Der Trittenheim schießt sich ins Knie

Natürlich lebt mein Blog davon, dass er gelesen wird. Trotzdem muss ich aufschreiben, was mich die letzten Tage beschäftigt. Vorab eine szenische Beschreibung von heute Morgen: Die Frau im Wartezimmer hat einen dicken Roman auf dem Schoß und liest auf ihrem Smartphone. Andere blättern in Illustrierten. Der junge Mann neben mir liest aus Verzweiflung eine Werbebroschüre. Ich hänge meinen Gedanken nach und frage mich, ob es nötig ist, jede Minute Wartezeit mit Medienkonsum zu verbringen. Ständig dominieren fremde Gedanken den eigenen Kopf.

Mit dem irritierenden Slogan: „Buch macht kluch“, warb einst der Börsenverein des deutschen Buchhandels. Der doofe erzwungene Reim ließ mich schon damals fragen, ob denn die gemeinte Aussage „Buch macht klug“ so pauschal überhaupt stimmt oder ob nicht vielmehr zu bedenken wäre, was Schopenhauer sagt:

„Wann wir lesen, denkt ein Anderer für uns: wir wiederholen bloß seinen mentalen Proceß. Es ist damit, wie wenn beim Schreibenlernen der Schüler die vom Lehrer mit Bleistift geschriebenen Züge mit der Feder nachzieht. Demnach ist beim Lesen die Arbeit des Denkens uns zum größten Theile abgenommen. Daher die fühlbare Erleichterung, wenn wir von der Beschäftigung mit unsren eigenen Gedanken zum Lesen übergehn. Eben daher kommt es auch, daß wer sehr viel und fast den ganzen Tag liest, dazwischen aber sich in gedankenlosem Zeitvertreibe erholt, die Fähigkeit, selbst zu denken, allmälig verliert, – wie Einer, der immer reitet, zuletzt das Gehn verlernt. Solches aber ist der Fall sehr vieler Gelehrten: sie haben sich dumm gelesen.“

Für den Beginn des 19. Jahrhunderts, also für Schopenhauers Zeit, schätzt der Volkskundler, Literaturwissenschaftler und Erzählforscher Rudolf Schenda den Anteil potentieller Leser auf 25 Prozent der Bevölkerung Deutschlands. Schopenhauers Vermutung betraf also nur einen kleinen Kreis, zumal Lesefähigkeit nicht bedeutete, dass regelmäßig gelesen hat, wer es nicht beruflich musste. Das exzessive Lesen, in der jede freie Minute mit Lesen verbracht wird, sei es mit Romanen oder mit Zeitungen, ist gewiss eine Erscheinung des 20. Jahrhunderts. Der Konsum des professionell Vorgedachten nahm nicht ab, als Radio und Fernsehen dazu kamen. Smartphone und Internet haben den Medienkonsum nochmals erhöht.

Wenn Schopenhauers Befund richtig ist, wie viel verheerender muss der permanente Umgang mit professionell Vorgedachtem, mit Zerstreuungs- und Bevormundungsmedien, Entmündigungssoftware und Bequemlichkeitsapps wirken? Hat sich unsere komplette Gesellschaft einfach dumm gelesen, geglotzt und gewischt? Ist deshalb die sprachliche Wendung „keine Ahnung“ immer öfter zu hören? Wir sind medial umzingelt von Leuten, die von irgendwas eine Ahnung haben und das professionell mitzuteilen verstehen und uns die Welt erklären. Eine Gesellschaft, die sich geistig derart kolonisieren lässt, ist auf dem Weg zu werden wie die kindlichen Eloi aus „Die Zeitmaschine“ von H.G.Wells. Weil ihnen alle Arbeit abgenommen wird, lebt die Menschenrasse der Eloi völlig unreflektiert und gleichgültig. Es ist schon ein bisschen gruselig sich vorzustellen, dass eine Gesellschaft „Keine Ahnung“ das eigene Denken verlernt und überhaupt die Orientierung verliert, was nicht nur meint, dass einer unfähig wird, von der Dönerbude nach Hause zu finden, wenn Google maps mal ausfällt.

Darum, und wenn ich mir ins Knie schieße: Bitte wegklicken! Hier kommt nichts mehr.

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23 Kommentare zu “Der Trittenheim schießt sich ins Knie

  1. Klasse geschrieben, Jules! Ich sehe es jedoch anders, die Medien sind nicht das Problem sondern der Umgang. Heutzutage hat man Zugang zu so viel Information, man muss sie nur zu nutzen wissen. Ich glaube auch, dass die Klassiker früher seltener ausgeliehen wurden als die Liebesromane 😉 zu dem Thema Lesen schreibe ich gerade, man hat etwas Erstaunliches festgestellt;-)

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    • Herzlichen Dank, Ann! Bei den Medien verhält es sich wie beim Angebot an zuckerhaltigen Nahrungsmitteln. Viele können einfach nicht widerstehen, weil das Angebot süchtig macht. Es ist Glückssache, ob man im frühen Kindesalter schon in sinnvollen Verbrauch oder in vernünftiger Nutzung geübt wird oder ob man den Verlockungen fast machtlos ausgeliefert ist.
      Was die Rezeption von Literatur betrifft, vermutest du sicher richtig.
      Das Erstaunliche zum Lesen interessiert mich.

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  2. Geht das wirklich? Das völlig Eintauchen in eine andere Denkwelt, ohne dass der eigene Kopf ständig Bilder und eigene Gedanken beisteuert? Ein Merkmal von Literatur ist doch auch, dass nicht alles gesagt wird, dass wir Leerstellen vorfinden, dass wir uns Fragen stellen und an Punkten weiterdenken, die der Autor selbst nicht gesehen hat. Natürlich gibt es eine riesige Ablenkungsindustrie, aber was wäre der Königsweg?

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    • Du weißt, dass gezielte Leerstellen, die den Leser und seine Phantasie aktivieren, ein Merkmal guter Literatur sind. Im Gegenteil dazu zeichnet die populäre Literatur aus, gerade das nicht zuzulassen, an des Lesers platteste Vorstellungen anzuknüpfen, ihn da zu fesseln, also geistig zu dominieren. (Mir fällt dazu das populäre „fifty shades of grey“ ein, obwohl ich es nur vom Hörensagen kenne.) Es ist natürlich Jammern auf hohem Niveau, weil in unseren Blogs genau das passiert, „dass wir uns Fragen stellen und an Punkten weiterdenken, die der Autor selbst nicht gesehen hat.“ Aber wir sind ein kleiner elitärer Kreis und können uns der geistigen Bevormundung und den Verlockungen der Ablenkungsindustrie entziehen, weil wir versuchen, uns selbst schreibend Gewissheit zu verschaffen. Ich stolperte über den „Königsweg“ und habe mich gefragt, was das wohl ist. Vermutlich, ein Weg, den nur der König beschreiten darf.

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  3. Lieber Jules,
    das ist für mich wieder so ein lesenswerter Beitrag von Dir, den ich für mich unter „lebenslanges Lernen“ einordne. In der Tat: diese Sicht Schopenhauers aufs Lesen (heute erweiterbar auf die jetzt verfügbaren Medien) habe ich so noch nicht gesehen:
    jau! – wenn ich lese, ist jemand anderes Chef über meine Gedanken.
    Wenn ich ihnen die Chance gebe, über das Gelesene nach-zu-denken, und auch auch wirklich zuende gedacht zu werden, ist alles gut.
    Das ist in der heutigen verführerisch bunten Welt schon recht schwer.
    Am Meer gelingt es mir am besten: weit gucken….
    Danke für diesen Beitrag.

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    • Lieber Lo,
      freut mich. Indem wir diverse Gedanken hier in den Kommentaren erörtern, sind wir sozusagen aus dem Schneider, was die „Chance, über das Gelesene nach-zu-denken“ betrifft. Weil wir es schriftlich niederlegen, sind wir auch gezwungen, etwas zuende zu denken. Deine Metapher vom Meer gefällt mir, denn es hilft, wenn der Horizont durch nichts verstellt wird, weshalb ich gelegentliche Medienabstinenz immer genieße.
      Danke dir für deinen verständigen Kommentar.

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  4. Bei Deinem Beitrag fiel mir spontan der Film „Nummer 5 lebt“ ein, die Geschichte eines Roboters, der eigentlich töten soll, es dann aber viel spannender findet, sich mit Menschen anzufreunden und zu lernen. Er liest Bücher wie eine Art Dauemkino und sobald er fertig ist, fordert er „Ich brauche mehr Input. MEEEHR INPUUUT!“.
    Ich denke nicht, dass jemand verblödet, nur weil er gerne und viel liest. Falls es so ist, habe ich natürlich die A****karte gezogen; ich lese dauernd, und das schon seit Kindheit, und dazu alles, was mir in die Finger kommt, sogar die Begleitzettel von Kopfschmerztabletten. Wobei die wenig phantasieanregend sind, es sei denn, man findet Nebenwirkungen lustig und bei Worten wie „Gonorrhoe“ kommt einem die Internetseite in den Kopf, deren Betreiber Kuscheltiere anbieten, die den Erregern nachempfunden sind (ich liebe ja das Pfeiffersche Drüsenfieber. Diese Wimpern!!!).
    Schopenhauer selber war ja ein alter Miesmacher, der von der menschlichen Rasse allgemein wenig hielt (weshalb er seinen Pudel, um ihn zu bestrafen, auch als „Du Mensch!“ titulierte – woraufhin selbiger sich entsetzlich zu schämen pflegte), aber sein Nebensatz „…dazwischen aber sich in gedankenlosem Zeitvertreibe erholt…“ macht seine Schmährede auf den Buchkonsum schon wieder etwas positiver. Ich hoffe sehr, dass ich mich in gedankenVOLLEM Zeitvertreibe erhole und aus dem Gelesenen etwas mitnehme. Zum Beispiel aus Deinem Blogbeitrag die Tatsache, dass ich ganz gerne mal Wells‘ Zeitmaschine läse. Habe ich nämlich noch nicht.
    Und da ich Dir jetzt eine dermaßen lange Antwort in Deinen Blog geballert habe, die Du aus Höflichkeit, Interesse oder Langeweile vermutlich sogar lesen wirst, hier noch eine Information für Dich, die Dein Leben verändern könnte, wenn Du gerade mal nicht liest: Kuschelmikroben gibt es auf der Seite riesenmikroben.de. Man muss auch nicht mit Gonorrhoe kuscheln, wenn man nicht will – sie haben nicht nur Krankheiten da. Der Bücherwurm beispielsweise, ein entzückendes, knuddeliges Geschöpf, ist für ganze 8,95 zu haben. Und er sieht gar nicht mal so dumm aus…

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    • Was du über Schopenhauer sagst, wird ihm nicht ganz gerecht. In seinen Schriften ist er ein Aufklärer, und das ist für mich menschenfreundlich genug. Wo er verbittert wirkt, ist das dem Ärger über mangelnde Anerkennung durch Fachkollegen geschuldet. Auch ärgerte er sich darüber, dass die Vorlesungen beim Kollegen Hegel immer voll waren, wohingegen bei ihm nur wenige Studenten hörten. Seine Bemerkung über die Gelehrten, die sich dumm gelesen hätten, ist wohl auf Fachkollegen gemünzt, die sich zwar bestens in Philosophiegeschichte auskannten, aber keine eigene Philosophie betrieben haben. Ich habe die Bemerkung demnach instrumentalisiert, weil sie mir hilft zu verstehen, wieso trotz eines riesigen Informationsangebots so unfassbar viel Dummheit in der Welt ist. Ich glaube, man muss schon früh im Selberdenken geübt sein, sonst lernt man es nicht mehr. Unser Schulsystem produziert leider nur konforme Denker und lässt viele Selberdenker scheitern. Die Medien tun ihr übriges.

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      • Du magst Recht haben, was das Schulsystem und die Medien angeht. Ich denke aber doch, dass gute Literatur das Denken anregt und nicht abstumpft. Wobei „gut“ natürlich relativ ist, Ich gebe zu, dass Beipackzettel eher nicht dazu gehören.
        Schopenhauer selber gab sich in späteren Zeiten alle Mühe, seinem Ruf als Misanthrop gerecht zu werden (allerdings ist überliefert, dass er sogar mal einen Jungen vor dem Ertrinken gerettet hat. SO ernst kann ihm das nicht gewesen sein). Das spricht allerdings gar nicht gegen ihn und schmälert auch seine Leistungen nicht, finde ich. Ist ja egal, ob man Menschen mag oder nicht, solange man trotzdem kluge Gedanken denkt. Und er liebte seine Pudel – das kann ich nachvollziehen… 🙂

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  5. Wenn nur das gelesen wird was gefällt, drehen sich die Gedanken im Kreis. Ein Ausflug in andere Sichtweisen ist vielleicht hin und wieder ganz nützlich. Trump auf Twitter oder auch mal Käßmann liegen dabei nach Schulz auf den vordersten Plätzen zur Entspannung.

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  6. Ich stimme dem Artikel und den Kommentaren sehr zu!
    Möchte aber noch ergänzen, dass Menschen, die NICHT in dem elitären Kreis hier verkehren, trotzdem aktiv und rege am Internet teilnehmen, also nicht nur lesen, sondern auch schreiben, ein anderes Verhalten zeigen als Schopenhauer es beobachten konnte.
    Zu Schopenhauers Zeiten gab es noch keine Internetforen, in denen jeder „diskutieren“ konnte, am liebsten anonym. Da dort jeder seine „Meinungsfreiheit“ austoben kann, beobachte ich, dass Vielleser und Vielkommentierer in den Foren fast nur widersprechen. Sie loben nicht, stimmen nicht zu, suchen das Haar in der Suppe oder blasen einfach nur immer wieder ihre „Meinung“ ins Netz, solange bis andere aufgeben oder sowieso nicht zuhören.
    Seit also weniger in Zeitungen gelesen wird (außer in Wartezimmern, wenn man sein iPad oder Handy nicht dabei hat), wird jede Gelegenheit zum Widerspruch genutzt. Ist ja alles interaktiv.

    Widerspruch fügt doch sofort eigene Gedanken in das Gelesene ein, wenn sie auch festgefahren sind, werden sie nicht so sehr vom Gelesenen beeinflusst wie früher. Erst über einen Umweg. Die „eigene Meinung“ dieser Menschen wurde ja schon vorher geschickt manipuliert.

    Wäre aber gespannt, wie Schopenhauer diese Veränderung beurteilen würde. 😉

    Gruß Heinrich

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    • Den Leitmedien zu widersprechen, sich also nicht vom Mainstream der Meinungen mitreißen zu lassen, ist gewiss hilfreich, geschieht aber oft ungeübt und hölzern, wie bei allen Versuchen, die noch ungeübt sind. Die von Ihnen geschilderten Verhaltensweisen erinnern mich an eine Bemerkung Ivan Illichs. Er sah eine “unvergleichliche Absonderlichkeit” in einer Gesellschaft wie der unsrigen, “die mit ihrem Alphabet sogenanntes ‘Wissen’ unmenschlich speichern, unsinnlich begreifen und unsinnig anwenden kann.” Illich erweitert hier Bedenken gegen die Schrift, die schon von Platon im Phaidros ausgesprochen sind. Dass vagabundierende Texte auch von jenen gelesen werden, für die sie nicht gedacht sind und unverstanden konsumiert, unbelehrbare Scheinweise hervorbringe. Die begegneten einem früher nur im kleinen Kreis, heute „blasen [ sie] einfach nur immer wieder ihre „Meinung“ ins Netz.“
      Beste Grüße
      Jules

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  7. Zum Glück sind die Leser deiner Aufforderung nicht gefolgt und haben, statt weg zu klicken, ihre Gedanken geteilt. Sie sind ebenso lesenswert wie deine Text, lieber Jules.
    Man kann sich sicher dumm lesen. Kann konsumieren ohne zu denken. Oder genau das Gegenteil. Es würde ja schon geschrieben…das was, das wieviel und auch das Köpfchen zu hinterfragen ob das was man liest der eigenen Meinung entspricht oder man es sich bequem macht und eine fremde Meinung einfach übernimmt.

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  8. Lieber Jules, ich lese deine Texte gerne, w e i l sie mich zum Denken anregen! Überhaupt lese ich gerne Texte und nutze sie nicht nur als Verstärker des von mir ohnehin Gedachten (eine wichtige Funktion von Texten – das sollte man nicht nur negativ sehen!) sondern auch um mich daran zu reiben. Es gibt aber unzählige weitere Funktionen von Texten oder Büchern, und wer sich bei einem „anspruchslosen“ Buch entspannen will, tut etwas sehr Verständliches und in meinen Augen Legitimes. Ein Text ist nämlich nichts anderes, als alles andere, was auch in der Welt ist. Und zu allem kann man sich auf je sehr unterschiedliche Art verhalten, aktiver, oder auch passiver. Dass man zum Lesen seinen Verstand gebraucht – mehr oder weniger – adelt vielleicht in den Augen mancher diese Tätigkeit und privilegiert sie anderen, „niederen“ Tätigkeiten gegenüber. Da im Leben jedoch alles relativ ist (Vom Gegenteil sind nur Terroristen überzeugt), bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass der Gebrauch des Verstandes, das Denken überhaupt, bei uns völlig überbewertet wird. Natürlich kann man durch (angestrengtes) Denken vieles erreichen, man kann sich in Denkwettbewerbe begeben usw. Ich persönlich habe jedoch nur bedingt Freude daran, denn irgend jemand ist immer schlauer als ich und wird mich beim Denken niederringen. Für mich geht es aber im Leben um etwas anderes. Es enthält so viele Facetten, und Menschen gehen auf so unterschiedliche Arten durch diesen Wundergarten, dass man eigentlich nur staunen kann. Oder mitfühlen dort, wo Schlimmes passiert. Für die Wahrmehmung all dessen aber, brauchen wir zwar unser Gehirn, können aber ruhig alle anderen Organe mit einbeziehen. Ein oft unterstellter Zusammenhang zwischen Intelligenz und Moral existiert übrigens nicht, will sagen: angestrengtes Denken schützt vor Verbrechen nicht. Viele Grüße aus einem gemütlich durch die Lande schaukelnden ICE (und sorry fürs Ausufernde dieses Textes)!

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    • Lieber Dilettant,
      freut mich, dass du mir aus einem „gemütlich durch die Lande schaukelnden ICE“ eine Botschaft schickst. Robert Walser schreibt: „Für einen Intelligenten bedeutet es eine sehr feine Freude, es fertig zubringen, an nichts zu denken.“ Da der Mensch es nur schwer bis gar nicht vermeiden kann zu denken, könntest du genausogut sagen, die menschliche Verdauung sei überbewertet. Wir kommen der Sache näher über den Begriff Verstand, womit also Verstehen gemeint ist. Wir müssen Verstehen, was um uns herum geschieht, um uns angemessen und erfolgreich zu verhalten. Dieses Verstehen geschieht mit allen unseren Sinnen und soweit es außerbewusst abläuft, etwa über unterschwellige Gerüche oder Wahrnehmungen anderer Art, Ahnungen oder Intuition, ist das absichtsvolle Denken nicht beteiligt. Wenn du das meinst, bin ich mit dir eins. Wenn aus dem situativen Erleben und Verstehen Sprachhandeln entsteht, laufen Denken und Sprechen als wechselseitiger Prozess ab. Das Problem liegt eindeutig in der geschriebenen Sprache. Sie zwingt uns, völlig unsinnlich zu denken, was sich auf ungeübte Denker negativ auswirken kann, weil es ihre Urteilskraft beeinträchtigt. Das heißt, nicht das Lesen ist das Problem, sondern wie jemand liest, ob er sich von geübten Schreibern wie ein Ochse hintern Karren binden lässt, weils so bequem ist, einfach hinterher zu trotten, oder ob er nur den Spuren folgt, aber jederzeit das Gelände links und rechts im Auge behält. Hier sagt Schopenhauer, dass diese Fähigkeit durch vieles Lesen abnimmt. Ich glaube das auch. Anders ist nicht zu verstehen, dass unsere Gesellschaft nicht klüger wird, bei all dem, was gelesen wird, sondern dass überall im Land viel Dummheit regiert.

      Viele Grüße wohin auch immer aus dem heute sonnigen Hannover,
      Jules

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  9. In der Tat könnte man die Verdauung ruhig etwas höher ins Ranking setzen! Denken wird m. E. überbewertet in dem Sinne, dass ich möglicherweise entspannt auf einer Wiese sitzend und an nichts denkend von der Welt mehr aufnehme (verstehe, begreife) als durch anhaltend angestrengtes Nachdenken über die Welt. In Walsers Satz kommt genau dies zum Ausdruck. Der Intellektuelle sehnt sich nach Erlösung vom Zustand andauernd angestrengten Nachdenkens. Ist jetzt auf die Schnelle vielleicht polemisch dahingeworfen, aber denke (!) es dir als grobe Richtung meiner Gedanken…

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  10. Yep. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Das mit dem Lesen ist so ein Dilemma. Wer nix liest……Ich mag es, wenn ich Dinge von anderen lesen kann, da es mein eigenes Denken bereichert. Genauso geht es bei einem interessanten Gespräch. Problematisch wird es, wenn jemand ungefiltert alles einfach so übernehmen würde.

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  11. Da ich in allem, was ich tu, ziemlich langsam bin, und so also auch beim Lesen, verbieten sich mir automatisch allzu lange Texte, wenn sie sprachlich nicht in dem Rhythmus und Stil abgefasst sind, den ich bevorzuge. Da mögen sie noch so gescheit sein und Recht haben …

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