Miniatur über magisches Denken

„Sie essen ja, Herr van der Ley!“, rief ein Fünftklässler aus, als er mich mit einem Pausenbrot auf der Treppe sah. „Ja, ich esse. Dachtest du, ich würde im Lehrerzimmer an der Steckdose hängen?“ Genau wie der Schüler staunte ich letztens, als mein Behandlungstermin abgesagt wurde, weil der Physiotherapeut krank war. Gestern sagte ich ihm, dass ich verwundert gewesen war, weil ich gedacht hatte, Therapeuten würden nicht krank. Aber diese Sorte magischen Denkens war ihm nicht fremd. Als ich ihm erzählte, ein Mann habe beim Mittagstisch gesagt: „Mein Arzt ist gestorben“, mussten wir beide lachen.

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19 Kommentare zu “Miniatur über magisches Denken

    • Genau das ist mir auf Spiekeroog einmal passiert: mir begegnete dort ein paar Mal eine pummelige Frau mit einem fröhlichen Gesicht, das mir so vertraut war. Anstatt sie einfach anzusprechen, grübelte ich mehrere Tage darüber nach, wo ich diese Frau nur „hinstecken“ könnte.
      Die Lösung: nach dem Urlaub sah ich sie in Oberhausen bei EDEKA an der Kasse.
      Und da gehörte sie für mich auch hin.
      Und nicht nach Spiekeroog, um Leute zu verwirren!

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    • Kann gut sein. Unser Gehirn speichert Informationen offenbar in kontextuellen Mustern ab und tut sich schwer damit, sie wieder aufzulösen, um eine einzelne Information freizugeben. Starres Denken hinge dann damit zusammen, dass kontextuelle Muster sich nicht mehr auflösen lassen. Flexibles Denken fällt den Menschen leicht, deren Muster nur eine geringe Halbwertzeit haben. Ich habe schon immer vermutet, dass Vergesslichkeit und Kreativität zusammenhängen. Der magische Denker ruft nur feste Muster auf. Kann demnach seine vorgeprägten Denkwege nicht verlassen. Demgemäß hat es nur wenig Sinn, mit ihm zu diskutieren. Weil jeder erneute Aufruf seiner Denkmuster sie verstärkt – wie sich eine Karrenspur immer tiefer ausfährt. Das würde erklären, warum die bei Menschen vorherrschenden Bewusstseinszustände Fälle von Idiotie sind, also destruktiv in der Weise, dass das Gehirn immer mehr Energie darauf verwendet, seine Muster zu erhalten.

      @Lo – Danke für den hübschen Kurzbericht. Ich kenne das auch, dass ich sehr lange Überlegen muss, woher ich ein Gesicht kenne, das vorher nur in festen Kontexten aufgetaucht ist.

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      • Interessante Theorie zum Zusammenhang von Vergesslichkeit und Kreativität, lieber Jules! Ich glaube aber, dass der kreative Mensch gerade der ist, der in Situationen, wie sie hier beschrieben sind, in eine Art Erregungszustand gerät, über den das Finden neuer Zusammenhänge und Lösungen letztlich belohnt wird. Wo der auf Sicherheit bedachte Mensch lieber alles beim Alten belässt und auf seinen starren Mustern beharrt, ist der Kreative beunruhigt, belustigt, fasziniert – je nachdem. In jedem Fall aber passiert etwas auf der biochemischen Ebene. Das hat die Evolution so eingerichtet, damit es weiter geht. Die braucht nämlich die Kreativen, und die wollen dafür ja auch belohnt werden. Ein ähnliches Phänomen gibt’s im Bereich der Optik. Verschwimmende Konturen, auflösende Strukturen (im Dunst, Nebel etc.) können zwar bedrohlich wirken, bergen aber auch ein erhebliches ästhetisches Potential und können ganz besondere Stimmungen hervorrufen. In diesem Zustand überschreitet man leichter Grenzen, was wiederum die Evolution voranbringen könnte.

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        • Weil, wie ich gelesen habe, das Gehirn immer auf sparsamen Energieverbrauch aus ist, müsste ein derartiger Erregungszustand eine unwillkürliche Reaktion auf einen äußeren Impuls sein. Eventuell hängt alles mit Freude am „ästhetischen Potential“ zusammen. Da scheiden sich die Geister. Weil nicht jeder sie empfindet.

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  1. Der Lehrer, der an seinem Butterbrot wie an einer Steckdose hängt (der richtige Belag macht’s möglich, Stullen brauchen Stille) …ich habe dieses Bild vor Augen. Ein Apotheker verabschiedete mich indem er mir mäßige Gesundheit wünschte. Er hatte einen Schnupfen und ich fand ihn erfrischend ehrlich. Na, sagte er, ich muss ja auch leben, oder?
    Wenn magisches Denken einen Doktor vorm Krankwerden schützen kann und Katholizismus zum Beispiel immun gegen Fußpilz machen könnte, könnten Kosten eingespart werden…
    Das fände aber die Pharmaindustrie doof.
    Darum werden Ärzte krank und Katholiken bleiben fußpilzanfällig. Also theoretisch und unmagisch gedacht.
    Das andere gefällt mir besser…🤗
    Liebe Grüße von der Fee✨

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    • „Stullen brauchen Stille“ gefällt mir gut, liebe Stefanie, weil die Lust an der spielerischen Alliteration hier die völlige Absurdität hervorbringt. Könnte mir vorstellen zu sagen: „Ich kann hier nicht essen. Meiner Stulle ist es zu laut.“ Ich glaube fest, dass magisches Denken den Arzt vor Krankheit schützt. Im Winter bin ich mal mit einem Freund über vereister Waldwege gejoggt. An jeder Bodenwelle rutschten ihm die Füße weg. Er klagte: „Ich rutsche dauernd aus. Warum du nicht?“ Ich sagte: „Ich mache es einfach nicht.“ Will sagen, eine Vorstellung prägt Erleben und verändert möglicher Weise auch die Weltbedingungen.Deshalb helfen Homöopathie oder Bachblüten.
      Lieben Gruß,
      Jules.

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    • Mir ist gerade aufgefallen, dass viele Denkprozesse in den Bereich des magischen Denkens hineinragen, indem fest verankerte Vorstellungen das Erleben von Welt prägen. Und weil die Dinge so sind, wie einer sie erlebt, verändert magisches Denken auch die Weltbedingungen.
      Dankeschön, liebe Mitzi.

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  2. Die Entmantelung des Mystischen, die Enthebelung des Sublimen bringt immer Überraschungen mit sich. Da finde ich die Antike immernoch so bemerkenswert – die Götter des Olymps sind so menschlich, dass sogar die Sterblichen diese Götter in sich wiedererkennen.

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    • „Die Entmantelung des Mystischen, die Enthebelung des Sublimen“ befreien das Denken, aber schwächen es auch, weil Denken mehr Energie benötigt, wenn es sich neue, überraschende Wege suchen muss. Wo wir jetzt die griechischen Götter hinpacken, weiß ich grad nicht. 😉

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