Hinter Westen liegt Osten (4) – 80000 Franken

Zwei wiederkehrende Alpträume plagen mich. Der jüngere Alptraum lässt mich als Deutschlehrer in einer Zeugniskonferenz der 10. Klasse sitzen. Gleich werde ich gefragt werden, wo die Deutschnoten sind. Ich weiß, dass ich im letzten Halbjahr keine einzige Klassenarbeit habe schreiben lassen und habe folglich keine Noten. Ängste und Schuldgefühle, Fassungslosigkeit ob meiner Versäumnisse, sinnlose Hoffnungen, das ganze werde sich noch richten lassen plagen mich auch im zweiten Alptraum. Bei mir zu Hause liegen die Manuskripte für die Disc-Jockey-Zeitschriften. Aber ich hatte keine Zeit gefunden, die Hefte zu layouten. Sie sollten längst gedruckt sein. Der neue Monat ist schon angebrochen. Die Anzeigenkunden werden nicht bezahlen, weil die Hefte nicht erscheinen. Alles wird zusammenbrechen, und es ist meine Schuld.

Obwohl der letztgenannte Alptraum in einer Zeit angesiedelt ist, die viel weiter in meiner Biographie zurückliegt als mein Lehrerdasein, ist er fast schlimmer. Es zeigt sich, unter welchem Druck ich damals gestanden habe, denn ganz nebenher studierte ich noch. Der Zusammenbruch kam tatsächlich, und zwar kurz nach einem bombastischen  Presseempfang wegen der neuen vierfarbigen Hefte in Brüssel. Ich war dazu nach Brüssel gefahren und erinnere mich noch gut, im Aachener Bahnhofkiosk als Reiselektüre die erste Ausgabe der Titanic gekauft zu haben. Meine Titelzeichnungen von drei Jahren Jahren hatte ich zuvor gerahmt und nach Brüssel verschickt, wo sie den Empfangsraum schmücken sollten.

Die erste Titanic war eine humoristische Offenbarung. Ich saß im Zug und bekam beim Lesen einen Lachanfall nach dem anderen. Es war mir peinlich, dass ich nicht wie die anderen Passagiere manierlich Zeitschrift lesen konnte. Immerhin hatte ich mich in Schale geschmissen, trug einen dunklen Anzug, hatte eine Krawatte umgebunden und vermittelte äußerlich die größtmögliche Seriosität. Aber je mehr ich mich maßregelte, um so häufiger musste ich losprusten. So fuhr ich prustlachend von Aachen nach Brüssel. Das Lachen sollte mir bald vergehen.

Indem die Hefte immer aufwändiger und umfangreicher wurden, stiegen natürlich auch die Kosten. Die UPDJ geriet mit den Honorarzahlungen an mich in Rückstand, zuletzt zwei Monate, also für vier Ausgaben. Das war eine finanzielle Katastrophe für mich und meine Familie. Denn ich hatte zuletzt aus Zeitmangel kaum noch andere Aufträge annehmen können. Le président schlug vor, mir das Honorar für die vergangenen zwei Monate in Raten zu bezahlen.

Inzwischen wurden die Zeitschriften in einer Eupener Druckerei gedruckt. Doch zwei damit befasste Mitarbeiter kündigten, machten sich selbstständig und nahmen den Auftrag mit, was gewiss ungesetzlich war. In diese Wirren fiel es, dass mir ein Monatshonorar versprochen war, das mir in der Druckerei ausgehändigt werden sollte, wenn ich die Papiermontagen des Layouts vorbeibringen würde. Ich fuhr in banger Hoffnung mit dem Bus nach Eupen, doch mein Honorar war nicht da. Also nahm ich die fertigen Seiten wieder mit nach Hause und rückte sie erst heraus, als ich mein Geld bekam. Damit endete meine Arbeit für die belgische Discjockey-Organisation. Man blieb mir das Honorar für zwei Monate schuldig. Auch meine gerahmten Zeichnungen der Titelseiten bekam ich nicht zurück.

Wochen später traf ich in Aachen den Eupener Druckereibesitzer Schwarz, dessen Mitarbeiter sich selbstständig gemacht und den Auftrag quasi gestohlen hatten. Schwarz kam gerade aus der Kreissparkasse, ich wollte hineingehen, erkannte ihn im letzten Moment am jägergrünen Janker und ebensolchem Hut. Wir blieben auf der Außentreppe der Kreissparkasse stehen und redeten über den geschilderten Fall. Er schimpfte auf die beiden Exmitarbeiter und sagte, dass er sie verklagt hätte. Dabei regte er sich immer mehr auf, geriet sogar in einen cholerischen Anfall und begann zu schreien, dass die Passanten stehen blieben und uns angstvoll musterten. Seine Stimme überschlug sich und zuletzt heulte er in seinem ulkigen Eupener Deutsch: „Ich hab der Richter in Brüssel 80.000 Franken gegeben, dass der die Halunken fertig macht!“ [80.000 Belgische Franc (BEF) etwa 2000 Euro]

Das war meine letzte Begegnung mit den Eupener Druckern und meine erste Erfahrung mit der Korruption im belgischen Rechtssystem. Ich wunderte mich vor allem, wie billig ein Brüsseler Richter zu haben war, und dass einer, der offensichtlich im Recht war, wie selbstverständlich für die Durchsetzung seines Rechtes zu zahlen bereit war. War es am Ende allgemeine Übereinkunft bei den Belgen, dass Richter immer geschmiert werden müssen?

Wie ich erfuhr, erschienen die Zeitschriften noch zwei Monate in DIN-A4, dann wieder in A5, was im Editorial gepriesen wurde als das „noveau pocket magazine.“ Es wurde kurz darauf ganz eingestellt. Ich verlor den Kontakt zu allen Beteiligten, kam einige Jahre später dann von ganz anderer Seite wieder nach Eupen und Dolhain und zwar mit dem Fünf-Uhr-Zug der Aachener Zugvögel.

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8 Kommentare zu “Hinter Westen liegt Osten (4) – 80000 Franken

  1. Pingback: Hinter Westen liegt Osten (3) – ambulantes Tanzen

  2. Es sitzen in den Zügen viel zu selten Leute, die herzhaft lachen. Wenn doch, müssen fast alle die es hören mitlachen auch wenn sie nicht wissen worum es geht. Ich hätte dich gerne lachen gehört, lieber Jules. Die Erfahrung nicht gezahlten Lohnes allerdings, die möchte ich nicht machen. Zumal bei dir eine Familie zu versorgen war.
    Der Richter erscheint mir ein Schnäppchen gewesen zu sein und ich möchte gar nicht wissen, was heute noch alles bezahlt werden kann 😉

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    • Lachen in Zügen müsste verboten sein. Dann käme es vielleicht öfter vor, lliebe Mitzi.Mein Fehler damals war, mich zu sehr auf die Arbeit für die UPDJ gestützt zu haben. Glücklicherweise wurde ich bald Lehrer und das Einkommen war gesichert.
      Wie korrupt und marode das belgische Polizei- und Justizsystem war, wurde mit dem Fall Dutroux offenbar. Die dubiosen Vorgänge sind bis heute nicht aufgeklärt.

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      • Vielleicht, lieber Jules. Ich fände es schön, öfter ein Lachen und weniger getippe zu hören. Spätestens mit Familie im Hintergrund ist ein geregeltes Einkommen dann doch wichtig. Für mich auch ohne. Ich wäre zu nervös, müsste ich mit der Unsicherheit leben. Erst heute morgen las ich, dass Dutroux entlassen werden möchte. Das hat nichts mit deinem Kommentar zu tun, aber der Name war mir länger nicht im Gedächtnis und heute schon zwei Mal. Zu viel für diesen Menschen.

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  3. Es wird mir immer unverständlich bleiben, wie jemand so unanständig sein kein und für geleistete Arbeit den vereinbaren Lohn schuldig bleibt. Mir ist sowas auch schon passiert, ich habe geklagt, und am Tag der Verhandlung meldete die Firma Konkurs an – und tauchte einige Wochen später unter leicht verändertem Namen wieder auf. Ich durfte zusätzlich meine Anwaltskosten zahlen – die ich erneut hätte einklagen können, zusäzlich zum vorenthaltenen Lohn, aber das wäre eine Spirale gewesen, an deren Ende ich vermutlich noch mehr verloren hätte.

    Ich hüte das erste Titanic-Heft seit Jahren in der Hoffnung, daß es mich reich und lohnarbeitsunabhängig macht – bisher leider vergeblich. Vielleicht muß ich noch 50 Jahre warten.

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    • Mit dem Aufschreiben wurde mir rückblickend einiges klarer. Die beiden „Halunken“ hatten es darauf abgesehen, mich ebenfalls hinauszudrängen, um den Auftrag einem befreundeten Grafiker zuzuschanzen. Daher war auch mein Honorar zum versprochenen Zeitpunkt nicht da, was im für mich schwer errreichbaren Dolhain sich der eine bereiterklärt hatte, bei der UPDJ abzuholen. Der Eklat war von ihm wenn nicht verursacht, doch billigend in Kauf genommen worden, Unsere Beispiele zeigen, das Anstand im Geschäftsleben unangebracht ist. Demgemäß Ambrose Bierce, des Teufels Wörterbuch: „Ehrlich, adj. – Im Geschäftsleben schwerbehindert.“

      Leider habe ich die erste Nummer der Titanic nicht mehr. Immmerhin habe ich einige der Gründer, F.K.Waechter, Clodwig Poth, Robert Gernhardt und Pit Knorr in den 1990-er Jahren noch kennengelernt.

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  4. Dass Richter in Brüssel offensichtlich geschmiert werden, wäre in Deutschland undenkbar.
    Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe zum Beispiel setzt von vornherein alle Direktiven der jeweiligen Regierung punktgenau um. Die Herrschaften dort sind so gut dressiert, dass sie alle Anliegen der Politik ohne nachzufragen oder Schmiergelder zu kassieren, freiwillig und unverzüglich umsetzen …

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    • Die Gewaltenteilung gilt ja als Grundpfeiler einer Demokratie. Wäre tragisch, wenn sie nicht mehr existieren würde. Ich weiß nicht ob in Zivilverfahren vor deutschen Gerichten Schmiergelder gezahlt werden. Dass es aber in EU-Ländern passiert, kann man vermuten.

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