Von einem Text, der mir verloren ging

Den jungen Samstagmorgen habe ich damit vertan, einen Text zu suchen. Ich hatte ihn vor längerem zu schreiben begonnen, dann aber zur Seite gelegt, weil ich noch nicht wusste, was mit ihm anzufangen wäre. Es war so ein Text, aus einer Laune heraus geschrieben. Möglicher Weise hieß er „Von Männern, die im Weg rumstehen.“ Aber der geht anders. Zu dem hier gehört das Foto einer Band, die ich an einem Sonntagvormittag im Bahnhof von Hannover fotografiert habe. Hinter ihnen an einer Stellwand hatte gestanden:

Immer sonntags – SchlemmerJAZZ im Hauptbahnhof

Ich war mir nicht schlüssig gewesen, ob ich dem Text das Foto beigeben sollte, denn ich hatte die vierköpfige Band ziemlich genau beschrieben, namentlich die Sängerin, so dass ein Foto ja überflüssig war. Andererseits wird ein Text mit Foto vielleicht lieber gelesen, beispielsweise der Sängerin wegen. Diese junge Frau mit schulterlangen blonden Haaren trug ein leichtes ärmelloses Kleid aus hellem Stoff mit dunklen, sehr kleinen Tupfen. Um den Hals hatte sie eine lange Kette, die bis zum schmalen schwarzen Gürtel reichte, der ihre Taille betonte. Der Saum ihres Kleides umspielte ihre Waden, wenn sie im Takt der Musik ihre Hüften schwang. Sie stand in roten Pömps hinter einem Standmikrophon, vielmehr trippelte sie seltsam ungelenk auf der Stelle. Ihre durchaus elegante Erscheinung schien nicht aus dieser Zeit zu stammen, denn ist man als Sängerin heutzutage nicht auch ein bisschen im Tanz unterrichtet? Und würde nicht ein Choreograph ihr das ungelenke Trippeln auf der Stelle ausgetrieben haben? Seltsam war auch, dass sie in den Moderationen zwischen den Titeln mehrfach auf ihr Jungsein hinwies. Sie musste also spüren, aus der Zeit gefallen zu sein.

Ich glaube, ihre Band hatte ich auch beschrieben, den Saxophonisten rechts neben ihr mit weißen Hosenträgern überm schwarzen Hemd. Mit seiner Schlägerkappe, der Brille in Kassengestelloptik und dem Hipsterbart war sein Outfit deutlich auf der Höhe der Zeit. Hinter ihm verdeckt stand einer mit einem – ach, jetzt weiß ich wieder, warum ich den Text zur Seite gelegt hatte. Ich hatte nicht gewusst, wie das Instrument heißt, vielleicht Kontrabass? Jedenfalls überragte es ihn. Links der Sängerin hatte noch ein unscheinbarer Junge im dunklen Anzug und weißem Hemd ohne Krawatte auf einem Hocker gesessen und Gitarre gespielt. Über die Musik hatte ich nichts geschrieben, weil mir dazu Wörter und Kategorien fehlen. Worum es aber sonst ging im Text, weiß ich leider nicht mehr. Er ist unauffindbar, vermutlich versehentlich gelöscht bzw. überschrieben. Stell ihn dir einfach vor. Ich gehe jetzt mal duschen.

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18 Kommentare zu “Von einem Text, der mir verloren ging

    • Mein Schreibtisch ist einigermaßen aufgeräumt, seitdem ich selten mit Papier arbeite. Bist du Hellseherin oder ist der Micke-Schreibtisch so verbreitet wie das Billy-Regal? Schon vor dem Duschen war mir klar geworden, dass der Text weg ist.Mit einem Papierausdruck wäre das nicht passiert 😉

      Schönen Sonntag

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      • Ich muss zwangsläufig mit Papier arbeiten, wird sicher demnächst nach und nach umgestellt.
        Ob Micke so verbreitet ist wie Billy, keine Ahnung 😂, aber I..A ist es zumindest. Laut deren Werbung ist jeder 10.Europäer in einem ihrer Betten gezeugt worden – und ich weiß nicht, ob ich das lustig oder beängstigend finden mag😳
        Liebe Sonntagsgrüsse

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  1. Groß? Größer als die Sängerin und kein auf den ersten Eindruck bemerkenswertes Geräusch? Contrabass! Die nächstkleinere Option nehmen normalerweise hübsche junge Damen zwischen die Knie und dann heißt das Cello. Wenn es nicht mehr zwischen die Beine paßt ist’s der Contrabass – im englischen Double Bass genannt. Ganz, ganz früher hieß er mal Bassvioline, aber das war wohl eher ein Witz.

    Die großartigste Kombination aber ist die Verbindung zwischen junger, hübscher Dame und Contrabass. Die amtierende Weltmeisterin in großartiger Kombination zwischen hübscher Dame und eben jenem Instrument heißt Esperanza Spalding. Ansehen lohnt sich unbedingt!

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    • Ein Cello kenne ich, seit Charlotte Moorman damit bei Fluxusveranstaltungen aufgetreten ist. Vermutlich ist es ein Contrabass gewesen. Der Musiker war nicht nur kaum zu sehen, sondern es trifft zu deine Charakterisierung „kein auf den ersten Eindruck bemerkenswertes Geräusch“

      Danke für den Link.

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  2. Die Lebendigkeit und Genauigkeit deiner Beschreibung beeindruckt mich. Eine gute Beobachtungsgabe ist ja das eine, aber die Fähigkeit, das Gesehene auch noch sprachlich so umzusetzen, dass es dem Publikum gefällt, ist eine ganz andere Sache.

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