Kleines Abenteuer mit Zügen

Meine Sonn- und Feiertagsrunde führt mich nach Westen am Hafen entlang, über eine neue Straße durch ein Industriegebiet, durch ein besseres Wohnviertel und weiter zu einem Wäldchen. Es gibt darin einen kleinen Anstieg und zwar, wo die Straße über eine S-Bahnlinie geführt wird. Rechter Hand verläuft auf einem Damm eine Güterbahnlinie parallel der Straße. Just auf der Brücke über die S-Bahnlinie ist man mit dieser Güterbahnlinie auf Augenhöhe. Dann aber taucht die Straße in einer weiten Biegung hinab und man hat die Güterbahnlinie über sich.

Wenn oben auf dem Gleis ein Güterzug heranrauscht, hört es sich an, als wäre er auf der Straße hinter mir. Zum Glück bin ich schnell, denn ich sause die Abfahrt hinab. Eine ganze Weile kann ich dem Güterzug nicht entkommen, sondern habe seine wilde Musik aus Stahl und Eisen im Nacken. Obwohl ich sehe, dass auf meinem Weg keine Gleise liegen, hätschele ich die Wahrnehmungstäuschung so lange es geht, denn der Gedanke, dass mir ein Güterzug auf den Fersen ist, treibt mich als wohliger Schauer voran. Ich bin jetzt zwischen Hecken eines Schrebergartengeländes und kann nach links und rechts nicht ausweichen. Doch bald ist mein Weg so weit abgebogen, dass es sich anhört, als hätte der Güterzug enttäuscht abgedreht, weil er mich doch nicht erreichen konnte. Mensch gegen Maschine: Eins zu null. Bald ist ein Bahnübergang in Sicht für just die S-Bahnlinie, die ich eben auf der Brücke überquert habe.

Die Schranke geht nieder, hüpfte noch zwei-, dreimal auf und kommt leise klirrend zur Ruhe. Eine Weile bleibt es still. Dann beginnt die Luft zu knistern, das anschwellende Sirren der Gleise. Ein Expresszug donnert heran und vorüber. Was für eine gewaltige Kraft! Wie der rasende Zug die Luft zersägt, rauscht dir der Fahrtwind um die Ohren, zerwühlt dein Haar, lässt Hemd und Hose flattern. Sturm und das schreiende Tosen senden an jede Kreatur: Komm diesem Gewaltigen nicht in die Bahn, es wird dich zermalmen. Die Schranke hebt sich. Ich schaue dem Gewaltigen hinterher und rolle durch die Schrebergärten heimwärts.