Möbiusband

Ich bin entsetzlich müde. Gewiss liegt es am Wetter. Die Müdigkeit fliegt mich in den Windböen an, die von Westen kommen und die Bäume vor meinen Fenstern heftig zausen. Durch die Isolierverglasung dringt ein Tosen, das an- und abschwillt. Darin tönt es wie langsames Geläut, als wären da glockenförmige Wesen und würden sich dröhnend unterhalten. Sie reden ja so langsam, denn sie sind viel langsamer in der Zeit als wir Menschen. Ich weiß es von meiner Zimmerpalme. Wenn ich sie morgens begrüße, spreche ich so tief wie möglich und schön langsam. Aber sie hört ein schnelles, hohes Zwitschern. Ich vermutete, die Glockenwesen halten die riesige Föhre am Rand meines Sichtfeldes besetzt. Sie kamen gestern Abend mit dem Sturmgebraus, segelten mitten im schlimmsten Getöse heran und und sitzen jetzt in der Föhre, wo sie über mich reden in Tönen tiefer als der tiefste Bass. Dabei erzeugen sie Infraschall, der bei Menschen Halluzinationen und Wahnvorstellungen hervorrufen kann. Manche glauben dann allerlei, beispielsweise, im Sturmwind wären Glockenwesen unterwegs, die sich über einen törichten Menschen unterhalten.

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14 Kommentare zu “Möbiusband

  1. Das bimmelt beunruhigend nach einem unbehandelten, durch Infraschall (Donnergetöse von Westen) ausgelösten tieffrequenten Tinnitus-Akutanfall.
    Meine Großmutter hörte immer Kuckucksuhren, das ist auch nicht grad angenehm. Ich hier im Teuto hatte mal wieder Glück, das gewittrige Wolkengeballe hatte uns zwar eingekreist, doch löste sich später einfach in Luft auf. Heut Morgen hingen noch ein paar zerzauste Nebelgespenster im ‚Berch‘. Ich kann sie mal nach Glockenwesen fragen. Oder meinst Du Glockenblumen? Die sind nicht so laut wenn sie läuten.
    Liebe Sommergrüße von der Fee✨

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    • Ist alles gut, liebe Fee. Ich habe nur ein bisschen gesponnen. Als ich meine Texte noch bekifft geschrieben habe, hörte ich tatsächlich beim Schreiben eine Musik in der Tastatur. Und darf ich deine geschätzt Aufmerksamkeit mal hierauf https://trittenheim.wordpress.com/2015/09/03/schimpf-auf-die-tagesschau-und-zwei-alte-maenner-quatschen-rein/ lenken? Als ich zwei Männer im Lüftergeräusch meines Rechners streiten gehört habe.
      Anders als bei deiner Großmutter ist aber alles der dichterischen Freiheit geschuldet.

      Ihr seid also vom Unwetter verschont geblieben. Hier hat es gebraust wie ich im ganzen Leben noch nicht erlebt habe. Dabei schläft das Wetter sonst immer über Hannover ein.
      Beste Grüße,
      Jules

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      • Lieber Jules,
        In der neuzeitlich inspirierten Wetter-App mit Wolkenverhalten in Echtzeit, konnte ich diese riesige Gewitterkampfansagefront über Deutschland hinwegwalzen sehen. Zoomte ich ungefähr in die Mitte dieses Schlamassels, befand sich dort ein kleines nach leicht nach VanillePudding Riechendes Loch, genau genommen ein Regen-Loch, also ein Loch im Regen rundherum und das war Bielefeld…
        Hannover hingegen: rabenschwarzes Gedräue und Hamm sah noch übler aus, dafür gibt’s gar keine Farbe mehr…
        Danke für den Linkhinweis. Wenn man ohne zu kiffen herumspinnen kann, ist das was sehr Feines, denn es schirmt von dem übrigen Herumgezirpe hervorragend ab und ist somit ein Selbstschutzkokon. Nun lese ich die streitenden Männer. Ich hab auch zwei streitende Männer-
        unter mir wohnen. Polen, glaube ich. An einem der beiden ist ein Fischmarktverkäufer verlorengegangen und der andere quiekt, wenn er sich aufregt. Und alles auf polnisch.
        Unbekifft, denn sonst wären die beiden relaxter.
        Ich wünsche Dir noch einen phantasievolles Wochenende mit viel zu Verdichtendem, doch vor allem mit Freiheit und Gesundheit!
        Liebe Grüße von der Fee✨

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  2. Da muss ich dabei an die Gemälde von Max Ernst denken, an diese glockenartige Wesen, die über der Wüste türmen. Übrigens, den Titel dieses Beitrages habe ich erst „mißgelesen“. „Möbiusbad“ sah ich da stehen und schon musste ich an Escher’sche Thermen denken. So eine Einrichtung gab es zwar noch nie, man müsste es jedenfalls erfinden.

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  3. Manche glauben dann allerlei, beispielsweise, im Sturmwind wären Glockenwesen unterwegs, die sich über einen törichten Menschen unterhalten.

    Ich glaube das nicht.
    Weil ich noch keine Glockenwesen getroffen habe.
    Aber dass die Natur sich häufiger über die törichten Menschen aufregt und dann kräftig „ausatmet“ (was wir als Sturm erleben), glaube ich schon. Ich gehöre ja auch zu denen, die felsenfest davon überzeugt sind, dass die Natur sich ihren Planeten eines Tage wieder „zurückholt“ – der Mensch war dann eine kurze Episode auf der Erde.
    Eine Erfahrung auf die weisere Planeten gleich verzichtet haben. 😉

    Gruß Heinrich

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    • Ihre Idee ließ mich nach einer Tagebuchnotiz suchen (und 1991 finden) über eine ähnliche Idee bei Goethe.
      Er nahm an, Hoch und Tiefs wären tellurisch, kämen also aus der Erde, die er sich wie ein Organismus dachte, der einatmet (Tief= wasserbejahend) und ausatmet (Hoch= wasserverneinend) Vergleichbar ist die bei Esoterikern beliebte Gaia-Hypothese von der Erde als Organismus aus den 1960er-Jahren. https://de.wikipedia.org/wiki/Gaia-Hypothese

      Ihre Überzeugung scheint mir doch eher von der Kritik an menschlichen Schwächen gespeist zu sein, lieber Heinrich.

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      • Ja und nein, die Dinosaurier hatten auch keine Schwächen und sind ausgestorben. Gegen Meteroiten, Eiszeiten oder manche Pandemien kann auch der Mensch nichts machen. Spätestens wenn die Sonne ein paar % weniger Wärme abgibt, ist es vorbei. Selbst ein paar Millionen Jahre sind im Universum nur ein „Augenblick“.
        Aber wenn es der Evolution gelungen ist, aus Einzellern nach und nach Lebewesen zu basteln, bis ein Mensch dabei herausgekommen ist, wird es sicher irgendwann intelligentere Wesen geben, die alles in den Griff kriegen. 😉

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