Kirschen im Regen – ein Marktbummel

Foto: JvdL

Die wahre Bitte, die Kirschen nicht zu berühren, wirft die Frage auf, ob es denn auch eine unwahre Bitte geben kann. „Bitte hier nicht weiter lesen!“, wäre zum Beispiel eine unwahre Bitte, denn indem der Text noch weiter geht, erweist sich die Bitte als ihr Gegenteil, und das, obwohl es inzwischen regnet und damit ein Grund gegeben wäre, den Bummel über den Wochenmarkt zu beenden und nach Hause zu gehen. Jedenfalls lassen wir uns nicht weiter aufhalten und kaufen keine Kirschen, sondern denken ungefähr von hier bist da hinten darüber nach, warum es „wahre Bitte“ heißt. Will sie ihre Bitte besonders eindringlich machen, weil sie hat erleben müssen, dass eine einfache Bitte nicht reicht, ihre Kirschen vor dem Betatschen zu schützen? „Bitte nicht berühren, aber echt jetzt!“ Unlogisch erscheint das nicht.

Gut, ich gebe zu, dass die Botschaft auf dem Schild etwas anderes bedeutet, nämlich „Ware bitte nicht berühren!“ Bei einer Aufforderung aus vier Wörtern vier Orthographiefehler zu machen, ist große Kunst, in diesem Fall die Kunst der Marktfrau. Sie hat guten Grund, voller Stolz hinter ihrer Marketing-Meisterleistung zu posieren. Denn würde ich jetzt nicht lieber Erdbeeren essen als Kirschen, dann hätte das Schild mich vielleicht zum Kauf gereizt, da es einiges signalisiert, ohne dass es ausdrücklich ausgesprochen wäre. Aus den Orthographiefehlern könnte man schließen, dass die Schreiberin nur eine unzulängliche Schulbildung hat, was man für typisch halten könnte für eine Markt-Anbieterin vom Land. Sie hat da nur eine Zwergschule besucht, und wenn zu Hause auf dem Hof viel Arbeit war, dann ließ man sie die Schule schwänzen, damit sie zum Beispiel bei der Kirschenernte helfen konnte. Was soll eine Landfrau auch mit Buchstabenwissen? In ihrem Leben geht es handfest und naturverbunden zu; man hat Wichtigeres zu tun als Orthographie zu lernen.

So etwa könnte man bei flüchtigem Betrachten des handschriftlichen Textes denken und dann unzulässiger Weise darauf schließen, dass die Verfasserin nicht nur eine ungebildete Landfrau ist, sondern auch die Kirschen eigenhändig vom Kirschbaum auf der Hauswiese gepflückt hat. Da ich über WordPress eine Bloggerin kenne, die als Marktfrau arbeitet und ein abgeschlossenes Studium hat, möchte ich vor derlei Vorurteilen sowieso warnen.

Bitte halte mal kurz den Schirm, mir ist der Schuh aufgegangen, und jetzt schleift ein Schnürsenkel durch die Pfützen. Also, diese Landfrau hier. In Wahrheit ist sie bauernschlau, und Bauernschläue schlägt das Buchstabenwissen um Längen. Nirgendwo an ihrem Stand behauptet sie, dass die Produkte aus eigenem Anbau stammen. Obst und Gemüse hat sie vielleicht vom Großmarkt, und was der Discounter billig vermarktet, das haut sie mit saftigem Preisaufschlag als Hauswiesen- und Hofgartenprodukte raus. Irgendwie macht mich die Rosstäuscherei beinahe schwermütig. Doch dann denke ich, die Bauern und Marktweiber haben eigentlich schon immer gern betuppt. Sie haben quasi eine Art Gewohnheitsrecht. Und die eine da, die spezielle, hat auch meine Hochachtung. Denn mit vier Wörtern eine Botschaft zu verfassen, die das eigentlich Gemeinte ausdrückt sowie die eben geschilderten Assoziationen und Konnotationen wachruft, – vor diesem schriftsprachlichen Augennagel zöge ich meinen Hut, wenn ich einen hätte und der Regen mir nicht ohnehin schon in den Nacken seifen würde.

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13 Kommentare zu “Kirschen im Regen – ein Marktbummel

  1. Ach, lieber Jules, ich kringelte mich grad durch Deinen Text. Was täte ich ohne Deine Lebensbetrachtungen, das Leben kann auch ein bunter Marktplatz sein und Markt beginnt mit M wie Merkantil…früher wurde begrapscht und gefeilscht was die prallen Kirschen hergeben konnten, der Markt war ein Abenteuer! Doch wir leben ja heute, im Zeitalter der unberührbaren Wahrheiten. Hast Du die obstprüde Landfrau nicht gefragt ob Sie Bitten auch lügen kann? Ich mein nur so. Weil sie ihre Aufrichtige Intention explizit betont? Explizit würde ich ersetzen. Fremdwörter sind fies und eitel. Können sie sein, also…
    Ach.
    Da war mit Dir nicht mehr gut Kirschen essen, denn vorm Essen muss man sie kaufen und weil es Markt ist und kein Unberührbarverschweißgut auch begreifen dürfen. Eine Probierkirsche in Ehren! Taugen die überhaupt was, die Kirschen? Hätte ich die Dame zweifelnd mit hochgezogenen Augenbrauen gefragt. Dann: die Kirschen da nebenan vom Stand sehen auch gut aus…
    In die Luft gesprochen. Total desinteressiert…wenn ich nur wüsste wie diese hier schmecken, aber ach…
    Stoßseufzer…
    Wie schade…
    Sind die süß und spritzig im Biss?
    Was ist das für eine Sorte?
    So würde ich die nerven…
    Bis sie mir ein Kirschchen schenken würde (nu probieren Sie doch mal eine…???)
    Und dann wäre die wahre Bitte eine wahre Lüge gewesen.
    Herzlich, die Teutofee✨

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    • Liebe Teutofee,
      im Regen hatte ich keine Lust auf ein Gespräch über Kirschen, fand auch die Bitte durchaus angemessen, denn pingelig wie ich bin, stören mich die Obst- und Gemüseexperten, die alles betatschen. Man weiß ja nicht, wo die vorher mit ihren Fingern waren 😦
      Lieben Gruß,
      Jules

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  2. Vielleicht hat sie ihr Abi in Deutsch mit Eins gemacht und hat lange, lange darüber nachgegrübelt, wie man es hinbekommt, dass die Leute ihr Schild auch wirklich lesen und darüber nachdenken. Der Ergebnis jedenfalls wahr… äh… war es wert, wollte ich sagen.
    Die kleine Frau B, bei der ich alle paar Wochen die Treppe putze, weil sie das nicht mehr schafft, hat neben ihrem Telefon einen Zettel liegen, in wunderschöner Schreibschrift beschrieben, so, wie sie vor beinahe 80 Jahren an Dorfschulen gelehrt wurde. „Ruth ihre Telefonnummer“ steht da drauf, und dann folgt auch tatsächlich „Ruth ihre Telefonnummer“.
    Ich liebe diesen Zettel.
    Ehrlich.

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  3. Moin, Jules

    Habe gerade bei Tikerscherk den schönen Satz gefunden: »Pisst du mir, piss ick dir.«
    Manche Dinge sollte man einfach mal als Gesamtkunstwerk stehen lassen und der Versuchung widerstehen, sie zu säkularisieren. Das ist so vernünftig!

    Es wäre mir allerdings eine Überlegung wert gewesen, die überteuerten Kirschen en bloc mit Schild zu kaufen. Das hätte man sich dann in die Küche hängen und sich jeden Tag darüber freuen können.

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    • Hallo Pantoufle,
      um es aufhängen zu können, hätte ich aber das Schild aus dem angestammten Kontext reißen müssen, da ist das Foto besser. Die Entzauberung hätte sich vermeiden lassen, indem ich nichts dazu schreibe. Wäre auch hübsch gewesen, ist aber jetzt zu spät. Es wäre ja dann in den Kommentaren passiert. Alternative: Gar nicht bloggen. Dann hättest du aber keine kluge Bemerkung machen können. 😉

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  4. Lieber Jules,
    ich fühle mich auch ungebildet, weil ich den 4. Orthographiefehler nicht gefunden habe. 😉
    Vermutlich ist es die Interpunktion, aber sicher bin ich nicht!
    Gruß Heinrich

    P.S. Was sind bitte Pfirsische? Eine neue Obstsorte? 😉

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    • Lieber Heinrich,
      Sie haben Recht, zu einem Aufforderungssatz gehört ein Ausrufezeichen.
      Zu Ihrem P.S.: Ich komme ja aus dem Rheinland, wo man ch und sch nicht gut unterscheiden kann. 😉 (Hätte ich mal besser gleich Erdbeeren geschrieben.) Jedenfalls danke für den Hinweis, hab’s korrigiert.

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  5. Endlich weiß ich, wie ich mich bei Fehlern rausrede: „Verständnis, bitte! Denn ich habe nicht nur Zwergschulenabitur und Hochschulabschluss, sondern komme verschärfterdings auch noch vom Lande, musste immer bei der Ernte helfen und hatte wenig Zeit zum Lernen.“ Und alle nicken voll des Verstehens und angereichert der Empathie.
    Bei einem Vorstellungsgespräch saß ich einmal einem recht hohem Firmentier gegenüber. Auf eine Frage, warum ich elf Jahre lang Maschinenbau studiert hätte, antwortete ich, dass ich mir für ein halbjähriges Praktikum in Brasilien finanzielle Rücklagen während des Studiums erarbeiten musste, kam ein lapidares „Arbeiten musste ich auch während des Studiums und bin trotz Auslandspraktikums in Japan in sechs Jahren fertig geworden“.
    Eigentlich hätte jetzt meine ererbte Bauernschläue (da Sohn eines Kleinbauerns) zuschlagen müssen. Geistig hatte ich aber in jenem Moment die Kündigung für das Interesse eines Jobs in jener Firma unterzeichnet gehabt und dann das gemacht, was man nie im Vorstellungsgespräch macht, systemische Kritik an Interviewfragen rauszuhauen …

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    • Hallo Franz,
      hab heute noch an dich gedacht, weil ich schon so lange nichts mehr von dir gehört hatte.
      Systemische Kritik an Interviewfragen im Vorstellungsgespräch liegt sicher für die meisten jenseits ihres Horizontes. Da ist der bodenständige Landmann mit seinen festen Grundsätzen sicher im Vorteil.

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      • Wenn ich ehrlich bin (und damit wohl auch gleich der Dumme), dann hatte ich die ersten beiden Worte vom Zettel „Wahre Bitte“ im Sinne von „wahrhaftiger Bitte“ verstanden, gestellt von jemandem, der schon am Verzweifeln ist, weil man ihn nicht ernst nimmt. Erst beim weiteren Lesen deines Posts kam mir die Erkenntnis, dass es sich um den fast schon üblichen Rechtschreibfehler handelt und nicht um einen verzweifelt bittenden Marketender.

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  6. Irrtum! lieber Jules.
    Bei dem von dir beschriebenen Marktweib handelt es sich um eine ausgefuchste Marketingspezialistin, die es – wenn auch nur vorübergehend – mittels kreativer Orthographie auf die erste Seite im „Teestübchen“ schaffte …

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