Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 1) Antikes Geschrei

Da wir als Bloggerinnen oder Blogger uns der technischen Druckschriften aus dem Printmedium bedienen, sind wir vor jeder Veröffentlichung vor typografische Fragen gestellt, selbst wenn uns die Blog-Software über die vorgefertigten Themes viele Entscheidungen abnimmt. Schriftwahl und Satzbreiten, Block-oder Flattersatz, Zeilenabstände, Textfarbe und mehr sind vorgegeben und nur über Umwege zu verändern. Das nehmen viele Bloggerinnen und Blogger so hin, weil sie typografische Laien sind. Es scheint so, dass auch viele Themes von typografischen Laien programmiert worden sind, was an falscher Schrifttype, zuviel Farbe, viel zu groben Abständen an Absätzen oder bei Bildunterschriften ablesbar ist. Es gibt sicherlich schwerwiegendere Probleme auf der Welt. Tut es da nicht gut, sich einfachen Sachverhalten wie dem schönen Aussehen von Texten zuzuwenden? Aber geht es in der Typografie überhaupt um Schönheit? Nur zweitrangig. Oft genug wird mit den Kanonen der Form nach den Spatzen des Inhalts geschossen. Primar dient Typografie dazu, Texte lesbar zu machen. Die beste Typografie hält sich im Hintergrund. Schlechte Typografie knirscht beim Lesen. Typografie beeinflusst also das Lesen, das Denken und prägt unsere mediale Kultur. Interessanter Weise hinkt die typografische Formensprache jeder medialen Entwicklung um einen Schritt hinterher. Da heißt, sie bedient sich zunächst der formalen Mittel ihres Vorgängers.

Was genau ist Typografie überhaupt? Versuchen wir eine möglichst allgemeine Definition:

Demnach beginnt Typografie nicht erst mit der Druckkunst, sondern weit früher. Beginnen wir beim antiken griechischen Alphabet. Frühe Zeugnisse des griechischen Alphabets sind uns auf Vasen übermittelt. Dargestellt ist ein Sprecher. Seine Worte entströmen als Spruchband seinem Mund, das sich um das Gefäß windet. Diese typografische Bild-Textkombination verdeutlicht das Besondere und bis dahin einmalige der frühen griechischen Schrift. Sie vermittelt die Inhalte nicht über sinnbildhafte Zeichen (wie die chinesische Schrift), nicht über Ideogramme (wie unsere Zahlzeichen) sondern hält den flüchtigen Sprachlaut fest. Die Lautschrift ist um etwa 900 v. Chr. entstanden, als das griechische Alphabet aus dem phönizischen Alphabet übernommen wurde.

Der erste typografische Entwicklungsschritt ist es, das Bild des Sprechers wegzulassen und die schier endlose Rede vom dreidimensionalen Beschreibstoff in die zweidimensionale Fläche zu übertragen. Der Urheber der Rede wird beim Lesen nur noch mitgedacht. Damit seine aufgeschriebene Rede weiterhin ununterbrochen dargestellt werden kann, erscheint sie furchenwendig, genannt Bustrophedon (Wie der Ochse pflügt).

Zum Verständnis: Wenn der Bauer mit einem Ochsengespann die Richtung wechseln will und am Zügel zieht, dann stampfen die Ochsen einfach weiter, drehen nur gleichmütig den Kopf zur Seite, denn sie gehen im Joch, ziehen mit der Stirn. Erst nach einer Weile bequemen sie sich, weshalb das Pflügen mit Ochsen nur in weiten Schleifen geht. Die Weise so zu schreiben heißt Bustrophedon. Es bezeichnet die Schreibtechnik abwechselnd rechtsläufig und linksläufig, wie es in der Frühzeit der griechischen Schrift üblich war. Es gab keinen Zeilenumbruch, sondern gegen Ende der Zeile wird im großen Bogen furchenwendig weiter geschrieben. Sobald die Gegenrichtung erreicht ist, schlagen die Buchstaben um, diese Zeile weist also Spiegelschrift auf. So mäandert der Text wie ein einziges Band über die Schreibfläche, getreu der Vorstellung, mit der Schrift das gesprochene Wort wieder zu geben. Denn der Mensch redet nicht in Zeilen, macht am Ende einer gedachten Zeile keine Pause oder ein Klingelzeichen wie die mechanische Schreibmaschine. Eine linksläufige Zeile in Spiegelschrift war dennoch einfach zu lesen. Die meisten der 20 Zeichen der griechischen Großbuchstabenschrift hatten keine Schriftrichtung, wie wir das in der Alpabetschrift noch kennen bei A,H, I,M,O,T,U-V-W, X, Y

Buchstaben ohne Richtung, Achsensymmetrie im Alphabet (U V und W waren einst ein Buchstabe)[


Erst wenn die revolutionäre typografische Idee aufkommt, dass man die Rede in Zeilen aufteilen kann, ohne sie zu unterbrechen, verläuft auch die Schreibrichtung beständig von links nach rechts. Die Wahl der rechtsläufigen Schreibrichtung hängt mit dem Wechsel vom zuvor verwendeten Rohrpinsel auf die Rohrfeder zusammen. Beim Schreiben mit der Rohrfeder liegt die Schreibhand auf dem Beschreibstoff auf. Somit verdeckt sie das Geschriebene, wenn von rechts nach links geschrieben wird. Anders ist es beim Linkshänder. Die für ihn passende Schreibweise wäre linksläufig in Spiegelschrift.

Der nächste typografische Entwicklungsschritt findet quasi im Off statt, wenn die griechische Schrift von den Römern übernommen und zum lateinischen Alphabet umgeformt wird.

Anmerkung zum Untertitel: Das griechische wie das lateinische Alphabet hatten nur Großbuchstaben. Im heutigen Internet gilt ausschließlich Großschreibung als Geschrei. Demgemäß wären antike Texte allesamt die Wiedergabe von Gebrüll.

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