Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 8) Typografisches Messen

Folge 1 Antikes Geschrei
Folge 2 Lesen wie Bienensummen
Folge 3 Faustischer Buchdruck
Folge 4 Fraktur versus Antiqua
Folge 5 Aufstieg und Abschaffung der Fraktur
Folge 6 Die unendliche Setzerei
Folge 7 Kanonen der Form

Wenn ich mir Entfernungen räumlich vorstellen will, greife ich zurück auf frühe Erfahrungen. Zwischen unserem Dorf und dem Bahnhof des Nachbardorfes lagen zwei Kilometer. Die Strecke bin ich gegangen, wann immer ich mit dem Zug fahren wollte. Die Entfernung nach Köln betrug 20 Kilometer. Bei klarer Sicht konnte man über die Felder hinweg ganz schemenhaft den Kölner Dom sehen. Die Kreisstadt Grevenbroich war zwölf Kilometer entfernt. Da war das Freibad, und ich bin mehrmals mit dem Fahrrad hingefahren. Zum Kloster Knechtsteden mit seiner Klosterschule radelte man sechs Kilometer.

Noch heute breche ich Entfernungsangaben auf diese vier Koordinationspunkte herunter. Das korrespondiert natürlich überhaupt nicht mit Erfahrungen, die man bei einer Reise mit modernen Verkehrsmitteln macht. Eine Weile fuhr ich mit dem ICE von Hannover nach München und zurück. Interessanter Weise ließ die Aufmerksamkeit für die Strecke in der Weise nach, in der sie die mit Sinnen erfassbaren Bereiche überstieg. Letztlich hatte ich jedes Mal etwa viereinhalb Stunden im Zug gesessen, konnte mir aber die zurückgelegte Entfernung nicht vorstellen. Das scheint einer menschlichen Konstante zu entsprechen, dem Tagesmarsch. Mehr als 50 Kilometer kann sich auch der heutige Mensch nicht vorstellen. Was das mit Typografie zu tun hat?

Auch kleine Dimensionen stelle ich mir bezogen auf frühe Erfahrungen vor. Dabei hilft mir das typographische Maßsystem, Abstände unterhalb eines Zentimeters einzuschätzen, das ich mit 13 Jahren kennenlernte, als ich eine Schriftsetzerlehre begann. Das typographische Maß ist eine Einteilung nach dem Pariser Schriftgießer Didot (1795). Grundlage ist das französische Zoll. Die kleinste Einheit ist der Punkt, die höhere das Cicero, 12 Punkt = 1 Cicero. Die genaue Stärke eines Punktes beträgt 0,376065 mm, das heutige Rechnungsmodul hat 0,375 mm, demnach ist 1 Cicero gleich 4,5 mm. Da es in der Typografie um feine Proportionen und Aufteilungen geht, bevorzugen die Typografen das typografische Maßsystem vor dem Dezimalsystem. Die 10 ist nur teilbar durch sich selbst, die 5, die 2 und 1. Die 12 ist vorteilhafter, weil teilbar durch sich selbst, durch 6, 4, 3 , 2 und 1. Die typographische Messleiste heißt Typometer. Moderne Typometer haben typographische und metrische Einteilung. Ein Scherz unter Schriftsetzern der Bleizeit: “Rutsch mal ein Cicero zur Seite!”

Die Etymologie von “Cicero” ist unklar. Entweder ist es nach dem Erstdruck der Briefe Marcus Tullius Ciceros von 1466 durch den Frühdrucker Peter Schöffer oder nach dem Schriftschöpfer Hans Cicero (16. Jh.) benannt. Alle im Bleisatz gängigen Schriftgrößen tragen Namen. Die Größenangaben beziehen sich auf den Schriftkegel, also auf die Ausdehnung des Bleikörpers. Das Schriftbild ist jeweils kleiner. Gedruckte Schrift wird deshalb vom Kopf der ersten bis zum Kopf der zweiten Zeile gemessen. Ein korrektes Ergebnis kommt aber nur heraus, wenn die Zeilen kompress, also ohne Durchschuss gesetzt sind. Doch durch die im 19. Jahrhundert in den USA erfundene Linotype-Setzmaschine verbreitete sich auch in Europa mit dem amerikanischen Pica-Point ein alternatives Punktsystem. Ein Pica entspricht gerundet 0,3527 mm, ist also kleiner als ein Punkt nach Didot (0,375) Im Foto- und Computersatz, generell in der digitalen Typografie überwiegt bei allen Größenangaben heute das Pointsystem.

Um der Maßverwirrung zu begegnen, einigten sich die deutschen Typografen 1978 auf das Dezimalsystem. In der Praxis konnte es sich nur bedingt durchsetzen, so dass die Situation eher verschlimmert wurde. Der Einsatz des Personal-Computers in der Typografie hat die Verwirrung potenziert. Dies liegt besonders an der sehr stark unterschiedlichen Auslegung von Soft- und Hardware. Man kann hier die Maßangaben nur als Erfahrungswerte benutzen. Sie sind hilfreich für den Vergleich untereinander. Da die Darstellung der Schriftgrößen am Bildschirm nur selten exakt dem späteren Ausdruck entspricht, ist das Prinzip “What You See Is What You Get” im halbprofessionellen Bereich kaum einzulösen.

Im Druck trifft das das typografische Maßsystem mit dem Dezimalsystem des Papierformats zusammen. Was ist das Besondere am DIN-Format? Am 22. Oktober 1786 schrieb der Philosoph Georg Christoph Lichtenberg in einem Brief an den Philosophen und Ökonom Johann Beckmann:

“Ich gab einmal einem jungen Engländer, den ich in Algebra unterrichtete, die Aufgabe auf, einen Bogen Papier zu finden, bei dem alle Formate als forma patens (…) einander ähnlich wären. Nach gefundenem Verhältnis wollte ich nun einem vorhandenen Bogen eines gewöhnlichen Schreibpapiers mit der Schere das verlangte Format geben, fand aber mit Vergnügen, daß er ihn würklich schon hatte. (…) Die kleine Seite des Rechtecks muß sich nämlich zu der großen verhalten wie 1:√2 oder wie die Seite des Quadrats zu seiner Diagonalen. Die Form hat etwas Angenehmes und Vorzügliches vor der gewöhnlichen. Sind den Papierform-Machern wohl Regeln vorgeschrieben, oder ist diese Form durch Tradition nur ausgebreitet worden?”

Lichtenberg ist demnach nicht der Erfinder des DIN-Formats, wie man gelegentlich lesen kann, sondern hat das Format gefunden und als erster beschrieben. Er macht auf ein bis dahin geheimes Formatprinzip aufmerksam, an dessen Veröffentlichung die Papierhersteller kein Interesse hatten. Wie alle Handwerker hüteten sie ihre Geheimnisse. Auch wurde das Formatprinzip nicht sonderlich bevorzugt, denn es gibt schönere Proportionen wie zum Beispiel den Goldenen Schnitt oder die mittelalterliche Idealproportion 2:3. So waren auch 100 Jahre nach Lichtenbergs Brief in Deutschland immerhin noch 17 verschiedene Papierformate gebräuchlich, von denen durch Teilung (Hälftelung) kleinere Formate hergeleitet wurden. Nur zwei davon haben annähernd das Verhältnis 1: √2, Super Regal (68,8 * 48,7) und Pandekten (37,1 * 26,4). Der Nachteil der anderen Formate war der Verschnitt, der durch Teilung entstand.

Den ersten Anstoß zur Normierung der Büropapiere nach diesem Formatprinzip veröffentlichte der Philosoph Wilhelm Ostwald 1911 im Buchhändler Börsenblatt Nr. 243. Damit daraus die heutige DIN-A-Reihe werden konnte, war eine weitere Festlegung nötig: Grundsätzlich lässt sich von jeder beliebigen Größe das Seitenverhältnis 1: √2 ableiten. Deshalb ist eine feste Bezugseinheit erforderlich. Daher legte Ostwalds Assistent, der Ingenieur Walter Porstmann, den Bogen DIN A 0 annähernd mit dem Flächeninhalt eines Quadratmeters fest (84 cm * 118,8 cm = 9979,2 cm²) und schuf damit das sogenannte Weltformat. Auf den DIN-A-0-Bogen beziehen sich alle Gewichtsangaben. Hat man einen DIN-A-4-Bogen des 80 Gramm Papiers, so wiegt er gerade mal 5 Gramm (DIN A 4 = 1/16 von DIN A 0). Die kleineren Formate lassen sich durch Halbierung der jeweiligen Langseite ableiten, wobei allein der Bogen DIN A5 mit abgerundeten 14,8 (statt 14,85) ganz leicht aus der Reihe tanzt:

DIN A 1: 59,4 * 84,0 – 40g
DIN A 2: 42,0 * 59,4 – 20g
DIN A 3: 29,7 * 42,0 – 10g
DIN A 4: 21,0 * 29,7 – 5 g
DIN A 5: 14,8 * 21,0 – 2,5g
usw.;
dies bedeutet, dass sich ein DIN-0-Bogen ohne Verschnitt in kleinere Formate zerteilen lässt, die alle die gleiche angenehme Proportion haben. So gesehen ist das DIN-Format ein Kompromiss zwischen Ästhetik und Ökonomie. Trotz seiner Vorzüge hat das Weltformat nicht die ganze Welt erfasst, sondern sich nur im Bürosektor durchsetzen können, wo es allerdings die Maße der Geräte, Aufbewahrungssysteme und Möbel mitbestimmt, in der Büroarchitektur auch die Abmessungen der Räume. In den USA hat das DIN-Format wegen der Ablehnung des metrischen Systems nur nachrangige Bedeutung.

Wird (noch einmal) fortgesetzt