Lernt mir Englisch

Manchmal bin ich froh, eher gemächlich zu reagieren wie Montag mittag an der Supermarktkasse. Ein großer schwarzer Mann vor mir rechnete auf Englisch mit der Kassiererin ab. Sie nannte ihm sichtlich stolz den Kassenbetrag und Wechselgeld auf Englisch und lachte und freute sich noch, als der Kunde gegangen war, und sagte: „Der hat gesagt, er kommt jetzt jeden Tag wieder und lernt mir Englisch. Aber ich bin ja nicht jeden Tag hier.“ Spontan wollte ich sagen, „Deutsch zu lernen, wäre auch nicht falsch“, meinte aber ihn, der besser die Landessprache lernen sollte, als andere Englisch zu lehren. Dann jedoch war ich froh, es mir verkniffen zu haben, denn „Deutsch zu lernen, wäre auch nicht falsch“, passte auch auf ihre Bemerkung: „Lernt mir Englisch.“ Stattdessen bezog ich mich auf ihren letzten Satz, sie sei nicht jeden Tag da, und sagte: „Aber Samstagabend waren Sie hier und jetzt schon wieder. Das war wohl ein kurzes Wochenende.“ Da freute sie sich, dass ich das bemerkt hatte, und sagte: „Das haben wir immer so. Was tut man nicht alles …“

In der Tür besann sich der Mann, kehrte um an die Kasse und sagte in perfektem Deutsch: „Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!“
Da pries ich meine langsame Reaktion, die verhindert hatte, mich zweimal ins Unrecht zu setzten.

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19 Kommentare zu “Lernt mir Englisch

  1. Welch ein Zufall: als ich gestern mit meiner Frau den ALDI-Laden betrat, stand mitten im Eingang ein etwas ungepflegt wirkender Mann (ACHTUNG * Vorurteilsmodus eingeschaltet*) mit „Kappe-verkehrt-auffem-Kopp“ und sprach schroff und „überlaut“ in einer mir unbekannten, wohl osteuropäischen Sprache in sein Telefon.
    Und ich verkniff mir die mir spontan in den (Un)Sinn kommende Bemerkung: „Nee, ich versteh´hier gar nix.“
    *Vorurteilsmodus weiterhin eingeschaltet und Vorurteil bestätigt*
    Später stand er an der Kasse vor uns – und er sprach angenehm freundlich und gebildet wirkend in allerbestem Hochdeutsch mit der Kassiererin.
    (*Vorurteilsmodus irritiert, ERROR und abgeschaltet*)
    (*Scham-Modus eingeschaltet*)
    Irgendwie kam ich mir nun doof vor und fand mich nicht in Ordnung.
    Wat lernt uns dat?

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    • Danke für deinen passenden Kurzbericht, lieber Lo. Wir müssen uns der Vorurteile nicht schämen.Sie sind ein effektives Programm, das hilft, die Gefährlichkeit einer Situation bzw. fremder Mitmenschen rasch einzuschätzen. Hier geht Geschwindigkeit vor Genauigkeit. Mit einem Vorurteil kann man völlig falsch liegen, es kann aber auch Leben retten. Zum Vorurteil gehört das sorgsam abgewogene Urteil, die Neubewertung, wenn Zeit für Genauigkeit ist. Vorurteile sind nur sozial schädlich, wenn der 2. Schritt wegbleibt.
      Wat uns dat lernt? Demut und Zurückhaltung.

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  2. Versuch mal als Erwachsener eine neue Sprache zu lernen, ich denke, dann wird man demütiger. Es ist ein natürlicher Instinkt, sich immer wieder in seine Muttersprache zu retten. Alle, die nach Deutschland kommen und schnell flüssiges Deutsch lernen, haben meinen vollen Respekt.

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    • „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Zum Glück muss ich das nicht, ich glaube aber, wenn die Notwendigkeit besteht, ist es möglich, dass Hans auch noch was lernt. 😉 Schon der Versuch verdient Respekt. Was den Schwarzafrikaner betrifft, wissen wir nicht, wo er herkommt und welche Fremdsprache er gelernt hat.

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      • Ich habe es mehrfach machen müssen, es ist verdammt schwierig. Viele Afrikaner sprechen französisch als Zweitsprache.
        Aber wenn man in einem Land leben möchte, bleibt einem nichts anderes übrig!

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          • englisch, französisch, spanisch…wobei ich nur auf englisch das Niveau erreicht habe, anspruchsvolle Bücher zu lesen. Ich verstehe eigentlich alles, mache aber immer noch jede Menge Fehler. Eine Sprache wirklich zu lernen, ist enorm schwierig. Mein Spanisch ist am schlechtesten.

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            • Ich hatte fragen wollen, was für dich am schwersten war, das hast du ja quasi schon beantwortet. Aber Englisch und Französisch wirst du schon in der Schule gelernt haben,oder?
              Dass du Russisch übersetzt hast, weiß ich aus früheren Kommentaren. Ich beneide dich, denn ich bin in allem Autodidakt, da ich so gut wie keine Schulbildung habe.

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              • aber was man in der Schule lernt, ist lächerlich. Meine Lehrer meinten, ich würde beide Sprachen nie lernen! Man lernt keine Sprache in der Schule.
                Es macht keinen Unterschied. Du weisst in vielen Dngen sehr viel mehr. Schulbildung gibt manchen Menschen nur das nötige Selbstbewusstsein, sich Situationen zu stellen.;-)

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          • auf russisch habe ich früher sogar philosophische Texte auf deutsch übersetzt, trotzdem beherrsche ich die Sprache nicht wirklich. Nur als Beispiel, dass es sich leicht sagen lässt, lern die Sprache, mach keine Fehler! Jede Fremdsprache wird in einer anderen Hirnregion gespeichert als die Muttersprache, ausser man lernt sie als Kleinkind.

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            • Das mit den Hirnregionen ist aber doch eigentlich egal. Bei Hirnschäden übernehmen andere Teile des Gehirns die Aufgaben der geschädigten Regionen. Die Neurologen sprechen von der „Plastizität“ des Gehirns. Ich glaube, dass viel mit der Merkfähigkeit zusammen hängt. Bei Kindern ist das eidetische Gedächtnis noch vorhanden. Deshalb gewinnen sie auch immmer im Memorie.

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              • Das kann durchaus sein, aber warum speichern Kinder Fremdsprachen, wenn sie klein sind, alle dort ab, wo auch ihre Muttersprache gespeichert ist? Und erreichen auch oft Muttersprachniveau? Meine 18 Monate alte Enkelin versteht englisch und deutsch gleich stark, spricht aber fast nur deutsch, weil sie in Deutschland lebt.

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  3. Eine schöne Alltagserzählung, lieber Jules. Im ersten Moment dachte ich auch, dir lag es auf der Zunge, das Deutsch der Kassiererin zu korrigieren. So etwas rutscht einem heraus, ohne dass es böse gemeint ist. Gerade dieses Beispiel, das man bei Kindern so oft korrigiert.

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