Demütigung mit hohen Absätzen

Es war noch kühl an diesem sonnigen Morgen, aber es würde heiß werden. Der landschaftlich schöne Weg, den er allmorgendlich zur Arbeit radelte, war ihm leider alltäglich geworden. Doch wenn er an die morgendlichen Staus auf den Zufahrtsstraßen in die Stadt dachte, erinnerte er sich, wie privilegiert er war, in Gegenrichtung fahren zu können. Sobald er den Stadtrand erreicht hatte, schoss er hinunter zu einem Radweg, der auf der alten Vennbahntrasse angelegt war und fernab von Autoverkehr die Abfahrten und Anstiege der hügeligen Landschaft des Münsterländchens gleichmäßig durchzog. Schon bald rollte er über einen Viadukt, dessen mächtigen Pfeilerbögen aus den Bruchsteinen der Nordeifel gemauert waren. Unten schlängelte sich ein Bachlauf durch die Wiesen. Unvorstellbar, dass dieses Rinnsal so ein tiefes Tal geformt hat. Stünde man dort unten und würde hinaufblicken, könnte man auf die Idee kommen, den Radfahrer um seinen Weg zu beneiden, dass es doch herrlich sein müsste, hoch oben über den Viadukt zu rollen.

Viadukt Vennbahntrasse Foto: JvdL (größer klicken)

Die Wahrheit ist, dachte er, man merkt kaum was von der Herrlichkeit, flucht höchstens, wenn man über die abgesackten Querfugen in der Betonfahrbahn der Brücke ruckelt. Du bist irgendwo ganz oben, aber so richtig wertschätzen könntest du es nur, wenn du unten stündest. Ob es eine menschliche Eigenart ist oder liegt es an mir, dass ich nicht zu würdigen weiß, was ich habe, fragt er sich zweifelnd. Es schadet jedenfalls nicht, die Perspektive zu wechseln. Aber da unten wartet niemand und schaut zu mir hoch. Da stehen nur rotbunte Kühe. Sie haben sich am Bächlein versammelt und mit ihren Hufen die flachen Bachufer schlammig ausgefranst. Der Bach lag noch im Schatten überhängender Büsche. Da möchte ich jetzt aber auch nicht im Schlamm stehen, dachte er.

In diesem Augenblick rauschte eine Mutter mit leerem Kindersitz auf dem Gepäckständer an ihm vorbei, und als sie auf seiner Höhe war, lächelte sie überlegen. Sie trug auch noch hohe Pömps. Da wunderte er sich, denn er war zügig gefahren. An einer Wegkreuzung verfuhr sie sich, zog eine überflüssige Schleife, so dass er sie wieder überholen konnte. Um die Schmach nicht noch einmal zu erleben, fuhr er schneller und hängte sie ab. Jedenfalls wähnte er sich bald allein auf der sonnigen Bahntrasse. Weil er nicht verschwitzt im Institut ankommen wollte, fiel er wieder in seinen alten Trott, zumal er noch ein wenig die Landschaft ringsum genießen wollte.

Diesen Teil der Bahntrasse fuhr er besonders gern. Er war ein bisschen wellig und führte leicht bergauf. Doch zunächst tauchte man oberhalb von Kornelimünster in einen schnurgeraden Abschnitt, der links und rechts von halbhohen Bruchsteinmauern begrenzt war. Darüber wölbte sich ein dichtes Blätterdach. Hier war es stets ein wenig feucht und deutlich kühler als unter dem wolkenlosen Himmel. Weit hinten lockte hell der Ausgang aus dem grünen Dämmer des Kanals. Es ging hinaus auf einen zweiten Viadukt, der in beachtlichen Bögen das Tal des kleinen Flusses Inde überspannte.

Nachtschwärmergleis der Frühlingfahrten – Foto: JvdL (größer: klicken)

Links öffnete sich der Blick auf ein zweites Tal. Da erstreckten sich die Wiesen steil hinab, und für die Pferde dort wäre es bequemer, wenn sie zur Bergseite hin kürzere Beine hätten. Auf der anderen Talseite ragten aus dem Gebüsch die rötlichen Klippen eines Steinbruchs auf. Auch dieses Tal war von einem Viadukt überspannt, denn von Stolberg im Osten schwang eine weitere Bahnlinie heran, ebenfalls stillgelegt, doch sie hatte noch den Gleiskörper. Hinter einer Biegung tauchte man erneut unter ein Blätterdach, und dann kam von links aus einer Schneise im Gebüsch das alte Gleis heran und begleitete den Radweg. Und just als er am Gleiskörper entlang fuhr, die Schwellen und den Schotter kaum noch sah und noch dachte, „bald ist alles vom Gras überwuchert, dann könnte auch die Nachtschwärmer-Draisine nicht mehr rollen“, in diesem Moment strampelte die Frau mit dem Kindersitz hinten drauf an ihm vorbei, lachte ihn an und rief: „Da bin ich wieder!“
Da erschrak er und sagte aus tiefem Herzen: „Heute sind die Frauen stark.“
„Der Wind ist stark!“ rief sie zurück. Und als sie schon ein ganzes Stück enteilt war, verstand sie erst und rief: „Ach so, die Frauen sind stark!“

Über einer kleinen Straßenbrücke kreuzte der Radweg das Gleis und führte eine steil gewundene Abfahrt zur Straße hinunter. Da musste er abbiegen. Als er unter dem Brückengewölbe hinab in den Ort sauste, wurmte ihn vor allem, dass die Frau kein bisschen verschwitzt ausgesehen hatte. Wo er schwitzte, transpirierte sie kaum, und das hatte der Fahrtwind verblasen.

Was es mit dem Nachtschwärmergleis auf sich hat – morgen mehr.

Advertisements

10 Kommentare zu “Demütigung mit hohen Absätzen

  1. Kein Wunder, dass Du so geschwitzt hast. Schließlich saß ich die ganze Zeit bei Dir auf dem Gepäckträger – so kommt es mir jedenfalls gerade vor. Danke für diese wunderbare Fahrt.

    (Manchmal radele ich – aus praktischen* Gründen – mit Pömps, auch wenn das etwas lächerlich aussieht. Da ich mit den Ballen den Druck auf die Pedalen ausübe, macht das vom Antrieb her gar keinen Unterschied.)

    *doch doch!

    Gefällt 1 Person

    • Ah, daran hats gelegen, Mrs. Flummi! Aber ging doch eigentlich ganz leicht. Schön, dass du dich hast mitnehmen lassen. Und dass Pömps beim Radfahren nicht hinderlich sind, weiß ich jetzt auch. Vielen Dank. Ich werde es aus verständlichen Gründen nicht im Selbstversuch überprüfen, sondern glaube es noch dem „dochdoch!“ vorbehaltlos 😉

      Gefällt 1 Person

  2. Klingt nach einer famosen Radstrecke zur Arbeit! Hier in der großen Stadt gibt’s zwar auch viel Grün, sogar kleinere „Berge“, Kühe gar (!) – aber Viadukte, tiefe Täler – da muss ich passen. „Demütigungen“ der Art wie Du sie schilderst kenne ich freilich auch. Und dann frage ich mich immer, ob der Konkurrenzmodus uns Menschheit unterm Strich voran bringt oder doch eher unglücklich macht…

    Gefällt 1 Person

    • Ja, das Münsterländchen, benannt nach dem historischen Ort Kornelimünster, ist landschaftlich reizvoll, nahezu lieblich.
      Kühe, ich erinnere mich, dass du welche gezeichnet hast, aber Kühe in Berlin? Eine Berlinerin, die mich mal in Aachen besucht hat, freute sich ungemein, als wir am Stadtrand Kühe auf der Weide sahen, und sagte, sie hätte zuletzt als Kind Kühe gesehen, als sie bei der Oma nahe Cottbus zu Besuch war. Ich glaube, der „Konkurrenzmodus“ wirkt sich je nach Sachverhalt und Person unterschiedlich aus. Als Aufsteiger hatte ich das Gefühl, überall besser sein zu müssen als die Konkurrenten.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s