Aufruf zum Ethnologieprojekt „Kicks voor niks“

Als ich noch in Aachen lebte, brachte mir die Einführung des Kabelfernsehens goldene Fernsehzeiten, denn bis in die 1990-er Jahre wurden drei niederländische und zwei flämische TV-Sender ins Kabel eingespeist. Diese kulturelle Vielfalt endete brutal, als man deren Sendeplätze an den erbärmlichen Verkaufssender QVC und den komplett würdelosen Abzocksender 9Live mit seinen Call-in-Gewinnspielen vergab, worin sich zeigte, welche kulturelle Vielfalt
die CDU vor Augen hatte, als sie sich in den 1980-er Jahren massiv für die Einführung des Privatfernsehens eingesetzt hat.

Im Programm des niederländischen TV-Senders VPRO, einer progressiven protestantischen Sendeanstalt unter dem Dach der öffentlich-rechtlichen  Nederlandse Omroep Stichting (NOS), entdeckte ich die beiden skurrilen Kabarettisten und Autoren Kees van Kooten und Wim de Bie. Meistens verkörpten sie in verschiedenen Rollen bestimmte Typen des holländischen Alltags und entlarvten deren Denkweise durch abstruse Überzeichnung.

Abb. aus: Kees van Kooten en Wim de Bie; Het groot bescheurboek

Ich will nicht behaupten, dass ich alles verstanden habe, denn ich habe Niederländisch als Jugendlicher nebenher von hollandse Meisjes gelernt. Aber mein Verständnis reichte, die Begeisterung für das Duo zu wecken. Eine ihrer Rubriken im Programm war: „Kicks voor niks“ Es geht um kleine absurde Freuden des Alltag, die nichts kosten, etwa: De eroverheen geschoten bal tegen de binnenzijde van het hek van de buren naar boven rollen. Also: Kick eins ist, den hinüber geschossenen Ball an der Innenseite des Nachbarzauns nach oben zu rollen.

Kick 2 Mit dem Fahrrad über eine mit Platten gepflastert Wegstrecke zu rollen, wo die Platten in ihrem Sandbett ein wenig Spiel haben. Das gibt ein schönes Blubbern.

Kick 3 Eine Schere zur Hand zu haben und bei Tütenverpackungen an der vorgedruckten perforierten Linie entlang zu schneiden.

Kick 4 Wenn ich den Morgenkaffee umrühre und, nachdem ich den Löffel herausgezogen habe, an der Stelle noch ein Weilchen ein kleiner flacher Trichter im Kaffee kreist.

Aufruf. Ich möchte im Teeestübchen solche kleinen Freuden des Alltag sammeln, die sich entdecken lassen, wenn man genau hinschaut und feinfühlig die eigenen Reaktionen beachtet. Sende mir deinen Kick umsonst (möglichst kurz)!

Weitere Kicks voor niks …

Kick 5 von Lo:
Wenn ich im Bad bin, verschließe ich mit dem Stöpsel das Waschbecken. Wenn dann genug Wasser bis zur Überlaufkante angesammelt ist, ziehe ich den Stöpsel mit einem kräftigen Ruck heraus – und es gluckert richtig laut durchs Haus.

Kick 6 von feldlilie
Wenn ich im Radio ein Lied höre, das ich gerade besonders gerne mag – auch wenn ich das Lied auf CD habe oder auf Youtube die ganze Zeit hören kann.

Kick 7
Es ist unglaublich befriedigend, mit einem Hochdruckreiniger so richtig schöne, saubere Schneisen in den Dreck zu pusten.

Kick 8
Obst angucken. Glatt geteilte Tomaten finde ich sehr hübsch, ebenso die Fraktale in Romanesco oder die Gesichter in längs zerteilter Paprika. Überhaupt… Gesichter… ich bin ein Fan von Gesichtern in Alltagsgegenständen. Wenn man drauf achtet, bringen einen Autos, Häuser, Briefkästen und Stühle zum Grinsen…

Kick 9
von videbitis
Beim Verzehr eines Tortenstücks sämtliche Schichten der Torte bei dem mit der Kuchgabel abgetrennten Happen auf die Gabel zu bekommen und das dann auch so in den Mund zu kriegen, egal, wie hoch die Torte ist. Das sieht wahrscheinlich manchmal nicht so appetitlich aus, das sehe ich aber nur an der Reaktion meiner Begleiterin. Ich versuche das bis zum Ende durchzuhalten, aber gerade da, am breiten Ende des Tortenstück, wird es noch schwieriger.

Kick 10 von Meermond
Im Hochsommer mit dem nackten, großen Zeh in die weichgewordene Füllung (Bitumen?) zwischen Bordsteinplatten und Asphalt zu bohren und den wieder verschwindenden Abdrücken zusehen.

Kick 11
von Mitzi (via Mitzis Großmutter)
In der kalten Jahreszeit, im Bett liegend, einen Fuß rausstrecken. Warten bis man fröstelt und ihn dann wieder unter die warme Bettdecke ziehen. Ein herrliches Gefühl. Mittlerweile in der der dritten Generation praktiziert.

Kick 12 von gnaddrig
Wenn ich den schweren Einkauf eine ganze Weile lang durch die Hitze getragen habe und den Rucksack dann zuhause im himmlisch kühlen Hausflur absetze, fühle ich mich ein paar Augenblicke so, als ob ich schwebe. Herrlich!

Kick 13 von noemix
Tauben, die einem vor den Füßen herumlaufen, anspucken und triumphieren, wenn man eine getroffen hat.

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20 Kommentare zu “Aufruf zum Ethnologieprojekt „Kicks voor niks“

  1. Einer meiner Kicks voor niks:
    Wenn ich im Bad bin, verschließe ich mit dem Stöpsel das Waschbecken.
    Wenn dann genug Wasser bis zur Überlaufkante angesammelt ist, ziehe ich den Stöpsel mit einem kräftigen Ruck heraus – und es gluckert richtig laut durchs Haus. 😉

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  2. Ich finde es total toll, wenn ich im Radio ein Lied höre, das ich gerade besonders gerne mag – auch wenn ich das Lied auf CD habe oder auf Youtube die ganze Zeit hören kann.
    Und ich liebe Hochdruckreiniger. Es ist unglaublich befriedigend, mit den Dingern so richtig schöne, saubere Schneisen in den Dreck zu pusten.
    Ich mag es auch, Obst anzugucken. Glatt geteilte Tomaten finde ich sehr hübsch, ebenso die Fraktale in Romanesco oder die Gesichter in längs zerteilter Paprika. Überhaupt… Gesichter… ich bin ein Fan von Gesichtern in Alltagsgegenständen. Wenn man drauf achtet, bringen einen Autos, Häuser, Briefkästen und Stühle zum Grinsen…

    Gefällt 2 Personen

  3. Ich habe den Ehrgeiz, beim Verzehr eines Tortenstücks sämtliche Schichten der Torte bei dem mit der Kuchgabel abgetrennten Happen auf die Gabel zu bekommen und das dann auch so in den Mund zu kriegen, egal, wie hoch die Torte ist. Das sieht wahrscheinlich manchmal nicht so appetitlich aus, das sehe ich aber nur an der Reaktion meiner Begleiterin. Ich versuche das bis zum Ende durchzuhalten, aber gerade da, am breiten Ende des Tortenstück, wird es noch schwieriger.

    Gefällt 2 Personen

  4. Die Freuden des Alltags liegen oft im Verborgenen bzw. in der Vergangenheit:
    Im Hochsimmer mit dem nackten, großen Zeh in die weichgewordene Füllung (Bitumen?) zwischen Bordsteinplatten und Asphalt zu bohren und den wieder verschwindenden Abdrücken zusehen 🙂
    So heiß wird es nämlich nicht in Nordjütland…
    Herzliche Grüße

    Gefällt 2 Personen

  5. Hier einer von meiner Großmutter. In der kalten Jahreszeit, im Bett liegend, einen Fuß rausstrecken. Warten bis man fröstelt und ihn dann wieder unter die warme Bettdecke ziehen. Ein herrliches Gefühl. Mittlerweile in der der dritten Generation praktiziert.

    Gefällt 1 Person

  6. Wenn ich den schweren Einkauf eine ganze Weile lang durch die Hitze getragen habe und den Rucksack dann zuhause im himmlisch kühlen Hausflur absetze, fühle ich mich ein paar Augenblicke so, als ob ich schwebe. Herrlich!

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    • Danke für die Einsendung, ist gelistet.
      Mit meiner Patentante fuhr ich zum ersten Mal in meinem Leben mit der Bahn – von Leverkusen ins Bergische Land. Dort in einem Bahnhofswartesaal hat mich ein Schild sehr beeindruckt:
      „Es ist strengstens verboten, auf den Boden zu spucken!“
      Mir war nicht klar gewesen, dass es so oft geschah, dass man es verbieten musste. Vermutlich wusste ich noch nichts von der Taubenplage. 😉

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