vor Café K fast hingelegt, nichts ging mehr, da hätte ich endlich auch mein Publikum gehabt, das ich sonst eher vermisse. Ich habe mich aber doch zusammengerissen und hoffe sehr, dass Dir inzwischen auch wieder besser geht. (Stimmt das?)

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    • Danke der Nachfrage. Die Müdigkeit ist vergangen, auch bei dir, hoffe ich. Dass du dich „vor dem Café K. fast hingelegt“ hättest, hatte ich zuerst falsch verstanden und mich gesorgt. Es gibt es nämlich schon bei jungen Leuten, dass sie bei Gelegenheit einfach umfallen. Es lag wohl an den rasch hereinziehenden Tiefausläufern, auf die wir in geographischer Nähe ähnlich reagiert haben.

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