Stoffel

Die Hannoveraner sind nicht unhöflich, keineswegs. Die meisten sind das, was man im Rheinland „Stoffel“ nennt. Ein Prachtexemplar des hannoverschen Stoffels sehe ich fast täglich beim Mittagstisch. Im Winterhalbjahr, wenn es im Marktcafé ziemlich voll war, weil man nicht draußen sitzen konnte, haben wir schon mehrfach notgedrungen zusammen an einem der runden Tische gesessen und unsere Suppe gelöffelt. Doch zu meinem Erstaunen tut er danach immer, als hätten wir uns noch nie gesehen. So verhält sich ein Stoffel. Im Umland von Hannover gibt es diesen Menschenschlag auch.

Einmal fuhr ich mit dem Rad einen von Hecken gesäumten, schnurgeraden Wirtschaftsweg entlang. Dabei schob mich ein heftiger Wind. Die Sonne kam hervor, tauchte die Äcker in freundliches Licht, und über eine ferne Bodenwelle hinweg schien mein Weg am Horizont in den blauen Himmel zu tauchen. Da freute ich mich, gut voranzukommen. Nach einer Weile kam mir ein älterer Mann auf dem Rad entgegen. Ich rief ihm einen Gruß zu. Er muckte nicht einmal, sondern sah stur geradeaus. Bald hatte die Wegdecke lehmige Traktorspuren, die Asphaltierung hörte auf, und ich fuhr über wucherndes Gras. Dann sah ich voraus einen schmalen Kanal, der sich quer durch die Felder zog. Da war keine Brücke, der Weg lief tot. Ich musste umkehren. Gegen den heftigen Wind kam ich kaum voran, ständig gerieten die Räder in tiefe Furchen, die sich unter der Grasnarbe verbargen, da hatte ich Zeit, den Kerl zu verfluchen, der mich ja hätte warnen können.

Woanders geschah es erneut, dass mich zwei Radfahrer sehenden Auges einen Weg fahren ließen, der zuerst holprig wurde und dann totlief. Die beiden, ein Mann und eine Frau saßen an einem Weiher. Ihre Fahrräder hatten sie sauber nebeneinander geparkt. Das war im Dorf Ihme, das ich nach einigem Suchen gefunden hatte, denn ich wollte ab dort am Bächlein Ihme entlang fahren bis Hannover, wo die Ihme das meiste Wasser der Leine aufnimmt und vorübergehend zum Fluss wird, um sich hinter Hannovers Altstadt wieder mit der Leine zu vereinen.

Ich biege also im Dorf Ihme in einen Weg entlang der Ihme ein. Mann und Frau drehen sich zu mir um, als sie das Britzeln und Bratzen der Steinchen unter meinen Reifen hören. Er hat einen weißen Mullstreifen quer über der Nase. Später, als ich wieder zurückkomme, drehen sie sich erneut um und sehen mir nach. Und ich denke: Ein weißer Mullstreifen quer über der Nase ist gewiss nicht angenehm für den Eigentümer der Nase. Die Frau neben ihm leidet wahrscheinlich mit. Doch weder Mullstreifen noch Mitleid mit dem Nasenbesitzer sind eine Entschuldigung dafür, dass man mich wortlos hat in die Irre fahren lassen.

Eigentlich sind die Menschen in Hannover und dem Umland recht freundlich. Daher neige ich inzwischen zu der Vermutung, dass sie mich nicht aus Bosheit, Gleichgültigkeit oder wegen Nasenqualen in die Irre haben fahren lassen, sondern aus Toleranz. Sie werden sich gedacht haben: „Der muss ja selber wissen, wohin er fährt.“ Und da haben sie natürlich irgendwie Recht, – wenn man denkt wie Stoffel.