Mutmaßungen über ein Date

Zeit für den heutigen Speisezettel.
Hier die Zutaten, lauter Fremdwörter:
– Mensa
– Shopping-Queen
– Cocktails
– reziprok
– Intelligenzia
– Konnotation
– Anorexie

Gegen 13 Uhr ist es in der Mensa hömmele voll. Die Schlange reicht bis zur Tür hinaus. Hinter mir unterhalten sich zwei Studenten über ein Date, das der eine gehabt hat: „Was soll man schon groß reden? Ich habe sie einmal um den Block geführt, dann sind wir in eine Bar gegangen und haben ein paar Bier und Cocktails getrunken …“ Was weiter geschah, höre ich nicht. Aber die Sätze „Was soll man schon groß reden? Ich habe sie einmal um den Block geführt“, lassen nichts Gutes ahnen. Man kann zusammen um einen Block bummeln, aber um den Block „führt“ man vielleicht ein Pferd, oder eben eine, mit der sich nicht groß zu reden lohnt, ein Dummchen, das dem Eroberer als Trophäe am Handgelenk baumelt und möglichst bald abgefüllt werden will. Als ich später am Tisch mit Blick auf die Schlange im Eingang sitze, staune ich über die vielen Studentinnen, deren Hauptaugenmerk dem eigenen Outfit zu gelten scheint. Als wäre da ein Wettbewerb der Shopping-Queens im Gange. Bei den meisten wüsste ich vermutlich auch nicht was reden und wäre froh, das mit ein paar Bier und für sie reichlich Cocktails überspielen zu können.

He, ist nur der Neid: Zu meiner Studienzeit sahen die Studentinnen anders aus. Da war die Emanzipation gerade auf ihrem abschreckenden Gipfel angekommen, mit selbstgestrickter Unterwäsche und sackartigen Outfits aus der Altkleidersammlung. Da hätte so ein teuer gestyltes Dämchen mir sicher gefallen. Außerdem …

Vielleicht hatte es gar nicht an ihr gelegen, dass kein Gespräch zustande kam, sondern an ihm. Vielleicht konnte er nicht reden, weil er nur eins im Kopf hatte. Wo sich die Schlange aufteilte, konnte ich einen Blick auf ihn werfen. Typ Loverboy, ja, das passte. Er und so eine Shopping-Queen, da wäre das Verstummen garantiert reziprok. So siehts aus mit dem Nachwuchs unserer Intelligenzia. Anderes Thema: Ich hatte mir Gemüse auf den Teller geschaufelt, das besser aussah und auch schmeckte als seine Auszeichnung am Büfett befürchten ließ: „Brechbohnen“ Wenn ich so ein Schildchen beschriften sollte, würde ich „Brechbohnen“ vermeiden, wegen der Konnotation, was doch schon klingt wie ein unbekömmlicher Inhaltsstoff, wovon man mindestens pupsen muss, – wenn wenigstens die Richtung stimmt. Ich würde „Prinzessbohnen“ schreiben. Wir wollen doch unter den Shopping Queens keine Gedanken Anorexie nervosa schüren.

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14 Kommentare zu “Mutmaßungen über ein Date

  1. Ein Glück, dass du den Text an der Stelle beendest. Do. steige ich pünktlich aus. Schade aber zugleich, denn ich könnte dir mit großer Freude lesend durch den Tag folgen. Ein bekanntes Bild, das du schilderst, lieber Jules. Auch wenn ich lange nicht mehr in der Mensa gewesen bin, so hört man ähnliche Dialoge ja auch andernorts.
    Um den Block führen…interessante und gruselige Wortwahl. Oder aber, sehr passend ausgedrückt. Frau will ja ausgeführt werden und nimmt aus purer Verzweiflung auch mal den Block, bevor sie sich den Abend schön trinken darf 😉

    Einen schönen Tag, lieber Jules.

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    • Wie gut, dass du mich hellwach auf die Entsprechung hinweist, liebe Mitzi. Darauf bin und wäre ich nicht gekommen. Im Topos „eine Frau ausführen“ ist das Gruselige schon enthalten, nur besser versteckt. Die „pure Verzweiflung“ scheint mir gerechtfertigt. Ich hatte mir gestern Mittag schon gedacht, dass ich das junge Volk um seine entfremdete Existenz nicht beneide, genieße es dagegen sehr, dir einen pünktlichen Ausstieg aus Text und Bahn ermöglicht und eine Freude gemacht zu haben.

      Vielen Dank, wünsche ich dir auch und sonnige Grüße!

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      • Tatsächlich komme ich gerade darauf, womit die Wendung „eine Frau ausführen“ zusamenhängt, mit wirtschaftlicher Abhängigkeit nämlich. In meiner Jugend war es üblich, dass der Mann Getränke, Essen, Eintritt und dergleichen für die Frau bezahlte, eingedenk der Tatsache, dass sie ja nicht berufstätig würde sein werden und dann sowieso kein eigenes Geld hätte. Da war das Ausführen schon eine Einübung in das Rollenverständnis. Dass dieses Rollenmodell sich abgeschwächt hat, ist ein eindeutiger Fortschritt.

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        • „Ausführen“ bewegt sich ja im Umfeld von „Abführen“, „Entführen“, „Durchführen“… Wie verräterisch doch Sprache sein kann! (Es steckt ja übrigens auch drin, dass die Frau nach traditionell patriachalischem Verständnis gar nicht alleine draußen unterwegs sein darf, sondern hierzu selbstverständlich des Schutzes männlicher Begleitung bedarf. Wird sie nicht „ausgeführt“, muss sie drin hocken bleiben. Gerne mehr Erfahrungsberichte aus der Mensa in Zukunft, lieber Jules!

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          • Guter Hinweis, vielen Dank, mein Lieber! Ja, Sprache spiegelt die soziokulturellen Bedingungen, weshalb ich gegen jede Form von Sprachkosmetik bin. Es ist so falsch wie gegen Schweinepest zu impfen, denn da weiß man nicht, wo der Erreger sitzt. Sprachkosmetik wie „gendergerechte Sprache“ oder political correctness ändert nichts, sondern kaschiert nur.
            Erfahrungsberichte aus der Mensa gibt es hier nur manchmal. Früher war ich oft dort, aber heute ist es mir da ein wenig zu laut.

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            • Da kann ich Dir nur teilweise zustimmen, denn Bewusstsein formt Sprache und Sprache formt Bewusstsein – ein wechselseitiger Prozess in beide Richtungen! (Schließlich bedienten sich die Mächtigen immer schon gezielt einer bestimmten Sprache um Wirklichkeit in ihrem Sinne zu formen. Weil das funktioniert, muss man auch mal gegenhalten.) Viele Grüße!

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              • Solche Eingriffe in die Sprache durch die Machthaber schildert Orwell in 1984 mit seinem Neusprech. Gerade in der PC sehe ich ähnliche Entwicklungen. Wir lassen Menschen im Mittelmeer ersaufen, dürfen sie nur nicht Neger nennen, schon ist alles korrekt.
                Beste Grüße!

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  2. Mir ist in deutschen Mensen alles lieb, solange die Studierenden sich nicht wieder in Uniformen zwängen und nicht dem Diktat der Mode, sondern dem einer Partei folgen. Ich weiß auch nicht, was mir lieber wäre, die modebewussten Studentinnen oder ihre von der Alternativszene geprägten Vorgängerinnen. Letztlich war doch auch der Batikrock ein modisches Statement. Aber das Ausführen, ja, das hat sich wohl überlebt, falls nicht auch das als ein Ritual des Werbens wieder auftauchen sollte, so, wie es gerade mit der vorehelichen Enthaltsamkeit geschieht.

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    • Dieses Diktat der Mode ist mir unheimlich, denn es trägt in sich die soziale Ausgrenzung. Ich erinnere mich an die Klage einer Nachbarin über den Mode-Terror in der Klasse ihrer Tochter. Da gab die Tochter aus Aachens größtem Autohaus den modischen Ton an. Meine Nachbarin, selbst Lehrerin mit nur einem Kind, sagte, sie könne die modischen Ansprüche ihrer Tochter, um mithalten zu können, kaum finanzieren. Daran musste ich gestern auch denken, dass die meisten Studentinnen teuer eingekleidet waren. Um da konkurrieren zu können, würde es nicht reichen, einen alten Rock zu batiken. Wer auf derlei Selbstgemachtes zurückgreifen muss, kommt eben gar nicht an die Hochschule. Die ZEIT vom Juni 2013: „Trotz der Rekordzahl von derzeit 2,5 Millionen Studenten schaffen es Arbeiterkinder nach wie vor nur selten an die Hochschule. Dies geht aus der neuen Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes (DSW) hervor. Demnach studieren von 100 Kindern aus Akademikerfamilien 77. Von 100 Kindern aus Facharbeiterfamilien sind es hingegen nur 23.“ Kinder aus Hartz-IV-Haushalten sind hier nicht erfasst.
      Um vorehelichen Enthaltsamkeit ging es im zitierten Dialog eher nicht, dass aber die Idee zurückkommt, ist wohl eine Gegenbewegung zur Promiskuität und frühzeitigen Sexualisierung.

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      • Tja…..selbst Studentinnen erkennen die Fallen der Konsumgesellschaft nicht zwangsläufig. Letztendlich sind diese Designer Mädels genauso Spiegelbild des Zeitgeistes wie damals die Batikrockmädels. Diese Mädels essen auch sicher keine Brechbohnen…eher Kichererbsen 😉

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