Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 10) Mediale Revolution

Anzeige der deutschen Post (Ausriss) aus den 1980-er Jahren

Was wir unter Buchkultur verstehen, endete mit dem Aufkommen des Internets. Die Druckschrift als äußeres Zeichen der Buchkultur wurde freilich nicht über Nacht allgemein verfügbar. Der Umbruch vollzog sich auch nicht überall gleich schnell. Bis zum Anfang der 1970-er hatte nur Zugriff, wer eine Druckerei in Anspruch nahm. Wer Drucksachen entwarf, damals noch schlicht „Grafiker“ genannt, musste die gewünschten Schriften so scibbeln, dass zumindest der gewünschte Charakter zu erkennen war. Da war natürlich eine einmal getroffene Entscheidung nur schwer zu revidieren, und jede Änderung musste mit großem Aufwand neu skizziert werden. Manche Setzereien waren darauf spezialisiert, die Satzwünsche von Grafikern zu realisieren. Gedruckt wurden nur einzelne Abzüge auf Barytpapier, einem Papier mit Kreidebeschichtung, das den größtmöglichen Schwarzweiß- Kontrast bot. Diese Entwicklung ging einher mit der Verbreitung des Offsetdrucks, wozu die Druckplatten fotografisch hergestellt werden konnten.

Exkurs Offsetdruck
Die Druckvorlage wird am Leuchttisch aus Papiervorlagen montiert und anschließend mit einer Reprokamera 1:1 abfotografiert. Das so gewonnene Negativ wird auf eine beschichtete Aluminiumplatte belichtet. Wo das Negativ Licht durchgelassen hat, härtet sich die Schicht. Was nicht belichtet worden ist, lässt sich mit einer Entwicklerflüssigkeit fortwaschen. Es entsteht eine Druckplatte, deren druckende Elemente nicht erhaben sind wie im Buchdruck, sondern flach. In der Offsetdruckmaschine wird auf die zylindrisch aufgespannte Platte mittels Walzen Farbe und Wasser aufgetragen. Die druckenden Elemente nehmen Farbe an und stoßen Wasser ab. Das Prinzip der Offsetdruckmaschine beruht also auf der Abstoßung von Fett und Wasser.

Offsetdruck erlaubt natürlich auch, beliebige Zeichnungen, Handschrift- und Schreibmaschinentexte zu drucken. Einzige Voraussetzung ist: Die Vorlage muss kontrastreich genug sein. Dieser Umstand begünstigte in den 1970-er Jahren eine produktive Gegenbewegung zu den etablierten Medien, eine erste mediale Revolution. Die allzu staatstragende etablierte Presse war in der 68-er-Bewegung unter Druck geraten, spektakulär durch die Proteste der Außerparlamentarischen Opposition (Apo) gegen die Bildzeitung. Aber auch die seriöse Presse wurde stark kritisiert mit Ausnahme der Frankfurter Rundschau, die von 1945 an sozialistische und gewerkschaftliche Positionen vertreten hatte.

In Abgrenzung zur konservativen Presse entstand der Wunsch, unzensiert und vorbei an den mächtigen Verlagen zu publizieren. Studentische Hochschulgruppen stellten in Zeitungen und Flugblättern ihre gesellschaftlichen und hochschulpolitischen Ziele dar. Das neue Mitteilungsbedürfnis erfasste auch die Bürgerinitiativen. In fast allen großen Städten gründeten sich links-alternative oder links-anarchistische Stadt- und Stadtteilzeitschriften. Aber auch kleine Religionsgemeinschaften und Sekten, alternative Kindergärten, gesellschaftliche Freaks jeder Couleur wollten etwas öffentlich mitteilen. Die Verbreitung der Kleinoffsetmaschine zeigte, dass die etablierten Printmedien weite Bereiche des gesellschaftlichen Lebens nicht abgebildet hatten. Plötzlich konnten allerhand gesellschaftliche Gruppen ihre Stimme erheben und Aufmerksamkeit einfordern. Da war man auch bereit, hinsichtlich der drucktechnischen Perfektion Abstriche zu machen.

Katalog der in den 1970-er Jahren verfügbaren Letraset-Anreibschriften

Mit der Absicht, Druckschriften allgemein zugänglich zu machen, waren in den USA die Anreibeschriften entstanden von Herstellern wie Letraset, alfac und der International Typeface Corporation (ITC). Die ITC war vom Grafiker Herb Lubalin gegründet worden, um Drucktypen für den gerade entstandenen Fotosatz und für Anreibesysteme zu erschließen, denn man hatte zwar Satzcomputer und die neuen Satztechniken, aber keine Schriften. Die Lizenzen für Drucklettern wurden nämlich von den Schriftgießereien gehalten. Letraset stellte jetzt eine Vielzahl von Druckschriften in diversen Größen und Schnitten zur Verfügung. Das erlaubte eine professionelle Gestaltung von Druckvorlagen mit größeren Schriftgraden für Plakate und Überschriften. Weil Buchstabe für Buchstabe vom Silikonträgerbogen aufs Papier gerubbelt werden musste, eignete sich Letraset nicht für längere Texte.

Mit den oben erwähntem Fotosatzcomputer und der freien Schriftlizenzierung der ITC begann ein gewaltiger kultureller Umbruch, der noch nicht abgeschlossen ist. Wenn wir heute über die Fülle der Druckschriften frei verfügen können, verdanken wir das Vorkämpfern wie Herb Lubalin. Indem alle Computernutzer die Druckschriften, die typografische Gesetzmäßigkeiten und am Buchdruck entwickelte Stilformen benutzen, stehen wir mit einem Bein noch in der Buchkultur der Bleizeit und tasten mit dem anderen in die Unwägbarkeit der digitalen Publikation. Ich hoffe, meine kleine Rückbesinnung hilft zu verstehen, was wir hier eigentlich machen und in welcher Tradition wir stehen.

Damit endet die kleine Reihe zur Kulturgeschichte der Typografie. Sie war ursprünglich auf zwei DIN-A4-Seiten geplant, ist dann aber versehentlich immer weiter gewachsen. Ich danke für aufmerksames Lesen.

Folge 1 Antikes Geschrei
Folge 2 Lesen wie Bienensummen
Folge 3 Faustischer Buchdruck
Folge 4 Fraktur versus Antiqua
Folge 5 Aufstieg und Abschaffung der Fraktur
Folge 6 Die unendliche Setzerei
Folge 7 Kanonen der Form
Folge 8 Typografisches Messen
Folge 9 Die Macht des gedruckten Wortes

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25 Kommentare zu “Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 10) Mediale Revolution

  1. Ich bezog eben den Satz „Die Druckschrift als ihr äußeres Zeichen…“ und so weiter versehentlich auf das im Vorsatz erwähnte Internet (wobei noch die Frage zu klären bleibt, warum das Internet plötzlich weiblich wurde. Vermutlich, weil soviel gequasselt wird) und hatte ein Bild vor Augen von Leuten, die handschriftlich alles Wichtige in ihrem Leben online bloggen und twittern. Hat mir schon gefallen.
    Vielen Dank für Deine Kulturgeschichte d. T.. Der Monitor meines Notebooks ist kaum größer als ein DIN-A4-Zettel (quer), also hat es doch gepasst!

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    • Danke für den Hinweis. Ich habe den Satz geändert, um derlei Missverständnissen vorzubeugen. Handschriftliches Bloggen/Twittern hätte auch seinen Reiz, denn durch die Druckschriften ist doch alles ziemlich uniform geworden, abgesehen davon, dass die Druckschrift verbirgt, dass sich im Internet primär einzelne Individuen äußern.

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      • Ich mag es, wie Mitzi Fotos, teilweise von Handschriften, über ihre Blogeinträge stellt. Das macht das restliche Getippte wirklich persönlich.
        Leider ist meine Handschrift im Laufe meines langjährigen exzessiven Herumtippens dermaßen unleserlich geworden (und hübsch war sie schon vorher nicht), dass „Arial“ vielleicht doch eine gute Alternative ist. Wenn ich will, dass jemand bei mir liest jedenfalls.

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        • Dieses Stilmittel in MItzis Blog gefällt mir auch gut. Dass die Handschrift verkommt, wenn man sie zu lange vernachlässigt, kann ich für mich bestätigen. Mir fällt es auch immer schwerer, einen längeren handschriftlichen Text zu schreiben, ohne dass die Hand krampft. Chirospasmus war früher nur ein hübsches Fremdwort für mich.

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  2. Lieber Jules, ich bin froh, dass es mehr als zwei DIN A4 Seiten geworden sind. Alleine die Bilder, Beispiele und sonstige „Beigaben“ haben den sonst womöglich etwas trockenen Inhalt zu etwas gemacht, das man gerne liest. Zum einen weil es interessant ist, zum anderen weil du daraus eine kleine Geschichte gemacht hast.
    Kompliment für diese herrliche Nussschale.

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    • Das freut mich, liebe Mitzi. Und auch, dass du die Bildbeigaben lobst. Um alles anschaulich zzu machen, konnte ich auf eine erfreulich große Materialsammlung zurückgreifen. Gerade zum heutigen Beitrag hätte ich aber gerne noch einen Letrasetbogen gezeigt. Deren habe ich mal ziemlich viele besessen, aber wohl beim letzten Umzug weggeworfen. Dankeschön für dein schönes Kompliment!

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  3. Das ist ein wirklich gelungenes Werk, lieber Jules. Ich habe es auch mit grossem Interesse verfolgt. Ich finde den Katalog der Schriften von 1970 auch sehr interessant, viele kenne ich.

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    • Herzlichen Dank für Lob und Interesse, liebe Ann. Der Letrasetkatalog wurde in den 1970-ern jährlich neu aufgelegt. Ich war immer gespannt, was es an neuen Angeboten gab. Leider habe ich keinen Letrasetkatalog mehr verwahrt. Einige der Schrifttypen auf der Gesamtübersicht habe ich heute auf meinem Computer, aber längst nicht alle. Denn manche sind zu speziell. Es gab noch einen Anbieter, Mecanorma oder so. Der brachte nur Schmuckschriften heraus, die in den 70ern speziell für den Markt der Anreibeschriften geschaffen worden waren.runter waren auch typografische Unglücke. Aber das Letraset-Angebot hatte Qualität. In den USA sind dir sicher noch mehr ITC-Schriften begegnet, die Benguiat beispielsweise https://en.wikipedia.org/wiki/ITC_Benguiat

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  4. Letrasetbögen.
    Ich glaube, lieber Jules, noch irgendwo welche zu haben, irgendwo in den Tiefen meines Kellers. Falls ich sie finde, mache ich gern Bilder davon.
    Ich mochte schon immer mit Schriften „gestalten“: mit Schriftschablonen und Tusche oder mit Letraset-Rubbelbuchstaben. Wobei die einzelnen Bögen nicht gerade billig waren. Und auf wie vielen dieser Letrasetbögen blieben immer noch Zeichen oder Buchstaben übrig, weil sie nicht oder nur selten gebraucht wurden.
    Gemein war es, wenn beim Aufrubbeln ein Buchstabe einen Riss bekam, weilman ein zu weiche Unterlage gewählt hatte. Dann blieb nur, den gleichen Buchstaben hoffentlich genau darüberzurubbeln, was nicht immer gelang.
    Dank Deiner Ausfzeichnungen erinner eich mich wieder daran, welcher Aufwand doch notwendig war, etwas „Gedrucktes“ herzustellen, und wie selbstverständlich wir heute mit erschwinglichen Laserdruckern Texte zaubern.

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    • Habe ich eingefügt.
      Wenn du Letrasetbögen fotografieren könntest, wäre toll, lieber Lo. Letraset war ein Meilenstein in der medialen Technikgeschichte und ist jüngeren Generationen nur noch selten ein Begriff. Schön, dass wir hier auf gemeinsame Erfahrungen zurückgreifen können. Ich habe ja mein Studium mit grafischen Arbeiten finanziert und war ein Großabnehmer von Letraset. Da habe ich mich oft geärgert, wenn bestimmte Buchstaben zu knapp vorhanden waren. Meistens waren zu wenige „e“ auf einem Bogen. Ich layoutete beispielsweise ein wallonisches Magazin. Im Französischen ist das „e“ noch häufiger als im Deutschen. Da musste ich oft basteln. Aus meiner Zeit als Schriftsetzer kannte ich das. Auch im Schriftkasten konnten Lettern fehlen. Wenn ich mich dann beklagte, sagte mein Geselle: „Mit Material kann jeder arbeiten“, ein Spruch, der mich geprägt hat. Gut, dass du noch die Schriftschablonen erwähnst. Die Architekten und Ingenieure letterten damit die Normschriften für ihre Pläne.

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  5. Mit der Aussage im ersten Satz bin ich nicht einverstanden, wieso sollte „mit dem Aufkommen des Internets [enden], was wir unter Buchkultur verstehen“? Es gibt doch immer noch wunderbar gedruckte und gestaltete Bücher.

    Mit Letraset habe ich früher meinen Tonbandschatullen (Tonband ist inzwischen auch so etwas ganz altes) ordnungverleihende Buchstaben verpasst. Das war schon nach der Zeit meines Studiums, in dem ich etliche technische Zeichnungen mit der Schablone beschriftet habe (noch so eine wirklich schöne Schrift, die DIN-Schrift).

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  6. Danke für die überaus interessante Reise ins Reich der Typografie. Sie hätte durchaus länger ausfallen dürfen.

    Ob meine Texte künftig besser werden, wage ich zu bezweifeln. Dennoch werde ich versuchen, meinen Blödsinn „bewusster“ zu schreiben … 🙂

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