Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 2) Lesen wie Bienensummen

Bis etwa zum 8.Jahrhundert nach Christus hatte die Alphabetschrift nur Großbuchstaben (Majuskeln). Bei den Römern war sie in Wachs geritzt oder in Stein gemeißelt worden. Beeinflusst vom Schreibgerät Federkiel und dem Beschreibstoff Pergament rundet sich die Schrift und bekommt deutliche Ober- und Unterlängen. Die karolingische Minuskel, eine reine Kleinbuchstabenschrift, ist entstanden. Fast gleichzeitig mit der Entwicklung der Kleinbuchstaben kommt der Wortzwischenraum auf, ein typografischer Entwicklungsschritt, der die Lesetechnik revolutioniert hat. Nach Ivan Illich wurde die Aufteilung der Zeile in Wörter eingeführt, um halbalphabetisierten irischen Barbaren, „keltischen Ignoranten“ und „Idiotae“, die sich auf das Priestertum vorbereiteten, das Lateinlesen zu erleichtern. Mit dem Wortabstand entstehen die Technik des leisen Lesens und die Idee des Wortbildes. Es hat im Mittelalter analphabetische Kalligraphen gegeben, die allein Wortbilder abmalten, woraus sich die vielen fehlerhaften Abschriften aus dieser Zeit erklären. (Bei der Ganzwortmethode im Erstleseunterricht kehrt dieser Denkansatz seltsamerweise wieder.) Als die Wörter noch ohne Abstand in Zeilen standen, konnte nicht leise gelesen werden. Das Einerlei der Buchstaben zwang zum lauten Buchstabieren. Indem der Leser sich selbst vorlas, wandelte er die aufgeschriebene Sprache wieder in Laute um und wurde stellvertretend für den Autor zum Sprecher. Demgemäß sind mittelalterlich Skriptorien erfüllt gewesen von einem leisen Murmeln. Die lesenden Mönche waren „Murmler im Weinberg des Textes“, schreibt Illich und verweist auf die Bereiche, in denen sich das laute Lesen noch bis in die heutige Zeit erhalten hat: Der Hirtenbrief in der katholischen Kirche muss von der Kanzel verlesen werden. Desgleichen muss ein Notarvertrag laut gelesen werden, damit er wirksam wird. Die Vorlesung an Universitäten entspricht ebenfalls dieser Tradition. Darüberhinaus sollte ein Gedicht natürlich auch laut gelesen werden, damit es seine poetische Wirkung entfalten kann.

McLuhan weist auch darauf hin, dass beim leisen Lesen die „Stimmwerkzeuge“ in Bewegung sind, so dass „manche Ärzte den Patienten mit schweren Halsentzündungen verbieten zu lesen, weil das stille Lesen Bewegungen der Stimmorgane auslöst, obwohl der Leser sich dessen vielleicht nicht bewusst ist.“

Die leere Stelle zwischen Wörtern befreite die Schrift vom Laut. Es hat also etwa 1600 Jahre gedauert, bis sich die Schrift völlig vom Sprecher entfernte und eigenständig wurde, was gewiss nicht nur Vorteile hat. Es wird möglich, Papierdeutsch zu schreiben. Viele Verwaltungstexte sind in einer Sprache verfasst, die nie gesprochen wurde und hässlich tönt, wenn man es doch versucht. So ganz hat sich der alphabetisierte Mensch noch nicht von der Lautsprache gelöst. Guter Schreibstil berücksichtigt den Laut. Ein Text ist nur schön, wenn er auch schön klingt. Wer seinen Schreibstil verbessern möchte, sollte sich die eigenen Texte selbst vorlesen. Wenn ich vor Lesungen meine Texte geübt habe, sind mir Stellen aufgefallen, die schwierig vorzulesen sind, und ich habe sie geändert.

Mehr in der Neuerscheinung „Buchkultur im Abendrot“

Advertisements

29 Kommentare zu “Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 2) Lesen wie Bienensummen

    • Ich hatte vor Augen, auf Jungfernpergament zu schreiben. Ein Bogen dieses hauchdünnen Beschreibstoffes aus der Haut ungeborener Lämmer lässt sich so klein falten, dass er in eine Nussschale passt. Da ich aber auf ein digitales Nichts schreibe, darf die Kulturgeschichte ruhig noch etwas länger werden. Solange mich noch Kommentare wie der Ihre erfreuen … 😉

      Gefällt 1 Person

      • Jungfernpergament „aus der Haut ungeborener Lämmer“ ist höchstwahrscheinlich ein Mythos.

        Extrem interessant finde ich die Ablösung von Schrift und Laut.

        Das bietet ganz nebenbei eine mögliche Erklärung, warum es so viele Haßkommentare im www gibt. Deren Inhalt würde ja nicht wohlmoduliert gesprochen, sondern gebrüllt, was kein Stimmband aushielte. Von den Reaktionen der Mithörenden zu schweigen.

        Ob McLuhans These der Stimmwerkzeugbewegung nicht nur für das Lesen, sondern auch für das Schreiben gilt? Sprich: ob die Hasser wenigstens unter Halsweh leiden?
        Mein Mitgefühl hielte sich in Grenzen.

        Gefällt 1 Person

        • Dankeschön für den Link. Dass Jungfernpergament ein Mythos ist, sagt die Forscherin ja nicht: „Es müssen nicht zwangsweise Föten gewesen sein, obwohl ich mir sicher bin, dass sie gegebenenfalls auch verwendet wurden.“ Der Paläograph Wilhelm Wattenbach schreibt in: „Das Schriftwesen im Mittelalter“, Leipzig 1871: „Das feinste Pergament gaben die Häute ungeborener Lämmer: es ist sehr dünn, weiß und glatt, (…) Jungfernpergament (virginea) wurde gern in der Nekromantie benutzt, trug also oft Zaubersprüche, vermutlich wegen seiner schaurigen Herkunft, weshalb es mancherorts [in Siena] verboten war ‚charta non nata‘ herzustellen.“
          Ihre Idee mit den Hasskommentaren im Internet gefällt mir. Es ist da ja durch die vermeintliche Anonymität die Ablösung vom Sprecher völlig, weshalb er glaubt, nicht für seine Worte einstehen zu müssen. Vor vagabundierender Sprache durch vom Sprecher losgelöste Schrift hat schon Platon im Phaidros gewarnt. Er lässt Sokrates vier Einwände gegen die Schrift vorbringen:
          1. Die Schrift schwäche das Gedächtnis.
          2. Sie bietet nur einen stummen Text, scheine zu sprechen, antworte jedoch nicht.
          3. Sie richtet sich nicht an einen ausgewählten Adressatenkreis, sondern „schweife unter denen umher, die sie verstehen und unter denen, für die sie sich nicht gehört.“
          4. Der Autor stehe nicht mit seiner Person für die Rede ein.

          Die Vorstellung, dass dem Urheber von Hasskommentaren Halsweh droht, ist wirklich tröstlich.

          Gefällt mir

          • Hmnuja, im 19. Jhdt das Schriftwesen des 13. Jhdt zutreffend zu beleuchten, erscheint mir als weniger erfolgversprechend als das mit wissenschaftlichen Mitteln im 21. Jhdt zu tun – die Forscherin fand unter den untersuchten Taschenbibeln kein einziges Blatt, das tatsächlich aus der Haut egal welcher Föten hergestellt wurde. Mir wird schon bei der Vorstellung blümerant.

            „Wir nehmen an, dass es sich um recht junge Tiere gehandelt hat – aber nicht unbedingt um Totgeburten. Es müssen nicht zwangsweise Föten gewesen sein, obwohl ich mir sicher bin, dass sie gegebenenfalls auch verwendet wurden. Bei Ziegen und Schafen lässt sich auch die Haut bereits ausgewachsener Tiere noch zu Pergament verarbeiten. Sie muss dann nur entsprechend lange bearbeitet, abgeschabt werden, bis sie diese außergewöhnliche dünne Schichtdicke erreicht hat.“

            Es ist nur folgerichtig, daß die Haut totgeborener Tiere nicht weggeworfen wurde, in Zeiten, als von Tieren nicht nur das Fleisch gegessen, sondern jedes noch so kleine Knöchelchen in Leim verwandelt wurde. Ein ganzes Kalb lieferte gerade mal zweieinhalb Pergamentbögen.

            Sie haben aber recht und ich unrecht, mit „Mythos“ habe ich übertrieben.
            Jungfernpergament muß ein extrem kostspieliger, dementsprechend seltener Luxusartikel gewesen sein. Vielleicht interessiert Sie ein längerer Text über Geschichte, Herstellung und Verwendungen von Pergament, ein Ausschnitt aus The Book von Keith Houston.

            Gefällt mir

            • Leider helfen auch die neusten Untersuchungsmethoden nicht, wenn man an der falschen Stelle sucht, von ihr bei Taschenbibeln. Wattenbach schreibt ja ausdrücklich, wo Jungfernpergament zu finden wäre: „Jungfernpergament (virginea) wurde gern in der Nekromantie benutzt, trug also oft Zaubersprüche, vermutlich wegen seiner schaurigen Herkunft, weshalb es mancherorts [in Siena] verboten war ‚charta non nata‘ herzustellen.“

              Gefällt mir

              • Meine Zweifel galten *auch* dem Umstand, daß es im 19. Jhdt ahistorische Rückgriffe auf das Mittelalter gab, einesteils bei der Suche nach dem Deutschen mit reichlich Überhöhung und Glorifizierung (z.B. die Wiederauferstehung der Nibelungensage), anderenteils ein amtlicher Hang zu Gruselgeschichten, die das ‚finstere Mittelalter‘ bis heute sprichwörtlich machen, obwohl die Neuzeit finsterer, grausamer und ideologisch verstrahlter war.

                Keith Houston nennt noch andere Gründe für die Verwendung von Jungfernpergament, u.a. daß es in Ermangelung von Haaren keinen Drall in Richtung der Haarseite hat.

                Sie haben den Platon-Sokrates-Teil noch nachgetragen, oder? Danke dafür, das ist interessant! Oder hatte ich Tomaten auf beiden Augen und das stand gestern schon da?

                Gefällt 1 Person

                • Wattenbach kann man das eigentlich nicht nachsagen. Er ist der führende Urkundenforscher das 19. Jahrhunderts. Sein Schriftwesen im Mittalalter gilt noch heute als Standardwerk. Die Hinweise auf Platons Kritk habe ich nachgetragen. Immer wieder lasse ich mich hinreißen, noch nachträglich was zu ändern. Sorry!

                  Gefällt mir

  1. “ … weil das stille Lesen Bewegungen der Stimmorgane auslöst …“

    Lieber Jules, unter Chorsängern ist bekannt, daß die – gut gemeinte – Anwesenheit von Halspatienten bei der Probe kontraproduktiv ist, weil sie der Stimme (qua unerwünschter Bewegung der Stimmorgane) letztlich mehr schadet, als daß sie dem Sänger (qua Lernen der Noten) nützt. Mich überrascht aber, diese These bei McLuhan und schon im Zusammenhang mit dem bloßen Lesen zu finden.

    Was das Vorlesen von Texten betrifft, bedaure ich an der Rechtschreibreform vor allem die neuen Regeln der Zeichensetzung, die kein Komma mehr vorschreiben, wenn der Sprecher beim Vorlesen eine sinnfällige Pause macht. Beim Vorlesen von Kinderbüchern bin ich so oft in die Falle getappt, wenn am Zeilenende ohne vorheriges Komma „und“ stand und dann ein Hauptsatz mit neuem Subjekt folgte. Es endete damit, daß ich immer einen Bleistift in der Hand hatte und die Kommas nachgetragen habe, damit ich beim nächsten Mal richtig vorlese.

    Gefällt 2 Personen

    • Das Leiden der Chorsänger am vermeintlich stummen Nachvollziehen ist ein schöner Hinweis, liebe Dorothea, vielen Dank. Die Vereinfachung der Kommaregeln mache ich sowieso nicht mit. Es ist kein Gewinn, sondern erschwert das Vorlesen, wie du gezeigt hast. Auch können die neuen Regeln das Textverständnis erschweren.

      Gefällt 1 Person

  2. Wie holprig manche geschriebenen Sätze laut vorgelesen klingen, merkte ich gerade wieder beim Suchen einiger Texte für die nächste Lesung. Geschrieben ist er richtig. Sogar die Satzzeichen passen, aber er will und will mir nicht über die Lippen gehen. Ich habe mir vorgenommen meine Texte künftig nach Beendigung einmal laut zu lesen.
    Herzliche Grüße an den Kapitän der Nußschale

    Gefällt 1 Person

  3. Die Bewegung der Stimmwerkzeuge beim leisen Lesen… gilt das auch für das Lesen, das nur mit den Augen auskommt? Ich bemerke bei mir selbst, dass ich z. B. anspruchsvolle Texte lautlos „spreche“, in vielen anderen Fällen aber nur die Augen über den Text gleiten lasse. Das laute oder geflüsterte Lesen ist bei meinen Umschülern nicht einmal so selten. Es gibt immer Teilnehmer, die das brauchen, um einen Text verstehen zu können. Bei Aufgaben, die ich stelle, mache ich auch die Erfahrung, dass die Aufgabe besser verstanden wird, wenn ich sie laut vorlesen. Das Erfassen eines geschriebenen Textes ist also offenbar immer eine zusätzliche Aufgabe, eine Hürde, die zwischen der Aufgabe und ihrem Verständnis steht.

    Gefällt 1 Person

    • Danke für die Hinweise. Mir war nicht mehr bewusst, dass es unter erwachsenen Lesern die Schwierigkeiten und Verhaltensweisen gibt, die du bei deinen offenbar ungeübten Umschülern beobachtet hast. Zu deiner Eingangsfrage kann ich leider nichts sagen. Wo Lesen geläufig ist, existieren offenbar zwei verschiedene Lesetechniken. Ich weiß nicht, ob schon erforscht wurde, ob die Grenze fließend ist oder grundsätzlich verschiedene Hirnareale beteiligt sind.

      Gefällt mir

  4. Ihre Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale ist überaus lesenswert, danke. Über die mit „halbalphabetisierten irischen Barbaren“ und „keltischen Ignoranten“ in einem Zuge angeführten „Idiotae“, die sich auf das Priestertum vorbereiteten, lässt sich anmerken, dass dieser Ausdruck damals schlicht „Laien“ bezeichnete, also noch nicht in der heutigen pejorativen Bedeutung „Idioten“.

    Gefällt 1 Person

  5. Pingback: Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 4) Fraktur versus Antiqua

  6. Pingback: Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 5) Fraktur reden

  7. Pingback: Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 6) Die unendliche Setzerei

  8. Pingback: Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 7) Kanonen der Form

  9. Pingback: Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 8) Typografisches Messen

  10. Pingback: Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 10) Mediale Revolution

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s