Glänzende Tasten, ein falscher Buchstab und warum ich vom Glauben abgefallen bin

Ich habe an meinem alten Rechner die Tastatur geputzt. Nicht einfach so dröber gewischt, sondern Taste för Taste herausgenommen, an den vier Kanten entlang geputzt und öber das Gesicht gewischt. Nach mehreren Jahren des Gebrauchs war es nötig geworden. Erfreut stelle ich an diesem Sonntag fest: Das Putzen meiner Tastatur hat sich gelohnt. Es wirkt sich auf alles aus, was ich schreibe. Die Worte schreiben sich wie von selbst, sind frisch und glänzend, ja, sie funkeln golden in der Sonne. Und: Sie vermitteln eine klare Sicht der Dinge, nicht wahr? Oder öberstrahlt der goldene Glanz die inhaltliche Leere?

Goldenes Tor – sinnfrei, aber sieht schön aus – Foto: JvdL (goldener: Klicken)

Saubere Tasten schmeicheln meine Fingerkuppen, als wörden sie den Fingern zurufen, komm zu mir und dröcke mich! Natörlich muss der Schreibende seine Gunst verteilen, aber es lässt sich kaum verhindern, dass manche Tasten bevorzugt werden, andere aber funkeln und rufen können wie sie wollen, meine Fingerkuppen besuchen sie einfach nicht. So können nicht alle Tasten den Beweis antreten, dass sie etwas Ordentliches hervorzubringen verstehen.

Organist Friedel ruft

Organist Friedel ruft „Scheiße“ – Kalligraphie: JvdL – Vergrößern: Bitte klicken

Angenommen, mir wäre beim Säubern der Tasten eine zu Boden gefallen. Und ich hätte sie nicht aufheben wollen, weil ich zu faul war, mich zu böcken. Dann mösste ich jetzt auf den Buchstaben verzichten und ihn durch einen ähnlichen ersetzen. Als junger Mann war ich Mitglied des Kirchenchors und durfte während der Messen auf die Orgelempore. Wie begeistert ich darob war, davon zeugt das von mir kalligrafisch geschriebene Blatt (im Original 50 * 70 Zentimeter). Die Orgel unserer Pfarrkirche hatte eine defekte Pfeife, und der Köster war bemöht, die Note nicht zu spielen, sie quasi zu umspielen. Wenn er das mal vergaß, dann ertönte ein hässliches Quietschen, und unser Köster rief laut: „Scheiße!“ Unsere Messen waren also immer von “Scheiße!” begleitet, sicher ein Grund, weshalb ich vom Glauben abgefallen bin.

Ich hoffe sehr, liebe Leserin, lieber Leser, Sie haben nicht „Scheiße!“ gerufen, wo ich Ihnen ein falsches Ö zu lesen gab. Das hier ist doch ein frisch geputzter, hochamtlicher Sonntagstext. Die Ü-Taste ist sowieso längst wieder an ihrem Platz und kann jetzt rufen: üüüüüüüüüüüüüüüüüüüüü! (Falls jemand austauschen möchte)

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20 Kommentare zu “Glänzende Tasten, ein falscher Buchstab und warum ich vom Glauben abgefallen bin

  1. Strahlend, dein Text. Wem er nicht genug strahlt, der kann ja das goldene (sehr hübsche) Tor vergrößern und sich daran freuen. Oder ös an Stelle von üs suchen. Mit Texten kann man eine Menge anstellen. Über das Säubern einer Tastatur zu schreiben (und nicht zu langweilen) gehört sicher zu den Königsdisziplinen ;):

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  2. Hab mal einen Schlaumeister dabei beobachtet, wie er an der Tankstelle seinen Laptop aufs Autodach stellt und die Tastatur mit der Druckluft zum Reifenfüllen vom Staub freiblasen will. Ich weiß nicht, ob er alle d_vongebl_senen T_sten wieder gef_nden h_t.

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  3. Sehr schön! Was ich nicht verstehe, ist nur, wie man auf der Orgelempore vom Glauben abfallen kann, nur weil ein dahergelaufener Küster beim Orgelspielen hin und wieder „Scheiße“ ruft. Was habt Ihr denn gesungen?

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    • „Dahergelaufen“ war der Küster ganz und gar nicht. Als rechte Hand des Pfarrers war er mit einer Dienstwohnung, der Küsterei, ausgestattet, war verantwortlich für das Kirchengebäude, für die Sakristei, fürs Läuten, fürs Anzünden der Kerzen und so fort. Außerdem leitete er den Kirchenchor und war der Organist. Ihn zu erleben in völliger Respektlosigkeit, war für mich mit 16-17 Jahren schockierend. Natürlich waren da noch andere Einflüsse, Schlüsselerlebnisse, die ich in diesem Rahmen nicht schildern kann. Was wir alles gesungen haben, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich aber noch an „Transeamus usque Bethlehem“, weil wir es mal nach einem Kneipenbesuch in die Nacht geschmettert haben, weshalb auf der nächsten Versammlung des Kirchenchors gefragt wurde, wer das gewesen war, was in Streit ausartete, in dessen Folge mein älterer Bruder und ich aus dem Kirchenchor ausgetreten sind.

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