Bitte geben Sie der Welt einen Sinn

Aller innerster Sinn ist Sinn für Sinn. (Novalis)

Dass der Sinn aus dem Sinn für Sinn besteht, ist ein verlockender Gedanke. Er verlegt die Verantwortung für den Sinn ganz in den Menschen selbst. Er allein bestimmt in seiner Welt den Sinn, gibt den Dingen erst eine sinnvolle Bedeutung. Ein Romantiker wie Friedrich von Hardenberg (Novalis) sieht hierin vor allem die Grenzerweiterung des menschlichen Lebens und Erlebens. Denn nichts hindert ja den Menschen daran, den Dingen des Alltags eine eigenwillige Bedeutung zu geben, eine heiter-komische etwa, eine romantisch verklärte oder eine seltsame. Nüchtern betrachtet ist das Zitat ein Abgesang. Novalis macht eindeutig Schluss mit dem Sinn. Der innerste Sinn besteht aus Sinn für Sinn, – der Satz ist hermetisch. In ihm ist kein Platz für einen so genannten höheren Sinn von außen.

Mir gefällt das. Einerseits werde ich dadurch in die Verantwortung genommen, meiner Welt einen Sinn zu geben, anderseits habe ich die absolute Gestaltungsfreiheit, kann das zum Sinn erklären, was andere für Unsinn halten. Ein Freund, den ich aus den Augen verloren habe, hatte zu seiner belgischen Villa wohl die längste Auffahrt Europas, vielleicht sogar der Welt. Sie reichte von Aachen bis kurz vor Verviers in Belgien. Es handelte sich um seinen täglichen Weg zur Arbeit und zurück. Mein Freund erklärte: „Wenn ich mir sage, all die Leute in ihren Häusern entlang der langen Straße von Aachen bis zu meiner Haustür, die wohnen an meiner Auffahrt, ja, dann ist die lange Straße von Aachen bis zu mir meine Auffahrt.“ Soweit zur freien Sinngebung. Sie ist ein probates Verfahren, ein eigenes Universum zu zimmern und darin glücklich zu werden.

Dem religiösen Menschen bietet Novalis nichts, nicht einmal Trost. Da gibt es kein höheres Wesen, keinen Sinn gebenden Gott. Es ist alles Menschenwerk, ersonnener Sinn. Warum sollten Menschen so etwas tun, sich einen eigenen Gott ersinnen, wo sie doch die Freiheit der Sinngebung haben? Warum sich künstlich schwächen und sich von einem imaginären Gott die Sinn-Regeln auferlegen zu lassen? Vermutlich hat es etwas mit Selbsterkenntnis zu tun. Wenn jeder nur seiner egoistischen Natur folgt, kann kein vernünftiges Gemeinwesen entstehen. Aber unter Egoisten diese Einsicht zu verbreiten, braucht es schon eine höhere Macht, also einen Gott als eine Sorte Übervater. Den sich zu denken, das kann manchmal sinnvoll sein. Friedliche Völker brauchen ihn kaum. Wo aber die Gewaltbereitschaft hoch ist, braucht man einen starken Gott. Und wie stärkt man ihn? Indem man andere zwingt, an ihn zu glauben. Mit diesem Eigensinn entfernt man sich zwangsläufig vom gewünschten Sinn.

Manchmal ist es also besser, gar keinen Sinn zu suchen. Ein Tisch ist ein Tisch, daran ich sitzen kann und meine Suppe löffeln. Und wenn ich sitze, sitze ich, und wenn ich löffle, löffle ich. Und das hier ist ein Blogeintrag. Er hat keinen höheren Sinn als den, dass ich über Sinn nachgedacht habe, weil von der fensterlosen Wand hinter mir ein seltsamer Luftzug kam. Was ist mit der Wand hinter mir? Wenn ich nicht nachschaue, ist sie nicht da, sondern ein offenes Fenster zum Universum, und der kalte Luftzug ist kein Zug, sondern ein Sog, weil da nämlich die Atmosphäre ins All gesaugt wird. Solange es mich nicht vom Stuhl haut, werde ich nichts dagegen tun. Schließlich habe ich die Wand nicht geöffnet.

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16 Kommentare zu “Bitte geben Sie der Welt einen Sinn

  1. Manchmal glaube ich, dass Menschen mit Philosophen wie Novalis überfordert sind. Sie wollen auf gar keine Metaebene, eher das Gegenteil. Da passt dann auch Gott hinein. Man hat Führung, Hilfe, kann sich, sein Leben, seine Werte einordnen. Alles andere bedeutet Unsicherheit, selbst Halt in sich selbst zu finden, Verantwortung zu übernehmen. Über Deinen heutigen Beitrag werde ich noch eine ganze Zeit nachdenken, danke dafür 😉

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    • Da hast du gewiss Recht. Aber ich möchte das nicht werten. Nicht jeder hat die Muße, sich mit Fragen höherer Ordnung zu beschäftigen. Wer täglich im Hamsterrad funktionieren muss, ist froh, wenn ihm solche Fragen von der Religion abgenommen werden. Freut mich, dir Gedankennahrung geboten zu haben. Danke für die positive Reaktion.

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  2. Die Wand hast du nicht geöffnet, lieber Jules.
    Einige Gedankentürchen aber. Und durch diese zu gehen und lesend deinen Gedanken zu folgen hat mir gefallen. Ein interessanter Satz. Das er hermetisch ist gefällt auch mir. Schön auch die lange Auffahrt – dieser Gedanke bringt mich zum Schmunzeln und zugleich ist nichts falsch an ihm.

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  3. Es ist in vielen Fällen einfacher, wenn man sich auf einen Sinn einigt. Zum Beispiel macht es das Lesen Deines Textes leichter, wenn man weiß, welche merkwürdigen Zeichen man mit welchem Sinn füllt um sie als Buchstaben zu benutzen – und welche Zusammenstellungen dieser sinngefüllten Zeichen welches WORT ergibt – das wiederum auch sinngefüllt sein sollte, sonst ist bloggen irgendwie so… naja, sinnlos.
    Spannend sind die Dinge, die nicht eindeutig sind – Luftzüge sind geheimnisvoller als As und Bs, weil es viele Möglichkeiten gibt, sie mir Sinn zu füllen. Oder man lässt den Sinn einfach weg und freut sich an den vielen Möglichkeiten, aus denen man auswählen könnte… wenn man denn wollte…

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      • Ich kannte die Geschichte nicht; ich habe die gerade mal gelesen (Internet ist eine tolle Erfindung, und Kurzgeschichten heißen vermutlich so, weil man sie zwischen Mittag- und Abendessen schnell mal lesen kann, selbst wenn man sehr spät Mittag- und sehr früh Abend-isst… naja, Du weißt Bescheid).
        Ich kenne aber eine ganz ähnliche Geschichte, und dazu diverse Kapitel in völlig anderen Büchern, in denen Leute genau das mal ausprobieren. Das Prinzip ist immer dasselbe. Kann man mal machen, ist aber nicht die Beste aller Ideen…

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  4. Bei einem Religionswissenschaftler las ich einmal eine interessante Theorie zur Entstehung von Religion. Demnach erschrak der Mensch an irgendeinem Punkt der evolutionären Entwicklung vom Tier zum Mensch darüber, dass er (zur Nahrungsaufnahme) tötet. (Offenbar verschaffte ein Vermögen wie Empathie dem Menschen evolutionär gesehen einen Vorteil gegenüber dem Tier). Der Tötungsakt verlangte empfindsam werdenden Menschen gegenüber eine Legitimation. So entstand ein Ritus, inszeniert von einem Priester im Verbund mit einer höheren Macht, der man das erste getötete Tier als Opfer „spendete“, um alle weiteren selbst verspeisen zu können. Ist jetzt alle auf die Schnelle ein wenig simplifiziert wiedergegeben, aber im Kern geht diese, wie ich finde sehr einleuchtende Theorie wohl so.

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    • Danke für die Skizze einer Religionsenstehungstheorie. Spontan fiel mir ein, dass die biblische Aufforderung „Machet euch die Erde untertan!“ das Gegenteil von Empathie hervorgebracht hat, nämlich den gnadenlosen Tierverbrauch im Tierversuch und bestialische Vorgänge im Schlachthof.

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