Am Bahndamm – oder von einem, der Joseph Beuys ins Gesicht geschlagen hat

Am vorletzten Haus vor dem Bahndamm riecht es nach Bratwurst. Vier sitzen vor dem Haus und grillen. Hinterm Haus wird kein Platz sein, zumindest kein schöner Ort. Im spitzen Winkel kommt der Bahndamm heran, und oben donnern die Güterzüge vorbei. Aber auch vor dem Haus würde ich nicht grillen wollen, der düsteren Atmosphäre wegen. Die Leute scheinen dagegen anzugrillen, um dem Ort etwas Normalität abzutrotzen. Ich kannte mal eine Frau mit einem feinen Sensorium für solche Stimmungen. Sogar an harmlos wirkenden Orten witterte sie: „Schlechte Vibration!“

Am letzten Haus vor dem Bahndamm wittere selbst ich die schlechte Vibration. Es ist keine Kunst, denn es handelt sich um einen zugewachsenen Bungalow aus der 1950-er Jahren. Sein Zuweg ist völlig überwuchert. Der Bau auch. Man erkennt gerade noch zwei Fenster mit heruntergelassenen Rollladen. Die Natur hatte sich alle Mühe gegeben, die abgründige Hässlichkeit des Hauses zu verbergen. Das Grün ist von der niederen Art, wie es an öden Orten wächst. Es kommt den Bahndamm herunter und will sich das Haus einverleiben, weil es herrenlos ist. Da scheint kein Besitzer mehr Ansprüche zu erheben. Möglicherweise ist es aber umgekehrt. Die Leute sind aus dem Haus geflohen, weil der Bahndamm begann, daran zu fressen. An der Straße vor diesem Haus ist eine Bauampel aufgestellt. Sie springt auf Rot. Wir müssen warten, wo niemand gerne warten wollte. Zeit, etwas zu erzählen.

So nah am Bahndamm kannte ich in Aachen eine Nissenhütte. Sie war aufgegeben wie dieser Bungalow. Durch meine Arbeit in einer Druckerei hatte ich einen Professor der Hochschule kennengelernt, den Dr. Dr. ing. Reibach. Er brachte mich überhaupt erst auf die Idee zu studieren und förderte mich, wo er konnte. Ich hatte damals schon zwei Kinder und musste das Studium durch allerlei Arbeiten finanzieren. Reibach kam eines Tages zu mir und sagte: „Ich habe eine Idee für dich. Eröffne eine Dissertationsdruckerei.“ Er ging mit mir über einen Parkplatz. An seinem Ende schlug er sich vor mir in die Büsche. Auf einer Lichtung fanden wir eine verfallene Nissenhütte. Nein, das hat nichts mit Nissen zu tun. Benannt sind diese Behelfswohnungen nicht nach den Läuseeiern, sondern nach dem Erfinder, dem englischen Offizier Peter Nissen. Nissenhütten sind halbhoch gemauert und haben ein gewölbtes Dach aus Wellblech. Nach dem 2. Weltkrieg hat man in Deutschland viele davon errichtet. Die Leute mussten ja irgendwo unterkriechen, nachdem alle Häuser zerbombt waren.

Wir stehen vor der Nissenhütte, und Reibach sagt: „Hier machst du deine Druckerei auf!“
„Was? In dieser Bude? Da kriege ich ja die Krätze!“ Wir gingen trotzdem hinein. In der Küchenecke stand ein Kohlenherd, auf der Kochplatte ein verbeulter Aluminiumtopf. Darin stak ein Stapel alter Schwarzweißfotos. Offenbar hatte jemand versucht, das Silber auszukochen. Als ich einige Fotos herausziehen wollte, verrutschte der Topf, und ich störte Kakerlaken auf. Sie wischten wie irr über die Herdplatte und schossen hin und her, bis sie eine Gelegenheit gefunden hatten zu verschwinden. In der Ecke eine Matratze mit einer Decke und Sachen in Plastiktüten, ein Berberlager. „Lass uns gehen“, sagte ich. Man will doch einem armen Mann die Wohnung nicht streitig machen.

Hinter der Hütte hatte jemand ein großes Stück aus dem Bahndamm abgegraben, wie senkrecht herausgestochen, um einen Hinterhof zu haben. Vermutlich muss man zu Gewalt greifen, um so einem hoch aufragenden Bahndamm zu trotzen. Der das getan hatte, war als Student ein Freund meines Förderers gewesen. Der Typ hatte nur kurz in der Nissenhütte gewohnt. Dann war er als Austauschstudent nach Bolivien gegangen. Dort verliebte er sich in eine Frau. Nach einem Jahr und etwas mehr, er ist zurück in Deutschland und gut mit einer Frau aus der besseren Gesellschaft verlobt, steht eines Tages die Bolivianerin mit zwei Koffern vor seiner Tür. Deren ganze Familie hatte zusammengelegt für das Flugticket, weil man der Ansicht war, der Deutsche hätte der Frau die Ehe versprochen. Und dieser Kerl nicht faul, musste sie ja zuerst mal aufs Eis legen. Darum hat er sie für eine Weile in dieser Nissenhütte einquartiert. Da wird sie ordentlich gefroren haben.

Endlich Grün. Ich hatte schon gedacht, die Bauampel lässt uns hier warten, bis wir Wurzeln geschlagen haben. Den Anstieg hinauf brauche ich meinen Atem. Aber oben auf der Brücke erzähle ich noch, was ich später über Professor Reibach herausgefunden habe. Ich weiß übrigens nicht, warum er mich förderte. Wir hatten nicht die gleichen Ansichten über die Welt.

Puh! Wir sind oben und haben einen schönen Blick auf die Bahngleise unten. Ich war schon eine Weile Lehrer, als ich im Fernsehen einen Film sah und Reibach darin erkannte, wie er Joseph Beuys ins Gesicht schlug. (In diesem YouTube-Video bei 8:26.) Was war geschehen? Zehn Jahre, bevor ich Reibach kennen lernte, am 20. Juli 1964, fand in Aachen das legendäre Fluxus-Festival der Neuen Kunst statt. Dabei stürmten aufgebrachte Studenten die Bühne des Aachener Audimax, was, wie die Aachener Nachrichten damals freundlich meldeten,

„einen physisch ausgetragenen Konflikt zwischen Akteuren und studentischem Publikum sowie eine Strafanzeige zur Folge hatte. Das Foto des blutenden Joseph Beuys, der mit einem Kruzifix in der Hand gegen die Menge der Studenten tritt, gehört zu den berühmtesten Dokumenten dieser Zeit.“

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8 Kommentare zu “Am Bahndamm – oder von einem, der Joseph Beuys ins Gesicht geschlagen hat

  1. Schön, wie du, der Streckenführung folgend, erzählst, woran du dich erinnerst und dabei auch bewusst darauf verzichtest, Geschichten zu einem Schluss zu bringen, eben weil es Geschichten aus dem Leben sind, die keinen wirklichen Schluss haben.

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