Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 5) Aufstieg und Abschaffung der Fraktur

Folge 1 Antikes Geschrei
Folge 2 Lesen wie Bienensummen
Folge 3 Faustischer Buchdruck
Folge 4 Fraktur versus Antiqua
Obwohl die Fraktur auch in Deutschland kaum noch verwendet wird, will ich ein paar Worte über diese Schrift verlieren, weil sie untrennbar mit unserer Geistesgeschichte verbunden ist. Fraktur ist ein Oberbegriff für alle gebrochenen Schriften, also auch für Textura und ihren Abkömmling Schwabacher. Fraktur heißt aber auch eine Barockschrift, die in Abwandlung der gotischen Textura entstanden ist. Ihre Entstehung ist eng mit Kaiser Maximilian I. verknüpft. Im Jahr 1508 ernannte er den Augsburger Bürger Johann Schönsperger zum kaiserlichen Hofbuchdrucker und beauftragte ihn mit dem Druck eines prunkvollen Gebetbuchs. Dafür sollte Schönsperger besondere Drucktypen schneiden. Die kalligraphischen Vorlagen stammten aus der höfischen Kanzlei. Das Gebetbuch wurde 1513 fertig und mit ihm das erste Druck-Erzeugnis, das die Fraktur benutzt. Die Schrift trägt die Charaktermerkmale der höfischen Herkunft und verdrängte rasch die Textura und die behäbig und plump wirkende Schwabacher, die seit 1472 in Gebrauch gewesen war.

Luthersche Fraktur (um 1522) aus: Hermann Virl, München 1948

Die Fraktur ist stilistisch eine Vorwegnahme des Barocks. Ihr schwunghafter Formenüberschuss ist Ausdruck einer neu erwachenden Lebensfreude, die sich im Hang zum Schnörkel äußert und ihre sprachliche Entsprechung in skurrilen Höflichkeitsarabesken hat. Beispielsweise schrieb Friedrich Schiller 1794 an den ranghöheren Johann Wolfgang von Goethe:

„Hochwohlgeborner Herr, Hochzuverehrender Herr Geheimer Rath!“ und schloss mit den Worten „Euer Hochwohlgeboren, gehorsamster Diener und aufrichtigster Verehrer, Jena 13. Juni 1794, F. Schiller“,

Um den sozial Höherstehenden zu ehren, wurden sein Name, sein Titel oder sonstige Bezeichnungen mit den besonders verzierten Großbuchstaben der Fraktur bedacht, als grafische Entsprechung der mündlichen Floskeln. So erklärt sich der im Barock zunehmende Gebrauch der Großschreibung. Die Großbuchstaben der Fraktur sind verzierte und hochgefürstete Kleinbuchstaben, dabei so verschnörkelt, dass man schwer die Grundform erkennen kann. Viele Großbuchstaben sind einander zum Verwechseln ähnlich und oft nur im Kontext eindeutig erkennbar. Der Fälscher der Hitler-Tagebücher, Konrad Kujau, sollte in den frühen 1980-er Jahren deshalb das A mit einem F verwechseln (davon später).

Jacob Grimm, der Ahnvater der deutschen Sprachwissenschaft, sah in der Fraktur die Ursache für die von ihm abgelehnte Großschreibung der Substantive. Denn indem die Großschreibung im Barock immer mehr ausuferte von der Kennzeichnung und Ehrung wichtiger Personen hin zur Großschreibung aller wichtigen Wörter, den sogenannten „Hauptwörtern“ eines Textes, wurde eine Regelung erforderlich. Dabei kam es irrtümlich zur Gleichsetzung von Hauptwörtern und Substantiva. Und jetzt haben wir den Salat, sind die einzige Kulturnation, die ihre Substantive glaubt groß schreiben zu müssen und quälen uns noch im Zeitalter des Internets mit einem barocken Irrtum. „Wertlose Einfälle von Schreiberknechten“, urteilt der dänische Sprachforscher Otto Jespersen und lieferte damit ein wesentliches Argument für die Abschaffung der Großschreibung in Dänemark im Jahr 1948. Seither sind wir Deutsche die letzten, die noch die verlauste barocke Perücke der Großschreibung tragen. Sie ist uns so zur Gewohnheit geworden ist, dass wir sie nie mehr abnehmen wollen. Bei der Orthographiereform von 1994 hat man sich gar nicht erst daran gewagt. Es hätte Hauen und Stechen gegeben.

Fraktur-Großbuchstaben an einer Hausfront in Hannover – Foto: JvdL

Es ist ein Nachteil der Demokratisierung der technischen Schrift, dass typografische Laien, von keinerlei Kenntnis angefächelt, den öffentlichen Raum beliebig verunstalten können. Eine Weile bin ich mit dem Fahrrad öfters an dieser Fassade im hannöverschen Stadtteil List vorbeigekommen, die von einer typografischen Katastrophe gezeichnet ist. Der Anblick hat mich jedes Mal geschüttelt. Man kann nur hoffen, dass der Inhaber dieses Ladens von „Schönen Sachen aus alter Zeit“ mehr versteht als von alten Schriften. Die Schriftzeile auf der Fassade hat sich der Händler von einem Stümper anbringen lassen und wusste selbst nicht besser, dass ein Text niemals mit Frakturversalien gestaltet werden darf, weil die Großbuchstaben der Fraktur schlicht unleserlich sind. Vermutlich hat sich deshalb bei “ANTIQUITÄETEN” zusätzlich ein überflüssiges E eingeschlichen.

Die schlechte Lesbarkeit der Fraktur-Versalien hat auch zu einer Panne bei den gefälschten Hitler-Tagebüchern geführt. Für die Einbände der Tagebücher hatte der Fälscher Konrad Kujau einzelne Großbuchstaben der Frakturschrift Engravers Old English in Hongkong gekauft. Dabei hatte er sich vergriffen, das große F für ein großes A gehalten. Deshalb trugen die Tagebücher die Initialen FH. Viele der so genannten Experten, die mit der Echtheitsprüfung der Tagebücher befasst waren, haben das übersehen. Später als es aufgefallen war, suchte man krampfhaft nach Erklärungen und interpretierte FH als “Führer Hitler”.

Eigentlich hätten die Einbände keine Fraktur haben dürfen, was die „Experten“ hätten wissen müssen. Denn die Nationalsozialisten hatten die Fraktur 1941 verboten und damit zum Leidwesen aller Deutschtümler eine zackige Kehrtwendung vollzogen. Bis dato hatte die Fraktur als typisch Deutsch gegolten, die dem eckigen Nationalcharakter der Deutschen entspreche. Der in einem Aufwasch ebenfalls verbotene Bund für deutsche Schrift beteuert das noch heute. Die Begründungen für das Verbot der Fraktur sind freilich sachlich falsch. Die Fraktur-Variante Schwabacher hat sich aus der Gotischen entwickelt, nicht umgekehrt wie im Rundschreiben behauptet wird.

Verbot der Fraktur (größer: Bitte klicken)

Die Behauptung, ein Jude habe die Schwabacher erfunden, führt der Schriftgießer Karl Klingspor auf die irrige Annahme zurück, der Erfinder trage den Namen des Ortes, aus dem er stammt, was nur bei Juden der Fall wäre. Laut Klingspor gab es zur fraglichen Zeit keine Druckerei in Schwabach. Die Schrift habe sich in Nürnberg entwickelt zu einer Zeit, in der den Juden der Aufenthalt in der Stadt verboten war. Überdies verboten die Zunftgesetze den Juden, das Handwerk des Druckers zu lernen.

Den wahren Grund nennt der Marburger Historiker Kurt Dülfer:

„[…] die plötzliche und vorbereitungslose Negierung [der Fraktur]) und ihre Ersetzung durch die als ‚Normalschrift’ bezeichnete Antiqua gehört in den Rahmen der im Nationalsozialismus vertretenen Idee des ‚Neuen Europa’.“ Vor allem erschwerte die Fraktur die schriftliche Kommunikation mit den Verwaltungen in eroberten Gebieten und eignete sich nicht für Propagandaschriften im Ausland. Die Mutmaßung, man habe Metall für militärische Vorhaben gebraucht, ist nicht belegbar. Es hätte vorausgesetzt, dass die meisten Druckereien bereits ausreichend mit Antiqualettern versehen waren, so dass man die Fraktur ausmustern konnte. Wahrscheinlicher ist, dass durch die Umstellung auch Bedarf für Schriftneuguss vorhanden war.


Exkurs Gebrauch der Fraktur im Laufe der Jahrhunderte
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Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 4) Fraktur versus Antiqua

Folge 1 Antikes Geschrei
Folge 2 Lesen wie Bienensummen
Folge 3 Faustischer Buchdruck
Die Handschrift, an der Gutenberg sich orientierte, hieß Textura. Wir kennen das Wort Textur für Gewebe. Wie ein unveränderliches Gewebe sollten die biblischen Worte sich zeigen. Die Bibel war der eigentliche Text. Dass wir heute unterschiedslos vom Text sprechen, ob Zeitungsartikel oder Beipackzettel, ist eine Verweltlichung, die mit dem Buchdruck ihren Anfang nahm. Die Textura hat die Stilmerkmale der Gotik, Engführung der senkrechten Striche und Brechung der Rundungen. Aus der Gotischen Schrift entwickelte sich die Fraktur (Fraktura, die Gebrochene). Nördlich der Alpen sollte sie für einige Jahrhunderte der vorherrschende Schriftstil sein. In den 30 Jahren nach dem Druck der 42-zeiligen Bibel verbreitete sich die Technik des Buchdrucks über ganz Europa. Druckwerke, die vor dem 31. Dezember des Jahres 1500 entstanden sind, heißen Inkunabeln (Wiegendrucke)

Verwandtschaft zwischen gotischer Architektur und dem Schriftcharakter Gotisch – aus: Karl Klingspor, 1941

Im Italien der Renaissance hatte sich beim Aufblühen der Wissenschaft unter den Schreibern eine eigene Schrift herausgebildet, Antiqua (die Alte) genannt. Irrtümlich hatte man die karolingische Minuskel für die Kleinbuchstabenschrift der Römer gehalten und sie mit den römischen Großbuchstaben, der Capitalis Monumentalis, verbunden, wie sie als Inschrift in Stein überliefert war.

Eigentlich verbindet die Antiqua also die statischen, überwiegend achsensymmetrischen Großeltern mit den Enkeln, die sich aus dem flüssigen Schreiben der Großbuchstaben entwickelt haben und sich durch übermütige Ober- und Unterlängen und fehlende Achsensymmetrie auszeichnen. Die erste Druckschrift-Antiqua wird trotz ihrer italienischen Herkunft  einem deutschen Drucker zugeschrieben. Der Straßburger Adolf Rusch soll 1474 damit gedruckt haben. Diese Zuweisung ist aber mit Vorsicht zu genießen. Sie wurde in der NS-Zeit ab 1941 behauptet, nachdem die Nationalsozialisten die Fraktur verboten hatten. Warum sollte sich ein deutscher Drucker an einer Handschrift orientiert haben, die fast ausschließlich in Italien geschrieben wurde? Die erste stilistisch ausgeprägte Antiquaschrift stammt vom in Venedig lebenden Franzosen Nicolas Jenson. Ebenfalls ein Franzose, der Schriftschneider und Typograf Claude Garamond schuf etwa um 1545 eine nach ihm benannte Antiquaschrift, die bis in die heutige Zeit stilbildend sein sollte. Sie ist noch heute die Grundschrift der Wochenzeitung Die Zeit.

Adobe Garamond pro – „The quick brown fox…“ enthält alle Buchstaben des Alphabets. Englische Fernmelder testeten damit die Funktion des Fernschreibers

Am 1. 5. 1992 wagte die Wochenzeitung Die Zeit, von der 46 Jahre lang für ihre Fließtexte benutzten Garamond auf die Times New Roman zu wechseln. Damit wandte man sich vom hellen, französischen Schriftcharakter, der lange Zeit das stilistische Ideal der kontinentalen Geisteswelt verkörperte, hin zu den bodenständigen, handfesteren Idealen der neueren angelsächsischen Typographie. Das haben viele Zeit-Leser nicht nachvollziehen können, wie die unzähligen Protestbriefe auf den Leserbriefseiten zeigten. Nach etwas zwei Jahren kehrte Die Zeit reuevoll zu einem Neuschnitt der Garamond zurück. Die Schrift transportiert eben mehr als den Textinhalt, nur schwingen die Gefühlswerte der Form beim Lesen meistens unbewusst mit. Es wird ein bewusstes Empfinden daraus, wenn die vertraute Gestalt plötzlich durch eine fremde ersetzt wird.

Exkurs Times New Roman Weiterlesen

So’n Mist! Tiefdruck schlägt Hochdruck

Der Mensch kann nicht immer alles gleich gut. Du wirst morgens wach und merkst, hui, heute bin ich irgendwie … was weiß ich was. Es gibt Tage, da fallen mir die passenden Wörter nicht ein, was eigentlich nur problematisch ist, wenn ich mit einem reden muss. Anderntags geht mir das Maul über, und die Sätze fließen ohne eigenes Zutun heraus, so dass ich nebenher Zeit habe zu denken, was ist denn das? Hat man mir letzte Nacht das Sprachzentrum tiefer gelegt und Heckspoiler montiert? Ähnlich ist’s mit dem Schreiben. Tastentippen geht immer, allein die richtige Reihenfolge will mir manchmal nicht einfallen. Dann bin ich froh, dass ich einen ganzen deutschen Satz hinbekomme, doch habe ich den Punkt gemacht, tut sich gar nichts mehr. Überbelastung des Systems, der Textgenerator wurde vorsichtshalber runtergefahren. Leichte Schläge auf den Hinterkopf helfen übrigens nicht, Kopfstand schon eher.

aktuelle Tiefdruckgebiete (Quelle: TU Berlin)

Heute morgen habe ich trotzdem Kommentare beantwortet. Es war mühsam, als hätte ich sie aus Käse geschnitzt. Hatte ich ein Wort hingeschrieben, tat es wer weiß wie groß von wegen „Mit mir ist das Wesentliche schon gesagt“ und wollte keine weiteren Wörter neben sich dulden. Setzte ich doch eines daneben, begannen sogleich die Hahnenkämpfe, wobei jedes das andere zu überflügeln drohte. Am Ende waren beide derart gerupft, dass ich sie ganz aus dem Ring nehmen und ersetzen musste. Natürlich. Das Wetter hat sich über Nacht gedreht. Tief Christoph zieht übers Land, von oben dräut Tief Bernd und von hinten schleicht sich Tief Dieter an. Das ist die Großwetterlage, meine Herren. Die Kerle haben die Wetterpatenschaft bei der TU Berlin ersteigert. Ja, muss das denn sein. So ein Quatsch! Hoffentlich werden sie von sich selbst ordentlich nass gemacht.

Seit acht Uhr heute Morgen klopfen des Hausbesitzers Lieblingshandwerker in der leerstehenden Wohnung schräg über mir im Bad die Fliesen ab. tock, tock, tock, tock tock. Auf der Straße unten rasselt ein Presslufthammer. Mir ist kalt. Danke Christoph Schröder! Unter den Bedingungen werde ich mich hüten, an der Kulturgeschichte der Typografie weiter zu schreiben. Im Kopf ist alles soweit durchdacht, doch ans Aufschreiben traue ich mich nicht. Es ist einfach zu anstrengend. Buchdruck ist ja ein Hochdruckverfahren.

Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 3) Faustischer Buchdruck – Die Schwarze Kunst

Das Besondere an der Erfindung des Buchdrucks ist die bewegliche Druckletter aus Blei, Zinn und Antimon. Als Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, um das Jahr 1435 damit experimentierte, sicherte er sich als Gehilfen den Kalligraphen Peter Schöffer, denn die Gestaltung der Drucklettern sollte den schönsten Handschriften seiner Zeit entsprechen. Gutenberg hatte den Ehrgeiz, seine Drucke wie handgeschrieben aussehen zu lassen. Dazu übernahm er auch den typografischen Formenkanon mittelalterlicher Handschriften, den Satzspiegel (das Verhältnis von Textblock zum Papierformat), den Blocksatz, den Schriftcharakter und die für die Bibel gängige Schriftgröße. Das erklärt die herausragende Qualität seines Meisterstücks, der 42-zeiligen Bibel. Doch das Zeitalter des Buchdrucks beginnt mit einem Wirtschaftsverbrechen, das erst Mitte des 19.Jahrhunderts aufgedeckt wurde. Bis dahin galt nicht Johannes Gutenberg, sondern Johannes F(a)ust als Erfinder des Buchdrucks. Dazu frühe Zeugnisse:

„Fausts so schön gedruckten und einander so gleich kommenden Bibeln, die er in Paris zwar immer noch theurer, aber viel wohlfeiler verkaufte, als die dasigen geschriebenen verkauft werden konnten, wurden für Werke gehalten, die nicht auf gewöhnliche, erlaubte Weise hervorgebracht waren“,

… schreibt der Schriftschöpfer, Verleger und Gelehrte Johann Gottlob Immanuel Breitkopf in seinem Aufsatz „Über Buchdruckerey und Buchhandel in Leipzig“ (Leipzig 1793). Gemeint ist der Mainzer Anwalt, Geldverleiher und spätere Buchdrucker Johannes F(a)ust. Am Anfang dieses historischen Irrtums steht ein kapitalistisches Lehrstück. Gutenberg hatte sich von Johannes Fust mehrmals Geld geliehen, zuletzt 800 Taler für den Druck der 42-zeiligen Bibel. Als die Bibel beinahe fertig gedruckt war, verlangte Fust sein Darlehen zurück, weil Gutenberg es angeblich zweckentfremdet hatte. Gutenberg konnte nicht zahlen, und so ließ Fust seine Werkstatt pfänden, um sich in den Besitz der Druckerei zu bringen. Vorher hatte er sich die Unterstützung von Peter Schöffer gesichert. Es kam zu einem Prozess, den Gutenberg verlor. Er erschien nicht einmal selbst vor Gericht. Denn als er erfuhr, dass sein Geselle Peter Schöffer mit Fust gemeinsame Sache machte, wusste Gutenberg, dass er verloren hatte. Die Geschichte wird in dieser Werbeanzeige hübsch illustriert dargestellt, die Motive des Verräters Peter Schöffer habe ich in der Dramatisierung „Die Lib zu Christinen“ erzählt [zu lesen am Schluss dieses Eintrags]:

„Fust wins suit. Gutenberg loses shirt“ (Geschäftsanzeige in: Upper and lower case, 1/1983)
Die Federzeichnung zeigt Gutenbergs Druckerei, darin den verzweifelten Gutenberg mit der 42-zeiligen Bibel in der Hand, hinter ihm einen Büttel, der die Hand auf seine Schulter legt, daneben den skrupellosen Fust, der die Schuldverschreibung präsentiert. Einer der vier Gesellen im Hintergrund muss Gutenbergs erster Gehilfe Peter Schöffer sein.


Gutenbergs weiteres Leben liegt im Dunkeln. Fust und Schöffer betrieben erfolgreich die erste Buchdruckerei der Neuzeit. Doch Fust wurde nachgesagt, dass er mit dem Teufel im Bunde war, denn gegen Ende des 16. Jahrhunderts kam es zu einer Vermischung der Legenden über den Buchdrucker Johannes Faust und den Taschenspieler Georg Sabellicus aus Knittlingen, der sich Faust der Jüngere nannte. In einer Reihe von Dramatisierungen um die Wende des 18./19. Jahrhunderts wird Faust als der Erfinder des Buchdrucks und gleichzeitiger Schwarzkünstler dargestellt, so in J. N. Komarecks Schauspiel: „Gemählde aus der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts“ von 1794. Das Faust’sche Haus ist hier „eine Wohnung des Satans, der Mittelpunkt der Hölle.“ Jean Paul verweist darauf, dass die durch die Druckerei arbeitslos gewordenen und hungernden Schreibermönche mit Recht sagen würden, „den Erfinder derselben, den Doktor Faustus, hätte leider der Teufel unstreitig geholet.“ Und Grillparzer dichtet:

O lichte Schwarze Kunst,
Ob Gutenberg, ob Faust,
War man zu Recht im Zweifel,
Denn halb kommst du von Gott,
Und halb kommst du vom Teufel.

Der schlechte Ruf der Druckkunst erklärt vielleicht den seltsamen Gruß der Buchdrucker:
„Gott grüß die Kunst!“, grüßt der Drucker. „Gott grüße sie!“, ist die korrekte Antwort.Indem sie sich so gottesfürchtig zeigen, glauben sie den Ruch des Teufelswerks zu widerlegen.

Drucken hieß früher „Prenten“, im Niederländischen „prenten“. Die Entsprechung im Englischen ist „to print“, vergl. „Printmedien.“ Die Niederländer glauben, sie hätten einen eigenen Erfinder der Druckkunst: Laurens Janszoon Coster soll die ersten Lettern in einer Sandform gegossen haben. Sie können zum Beweis allerdings fast nichts vorweisen. Doch es gibt eine Geschichte, die besagt, Johannes Faust sei sein Geselle gewesen. Er habe dem Coster in der Heiligen Nacht die Druckkunst gestohlen, als alle anderen in der Christmette waren. So einer muss doch mit dem Teufel im Bunde sein. Denn in der Heiligen Nacht zu stehlen, traut sich das ein einfacher Mensch?

Der schwarzmagische Ruf der Druckkunst ist längst vergessen. Heute wissen wir, dass mit dem Buchdruck das Denken der Neuzeit begann. Der Buchdruck brachte die Trennung von Religion/ Magie und Wissenschaft, den Rationalismus der Aufklärung, formte und verbreitete die Hochsprache und prägte unsere kulturellen Vorstellungen bis zum Ende des 20. Jahrhundert.

Die Macht des gedruckten Wortes schwand mit dem Aufkommen des Computers. Indem das gedruckte Wort buchstäblich sein Gewicht verlor und vom Blei über Fotopapier in die digitale Welt entfleuchte, kommt etwas Neues auf, ein Denken, das zunehmend vom Internet geprägt wird. Welche Folgen das hat, wie sich das digitale Denken auf unsere Kultur auswirken wird, ist noch nicht abzusehen. Wir erleben diese Zeit des Umbruchs gerade und wirken daran mit. Noch fehlt dem Internet die Akzeptanz, wie sie auch dem Buchdruck in seinen Anfängen fehlte. Wer beispielsweise seine Texte nicht drucken lässt, sondern sie im Internet in einem Blog veröffentlicht, erfährt noch lange nicht die Anerkennung, die ein gedruckter Autor hat. Ähnliches gilt für den Journalismus. Hier verteidigen die Journalisten ihre gedruckte Zeitung gegen die Internetauftritte wie einst die Kalligraphen und Schreiber gegen den Buchdruck kämpften.

Seit Mitte 70er Jahre des 20. Jahrhunderts ist der Bleisatz und mithin der klassische Buchdruck museal. Setzkästen werden heute bei Ebay von Fingerhutsammlern für ihre Exponate ersteigert. Manche bewahren in Setzkästen ihre Überraschungseier-Figurensammlung auf. Am Ende wird alles Hehre banal. Weiterlesen

Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 2) Lesen wie Bienensummen

Bis etwa zum 8.Jahrhundert nach Christus hatte die Alphabetschrift nur Großbuchstaben (Majuskeln). Bei den Römern war sie in Wachs geritzt oder in Stein gemeißelt worden. Beeinflusst vom Schreibgerät Federkiel und dem Beschreibstoff Pergament rundet sich die Schrift und bekommt deutliche Ober- und Unterlängen. Die karolingische Minuskel, eine reine Kleinbuchstabenschrift, ist entstanden. Fast gleichzeitig mit der Entwicklung der Kleinbuchstaben kommt der Wortzwischenraum auf, ein typografischer Entwicklungsschritt, der die Lesetechnik revolutioniert hat. Nach Ivan Illich wurde die Aufteilung der Zeile in Wörter eingeführt, um halbalphabetisierten irischen Barbaren, „keltischen Ignoranten“ und „Idiotae“, die sich auf das Priestertum vorbereiteten, das Lateinlesen zu erleichtern. Mit dem Wortabstand entstehen die Technik des leisen Lesens und die Idee des Wortbildes. Es hat im Mittelalter analphabetische Kalligraphen gegeben, die allein Wortbilder abmalten, woraus sich die vielen fehlerhaften Abschriften aus dieser Zeit erklären. (Bei der Ganzwortmethode im Erstleseunterricht kehrt dieser Denkansatz seltsamerweise wieder.) Als die Wörter noch ohne Abstand in Zeilen standen, konnte nicht leise gelesen werden. Das Einerlei der Buchstaben zwang zum lauten Buchstabieren. Indem der Leser sich selbst vorlas, wandelte er die aufgeschriebene Sprache wieder in Laute um und wurde stellvertretend für den Autor zum Sprecher. Demgemäß sind mittelalterlich Skriptorien erfüllt gewesen von einem leisen Murmeln. Die lesenden Mönche waren „Murmler im Weinberg des Textes“, schreibt Illich und verweist auf die Bereiche, in denen sich das laute Lesen noch bis in die heutige Zeit erhalten hat: Der Hirtenbrief in der katholischen Kirche muss von der Kanzel verlesen werden. Desgleichen muss ein Notarvertrag laut gelesen werden, damit er wirksam wird. Die Vorlesung an Universitäten entspricht ebenfalls dieser Tradition. Darüberhinaus sollte ein Gedicht natürlich auch laut gelesen werden, damit es seine poetische Wirkung entfalten kann.

McLuhan weist auch darauf hin, dass beim leisen Lesen die „Stimmwerkzeuge“ in Bewegung sind, so dass „manche Ärzte den Patienten mit schweren Halsentzündungen verbieten zu lesen, weil das stille Lesen Bewegungen der Stimmorgane auslöst, obwohl der Leser sich dessen vielleicht nicht bewusst ist.“

Die leere Stelle zwischen Wörtern befreite die Schrift vom Laut. Es hat also etwa 1600 Jahre gedauert, bis sich die Schrift völlig vom Sprecher entfernte und eigenständig wurde, was gewiss nicht nur Vorteile hat. Es wird möglich, Papierdeutsch zu schreiben. Viele Verwaltungstexte sind in einer Sprache verfasst, die nie gesprochen wurde und hässlich tönt, wenn man es doch versucht. So ganz hat sich der alphabetisierte Mensch noch nicht von der Lautsprache gelöst. Guter Schreibstil berücksichtigt den Laut. Ein Text ist nur schön, wenn er auch schön klingt. Wer seinen Schreibstil verbessern möchte, sollte sich die eigenen Texte selbst vorlesen. Wenn ich vor Lesungen meine Texte geübt habe, sind mir Stellen aufgefallen, die schwierig vorzulesen sind, und ich habe sie geändert.

Mehr in der Neuerscheinung „Buchkultur im Abendrot“

Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 1) Antikes Geschrei

Da wir als Bloggerinnen oder Blogger uns der technischen Druckschriften aus dem Printmedium bedienen, sind wir vor jeder Veröffentlichung vor typografische Fragen gestellt, selbst wenn uns die Blog-Software über die vorgefertigten Themes viele Entscheidungen abnimmt. Schriftwahl und Satzbreiten, Block-oder Flattersatz, Zeilenabstände, Textfarbe und mehr sind vorgegeben und nur über Umwege zu verändern. Das nehmen viele Bloggerinnen und Blogger so hin, weil sie typografische Laien sind. Es scheint so, dass auch viele Themes von typografischen Laien programmiert worden sind, was an falscher Schrifttype, zuviel Farbe, viel zu groben Abständen an Absätzen oder bei Bildunterschriften ablesbar ist. Es gibt sicherlich schwerwiegendere Probleme auf der Welt. Tut es da nicht gut, sich einfachen Sachverhalten wie dem schönen Aussehen von Texten zuzuwenden? Aber geht es in der Typografie überhaupt um Schönheit? Nur zweitrangig. Oft genug wird mit den Kanonen der Form nach den Spatzen des Inhalts geschossen. Primar dient Typografie dazu, Texte lesbar zu machen. Die beste Typografie hält sich im Hintergrund. Schlechte Typografie knirscht beim Lesen. Typografie beeinflusst also das Lesen, das Denken und prägt unsere mediale Kultur. Interessanter Weise hinkt die typografische Formensprache jeder medialen Entwicklung um einen Schritt hinterher. Da heißt, sie bedient sich zunächst der formalen Mittel ihres Vorgängers.

Was genau ist Typografie überhaupt? Versuchen wir eine möglichst allgemeine Definition:

Demnach beginnt Typografie nicht erst mit der Druckkunst, sondern weit früher. Beginnen wir beim antiken griechischen Alphabet. Frühe Zeugnisse des griechischen Alphabets sind uns auf Vasen übermittelt. Dargestellt ist ein Sprecher. Seine Worte entströmen als Spruchband seinem Mund, das sich um das Gefäß windet. Diese typografische Bild-Textkombination verdeutlicht das Besondere und bis dahin einmalige der frühen griechischen Schrift. Sie vermittelt die Inhalte nicht über sinnbildhafte Zeichen (wie die chinesische Schrift), nicht über Ideogramme (wie unsere Zahlzeichen) sondern hält den flüchtigen Sprachlaut fest. Die Lautschrift ist um etwa 900 v. Chr. entstanden, als das griechische Alphabet aus dem phönizischen Alphabet übernommen wurde.

Der erste typografische Entwicklungsschritt ist es, das Bild des Sprechers wegzulassen und die schier endlose Rede vom dreidimensionalen Beschreibstoff in die zweidimensionale Fläche zu übertragen. Der Urheber der Rede wird beim Lesen nur noch mitgedacht. Damit seine aufgeschriebene Rede weiterhin ununterbrochen dargestellt werden kann, erscheint sie furchenwendig, genannt Bustrophedon (Wie der Ochse pflügt).

Zum Verständnis: Wenn der Bauer mit einem Ochsengespann die Richtung wechseln will und am Zügel zieht, dann stampfen die Ochsen einfach weiter, drehen nur gleichmütig den Kopf zur Seite, denn sie gehen im Joch, ziehen mit der Stirn. Erst nach einer Weile bequemen sie sich, weshalb das Pflügen mit Ochsen nur in weiten Schleifen geht. Die Weise so zu schreiben heißt Bustrophedon. Es bezeichnet die Schreibtechnik abwechselnd rechtsläufig und linksläufig, wie es in der Frühzeit der griechischen Schrift üblich war. Es gab keinen Zeilenumbruch, sondern gegen Ende der Zeile wird im großen Bogen furchenwendig weiter geschrieben. Sobald die Gegenrichtung erreicht ist, schlagen die Buchstaben um, diese Zeile weist also Spiegelschrift auf. So mäandert der Text wie ein einziges Band über die Schreibfläche, getreu der Vorstellung, mit der Schrift das gesprochene Wort wieder zu geben. Denn der Mensch redet nicht in Zeilen, macht am Ende einer gedachten Zeile keine Pause oder ein Klingelzeichen wie die mechanische Schreibmaschine. Eine linksläufige Zeile in Spiegelschrift war dennoch einfach zu lesen. Die meisten der 20 Zeichen der griechischen Großbuchstabenschrift hatten keine Schriftrichtung, wie wir das in der Alpabetschrift noch kennen bei A,H, I,M,O,T,U-V-W, X, Y

Buchstaben ohne Richtung, Achsensymmetrie im Alphabet (U V und W waren einst ein Buchstabe)[


Erst wenn die revolutionäre typografische Idee aufkommt, dass man die Rede in Zeilen aufteilen kann, ohne sie zu unterbrechen, verläuft auch die Schreibrichtung beständig von links nach rechts. Die Wahl der rechtsläufigen Schreibrichtung hängt mit dem Wechsel vom zuvor verwendeten Rohrpinsel auf die Rohrfeder zusammen. Beim Schreiben mit der Rohrfeder liegt die Schreibhand auf dem Beschreibstoff auf. Somit verdeckt sie das Geschriebene, wenn von rechts nach links geschrieben wird. Anders ist es beim Linkshänder. Die für ihn passende Schreibweise wäre linksläufig in Spiegelschrift.

Der nächste typografische Entwicklungsschritt findet quasi im Off statt, wenn die griechische Schrift von den Römern übernommen und zum lateinischen Alphabet umgeformt wird.

Anmerkung zum Untertitel: Das griechische wie das lateinische Alphabet hatten nur Großbuchstaben. Im heutigen Internet gilt ausschließlich Großschreibung als Geschrei. Demgemäß wären antike Texte allesamt die Wiedergabe von Gebrüll.

Mehr in der Neuerscheinung „Buchkultur im Abendrot“

Wer hat die käufliche Dame geschwängert?

Die ästhetischen Prinzipien der Typografie sind den meisten Bloggern so gut wie egal, weil uns die vorgefertigten Themes die wichtigsten Gestaltungsaufgaben abnehmen. Doch vieles am Teestübchen Trithemius würde ich gerne typografisch feiner abstimmen, habe mich aber mit unschönen Abständen und dergleichen arrangiert, meine typografischen Vorstellungen an die Möglichkeiten der Blogsoftware angepasst. Ich kannte mal eine hochintelligente Berliner Juristin ein wenig näher. Als Bloggerin hatte sie sich innerhalb kürzester Zeit in die Cascading-Style-Sheets (CSS)-Programmierung hineingefuchst und konnte die Teppichhaus-Blogs bei blog.de und twoday.net meinen typografischen Vorstellungen anpassen. Leider habe ich den Kontakt zu ihr verloren. Von ihr ist mir nur die Engeltasse Cornelia geblieben, aus der ich meinen Kaffee trinke, weshalb ich täglich an sie denken muss und mein Herz ein bisschen blutet.

Weil ich selbst zu dumm oder zu faul träge bin, CSS zu lernen, wobei das eine mit dem andern eng verwandt ist, muss ich mich nicht nur mit einer hölzernen Typografie bescheiden, sondern auch dulden, dass typografische Veränderungen hinter meinem Rücken ablaufen. Texte, an denen ich so lange gefeilt hatte, bis sie als Block in etwa gleich hoch neben ein Bild passten, passen nach einiger Zeit nicht mehr. Ein fremder Leser, der einen älteren Text aufruft, wird denken: „Welch typografischer Laie war denn hier am Werk? Kann denn der Mann nicht ein bisschen aufpassen, damit er nicht dauernd Hurenkinder in die Welt setzt? Entschuldigung! Ich habe die Dame nicht geschwängert. Falls hier Kinder mitlesen, will ich den Bereich der sexuellen Anspielungen verlassen und den Fachbegriff aus der bilderreichen Druckersprache übersetzen: Ein Hurenkind ist die letzte Zeile eines Absatzes, die verloren auf einer anderen Seite steht oder wie in den beiden Bildbeispielen verloren unter einem eingerückten Foto, genannt „Umläufer.“

Hässliche Hurenkinder in meinem Blog – Wer hat die gemacht? – Montage: JvdL

Weil ich gerne Umläufer im Text habe, damit Fotos oder Abbildungen sich nicht zu sperrig zwischen Textabschnitte legen, muss ich immer am Text herumbasteln, muss ihn entfalten, damit er länger wird, meistens aber kürzen und umformulieren. Besonders Kürzungen kommen einem Text zugute. Man glaubt ja nicht, wie viele Wörter in einem Absatz sprachlicher Ballast sind und weg können. Die Diktion wird auf jeden Fall saftiger, wenn die Füllwörter heraus gekürzt sind. Der Kürzungsaufwand lohnt, und ich nehme mir gerne die Zeit dafür. Wie aber kommt es nur, dass Formatgestaltungen, die mal mit großer Mühe passend gemacht wurden, plötzlich nicht mehr passen? Mir scheint, dass hinter unserem Rücken ständig an der wordpress-Software herumgebastelt wird, so dass sich der Zeilenfall oder die Abstände zwischen Bild und Text verändern. Oder hat jemand eine bessere Erklärung für dieses Phänomen?