Ich bins – nicht

Einmal saß ich in der Aachener Pontstraße vor dem Café Egmond und trank einen Milchkaffee. Ich hatte die Süddeutsche (SZ) lesen wollen, die im Café ausliegt. Die las einer am Nebentisch. Als ich hoch schaute, sah ich gegenüber im Fenster des T-Mobile-Ladens ein Spiegelbild, dachte mehrmals: „Oh, das bin ich!“ und erschrak, dass mein Spiegelbild den Arm nicht hob, wenn ich die Tasse zum Mund führte. Weil ich wusste, dass nicht ich, sondern er in die SZ guckte, sank ich erleichtert in den Korbsessel zurück, und dankte Gott, dass mein Spiegelbild mir nicht die Gefolgschaft verweigerte wie ein junger Hund.

Es ist wahrnehmungspsychologisch keine neue Erkenntnis, dass der Mensch Wahrnehmungen in Mustern abspeichert. Aber wie schwer sich Informationen wieder aus diesen Kontexten herauslösen lassen, habe ich jüngst beim Einkauf erlebt. (Wir sind übrigens wieder in Hannover.) Vor mir am Kassenband packte eine junge Frau einen großen Einkauf aufs Band, wobei ich sie beobachtete, denn ich wartete auf Platz, meinen schweren Einkaufskorb abzustellen und auszupacken. Als sie bezahlte, kam sie mir bekannt vor. Aber erst als sie mich nach dem Einpacken ihrer Sachen ansah und grüßte, war ich sicher, Janine, die Pächterin aus dem Vogelfrei, vor mir zu haben. Sie sah ganz anders aus als im Kontext mit der Stammkneipe der HaCK-Gruppe, viel schlanker, fast zerbrechlich.

Jetzt denke ich mir, dass es umgekehrt auch so sein muss, dass die Leute mich auch im Rahmen von Kontexten wahrnehmen, und jedes Mal sehe ich anders aus, nämlich so, wie diese Leute mich kennen, ich selbst mich aber gar nicht kennen kann. Da sag ich mal prophylaktisch: Egal, was ihr für Phantombilder zu kennen glaubt, das bin ich nicht! Ist schon schwer genug, die eigene Identität zu wahren. Siehe oben …