Nachrichten aus einem verlorenen Universum

Am Packtisch im Supermarkt räumt neben mir eine alte Frau ihren Einkauf ein. Sie spricht vor sich hin: „Jetzt habe ich das Wichtigste vergessen.“ Sie hat, so scheints, die komplette Regenbogenpresse im Einkaufskorb. „Immerhin haben Sie viele Zeitschriften gekauft.“
„Ach, die bringe ich ins Altenheim. Die freuen sich darüber.“
„Ich habe mich schon oft gefragt, wer diese Zeitschriften liest.“
„Ja, manche gucken nur noch die Bilder.“ Es klingt alles so verloren, dass ich froh bin, mich abwenden zu können. „Gucken nur noch die Bilder.“ Wie schrecklich.

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27 Kommentare zu “Nachrichten aus einem verlorenen Universum

  1. Mit Instagram & Co. leben wir schon in einem solchen Altersheim, so scheint es mir, auch wenn wir immer unsterblicher werden. Etwas für mich Tröstliches: Als mein Vater wegen fortgeschrittenen Diabetes nicht mehr gut lesen konnte, hat meine Mutter ihm die Zeitung vorgelesen. So haben sie auch Geschichtsbücher gelesen, die sie allein sonst nicht gelesen hätte. Das fanden beide schön.

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  2. Als ich meine Mutter 1 Jahr vor ihrem Tod zum ersten Mal nach über 20 Jahren wieder sah, saß sie an einem Tisch in einem Altersheim und schaute auf eine Illustrierte. Sie war sehr früh an Demenz erkrankt und konnte zu dem Zeitpunkt schon längst nicht mehr lesen. Aber Bilder anschauen, das ging noch.
    Ich brach in Tränen aus, als ich sie so sah.

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  3. Sorry, eigentlich finde ich die kleine Geschichte nicht schrecklich, sondern eher rührend , obwohl ich es schon supi finde, dass Sie etwas zur Sprache bringen, dass wohl ,,im Argen“ liegt und erschreckt, wenn man sich das so vorstellt! Ich bin zur Zeit oft im Altenheim… und habe während des Studiums nachts und an den Wochenenden dort gearbeitet. Zu der kleinen Geschichte muss ich sagen: In meinen Augen war das eine tapfere Frau, die sich gut fühlte, wenn sie anderen eine Freude machen konnte – und wahrscheinlich waren diese Zeitschriften auch ihr Blick in ,,die Welt“…
    Ich selbst freue mich immer, wenn ein Mensch ,,noch“ Bilder guckt! Denn dann hat er sein Leben noch nicht aufgegeben!

    Gehen Sie doch einmal ins Altenheim und kümmern sich ein wenig um die alten Menschen. Reden Sie mit Ihnen! Nehmen Sie Ihre Hand! Spüren Sie das Leben, wenn es langsam und friedlich weniger wird… Lassen Sie sich Geschichten erzählen.. Danach werden Sie wissen, was ich meine! Damit hätten Sie nicht nur den Alten Freude, sondern auch sich selbst ein Stückchen Erkenntnis gebracht!
    Denn es gibt auch Menschen dort, die nicht einmal mehr Bilder mehr schauen, geschweige denn, Interesse an irgendetwas haben! Sie sitzen den ganzen Tag im Rollstuhl, obwohl sie eigentlich, medizinisch gesehen, gehen könnten, starren vor sich hin, schieben mechanisch die Gabel in den Mund, wenn es Essen gibt und schauen einen, wenn man sie anredet, an wie eine,,Kuh, wenn es biltzt“ . Nur selten kommen sie aus ihrer Lethargie… und antworten! Andere halten am Leben fest und schieben sich mit aller Kraft mit ihren Rollstühlen oder mit ihren Rollatoren durch die Gänge, um zu sehen, was los ist… Und wenn sie richtig gut ´drauf sind, gehen sie los und kaufen für ihre ,,Kollegen“ Zeitschriften!

    In diesem Sinne eine wunderschöne Woche, Nessy

    http://www.salutarystyle.com

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    • Wer sich für seine hilfsbedürftigen alten Mitmenschen engagiert, hat meine Hochachtung, besonders wenn es freiwillig ist wie im geschilderten Fall.
      Aber: Die Zeitschriften der Regenbogenpresse sind ein total verlogener Dreck. Meine höfliche Reaktion auf deren Kauf soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es mich erschreckt, wenn wehrlosen alten Menschen solch ein Verblödungsmüll untergejubelt wird wie ich es auch schrecklich fände, wenn ihnen zu den Mahlzeiten Kantinenabfälle serviert würden. Vielleicht ist es ein gängiger Ansatz innerhalb der Palliativmedizin, alten Menschen etwas vorzugaukeln, ihnen mit den erfundenen Nachrichten über altbekannte Schauspieler, Klatschmarsch-Schlagersänger oder gekrönte Häupter den Geist zu vernebeln wie man ja auch Trughaltestellen in die Innenhöfe baut, um ihnen die Illusion zu geben, der Einrichtung entfliehen zu können.
      Mag sein, dass bei vielen Menschen im Alter die Geisteskräfte erlahmen. Man muss es aber nicht auch noch fördern, indem man sie geistig pampert.

      Ich werde keine Altenheime aufsuchen. Der französische Philosoph Michel Foucault nennt derartige Orte „Heterotopien“ „Orte außerhalb aller Orte“, Orte der kommunikativen Verwahrlosung. Ihre Schilderungen von Teilnahmslosigkeit ohne medizinischen Grund bestätigen das. Dass es auch anders geht, habe ich vor einigen Jahren in einer dörflichen Kultur erlebt. Ich war ausdrücklich hingegangen,um die Geschichten alter Leute aufzuschreiben. Da traf ich die älteste Frau des Dorfes beim Kochen
      https://trittenheim.wordpress.com/2015/11/18/kleine-geschichten-5-vier-toepfe-auf-dem-kohlenherd/

      und einen todkranken Einbeinigen, dessen Freude es war, dass er von seinem Fenster sieben Kirchtüme sehen konnte
      https://trittenheim.wordpress.com/2015/11/19/kleine-geschichten-6-kirchtuerme-sehen/

      In diesem Sinne beste Grüße, Trithemius

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      • Danke für Ihre ausführliche Antwort! Es ist schade, wenn Sie Altenheime als ,,Orte der kommunikativen Verwahrlosung“ betrachten …
        Sicherlich gibt es auch beim Personal unterschiedliche Menschen, aber generell sehe ich ich vielen Altenheimen, dass sich das Personal dort wirklich sehr für die verschiedenen Belange ihrer älteren Mitmenschen einsetzt! Viele der Menschen, die in ein gutes Altenheim kommen, leben nicht zuletzt deshalb dort auch wieder auf. Weil sie oft in viel stärkerem Ausmaß die Möglichkeit der Kommunikation haben und jeden Tag versucht wird, die mentalen Fähigkeiten zu fördern und auf die ,,Probleme des Alters“ schneller reagieren können! Man versucht in täglichen sozialen Angeboten, diese Menschen dort abzuholen, wo sie stehen… Sicher gibt es auch schlechte Beispiele, aber bei meinem Schubladendenken ( ,,Intellektueller…“) hätte ich gerade von Ihnen ebensolches nicht erwartet…

        Herzliche, beste Grüße, Nessy Wagner

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        • Liebe Frau Dr. Nessy,

          meine Entgegnung fiel heftiger aus, als ich wollte, weil Sie mir Altenheime als Idyll angepriesen haben, gleichzeitig aber Erschreckendes schilderten, nämlich „Sie sitzen den ganzen Tag im Rollstuhl, obwohl sie eigentlich, medizinisch gesehen, gehen könnten, starren vor sich hin, schieben mechanisch die Gabel in den Mund, wenn es Essen gibt und schauen einen, wenn man sie anredet, an wie eine,,Kuh, wenn es biltzt“ . Nur selten kommen sie aus ihrer Lethargie… und antworten!“
          Wenn das keine Beispiele der kommunikativen Verwahrlosung sind. Der Vergleich mit der Kuh scheint mir überdies ziemlich flapsig und der geschilderten Tragik nicht angemessen.

          Hier zeigt sich das gesellschaftliche Problem: In mündlichen Kulturen sind die Alten die Bewahrer von Tradition und Wissen. In Schriftkulturen werden sie nicht mehr gebraucht, weil es ja Bibliotheken gibt. So haben Alte ihre wichtigste Funktion eingebüßt und werden verächtlich. Trotzdem geht es auch heute noch anders. Ich habe Ihnen oben zwei Gegenbeispiele verlinkt von alten Menschen, die noch in ihrem gewohnten Umfeld lebten und geachtet waren, um das zu illustrieren.

          Generell gilt bei Altenheimen: „Das Medium ist die Botschaft“ Die Praxis unserer Gesellschaft, Alte in solchen Einrichtungen zu versammeln, aufzubewahren und institutionell zu entmündigen, ist doch kafkaesk. Ich glaube gern, dass in Altenheimen engagierte Menschen arbeiten, und dass es ihnen gelingt, vernachlässigten Alten im Altenheim neuen Lebensmut zu geben, ist erfreulich. Aber wie man lesen kann, scheitert gerade das oft am Personal- und somit Zeitmangel, letztlich an der miserablen Bezahlung des Personals und der Profitausrichtung solcher Einrichtungen.

          Und nebenbei: Meine „Kollegen“ lesen keine Regenbogenpresse. 😉

          Schöne Grüße,
          Trithemius

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  4. Deine Geschichte ist real. Meine Mutter (83 J.) macht gleiches. Und ihresgleiches freut sich, während meinesgleichen …
    Der Mensch ist ein visuelles Geschöpf, wenn er sehen kann und es gelernt hat. Sehen bedeutet in den ersten Lebensjahren das Lernen, was Bilder sind und wie sie in den eigenen sozialen Lebenszusammenhang gesetzt werden müssen. Nach dieser Lernphase des Sehens schauen wir nur noch additiv und vergleichend. Es bleibt uns, solange wir sehen können. Deutlich wird das, wenn ein Blinder operativ zum Sehenden wird. Der Ex-Blinde wird auf seinen Blindenhund nicht verzichten können, weil er die Bilder, die er sieht, erst lernen muss zu verstehen.
    „Gucken nur noch die Bilder.“ Wie schrecklich. Altern kann schrecklich sein.

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    • Bis ein Mensch nur noch Bilder guckt, muss der Verstand erlahmt sein. Falls keine Erkrankung wie Demenz oder Alzheimer den Geist vernebelt, kann ein Mensch noch im hohen Alter lesen und schreiben, wenn er das sein Leben lang getan hat und weiterhin geistig gefordert ist.
      „Altern kann schrecklich sein.“ Ja, Altern im Altenheim ist schrecklich.

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  5. Also gestern, im Wartezimmer vom Zahnarzt, habe ich auch zuerst nur die Bilder geguckt, bevor ich im „Stern“ den Artikel über Boris Becker zu lesen begann. Nach der Behandlung frage ich die Sprechstundenhilfe, ob ich zurück ins Wartezimmer dürfe, um fertig zu lesen. Ich durfte …

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