Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 4) Fraktur versus Antiqua

Folge 1 Antikes Geschrei
Folge 2 Lesen wie Bienensummen
Folge 3 Faustischer Buchdruck
Die Handschrift, an der Gutenberg sich orientierte, hieß Textura. Wir kennen das Wort Textur für Gewebe. Wie ein unveränderliches Gewebe sollten die biblischen Worte sich zeigen. Die Bibel war der eigentliche Text. Dass wir heute unterschiedslos vom Text sprechen, ob Zeitungsartikel oder Beipackzettel, ist eine Verweltlichung, die mit dem Buchdruck ihren Anfang nahm. Die Textura hat die Stilmerkmale der Gotik, Engführung der senkrechten Striche und Brechung der Rundungen. Aus der Gotischen Schrift entwickelte sich die Fraktur (Fraktura, die Gebrochene). Nördlich der Alpen sollte sie für einige Jahrhunderte der vorherrschende Schriftstil sein. In den 30 Jahren nach dem Druck der 42-zeiligen Bibel verbreitete sich die Technik des Buchdrucks über ganz Europa. Druckwerke, die vor dem 31. Dezember des Jahres 1500 entstanden sind, heißen Inkunabeln (Wiegendrucke)

Verwandtschaft zwischen gotischer Architektur und dem Schriftcharakter Gotisch – aus: Karl Klingspor, 1941

Im Italien der Renaissance hatte sich beim Aufblühen der Wissenschaft unter den Schreibern eine eigene Schrift herausgebildet, Antiqua (die Alte) genannt. Irrtümlich hatte man die karolingische Minuskel für die Kleinbuchstabenschrift der Römer gehalten und sie mit den römischen Großbuchstaben, der Capitalis Monumentalis, verbunden, wie sie als Inschrift in Stein überliefert war.

Eigentlich verbindet die Antiqua also die statischen, überwiegend achsensymmetrischen Großeltern mit den Enkeln, die sich aus dem flüssigen Schreiben der Großbuchstaben entwickelt haben und sich durch übermütige Ober- und Unterlängen und fehlende Achsensymmetrie auszeichnen. Die erste Druckschrift-Antiqua wird trotz ihrer italienischen Herkunft  einem deutschen Drucker zugeschrieben. Der Straßburger Adolf Rusch soll 1474 damit gedruckt haben. Diese Zuweisung ist aber mit Vorsicht zu genießen. Sie wurde in der NS-Zeit ab 1941 behauptet, nachdem die Nationalsozialisten die Fraktur verboten hatten. Warum sollte sich ein deutscher Drucker an einer Handschrift orientiert haben, die fast ausschließlich in Italien geschrieben wurde? Die erste stilistisch ausgeprägte Antiquaschrift stammt vom in Venedig lebenden Franzosen Nicolas Jenson. Ebenfalls ein Franzose, der Schriftschneider und Typograf Claude Garamond schuf etwa um 1545 eine nach ihm benannte Antiquaschrift, die bis in die heutige Zeit stilbildend sein sollte. Sie ist noch heute die Grundschrift der Wochenzeitung Die Zeit.

Adobe Garamond pro – „The quick brown fox…“ enthält alle Buchstaben des Alphabets. Englische Fernmelder testeten damit die Funktion des Fernschreibers

Am 1. 5. 1992 wagte die Wochenzeitung Die Zeit, von der 46 Jahre lang für ihre Fließtexte benutzten Garamond auf die Times New Roman zu wechseln. Damit wandte man sich vom hellen, französischen Schriftcharakter, der lange Zeit das stilistische Ideal der kontinentalen Geisteswelt verkörperte, hin zu den bodenständigen, handfesteren Idealen der neueren angelsächsischen Typographie. Das haben viele Zeit-Leser nicht nachvollziehen können, wie die unzähligen Protestbriefe auf den Leserbriefseiten zeigten. Nach etwas zwei Jahren kehrte Die Zeit reuevoll zu einem Neuschnitt der Garamond zurück. Die Schrift transportiert eben mehr als den Textinhalt, nur schwingen die Gefühlswerte der Form beim Lesen meistens unbewusst mit. Es wird ein bewusstes Empfinden daraus, wenn die vertraute Gestalt plötzlich durch eine fremde ersetzt wird.

Exkurs Times New Roman

Times New Roman
Einfach – mannhaft – englisch

London 1931. Die Geschäftsleitung der Londoner Times erteilt dem Schriftkünstler Stanley Morison den Auftrag, eine neue Brotschrift für den Zeitungssatz zu entwickeln. Die Schrift soll eine Reihe von Bedingungen erfüllen, ästhetische, funktionale und satztechnische. Die Ästhetik: Man will eine Schrift, die einfach, mannhaft und englisch wirkt. Funktion und Satztechnik: Die Schrift soll gut lesbar und sparsam im Satz sein, zudem soll sie dem hohen Pressdruck beim Stereotypieren widerstehen. Morison beginnt mit umfangreichen wissenschaftlichen Untersuchungen und Experimenten, wie sie bislang einmalig in der Entwicklung einer Druckschrift sind. Erst nachdem alle wichtigen Schriften der Vergangenheit auf ihre Qualität hin untersucht worden sind, beginnt man mit den zeichnerischen Entwürfen und Probeschnitten des neuen Alphabets. Es sollen zwischen den anfänglichen Entwürfen und der endgültigen Form 7000 Stempel geschnitten worden sein. 1932 lag die endgültige Fassung vor, genannt: TIMES NEW ROMAN. Die Schrift ersetzte das komplette bisherige Satzmaterial der Londoner Tageszeitung The Times.

Inzwischen ist die Times New Roman eine der bekanntesten Schriften der Alphabetkultur. Mit der Textverarbeitung Word, die zum Betriebssystem “Windows” gehört, hat sie sich endgültig an die Spitze aller verwendeten Antiquaschriften gesetzt. Die Times New Roman ist für große Textmengen auf Papier gut geeignet. Dort liest sie sich leicht und wirkt angenehm klar. Wenn man sich jedoch fragt, was denn das “mannhafte” und “englische” an ihr sei, dann müssen andere Schriften zum Vergleich herangezogen werden. Trotz der aufwendigen und kostspieligen Entwicklungsarbeit ist die Times keine wirklich neue Schrift. Stilistisch entspricht sie den niederländisch-englischen Spätrenaissance-Schriften. Morison erkannte bald, dass die von ihm gesuchte ideale Form in diesen Schriften schon existierte. (Gleichzeitig bestätigte sich die alte Vermutung, dass die Serifen der Renaissanceschriften die Lesbarkeit positiv beeinflussen, was bedeutet, dass die serifenlosen Schriften, in Deutschland “Groteskschriften” genannt (franz.: Sans serif), als Brotschriften weniger gut geeignet sind.)

Verglichen mit ihren Vorläufern zeichnet sich die Times durch ihren kräftigen Duktus aus. Das hat auch einen technischen Grund. Im Zeitungssatz der Vergangenheit wurden die fertigen Seiten aus Bleimaterial mit hohem Druck in Pappmatern abgeformt (Stereotypieren). Die Matern wurden dann gebogen und mit Blei ausgegossen, und so gewann man halbrunde Druckplatten aus einem Stück, die für den Rotationsdruck auf die Druckzylinder montiert werden konnten. Vom häufigen Matern wurden die Drucklettern bald regelrecht plattgedrückt, was ihr Druckbild zunehmend unscharf machte. Das war besonders bei Handsatzlettern unerwünscht, denn die mussten ja möglichst häufig wieder verwendet werden. Hier sollte also die Times größeren Widerstand leisten.

Zum Vergleich: Garamond (oben) und Times New Roman (unten)

Es gibt auch einen ästhetischen Grund für den kräftigen Schnitt der Times: Morison war ein Schüler des berühmten Kalligraphen und Schriftschöpfers Edward Johnston (*1872), von dem auch die Schrifttype der Londoner U-Bahn stammt. Johnston wiederum gehörte in seiner Jugend dem Morris-Kreis an. Der Präraffaelit William Morris hatte sich nun ausdrücklich gegen die “Verirrungen” der Typographie des 19. Jahrhunderts gewandt und besonders die damalige Lehrmeinung getadelt, das Textbild einer Buchseite müsse möglichst hell sein, die Schrift solle grau wirken. Morris vertrat das mittelalterliche Ideal, die gedruckte Kolumne solle so schwarz wie möglich sein, weshalb er kräftige Schriftschnitte propagierte, wie die Schriften in den Büchern seiner berühmten Kelmscott-Press später zeigen. Dem prägenden Einfluss durch William Morris verdankt die Times New Roman ihre prachtvolle Schwärze, und das ist auch das Englische an ihr; wenn man will, auch das Mannhafte, aber da möchte ich mich nicht festlegen.

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22 Kommentare zu “Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 4) Fraktur versus Antiqua

  1. Vielen Dank, lieber Jules, für diese erhellenden Zeilen. Der Begriff „Brotschrift“ war mir ganz unbekannt. Übrigens mag ich Schriften mit Serifen lieber als die serifenlosen; ich finde, auch beim Lesen gehören Form und Inhalt zusammen, und die serifenlosen Schriften empfinde ich als zu nüchtern. Für Beipackzettel mögen sie passen, aber wenn ich einen Roman oder auch eine Zeitung lese, möchte ich mich auch am Schriftbild erfreuen. Wahrscheinlich ist es auch eine liebe Gewohnheit.

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    • Dankeschön für die positive Rückmeldung, liebe Dorothea. Tatsächlich hatte ich versäumt, das Fachwort „Brotschrift“ aus der Druckersprache zu erklären. Gemeint ist, wie du sicher nachgeschaut hast, die Grundschrift für fortlaufenden Text. Vor der Erfindung der Setzmaschine verdienten die Schriftsetzer damit ihr Brot. Ein leicht abzusetzender Text in Brotschrift war sehr beliebt und hieß deshalb auch „Süßkraut.“
      Seit dem Aufkommen der serifenlosen Schriften am Anfang des 19. Jahrhunderts, wird um die Bedeutung der Serifen gestritten, Sie sind ja ein Überbleibsel aus der Capitalis Monumentalis,deren schönste Form uns von der Trajanssäule überliefert ist. Lange Zeit war man der Überzeugung, dass sie Begrenzungsstriche waren, die der Steinmetz einschlug, um das Splittern des Steins über die Schrifthöhe hinaus zu verhindern. Aber wahrscheinklich stammen sie vom waagerechten Pinselstrich, mit dem die Buchstaben vorgezeichnet worden waren. Jedenfalls haben Lesetests erwiesen, dass Serifen die Lesbarkeit eines gedruckten Textes erhöhen. Für den Bildschirm sind Serifen weniger geeignet. Bei der Darstellung mit Bildpixeln ergibt sich ein unruhiges Schriftbild.

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  2. Oh, das kommt wie gerufen; ich stehe hier gerade vor der Entscheidung Garamond oder Times New Roman. Schöner fände ich die Garamond, aber TNR (an der man sich eigentlich längst sattgesehen hat) spart 20 % Platz …
    Mit ein bißchen Hintergrund wird sie gleich schöner.

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  3. Über den Aufschrei der Zeit Leser hatte ich vor einiger Zeit gelesen (bei dir?) und mir die beiden Schriften genauer angesehen. Ich bevorzuge Garamond und wie Ann mag ich Verdana recht gern. Ich bewege mich also ganz Herdentier zwischen den gängigsten und bekanntesten Schriftarten.
    Wo mir sonst Individualität gefällt, mag ich im Druck oder auf dem Bildschirm lieber das Bekannte, das mich nicht vom Inhalt ablenkt oder ihn durch gute Lesbarkeit und Vertrautheit unterstützt.

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    • Dein letzer Satz drückt exakt die Aufgabe der Typografie aus: Sie soll den Leseprozess begünstigen und nicht vom Text ablenken. Individualität auszudrücken ist genau nicht die Aufgabe der Druckschriften. Wir schätzen sie bei der Handschrift. Du liegst mit deinem Urteil also völlig richtig, liebe Mitzi.

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